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Die Stimme · 1931-11-05 · Heft 200 (5.11.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 200 (5.11.1931)
Date
1931-11-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 300 — 5. November 1931 DIE STIMME Seite 8 IM JORDANTAL Kuranstalt „Hydrotherapie" ÄÄTS3J? 99 Chefarzt: fachant Dr. Hs OlUckar HOhensonne, Diathermie, Sollux, Vltalux, Galvaalaatlon, Paradlsatlon, Kohlensäure, Sauerstoff, 8cbwefel, Jod. Flchtennadel- und Radlumb&der, Heißluft, Plityaner Schlammpackungen. Entfettungskuren, Halbbader, Packungen, Duschen und Heilmassagen. Vollständig neu eingerichtet, größter Komfort, mäßige Preise Behandelt werden: Rheuma, (licht, Ischias, Lähmungen, (Jelenkserkrankungen, Neurasthenie, NervenentiUndungen, Neuralgien, erhöhter Blutdruck, Gefäßverkalkung, Hersschwtehe usw, Erkrankung der Atmungsorgane, des Magen- und Darmtrakte«. Menstruationsstörungen, Sterilität und andere Frauenkrankheiten. Vertragsanstalt sämtlicher Krankenkassen! Drei Schritte vorwärts Von Irma Singer, Daganla. Während Ich diesen Satz schreibe, hebt ein gewisser Satan seinen Kopf und schüttelt ihn. Er sagt nein dazu, der Satan des Zweifels. Also meint er, daß dies vielleicht drei Schritte rückwärts sein sollen, Nein und nein. Ich denke doch, daß es vorwärts geht! Ihr werdet fragen, um was es sich eigentlich handelt. Nun ich sage es kurz heraus, entscheidet dann selbst! Im Laufe der letzten zwei Monate sind folgende Neuerungen in unserem Leben geschehen: Erstens — und das ist meines Erachtens nach die Hauptsache — trinken wir des Mittags Eiswasser. Das heißt, In diesem Augenblick, in welchem ich die Zeilen schreibe, lat schon die herrliche Zeit des eisgekühlten Wassers vorüber, denn unserem Begrifi nach ist der Sommer auch vorbei, trotzdem es im Schatten noch gute 33 Grad Hitze gibt. Aber das ist unsere Sache. Zweitens werden wir im Laufe dieses Monates alle Räumlichkeiten mit elektrischem Licht erheüen. Und drittens schmettert seit etwa einem Monat am Jordanufer jeden Abend das Radio.; Däs sind in groben Strichen die drei Schritte, die ich einmal als vorwärts und einmal nach rückwärts bezeichne; ich weiß nicht, was eigentlich das Richtige ist. Warum? Das kann sich ja der sachbewußte Leser denken Wenn wir eEuropa» den Rücken gekehirt haben, um uns einem neuen, einem einfachen Leben zuzuwenden, so wie es einmal unser Programm war, dann sind es eben drei Schritte nach rückwärts; wenn wir aber unsere Jugendträume einer realidealen Wirklichkeit vorziehen, dann müssen wir eben mit der Technik und dem sogenannten Fortschritt rechnen und dies als drei' Schritte nach vorwärts bezeichnen. Ja, eben entsinne ich mich, daß wir vor etwa einem halben Jahr noch einen Schritt getan haben, dar eigentlich —r trotzdem man immer errötend und schweigend an solchen Tatsachen und Orten vorbeigeht — auch erwähnt werden soll. Daß dieses «Institut», das ich hiemit, auch errötend, erwähnen will, von großer Wichtigkeit füir uns ist, kann jeder flachfahlen, der sich in einem primitiven Dorf nach dem städtischen Wasserklosett gesehnt hat. Nach diesem langen Vorwort will ich die Bedeutung einer jeden dieser Errungenschaften im besonderen beleuchten. Warum ich gerade das eisgekühlte Wasser an erster Stelle erwähnt habe? Nun da*? ist so eine Sache. Eigentlich ist das so meine Sache. Denn ich für meine Person würde, wenn ich vor die Wahl gestellt wäre, zwischen Radio, elektrischem Licht und eisgekühltem Wasser zu wählen, mich ganz bestimmt für das letztere entschließen. Wenn ich so manchmal auf dem Felde arbeite, mitten im Sommer in der glühenden Sonne, wenn wir dann durstig zu unseren Krügen gingen, die irgendwo in einer Furche standen, und sich die trockenen Lippen an den Krug preßten, wenn aber dann das lauwarme Wasser in die Kehle rann, erfüllte sich meine Seele mit Neid. Wahrlich, es ist dies das einzige in meinem hiesigen Leben, um was ich dann in solchen durstigen Augenblicken die Städter beneidete. Und meine «anze Sehnsucht, mein ganzer Neid bekamen die Formen eines durchsichtigen G'ases klaren, 'eiskalten Wassers Das war jahrelang so. Und nun erfüllte •ich plötzlich ein Wunsch, und jetzt gibt es gar nichts, um was Ich die Städter beneiden kann. Das kommt davon, weil die Eisfabrik in Tiberias ihr