Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 201 (12.11.1931)
- Date
- 1931-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053955--2648-3058095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 DIE STIMME Nf. 201 — 12. November 1031 Jtvi&dor Jiameiri Nachdruck auch itl Auszügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 12 «Zu Befehl, Herr Oberleutnant.» Der Offizier zündete sich eine Zigarette an, gab tu meinem großen Stolz auch mir eine, und nachdem ich sie angezündet habe, fragte er mich mit gespielter Gleichgültigkeit und einem Lächeln, in dem Hohn und Ernst zugleich waren: «Und was glaubst du über die Gerechtigkeit und das absolute Recht?» Ich verstand sofort, daß dieser Mensch über mein ganzes Leben genauest informiert war, und daß er auch meine gesamte literarische Arbeit genau kannte. Ich beschloß, mich nicht zu unterwerfen, aber auch nicht dieses Arsenal der Brutalität und des Gestankes zum Ausdruck zu bringen. Und ich sagte mit einem Lächeln, das dem seinen ähnlich war: «Melde gehorsamst — es gibt keine Gerechtigkeit und kein absolutes Recht in der Welt.» «Und wird auch keines geben?» »Melde gehorsamst — doch. Aber nur, wenn es keine Kriege mehr geben wird. «Und füge noch hinzu,» sagte er darauf, «wenn wir aus dem großen Weltkrieg mit einem Siege hervorgehen werden.» «Melde gehorsamst - jawohl. Alle werden wir siegen. Die ganze Welt.» Der Oberleutnant zog heftig an der Zigarette und sagte mit einer Stimme, der man anmerkte, daß er verwirrt war und im Augenblick keine richtige Antwort finden konnte. «Schön. Darüber werden wir ein andermal debattieren.» Und er gab den Befehl zum Exerzieren. Er hielt Wort. Die Debatte über die Gerechtigkeit und das absolute Recht fand nicht e i n mal zwischen uns statt. Schwierig, aufreibend war sie für mich. Manchmal spürte ich: noch ein wenig, und ich breche unter der Last dieser Gespräche zusammen. Die Gespräche wurden im Laufe der Zeit zu einem Duell zweier ungleicher Kräfte. Er hatte den Revolver der unbeschränkten Gewalt in seiner Hand, und ich — nfühts. Das war eine Kraft- und eine Gehirnprobe. Und vg^n ich unter meinen Kameraden, die von Zeit zu Zeit an den Debatten teilnahmen, wenigstens einen einzigen gehabt hätte, der nicht so feig gewesen wäre, zu allen .stinkenden Meinungen dieses lebenden Mörderlexikons gegen sein besseres Wissen Ja und Amen zu sagen, dann hätte die Debatte ja einen Sieg der Vernunft oder eine witzige Ironie bringen können. Aber es war niemand in meiner ganzen Umgebung, der dies gewagt hätte. Die ganze Bande lächelte in solchen Augenblicken. Es war eine lächelnde Zustimmung für die Worte des Oberleutnants und ein Lächeln des Mitleids für meine Denkungsart. «Schade um dich,» sagte mir einmal unser Lehrer mit echter Liebe und echtem Mitleid. «Als Soldat gibt es über dich eine sehr gute Meinung. Aber als Mensch . . . Wahrscheinlich hast du eine schlechte Erziehung genossen.» Und die Konsequenz? Zur Zeit, da alle meine Kameraden im zweiten Monat stolz ihre Korporals¬ oder sogar Zugsführerwürde trugen, — war ich noch nicht einmal ein niedriger Gefreiter. Ich war ein einfacher Gemeiner, trotzdem ich schon an der Front gewesen und dort verwundet worden war. Ich schämte mich. Doch plötzlich kam es zu einer Aenderung in dieser meiner elenden Lage. Jeder Turnus in der Offiziersschule veranstaltete gewöhnlich am Ende seiner Lehrzeit einen großen Kabarettabend, der