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Die Stimme · 1931-11-05 · Heft 200 (5.11.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 200 (5.11.1931)
Date
1931-11-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Satt* 7 ttu 200 — 5. November 193t Avi&Aot JtameM Nachdrack aocli ia Auszügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebrflischen von Sem Wolf li Derartige Oedanken batten dock eigentlich mein altes Verhältnis zum Oberleutnant starken sollen, scheint es. In Wirklichkeit aber... Ja, ich habe mich selbst dabei erwischt, daß ich sonderbarerweise verdorben wurde. Ich verachtete weder ihn, noch seine Kollegen, die Herren mit den blanken Knöpfen. Ich verachtete sie nicht, ganz im Gegenteil — ich machte die Entdeckung, daß ich mir in allen Gesprächen, Taten und Gedanken Mühe gebe, in ihren Augen Gefallen zu finden und mich an ihren Willen und ihre Meinungen anzupassen. Zum ersten Male entstanden in mir derartige Gedanken, als ich vor der Musterungskommission stand, nachdem man mich für tauglich erkannte, und als mir damals der hohe Offizier die Hand reichte und sagte: «Du wirst noch ein guter Soldat werden,‘mein Lieber! Du wirst die Soldaten bis Moskau vertreiben. Und .- wenn du zurückkommst, wirst du eine große Tapfer- ■ keitsmadaiile bekommen.»; Seit damals:entstand in mir immer ein Gefühl des Stolzes, wenn ich ein ähnliches Lob hörte. Und vor einigen Tagen, als mir der Offizier vom Rosse herab seine Hand reichte und sagte: «Bravo! Aus dir wird noch ein Mensch werdenl» freute ich mich darüber. Vergebens suchte ich nach den Gründen hierfür. Tatsache. Diese Gedanken sind mir eben angenehm. Wozu es leugnen? Marx — ein Karrierenjäger. Michelangelos Frauen. — häßlich. Tolstoj — schade um ihn. Die Bibel — ein Kriegsbuch. Und Christus . , . , Eines Tages schrieb ich einen Brief an meine Geliebte. Dann las ich ihn und fand darin folgenden Satz: «Unser Oberleutnant ist wirklich ein intelligenter Mensch. Dank ihm werde ich rasch avancieren.» Ich zerriß den Brief in hundert kleine Stücke. In solchen Augenblicken fühlte ich, daß dieser Gedanke in mir Wurzel faßte und mich bedrückte. Er glich einem Stein, der durch ein faulendes Loch in einen Baum geschleudert wurde — der Baum wächst weiter — rings um den Stein fault alles, doch er selbst fault nicht. Ich war ganz niedergeschlagen: an Stelle des Rabbi Pinchas von Koritz — Herr Oberleutnant Frint. An Stelle zweier Augen, die göttliche Weisheit ausstrahlen — blankgeputzte Knöpfe. Und als eine Majestät, der Knopf erschienen war und ich Habtacht stand, die Hände an der Hosennaht, kerzengerade, fühlte ich, daß ich meine Pflicht redlich erfüllte. Und ich fühlte, daß es ein Ziel im Leben gäbe, und daß es das hehrste aller Ziele wäre, ein Offizier zu werden. Und wer nach dem Tode einen Orden kriegt, ist glücklich zu schätzen, und glücklich die Mutter, die ihn geboren hat. Das war wirklich meine Meinung. So war es vor einer Woche, so war es gestern, so ist es auch heute, wird es morgen sein. Was würde Flammarion dazu sagen? Was Ist denn mit mir geschehen? Und ganz ausgeschlossen ist es, irgend jemandem das zu erzählen. Nicht etwa, weil ich mich dessen schämen würde, sondern well alle so denken, alle, ohne Ausnahme. Und nicht nur das: beim Militär und insbesondere in der Offiziersschule gibt es ein strenges Gesetz, das besagt, daß jemand, über den irgendetwas Schlechtes gesprochen wurde, niemals ein Offizier werden könne. Das bedeutet: nicht ein Schüler, über den es bekannt wurde, daß er tatsächlich irgendetwas Unanständiges gemacht hat, sondern einer, über den