Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 201 (12.11.1931)
- Date
- 1931-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053955--2641-3058088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V. b. b. BEZUGS BEDING1 INGEN OMttnatch Oiutial Heb S Iwertet . ilhri S 4 2U f«nt l»hfl S 16*- Ovutachld. viertel Hjhrl HM V— T*checho<lr*«fc«kei viettelj K« 24 — luttMlawwr vierte» jährl Dm 40 - Po1 er *t«fiel|4hf lieh Zion 6-«t< Unttari) viert ellähi lli*b Pem»r 4*2C Uumämsb viertel ehrl Ui 120 aKnge* Autlatrt) viertelffthrl Schn- Pranken 4*A0 Jüdische Zeitung Preis 35 g J M CJ t-3 H» CD Don» unn Adn C3: CO Po8t8pa kot. Oeetert D Pole» leriiecho* vU <lo«>«ket 500 236 Ingnelewien 40 870 4L lanrgang UM Wien, Donnerstag) 12. November 1931 (2. Kislew 5692) uinmer 201 Schwere antisemitische Exzesse in Polen Evsl Hcchschulkrawalle, dann Sivaßenpogvome (Von unserem Warschauer Berichterstatter.) Warschau, 9. November. Seit einer Woche wüten an den Warschauer Hochschulen pogromartige Exzesse der nationaldemokratischen Studentenschaft Tagtäglich nehmen sie an Umfang zu und haben schließlich dazu geführt, daß alle Warschauer Hochschulen ausschließlich geschlossen wurden./ Die Exzesse begann mit dem bekannten «Juden hinaus!». Studenten, die sich in der Rolle der Huliganen gefielen, entfernten mit Gewalt diejenigen jüdischen Studenten aus den Lehrsälen, die ihrer Aufforderung nicht sofort entsprachen. Dabei kam es zu Schlägereien zwischen den nationaldemokratischen und jüdischen Studenten. Die Antisemiten, die zu Beginn der Exzesse die jüdische Minderheit überrumpelt haben, benahmen sich wie wilde Bestien und schonten nicht einmal ihre jüdischen Kolleginnen. Aber s^n-Ende-voHlpf' Woche trat der von den jüdischen Studenten gebildete Selbstschutz in Aktion. Das war noch vor dem Schließen der Hochschulen und die jüdischen Studenten, die in geschlossenen Gruppen die Hochschulen betraten, hatten zunächst keine Ueberfälle der Antisemiten zu befürchten. Als dann die akademischen Hullganen abermals Mut gefaßt hatten und provokatorische Rufe wie «Juden hinaus!», «Numerus nullus für Juden!» auszustoßen begannen, kam es zu starken Zusammenstößen zwischen beiden Lagern, wobei —- was betont werden muß — auch die polnisch-akademisch linksgerichtete Jugend auf seiten der Juden kämpfte, im Laufe der Woche wurden viele Studenten verletzt, darunter auch einige Nationaldemokraten. Ueber hundert Antisemiten wurden verhaftet, auch einige Juden, die sich erfolgreich zur Wehr setzten. Im Gegensatz zur antisemitischen Stellungnahme des Universitätsrektors, ist das Benehmen des Rektors der Technischen Hochschule, Pszennicki, gerecht zu nennen. Als seiner an die Nationaldemokraten gerichteten Aufforderung, Ruhe zu bewahren, nicht entsprochen wurde, drohte er mit dem Herbeirufen der Polizei. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß an der Handelshochschule die Polizei auf Verlangen des Rektors dort eingegriffen hat. Die Aula wurde geräumt, indem man gegen die Exzedenten Wasserhydranten gerichtet hat. Unzähligemale versuchten im Laufe der letzten Tage antisemitische Studenten, jüdisch-akademische Institutionen, vor allem das große jüdische akademische Haus zu überfallen und zu demolieren. Nur dank der energischen Abwehraktion der jüdischen Studentenschaft, mit der zusammen hie und da auch anständige polnische Studenten kämpften, wie auch der Bereitschaft der Polizei, ist es gelungen, diese Versuche zu vereiteln. Dabei wurde sowohl eine Anzahl von Juden wie auch Nationaldemokraten verletzt. An der Universität