Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 201 (12.11.1931)
- Date
- 1931-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 DIE STIMME Nr. 201 — 12. November 1931 Jlotstandsaktion I93f|32 dar inaeftttsthen JVuftusgrmefnde und der fitdiscAen Client1 sationen in Uten Aufruf Eta Winter, für Hunderttausende so schwer wie seit langem nicht, steht bevor. Hunger und Kälte, (St grimmigsten Feinde der Menschen, drohen mit ihren schrecken den elntelnen Notleidenden, drohen aber auch der Gesamtheit mit den unabsehbaren Folgen der Verzweiflung. Unter Fflhrung des Wohlfahrtsamtes der Stadt Wien hat eich die Aktion «Winterhilfe» konstituiert, In deren Kuratorium auch die Juden Wiens durch die «Ztntral-Kommlsslon für soziale Fürsorge der Israelitischen Kulhisgemeinde Wien» vertreten sind. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Judenschaft, wie immer bisher, auch ln diesem Falle als ein pflichtbewußter und opferbereiter TeU der Qesamtheit die allgemeine Aktion in weitestgehendem Maße unterstützen wird. Aber diese Aktion muß sich damit bescheiden, ln erster Linie den ausgesteuerten Arbeitslosen zu helfen, dann erst kflmsn die anderen Notleidenden eventuell ln Betracht. Gerade aber unter diesen anderen Notleidenden befindet sich ein großer Teil erwerbsloser Juden, die entsprechend der sozialen Schichtung der jüdischen Gesamtbevölkerung Angehörige der freien Berufe, Handels- und Gewerbetreibende sind und daher niemals Im Bezüge einer Arbeftslosen-Unterstützung waren. Deshalb muB die jüdische Gemeinschaft wie Immer für die besondere Judennot ein weiteres Opfer bringen. Diese Not ist unbeschreiblich groß; sie wirkt um so drückender, als es sich vielfach um Menschen handelt, (He — bis vor kurzem noch wohlhabend und gebefreudig — Jetzt auf fremde Hilfe angewiesen sind. Zu dieser Hilfeleistung rufen wir die Juden Wiens auf! Einfachste Nahrungsmittel und ein wenig Kohle wollen wir den Allerbedürftigsten bieten. Wir wären glücklich, wenn wir wenigstens den kinderreichsten Familien, den Alten und Kranken diese Hilfe bringen könnten. Wir wissen, daß niemand von der Not des Tages verschont Ist. Trotzdem Ist es für jeden, der für •Ich und die Selnlgen vor den Unbilden des Winters, vor Not und Kälte geschützt ist, unabweisllche Menschenpflicht, den Hungernden und Frierenden unter uns beizustehen. Viele Tausende warten sehnsüchtig auf HilfeI Qeben Sie rasch und ausgiebig! Auch Naturalspenden sind willkommen! Jeder Schilling, den Sie spenden, bewahrt einen Menschen einen Tag lang vor Hunger und Kältet Spenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der isr. Kultusgemeinde, Wien, I., Steitenstettengasse (TeL-Nr. U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B 29.659). Nr. 2 Der Vorstand der israelitischen Kultusgemelnde Wien. Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Union österreichischer Juden Zionistischer Landesverband für Oesterreich Vereinigung werktätiger Juden Landesverband Misrachi Verband der B’nai B’rlth Logen Agudas Isroel Poale Zion «Weibliche Fürsorge», Verband von Wohlfahrtsvereinen Die jüdischen Fürsorge-Vereine und -Anstalten Wiens föaffian-förie/e 8sb . Allgemeines über Jugoslawien —* An der Pforte zur Levante V jüdische Gemefodepolitik — Mtatterfietts- 'n Rechte — Der Zionismus als dominierende Richtung — Zionistische Erziehungsarbeit — Ausstellung Abel Pann — Kroaten und die Juden Zagt eb, Im November 1931. Die kroatischen Juden hören es ungerne, wenn man sie als Balkanbewohner bezeichnet. Schließlich haben sie* ja recht. Es ist geographisch wohl unrichtig, Kroatien und Slawonien, als Balkanprovinzen zu bezeichnen. Außer geographischen Begriffen aber gibt es doch so etwas, was in der Fachwissenschaft als Völkerpsychologie bezeichnet wird. In dieser Hinsicht kann man wohl ruhig Jugoslawien als einen Balkanstaat bezeichnen. Hier in Zagreb hat man trotz allen Europäertums Im vollsten Sinne dieses