etwa drei Monate vor dem Abmarsch an die Front stattfand. An diesen Darbietungen nahmen alle Anteil, die irgendwelche literarische oder künstlerische Fähigkeiten besaßen. Und unser Turnus hatte viele solcher Kräfte. Wir hatten Schriftsteller, Maler, Schauspieler, sogar Tänzer und Opernsänger. Als der Befehl kam, Vorbereitungen für den Abend zu treffen und alle Kräfte zu mobilisieren, war ich darin nicht erwähnt. Der Oberleutnant Frint, ein Liebhaber der Literatur und Kunst, fand es nicht für nötig, mich zu nennen. Wenn mir die Arbeit am Abend geglückt wäre, so hätte das für mich eine Chance zu avancieren bedeutet. Und er hatte Angst vor dem literarischen Erfolg, den mir der Abend bringen würde; er wollte ihn nicht haben. So ein gefährlicher, friedens- I liebender Mensch wie ich, der soll nur als einfacher Soldat an die Front gehen. Und wenn er dazu fähig ist, ein anständiger Mensch zu werden, dann wird ihn schon sein Heldentum an der Front zum Offiziersrang bringen. Aber in einigen meiner Kameraden wurde das menschliche Gewissen mir gegenüber wach und^ sie konnten sich mit diesem über mich verhängten Boykott nicht einverstanden erklären. Eines Tages trat einer, der es schon bis zum Zugsföhrer gebracht hatte, an mich heran, nahm mich unter den Arm und spazierte mit mir. Es war ein hübscher Junge; er hatte blaue Augen und ein ausgesprochenes Offiziersgesicht. Seine schönen arischen Züge halfen ihm sehr in der Schule. Dort in der Stadt war er auch ein junger Schriftsteller, ein Anfänger in der Dichtung, und hat sogar einen kleinen Gedichteband herausgegeben. «Ich kann es nicht ertragen, mein Lieber», flüsterte er, «du mußt dich an dem Abend auch beteiligen.» Ich log: «Ich mache mir doch nicht das Geringste daraus!» «Das ist unmöglich!» sagte er. «Wir werden auf dich nicht verzichten.» Und plötzlich neigte er sich noch mehr zu mir und sagte ganz still: «Ich kann leider gar nichts machen . . . Weil ich selbst... ein Jude bin . . . Aber jemand anderer . ..» Also dieser hübsche Junge mit dem schönen Offiziersgesicht und den reinarischen Zügen ist ein Jude. Ich habe mich nicht allzusehr gewundert. In Ungarn kommt das öfter vor. — Mein Freund setzte fort: «Ich kann es nicht verschmerzen, daß es am Abend nichts Jüdisches geben wird. Du mußt teilnehmen.» «Wozu brauchst du ausgerechnet etwas Jüdisches?» fragte ich ihn. «Weil er ein Judengegner ist und uns zwingt, mich zwingt, mich zu verleugnen. Zum Trotz!» Ich habe verstanden. Und ich habe ihm versprochen, meinerseits keine Schwierigkeiten zu machen. Und anscheinend hat er sich Mühe gegeben. Er selbst hatte Angst, beim Oberleutnant für mich zu sprechen. Da könnte er verdächtigt werden. Dazu ist ein echter Christ nötig. Am nächsten Morgen, als wir vom Exerzierplatz zurückkehrten, erschien nachmittags die Ordonanz des Oberleutnants und meldete: «Herr Einjährig-Freiwilliger, der Herr Oberleutnant befiehlt, sofort vor ihm zu erscheinen.» Nach einigen Minuten erschien ich: «Zu Befehl, Herr Oberleutnant?» Der Herr Oberleutnant empfing mich mit einer sehr offiziellen Kühle. Nicht in dem gemütlichen «Du» sprach er mit mir. das üblich ist zwischen Offizieren und den Offizierskandidaten, sondern per «Sie». Das war ein Zeichen der Kälte und sogar eine Beschämung. «Wir haben beschlossen, daß auch Sie an dem Abend teilnehmen als Dichter und Vortragender.» «Zu Befehl!» «Haben Sie* Lust, ein Gedicht zu schreiben?» fragte er mich