selbst wurden viele Ahschlagkästen der antisemitischen Organisationen als ein Revancheakt für dieselbe, früher an jüdischen Anschlagküsten begangene Tat, zertrümmert Die Unruhen blieben aber nicht nur auf die Hochschulen beschränkt. Als die Universität geschlossen wurde, zogen die antisemitischen Exzedenten, zu denen sich auch lichtscheue Elemente der Großstadt gesellt haben, unter wüstem Schreien «Nieder mit den Juden!», «Tod allen Juden!», «Wir werden alle Juden verbrennen!», in das jüdische Viertel. Im «Sächsischen Uarten» haben sie viele jüdische Passanten, aber auch Frauen und Kinder schwer mißhandelt. Als sie jedoch an der Grenze des jüdischen Viertels erschienen, trat ihnen •os jüdischen Trägern und Angestellten spontan organisierter Selbstschutz entgegen. Die Herren Antisemiten verloren, als sie die entschlossene Haltung der Juden sahen, vollständig acn Mut und zogen ab, nicht, ohne vorher einige Denkzettel zu bekommen. An vielen jüdischen Läden und Wohnungen wurden jedoch die Fenster eingesclilagen. Bei diesem. Angriff auf das jüdische Viertel wurden mehr als hundert antisemitische Studenten verhaftet. Auch nach dem Schließen aller Hochschulen ist die Ruhe noch nicht hergestellt. Jeden Tag kommt es zu Schlägereien zwischen antisemitischen und jüdischen Studenten.^/ Die Exzesse vor dem Seim Warschau, 8. November. (J. T. A.yfl}ie Sitzung des polnischen Sejm am Sonnabend, den 7. November, war fast ganz der Erörterung der antisemitischen Unruhen an den Warschauer Hochschulen gewidmet. Im Namen des Jüdischen Klubs führte Abg. Röthenstreich u. a. aus: Eine große Anzahl polnischer Zeitungen führt seit Jahr und Tag ungestraft eine hemmungslose antisemitische Hetze, in der zum Boykott der jüdischen Bevölkerung auf allen Gebieten auf gefordert wird. Keine dieser Zeitungen wurde deswegen beschlagnahmt, ln allen Städten wurden Plakate geklebt, auf denen zu lesen steht, daß die Juden an der Arbeitslosigkeit und an der schlechten Lage Polens schuld sind. Diese Plakate schließen mit der Aufforderung: «Schlagt dem Juden in die Fresse!» Die Regierung duldet solche Hetze. Was Wunder, wenn bei den Massen die Ueberzeugung Platz greift, daß man die Juden straflos verfolgen darf. Nur ln dem Glauben an die Schwäche der Regierung konnte die nationaldemokratische Studentenschaft den Mut gewinnen, eine ganze Woche lang unerhörte Gewalttaten gegen die Juden zu begehen. Auch wir sind für die Autonomie der Hochschulen. Aber wo es um die Lernfreiheit und das Leben der angegriffenen Juden geht, kann man eine Autonomie nicht gelten lassen. Acht Tage hat es die Regierung geduldet, daß der Boden der Universität von jüdischem Blut getränkt wird. Draußen vor der Universität hat die Polizei die mißhandelten Juden nicht beschützt, sondern im GegenteU auch ihrerseits solche Juden geschlagen, die die schwerverletzten jüdischen Studenten wegschaffen wollten. Der Student Katz, der seinen schwerverwundeten Kollegen Lauenberg wegtragen wollte, wurde vom Polizisten Nr. 718 furchtbar mißhandelt. Als sich Katz die Nummer des Polizisten aufschreiben wollte, wurde er von fünf weiteren Polizisten geschlagen. Abg. Rothenstreich charakterisierte die Haltung des Rektors, die dazu angetan ist. die Antisemiten zu ermuntern, und schloß: Wir erklären im Namen der gesamten jüdischen Bevölkerung, daß wir nicht dulden werden, daß unsere Jugend außerhalb des Gesetzschutzes steht. Wir werden die Hochschulen nicht verlassen, wir haben das gleiche Recht auf Bildung wie alle Bürger dieses Staates. Wer das Recht des HL HÄ/5ER5TR. 123 K- Alserstr. 