Wortes den Vorgeschmack, es wäre hier doch anders, als beispielsweise in Ungarn oder Oesterreich. Man kann eben das Gefühl nicht los werden, daß man hier an der Pforte zur Levante steht. Wenn man nach jahrelanger Abwesenheit wieder einmal nach Jugoslawien kommt, so merkt man mit Staunen den riesigen Fortschritt auf jedem Schritt und Tritt und das fast nie aufhörende Wachstum der Städte und Marktflecken. Der Balkan nähert sich eben stark Europa, vielleicht so stark, daß er recht bald jedweden Anspruch au! «Originalität» zu verlieren scheint. Nicht minder stark ist die Entwicklungslinie in der bisherigen Judenschaft. Es genügt wohl, einige Tage in Zagreb zu weilen und nur einen flüchtigen Blick in die jüdischen Institutionen, Vereine zu werfen, um zu sehen, daß die hiesige Judenheit ein festgeschlossenes Ganzes bildet, das wohl weiß, was es will und zu erreichen in der Lage sei. Die hiesige Gemeinde mit dem Präsidenten Kohn an der Spitze entfaltet eine zielbewußte Tätigkeit, die von jüdisch-politischer Schaffenskraft erfüllt wird. Die jüdische Volksschule unter Leitung unseres alten Freundes Dr. Margel, dessen Name allen Hebraisten, die sein deutsch-brasilianisches Wörterbuch, das erste in dieser Art, in der Hand hatten, gut bekannt ist, ist eine nationale Erziehungsstätte, die bereits gute Arbeit geleistet hat. Das Wohltuende, das jedem Fremden ins Auge fallen muß, ist die Tatsache, daß sich die Juden hier frei und gleichberechtigt, auch Im nationalen Sinne, fühlen. Jugoslawien ist wohl nebst der Tschechoslowakei der einzige Staat, der die nationalen Minderheitsrechte den Juden gegenüber beinahe zur Gänze realisiert hat. Trotz der jetzigen «Diktatur» hat man kaum das Gefühl, daß es in diesem Staate Bürger verschiedener Kategorien, Bevorzugter und Minderbevorzugter gibt. Der Jude ist hier ein gleichwertiges Glied des Staates wie jeder andere «bodenständige Eingeborene». Dieses Gefühl trägt sicherlich stark zur Hebung des Selbstbewußtseins der jüdischen Bürger bei. Der jugoslawische Jude kennt eben nicht den Typus des «ergebenen» Bürgers, der sich seines Judentums schämt. Im Gegenteil, er nimmt an allen Erscheinungen im Staatsleben mit aufrichtigem Stolze Anteil, wobei er seine jüdische Note stets zu unterstreichen weiß. Aus diesem Grunde vielleicht könnte hier die Assimilation keinen Fuß fassen. So wurde der Zionismus die dominierende jüdische Richtung. Blickt doch die zionistische Arbeit auf eine tatenreiche Vergangenheit zurück, die ohne die Arbeit der zionistischen Führerpersönlichkeiten Dr. Licht, Lav. Stern, Dr. Sik, alte und gut bekannte Kämpen unserer Organisation, so gut wie undenkbar gewesen wäre. Wohl gibt es auch hier kleinliche Kämpfe und Streitigkeiten, die aber angesichts der berühmten Wiener zionistischen Streitereien wie ein Nichts verblassen. Den Stolz der Zonisten bildet die Jugend. Es ist geradezu staunenswert, wieviel junge Menschen hier hebräisch, ja sogar tadellos, sprechen. Ihre Zeitschrift «Handar» steht auf hohem geistigem Niveau und erinnert stark an die ehemalige zionistische polnische «Moriah». Ueberall ist das Streben nach Erkenntnis des Judentums, nach innerem Durcharbeiten der Probleme bemerkbar. Die Jugendorganisation, deren geistige Führung Dr. Zwi Rothmüller inne hat, ist sicherlich das stärkste Aktivum und die größte«geistige Potenz der jugoslawischen Judenheit. Vor kurzem fand hier eine Ausstellung des bekannten palästinensischen Malers Abel Pann statt. Man hätte dieett fnttresse und diese Begeisterung beobachten tollen, um ZU schert, wie Stärk die hleslfl Judenschaft mit jüdischem Schaffen und jüdischer Kultur eng verbunden ist. Ich glaube nicht, daß elfll ähnliche Ausstellung Iti Wien den Besuch aufgewiesen hätte, wie die hiesige. Ueber 8000 Personell passierten die Ausstellungsräume im prächtigen Sill des jüdischen Nationalvereines. Es Ist wohl das Vef* dienst der zionistischen Bewegung, die durch