und fügte sofort hinzu: «Denn wenn Sie keine Lust haben, werden Sie es auch schreiben müssen.» Aha! dachte ich. Zum erstenmal im Leben sehe ich den Kommandanten der heiligen Muse. — Er aber sagte weiter: «Sie werden ein Gedicht schreiben und werden das' Gedicht selbst an unserem Abende vortragen. Das Gedicht soll beinhalten: Romantik, Patriotismus, Sentimentalität. Dabei muß es durch und durch soldatisch sein. Haben Sie mich verstanden?» «Ich habe verstanden. Romantik, Patriotismus, Sentimentalität und durch und durch soldatisch.» Jawohl, verstanden habe ich’s. Aber langsam erwachte in mir auch der gewöhnliche Mensch, der Zivilist, der ohne ein Lächeln einen derartigen Befehl nicht hören kann. Ich lächelte verstohlen. . Und er schloß: «Die Länge des Gedichtes: eine Viertelstunde Vorlesung vor dem Publikum. Verstanden?» . -«Verstanden, Herr Oberleutnant. Aber bitte, er- , lauben Sie inir eine Frage ...» «Fragen Sie.» «Wie breit soll das Gedicht sein?» Fragte und bedauerte es schon 4 im nächsten Augenblicke. Der Oberleutnant machte seine Glotzaugen weit auf, trat an mich heran, wie nur ein Offizier herantreten kann und schrie zähneknirschend: «Habtacht! Dreckiger Tintenkleckser! Abtreten! Marsch!» Ich erfüllte den Befehl, doch in der Türe blieb ich wieder stehen und wartete auf seinen Befehl. «Jetzt ist es drei Uhr. Um sieben Uhr abends werden Sie mir das Gedicht bringen.» «Zu Befehl, Herr Oberleutnant — um sieben.» Doch der letzte Befehl gab mir Kraft zu einer Bitte. «Was ist denn schon wieder?» fragte er argwöhnisch. (Fortsetzung folgt.) Elfer aiur / Kunst / Theater Ein bemerkenswertes Gastspiel Im Saale der «Jüdischen Künstlerspiele» («Reklame») astiert seit einigen Wochen eine Theatergruppe mit Gisa eiden, Schlojme (der «Salo» steht ihm nicht recht gut), Pirisament und M. Z e 1 n i k e r an der Spitze. Die Truppe führte bis jetzt zwei Operetten auf, die zur alten Schablone gehören, aber auch hier konnten wir bereits den besonderen Wert, das hohe Können der Gäste wahrnehmen. In Gisa Heiden hat das jüdische Theater nicht nur eine wundervolle Soubrette, sondern eine Schauspielerin und Sängerin von echtem jüdischem Gefühl und hoher Kultur. Sie hat eine Diktion, wie wir sie bei unseren Bühnenkünstlerinnen selten antreffen. Sie hat ein bewundernswertes Tenrperament (es wäre ihr auch zu empfehlen, sie möge weniger «künsteln», mit ihrem natürlichen Temperament kann sie zur Genüge auskommen) und schafft hierbei herrliche, lebenssprühende Typen. Prisament ist der führende Geist der Truppe. Er ist nicht nur einer unserer besten Charakterdarsteller (sein Kalmen Schadchen in der «Blumenkönigin» ist ein Kabinettstück), er ist ein geschmackvoller Spielleiter, ein herrlicher jüdischer Komponist und ein verläßlicher Dirigent. Die Liedereinlagen Prisanrents (er ist Verfasser der Texte und Komponist der Melodien) sind echte Volksmusik. Die Melodien klingen alle bekannt. Prisament hat sie den jüdischen Volksmassen abgelauscht. Er gestaltet sie neu und bringt sie mit dem Texte derart in Einklang, daß aus ihnen jüdische Volkslieder werden. Max Z e 1 n i k e r ist für das jüdische Theater in Wien kein Neuling. Wir kennen ihn seit Jahren als sicheren Komiker und Volkssänger im wahrsten Sinne des Wortes. Wir konnten uns überzeugen, daß er in den letzten Jahren reifer geworden >t. Zelniker ist auf dem besten Wege, d er große Volksschauspierler zu werden. Die Lieder Prisaments