6 S 15 - S 20 - S 23 MM Bürgers antastet, rührt an den Grundfesten des Staates. Das national demokratische Hauptorgan «Gazctta Warszawska»** wünscht der nationaldemokratischen Jugend einen vollen und schnellen Sieg. Weiß die Zeitung nicht, daß ein solcher Sieg den Untergang der polnischen Kultur und die Schändung des polnischen Namens bedeutet? Wir verlangen von der Regierung energisches Handeln! Innenminister Pieracki verlas daraufhin die folgende Erklärung der Gesamtregierung: In den letzten lagen sind wirklich bedauerswerte Ausschreitungen seitens eines Teiles der Jugend gegen Bürger jüdischer Nationalität vorgekommen. Hierfür ist aber nicht die gesamte akademische Jugend und nicht die gesamte polnische Gesellschaft verantwortlich zu machen, die solche verbrecherische Exzesse mißbilligen. Es handelt sich um die Aktion einer Gruppe, die unter dem unverantwortlichen Einfluß gewisser parteipolitischer Faktoren steht; diese Faktoren verschuldeten die Hetze, die die Kultur und die Traditionen des polnischen Volkes schändet. Die Regierung tut alles für die Sicherheit der Bürger. Aber infolge der Autonomie der Hochschulen konnte nicht so durchgegriffen werden, wie man es wünschte. Außerhalb der Hochschule wurde durchgegriffen. Zahlreiche Hetzer und Exzedenten werden zur Verantwortung gezogen werden, eine Disziplinaruntersuchung ist im Gange, Die Regierung wird mit aller Energie jeden Versuch, die Exzesse zu erneuern, unterdrücken. Im Namen des hationaldehiokrätischen Klubs Cfkiärie Abg.-Stipülowski: In Krakau waren die Exzesse eine Folge von Provokationen seitens der jüdischen Studenten (Rufe von der Bank des Jüdischen Klubs: «Das ist eine Lüge!») Auch in Warschau haben die Juden provoziert. Wir weisen die Erklärung der Regierung gegen die polnische akademische Jugend zurück. Wir fordern jüdische Leichen für das anatomische Institut und Numerus clausus für jüdische Studenten. Der polnischen Jugend wünschen wir in der Tat einen schnellen und vollen Sieg. Abg. Miszinski (Regierungspartei) wandte sich ungemein scharf gegen die Arroganz der Nationaldemokraten, die sich anmaßen, zu behaupten, die ganze Jugend stehe in ihrem Lager. Die Nationaldemokraten seien eine demoralisierte Partei, die die polnische Freiheit schändet Ein Toter in Wilna Warschau, 10. November. An der Wilnaer Universität ereigneten sich heute schwere antisemitische Ausschreitungen, die sich in das Judenviertel der Stadt fortpflanzten und dort ein Todesopfer forderten. Die jüdischen Hörer wurden vormittags von den christlichen Studenten aus dem anatomischen Hörsaal der Universität hinausgeworfen, worauf es vor dem Universitätsgebäude zu wüsten Schlägereien kam, denen erst durch das Eingreifen polizeilicher Verstärkungen ein Ende gemacht werden konnte. Vor den Toren der Universität hatte sich während der Krawalle eine größere Menschenmenge angesammelt, die dann, johlend und Schmährufe auf die Juden ausstoßend, in das Judenviertel zog. Dort kam es zu neuerlichen heftigen Zusammenstößen, bei denen 18 Personen, darunter 14 Juden mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Ein Jude wurde durch einen Steinwurf so schwer verwundet, daß er kurz nach der Einlieferung ins Krankenhaus starb. Kein Streik, keine Manifestationen am Baltour-Tao Jerusalem. (J. T. A.) Der 2. November, der Jahrestag der Verkündigung der Balfour-Deklaration, der sonst in Palästina durch arabische Streiks und Manifestationen gekennzeichnet war, ist in diesem Jahre vollkommen ruhig verlaufen. Nirgendwo war etwas von Streiks oder Kundgebungen zu merken,