lang* jährige Erziehungsarbeit der hiesigen Judenschalt dieses innige Verhältnis zur Renaissancebewegurtg elnimpfte. Kein Wunder, daß auch die Umwelt mit entsprechendem Ernst und Respekt den Juden begegnete. Es werden wohl zeitweise Versuche unternom* men, eine antisemitische Bewegung zu Inszenieren. Sie alle scheitern aber an dem Widerstande der Bevölkerung, die keineswegs geneigt ist, Ihr gutes Vefhältnis zu den Juden irgendwie trüben zu lassen. Diese Beziehung, die nicht vom Geiste falsch verstandener Toleranz, sondern von gegenseitigem Wohlwollen getragen ist, schafft eben die Grundlage des friedlichen Zusammenlebens der Kroaten mit den Juden. Joschua ben Nun. Noch ein Opfer der Schießerei in Yad-Yur Jerusalem. (J. T. A.) Die Schießerei, die sich Im April d. J. in der jüdischen Kolonie Yad-Yur an der Straße nach Haifa ereignet hat — wie erinnerlich, wurden aus der Zementfabrik «Nesher» zurückkehrende jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen von einer arabischen Bande aus dem Hinterhalt beschossen, wobei Hinda Fishmann, Samuel Dishnel und Jacob Zamil getötet und einige Arbeiter verwundet wurden — hat nun nachträglich noch ein Opfer gefordert. Brelna Halperin, die bei der Schießerei erheblich verletzt wurde, warf sich vor einigen Tagen vor einen fahrenden Zug und wurde getötet. Sie war kurz vor dem Ueberfall in Yad-Yur aus Polen nach Palästina gekommen. Sie erlitt bei dem Ueberfall einen schweren Nervenschock, von dem sie sich nicht mehr erholt hät. Sie verfiel in eine schwere Gemütsdepression, die sie nun zum Selbstmord trieb. Das Begräbnis fand In Haifa unter großer Beteiligung der Arbeiterschaft statt. Arbeit sk&mpfe in Chederah * Das «Berliner Tageblatt» vom 5. November veröffentlicht auf der ersten Seite unter der Ueberschrift «Zusammenstöße in Palästina» folgendes Telegramm seines Jerusalemer Korrespondenten: «in der jüdischen Kolonie Chederah kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und jüdischen Arbeitslosen, welche gegen die Verwendung billiger arabischer Arbeitskräfte beim Orangenpflücken protestierten. Die Polizei machte sehr energisch von dem Gummiknüttel Gebrauch. Viele Arbeiter und Arbeiterinnen brachen blutüberströmt zusammen. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen.» Es handelt sich offenbar um eine der nicht seltenen Arbeiterdemonstrationen im Kampfe um die Sicherung jüdischer Arbeit in den Pflanzungskolonien. Bereits in früheren Jahren kam es bei Beginn der Orangensaison häufig zu Zusammenstößen, die auch öfter zum Eingreifen der Polizei führten. Die Probleme, um die es sich dabei handelt, sind unseren Lesern bekannt. Die Streitigkeiten zwischen Kolonisten und Arbeitern ziehen sich bereits Jahre hin, ohne daß eine Lösung gefunden worden wäre, und ein großer Teil der Kolonisten hat sich bisher dem Drucke der öffentlichen Meinung Palästinas, die sich z. B. im vorigen Jahre sehr energisch für die Forderungen einsetzte, zu widersetzen verstanden. Auch in diesem Jahre ist es bereits in mehreren Kolonien, darunter in Kfar Saba und Petach Tikwah, zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Vorgänge in Chederah, Uber, die das«B. T.» hier berichtet, sind als Einzelerscheinung in der Kette dieser Auseinandersetzungen zu verstehen. So bedauerlich gewiß solche Zusammenstöße sind, besonders wenn sie zu Verwundungen und Verhaftungen von Arbeitern führen, so handelt es sich doch keineswegs um ein Ereignis ersten Ranges, das eine derartige Veröffentlichung auf der ersten Seite einer großen europäischen Zeitung rechtfertigen würde. Prügeleien dieser oder ähnlicher Art kommen wahrscheinlich täglich an verschiedenen Orten der Welt vor, ohne daß davon Notiz genommen wird. Es ist bedauerlich, daß gerade Nachrichten aus Palästina dazu dienen, um gegen Palästina Stimmung zu machen. Zionisten I Verlangst in jedem Kaffeehaus „Die Stimme“! Tretet dem Verbände Allgemeiner Zionisten bei!