sind ihm zumeist wie «auf dem Leibe» geschrieben. ln dieser Truppe feiern wir ein Wiedersehen mit Schauspielern aus der alten schönen Zeit des jüdischen Theaters in Wien. Es sind dies vor allem das Frauen-Trio: Graf- Weintraub, Meiseis und Weißberg, drei Schauspielerinnen, die über echtes Können verfügen, und Bennion S i g a I, der wohl nicht hält, was er versprochen hatte, aber noch immer Funken echten Talentes sprühen läßt. Ein Schauspieler ernster Begabung ist der junge Schneidow. Die Masken und die innere Geschlossenheit seiner Figuren verdienen unsere Aufmerksamkeit. Erwähnen möchten wir auch Herrn B a r s e I, der ernstlich bemüht ist, sich dem Ensemble anzupassen. Prisament beabsichtigt, künstlerisch höherstehende Werke zur Aufführung zu bringen. Das jüdische Wien sollte dieser Theatergruppe größere Aufmerksamkeit schenken. Menachem. Jloti*en Der Zionistischen Bezirkssektion VIII./IX. ist es gelungen, mit der Direktion des Deutschen Volkstheaters eine Vereinbarung zu treffen, wonach sie ihren Mitgliedern und Freunden für die Abendvorstellung am Mittwoch, den 25. November 1931, «Ritter Blaubarts achte Frau», Gastspiel Käthe Dorsch, bedeutend ermäßigte Karten zur Verfügung stellen kann. Telephonische Bestellungen unter Nr. A 14-8-24, A 26-2-69, R 43-1-58, A 27-3-61, B 42-0-79, B 47-4-45, sowie in der Administration der «Stimme», Tel. R 27-4-86, und Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 a, Tel. R 43-1-08. Jüdische Künstlerspiele, «Theater Reklam», Wien, IL» Praterstraße 34, Tel R 40-0-94. Ab Freitag, den 13. bis Sonntag, den 15. November gelangt die Komödie «Jankel, dem Chasens» mit den Gästen Gisa Heiden und Max Zelniker in den Hauptrollen zur Aufführung. Montag, den 16. d. populäre oVrstellung «Ewige Narren». Einheitspreis S 1.10 Von Dienstag bis inklusive Donnerstag verbleibt auf dem Spielplan «Ewige Narren» mit voller Besetzung. Sonntag nachmittags «Auf der Schel fin GFck» zum Einheitspreis voa S 1.10, Kinder S —.50. Die Theaterdirektion hat für Kinder einige Ueberraschungen vorbereitet. Neues Jüdisches Theater, II., Taborstraße 12 (Hotel Stefanie) Donnerstag, den 12. November 1931 (Staatsfeie*- tag), Erstaufführung der großen Lachkomödie «A Kuschere Jidene» von Wolmann. Inr Soloteil die Interpretin des jüdischen Volksliedes Hilda D u I i t z k a j a sowie die berühmten Sängerinnen Dina P o d l u b n a, E. P o dlubna; ferner einma’iges Auftreten nach langjähriger Abwesenheit: Di»r. Moritz Weitz und Soubrette Ida Zm tili n g. Direktor Moritz Weitz ist der größte Charakterkomiker der jüdischen Bühne, genannt der zweite Eisenbacft. Karten zu S 1.— und S 2.— im Vorverkauf: Restaurant Operer, H., Taborstraße 12. Am Tage der Vorstellung ab * 10 Uhr vormittags an der Theaterkassa. ’ «Der Zigeunerprinz» in der Jüdischen Bühne, II., Prater- straße 60. Freitag, den 13. d., gelangt die Komödie «Der ’Zi* geunerprinz» zur Erstaufführung und bleibt bis Sonntag, den 15. d. auf dent Spielp’art. Sonntag, ViA Uhr, Nachmittagsvorstellung bei ermäßigten Preisen «Wer ist sie?». Der weitere Spielplan lautet: Montag, den 16. d.. «Der Chase» aus Odessa», Mittwoch, den 18. d., «Dpr Zigeunerprin'z», Donnerstag, den 19. d. «Der Chasen aus Odessa». # T ' Der «Stibel-Verlag» hat eine hebräische Uebersietzung von Andre Maurois’ Buch «Wandlungen der Liebe» herausgebracht. Josef Roths Roman «Hiob» ist in einer hebräisch«« Uebersctzung von J. Lamdan erschienen.