man irgend etwas Derartiges nur gesprochen hat, kann kein Offizlei werden und muß als gemeiner Soldat an die Front. Also: jeder, der auf mich einen Zorn hat und sich an mir rächen will, kann irgend ein Gerücht Über mich verbreiten, und ich bin erledigt. Dabei ist es ganz nebensächlich, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht oder nicht. Das prüft niemand nach und niemand ist auch auf die Rechtfertigung neugierig. Man hat dich z. B. verleumdet, du hättest einen silbernen Löffel gestohlen — du bist fertig. Du gehst herum wie ein schmachvoll Verurteilter, der nur darauf wartet, daß man ihn in das beschämende Gefängnis der Kader werfe und nach wenigen Tagen an die Front schicke, damit er dort ein Hund des Herrn Feldwebels sei. Und bis du zum Teufel gehst, schauen dich alle deine Kameraden an mit einem Hohn, der dich lebendig begraben kann. Vorerst wunderten wir uns alle über die Idiotie dieses genialen Gesetzes. Doch in den letzten Tagen: passierte es, daß einer meiner nahen Freunde, ein Maler, der einen berühmten Namen trug, einer derartigen Verleumdung zum Opfer fiel. Die Angelegenheit wurde publik, und das Kommando gab den Befehl: «In die Kader mit ihm! Er kann kein Offizier werden;» Der Unglückliche traute sich nicht, uns in die Augen zu sehen. Er packte seine Siebensachen und ging. Allgemeiner Spott und Hohn folgte ihm. Und als er durch das Tor ging, sah ich, wie er seinen Kopf wandte und mich anblickte. Seine Augen schienen stumm zu fragen: Auch du? Und ich — ich fand es nicht einmal nötig, ihm nachzulaufen und ihm ins Ohr zu flüstern, daß ich mit ihm zusammen auf dieses ganze Tollhaus spucke und daß man, um zu sterben und um zu verfaulen nicht unbedingt die Offizierscharge oder die Zustimmung und den Nachruf des betrunkenen Feldwebels brauche. Nein, ich lief ihm nicht nach. Ich sagte ihm das nicht. Ich verhöhnte ihn wie die anderen. Ich. Ein Kulturmensch. Ein Schüler des Rabbi Akiba, des Wllnaer Oaon, ein Jünger Flammarlons und Tolstojs. Ich ging in mein Zimmer, nahm einen kleinen Spiegel, blickte hinein und spuckte in mein Spiegelbild: «Hol’ dich der Teufel!» 10. Kapitel. Der Kommandant der Muse Meine erste Prüfung in der Unteroffiziersschule habe ich mit gutem Erfolge bestanden. Und dabei wußte ich nicht einmal, daß in dem dramatischen Schauspiel des Boykotturteils, daß auf Grund einer Verleumdung über meinen unglücklichen Kameraden verhängt worden war, auch ich eine Rolle spielte. Zwar war es eine passive, aber dennoch ausschlaggebende Rolle. Wie es mir sofort klar wurde, war dieses Schauspiel für uns Schüler die erste Prüfung unserer Offiziersintelligenz: in dem Augenblick, in dem der verurteilte Kamerad den Hof unter Hunderten verachtenden oder bemitleidenden Augenpaaren verließ, im selben Augenblick stand unser großer Lehrer, der Oberleutnant Frint abseits und sah uns mit prüfenden Augen an: Wer von uns würde wohl schwach werden und sich vom Mitleid überwältigen lassen? Und zur wahren Freude des strengen Lehrers blieben alle stark. Gott sei Dank, sahen wir alle den von uns Gehenden voll Verachtung an. Bravo! Ausgezeichnet! In diesem Augenblick wurde mir auch klar, daß meine Rolle etwas gefährlicher war, als ich zuerst angenommen hatte. Der Offizierslehrer widmete mir größere Aufmerksamkeit als den anderen. Und nachdem der Verurteilte den Hof verlassen hatte, trat der Oberleutnant an mich heran, legte seine Hand auf meine Schulter und fragte: «Du schreibst in den Zeitungen unter dem Pseudonym Albert Kowe?» «Melde gehorsamst — jawohl.» «Du bist auch ein hebräischer Dichter? Schreibst in der Sprache der Bibel?» . «Meide gehorsamst,.