Eis verbilligt hat. Unter den hohen Palmen beim Speisezimmer steht das kleine Zelt, in welchem die großen TonkrQge untergebracht aind. Diese Krüge haben auch ihre Historie. So wie a'les hierzulande historische Vergangenheit hat. Erstens soll man sie immer am Anfang des Sommers bestellen, bevor die Hitiert kommen, und man bestellt aie auch gewöhnlich zu dieser Zeit, aber erfüllt wird die Bestellung von dem bahamischen-DörfeAdassuagewöh^^^ nicht zu Ende, so doch mitten im Sommer. Sie sind sehr groß an Umfang uni! genug v ump in der |;oim, so daß-wir:.sie ganz ruhig als Altertümlichkeiten ausgeben könnten, und ich will wetten, daß so mancher amerikanische Tourist hohes Geld für sie fahlen würde (a’s Ausgrabungen z. B.). Sie sind ln primitiver Art mit bunten Porzellanscherben verziert und haben jetzt sogar ein Drahtnetz und einen Wasserhahn. Ja, früher — früher war so manches anders bei uns. So hat man früher in diesen Krügen, die damals nicht zugedeckt waren, wenn man sic gewaschen hat, nicht selten die Leichen von Fröschen gefunden, und so mancher staubige Aermel hat sich in diesem klaren Wasser gewaschen, wenn die Hand mit der Tasse nach dem Wasser schöpfte. Jetzt blähen sie sich stolz vor lauter Hygiene, diese dicken Krüge, denn sie haben sogar einen Hahn. Und in diesen letzten zwei Monaten hat man Ile mit besonderer Liebe und Sehnsucht umgeben. Um II Uhr mittags versenkte man in ihren Bauch große Stücke Eis, und wenn man um 12 Uhr von der Arbeit nach Hause kam, konnte man genau so kaltes Wasser trinken wie die lieben Städter Darum können sie uns jetzt beneiden, weil wir doch nicht einmal einen Viertel Piaster dafür zahlen müssen. Die Geschichte der Beleuchtung ist viel einfacher. Ruthen* berg ist in unserer unmittelbaren Nähe, es kam ein Arbeiter und der installierte die Zimmer und die Hofgebäude. Im Speisezimmer brennt schon das elektrische Licht und wir \ erinstalten unserem alten Lur auch einen gemütlichen Nekrolog- Abend (selbstverständlich im engsten Familienkreis). Er hatte die üble Gewohnheit, besonders bei Versammlungen oder Vorträgen nicht funktionieren zu wollen. Das hatte zwar seine Vorteile, denn man konnte viel ungestörter und angenehmer einschlafen als bei Beleuchtung, aber ansonsten hat er treu und redlich gedient, trotzdem er eine Schwäche hatte. Er liebte keine Gäste. Wenn irgendein wichtiger Oast kam, geschah es gewöhnlich, daß er sich plötzlich aufblähte und einfach streikte. Aber an seinem letzten Abend umgab man ihn mit schwarzem Flor und Bändern, steckte ihm zum Andenken Palmenwedel in die Hüften und brachte außerdem alle möglichen und unmöglichen Beleuchtungskörper, die es im Laufe der Zeit in Daganiah gab. Sogar eine ausgehöhlte Kartoffel mit einem Oehldocht, wie man ihn zur Zeit des Krieges benützte, fehlte nicht. Das mit dem Radio ist schon eine längere Geschichte. Es ist auch eine weitgehende Geschichte. Denn das Radio haben uns die Arbeiter aus Amerika mit B. geschickt, also von recht weit. Es sieht wie ein kleiner Büfettschrank aus dem vorigen Jahrhundert aus. Als wir es bekamen, war im Speisezimmer noch keine elektrische Leitung und der einzige Kontakt, den es gab, war die Pumpe am Jordanufer, die vom Ruthenbergwerk angetrieben wird. Dort steht ein kleiner runder Betonbau und dort verbinden wir das Radio. Ich kann mir vorsteilen, wie sich der Jordan wundert, wenn er plötzlich solche Wunder hört. Er ist doch an Wunder seit den alten Zeiten gewöhnt. Und so pilgern wir des Abends in den kleinen Eukalyptuswald, um uns mit der Welt jenseits des Meeres zu ver- Erkältungskrankheiten. Altbewährt sind Togal- Tabletten bei Erkältungskrankheiten und als Vorbeugungsmittel gegen Grippe. Zur Verhütung von Erkältungskrankheiten wird Togal mit glänzendem Erfolge angewendet. Die große Beliebtheit des Togal beruht auf vielen ausgezeichneten Erfolgen, die zahlreiche Aerzte und Kliniken damit erzielten. binden und immer wieder über die Möglichkeit einer solchen Möglichkeit von neuem zu staunen. Euch drüben ist es bereits eine abgelegte Sache, für uns ein Weltwunder. So. Jetzt sind wir am Jordanufer. Jetzt würde ich viel lieber den Pinsel führen als die Feder, um das Bild festzuhalten, das sich dem Auge bietet. Das Radio selbst steht auf einem Strohbündei. Ringsherum sind Strohbündel