--jawohl.» «Du bist auch ein guter Freund des Acli Epdre, der so verrückt ist?» w «Melde gehorsamst — nein.» «Was, nein? Ich sage ja, und du leugnest?» «Ja, ich leugne, daß er verrückt ist. Adi Endre ist der größte ungarische Dichter aller Zeiten.» Der Lehrer sah mich an, nahm seine Hand von meiner Schulter und sagte nach einer Weile: «Das wird sich ja in der nächsten Zeit zeigen. Ich glaube, daß er ein Kriegsgegner ist. Vielleicht wird er sich bessern und uns ein schönes Kriegslied geben. Wenn aber nicht — wenn nicht . . .» Sein Gesicht wurde verrunzelt und scharf wie ein vertrocknetes Radieschen. «Wenn nicht, dann mußt du ihn vergessen wie einen toten Hund. Ich hoffe, daß du mich verstehst. Gib dir Mühe, mich zu verstehen!» (Fortsetzung folgt) Literatur/Kunst / Theater Ausstellung Grete Wol&Krakauer Grete Wolf-Krakauer zeigt ln der Kunsthandlung Würthle, I., WeihburggasBO 9, elnon reichen tjebnrbllck Ihrer schlichten,.ehrlichen Arbeit Sie Ist wieder einmal aus P a 1 ä s 11 n a zurüokgekomraen und breitet nun das Leben ihrer letzten Jahre vor uns aus. In Ihrer schönen Tempera-Oeltechnik zeigt sic uns die Landschaft Palästinas in ihrer roten, leuchtenden Erde, das bläuliche Grün .des Kaktusbaumes, der Banane, Felaebinnen und Jemenitinnen schauen uns aus dunklen Augen an, seltsam glüht die Tätowierung in den blühenden Geeichtem.v. . Prof. Dr. Oskar Strnad, der die Ausstellung der Künstlerin mit herzlichen Worten eröffnete, hat vöh ihrer Ehrlichkeit gesprochen. Und gerade die innere Echtheit ist es, die uns in allen diesen Bildern und Blättern so sympatisch berührt. In den schönen Porträtköpfen in Kreide und Pastell spüren wir die genaue und ernste Beobachtung, die Versenkungen in alles Lebendige, die für Grete Wolf so charakteristisch ist In vielen Biesterzeichnungen, in großen Blättern, die von geduldiger Arbeit zeugen, stellt sie immer wieder die steinige Landschaft von Jerusalem vor uns hin, den Weg zur Klagemauer, die arabischen Häuser, Moscheen, die Blicke durch den Toreingang in die Altstadt oder in irgendeinen winkeligen Basar. Ein paar feine, leuchtende Aquarelle schildern das Meer bei Tel-Aviv, die Aussicht von Damaskus, einen Abond in Bethlehem oder — besonders reizvoll und zart — Palästina im Winter. Kinder und Blumen, blühende Pflanzen und sohlafendo junge Menschen sohlldert Grete Wolf immer mit besonderer Liebe und einem eigenartigen Können. Aber auch ln dem herben Gesicht eines alten Juden aus Marokko, in dem charakteristischen Kopf einer Mohammedanerin lebt liebevolle Treue, mit der Grete Wolf Mensch und Landschaft, Tier und Haus umfängt und vor uns hlustcllt. Neben ihren Oelbildern und Zeichnungen sind besonders die Lithographien und Holzschnitte voll künstlerischen Reizes und stofflicher Bedeutung. Dr. Else Hofmann. Jlotixen Organisation Zionistischer Frauen Oesterreiohs (Wizo). Donnerstag, den 5.>d. M., S Uhr nachmittags, Führung durch die BllderausBtellung der palästinensischen Malerin Frau Grete Wolf-Krakauer in der Kunsthandlung Würthle, I., Welhburggsasse 9. — Montag, 9. d. M., 5 Uhr nachmittags Im Mirjam-Heim, L, Jordangasse 7, Vortrag der Frau CbaJuta B u s s e 1 aus Dagahiab über «Das Palästina-Frauen vsterk“. — Dienstag, 17. d. M., 8 Uhr abends, ij» Mir Jam-Heim. I., Jordangasse 7, Vortrag des Herrn Pr. Josef Löwenhera über das Thema „Die soziale Not der Juden in Wien“. Gastspiel Giss Heiden-Salo Prieament. Jüdische Künetlerepieie Theater Reklame, II., Praterstraße 34. Freitag, den 6. d. M., halb 9 Uhr abends, Erstaufführung des Lebensbildes „Auf der Schwell fyn Glück“, drei Akte, von Lilien, Musik von Prisament, welches die ganze Woche auf dem Spiclplan bleibt. Sonntag nachmittags bei kleinen Preisen „Des Arendars Techterl“. In sämtlichen Vorstellungen wirkt Max Zelniker mit. Neues jüdisohos Theater, Wieu, II., Taborstraße 12, Hotel „Stefanie“. Im Neuen jüdischen Theater gelangt Sonntag, den 8. d. M., halb 9 Uhr abends, zura erstenmal die Lachkomödie „Gechapt a Chusen“ zur Aufführung. Solistin ist die unvergleichliche Interpretin Hilde Dulitzkaja. Als Gäste wirken die von ihrer erfolgreichen Auslondstoumee Zurückgekehrten: Soubrette und Liebling dqs . Wiener Publikums Dlna P o d I u b n a und Charakterdarsteller E. Podlubna mit Donnerstag, don 12. d. M, (Staatsfeiertag), gelangt zum erstenmal die Komödie „A kuschet* jüdisch Wahl“ zur Aufführung. Im Solo der unerreichte Liebling Karl Ujvary. Karten im Vorverkauf für beide Vorstellungen sind sohon jetzt zu S 1.— und 3.— im Restaurant Opera, II., Taborstraße 13, zu haben. Wiener jüdischer Gesangverein. Die Proben unter der Leitung unseres pouen Dirigenten Israel Brandmann haben bereits begonnen und finden Jeden Dienstag von l£i bis 1^10 in unserem neuen Vereinslokal, Wien, II., Untere Augartenstraße 88 (Verein der demokratischen Zionisten), statt. Anmeldungen neuer Mitglieder daselbst Stimmbegabte Damen und Herren sind höfl. cingeladen, an den Uebungsabenden teilzunehmen. Eventuelle Auskünfte unter Tel. A 17-9-68. Enthüllung der Sigmund Freud'Gedenktafel in Freiberg. Am Sonntag, den 25. Oktober, fand aus Anlaß des 75. Geburtstages des Schöpfers der Psychoanalyse Prof. Doktor Sigmund Freud in dem Geburtsort Freuds Freiberg (Pribor) in Mähren die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel am Geburtshause Freuds ln der Schloösergasse statt Unter den Ehrengästen sah man den Vorsitzenden der Internationalen . psychoanalytischen Gesellschaft Dr. Max Eltingon (Berlin), den Vizepräsidenten der Wiener psychoanalytischen Gesellschaft Dr. Paul Federn, den Repräsentanten der' tschechoslowakischen psychoanalytisoben Kreise Dr. W i n d b o 1 z, Vertreter der Behörden und wissenschaftlichen Korporationen. Die Ansprachen der ausländischen Gäste wurden durch den Mährisch-Ostrauer Rundfunk verbreitet. Die Versammlungsandte Begrüßungstelegramme an Sigmund Freud und Präsidenten Masaryk. Ein großes Werk Uber Masaryks Beziehung zum Juden* tum. Ira Prager Mars-Verlag ist soeben ein umfangreiches, 400 Seiten starkes Werk „Masaryk und das Judentum“ erschienen, als dessen Herausgeber Dr. Ernst Rycbnowsky zeichnet. Diese erste erschöpfende Zusammenfassung der Beziehungen zwischen Masaryk und den Juden enthält 13 Artikel, darunter eine mehr als 100 Seiten lange Arbeit des Herausgebers Uber den Kampf Masaryks gegen die Ritualmordlegende. Außerdem schreiben: Heinrich Kohn: „Masaryks Schule der Weisheit und das Judentum“: Friedrioh Tlileberger: „Masaryks Credo und die jüdische Religion"; Felix Weits ch: „Masaryk und der Zionismus“; Josef Penizek, der Senior der tschechischen Journalisten: „Masaryk und die jüdischen Tschechen“; Oskar Donath: „Juden auf Masaryks Lebensweg“; Ja# Herben, der bekannte tschechische Schriftsteller: „T. G, Masaryk über Juden und Antisemitismus“; J. Rokycanat „Freunde in der Not“; Jaroslav Cisar, der Personalsekretär Masaryks im Kriege: „Masaryk und die amerikanischen Juden“; Hugo Bergmann: „Masaryk in Palästina“. Dan Buch enthält noch Erinnerungen an Masaryk von Mai Brod und Eduard Lederer. Das Werk ist gleichzeitig in deutscher und tschechischer Sprache erschienen. .

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