verstreut und das Publikum liegt baikenweise auf dem Stroh. Wenn ich sage balkenweise, so hat das seine Bedeutung. Es sieht eben so aus, als würde man Balken nebeneinander schichten. Mosche führt heute die Zügel, wie wir es nennen, und kutschiert über die Welt. «Versuch Berlin,» sagt Jizchak. «Vielleicht hören wir jetzt politische Nachrichten.» Aber in Berlin ist ein wissenschaftlicher Vo-rtrag über Viehtransport. Plötzlich hat Mosche Odessa aufgefangen, ln hellem, klarem Russisch klingen die Worte herüber. Chaja ist aus Odessa. Sie ist aufgesprungen, ihr Qesicht ist so ergriffen, wie es zu sein pflegt, wenn sie ein sehr lyrisches Gedicht liest. «Ach,» sagt sie, «was für eine wunderbare Sprache!» Und plötzlich verwandelt sich das klare Sprechen in Quitschen und zischende Laute. Mosche nimmt die Zügel in die Hand, sagt erfahren: «Polen stört» und fährt auf der Weltkugel weiter. «Versuch doch Prag!» sage ich. Nathan mischt sich herein. «Geh nur nach Prag, bleib nur immer in Präg, als ob Prag der Nabel der Welt wäre.» In Prag singt man «Pisnicky z .posviceni». Die Erklärungen zu den Liedern sind länger als die Lieder und das Publikum will etwas, das eine internationale Sprache spricht... Sonst sympathisieren wir nicht so besonders mit den Rumänen, aber die klarsten Konzerte hören wir doch aus Bukarest. Auch aus Berlin hörten wir unlängst ein wunderbares philharmonisches Konzert. Und da war es wirklich wie ein Wunder der biblischen Zeiten. Es war eine klare Vollmondnacht, der Arbeitstag war heiß gewesen, und jetzt, beim kühlen Hauch, der über das Wasser ging, hörten wir ein großes Mendelssohn-Konzert tranken wieder einmal aus einer der Que len, auf die wir freiwillig und freudig verzichtet haben und nach denen doch immer unsere geheime Sehnsucht gehen wird. Die Musik von jenseits des Meeres kam zu uns wie ein großes Wunder, von dem wir noch vor kurzem nicht einmal geträumt haben. Es geschehen also wieder Wunder am Jordanufer. Trotzdem sagte der Vater eines Qenossen, als er das erstemal das Radio hörte, ganz von oben herab: «Die Menschen können machen, was sie auch nur wollen, Neues werden sie doch nichts erfinden. Was ist auch dabei, wenn man hier Berlin oder Odessa hört. Hat doch der Ribono schel Olam vom weiten Himmel gesprochen und man hat es bis auf der Erde gehört.» Die Fachleute Auf dem vor kurzem abgehaltenen, vom Ke reif H a j e s s o d veranstalteten Presseempfang in Nahalal hielt der Pionier der Kolonisation Im Jordantal. Josef Bar atz, eine Ansprache, in welcher er die Entwicklung der Arbeit im Jordantal schilderte. Wir geben im folgenden den charakteristischen Schlußpassus von Baratz’ Rede wieder: Ais ich gestern von D a g a ni a wegfuhr, wurden Grape-fruit verpackt und ins Ausland gesandt Sie werden vielleicht nicht davon begeistert werden, daß wir 400 Kisten Grape-fruit exportieren. Für uns ist dies aber von großer Bedeutung, denn davon könnte man verschiedene Schlüsse ziehen, die oft für das gesamte Land von Wichtigkeit sind. Die erste Sendung von Grape-fruit erfolgte von unserer Siedlung, kurz nach Veröffentlichung des Simpson-Berichtes. Ich war zufällig in London, als die Grape-fruits auf dem Markte erschienen. Es fand dann eine Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees statt. Die Stimmung war sehr gedrückt. Als ich die Mitteilung erhielt, daß die Grapefruits eingelangt sind, änderte sich meine Stimmung ganz. Man fragte mich, was denn passiert sei. Und ich erwiderte, daß wir auf Grund dieser kleinen Tatsache von der Sendung der Grape-fruits berechtigt sind, die Schlüsse abzulehnen, welche von großen Fachleuten herstammen, die das Land besuchen, Berichte schreiben und Zusammenfassungen machen über die Absorptionsfähigkeit der Kolonisation in Erez Israel. Während der Existenzjahre unserer Siedlungen im Laufe von zwanzig Jahren wurden wir von Dutzenden von Fachleuten aufgesucht, und es wurden Dutzende von Berichten verfaßt Man hat verschiedene Rechnungen über die Aufnahmefähigkeit unserer Kolonisation zusammengestelit Und ich habe zugeschaut, wonach die Fachleute Ihre Schlüsse ziehen. Als sie vor 15 Jahren zu uns kamen, haben sie eine Getreidewirt Schaft gefunden. Sie haben uns gefragt: Welche Einnahmen habt Ihr von der Wirtschaft, wovon lebt Ihr, wie groß ist hier die Zahl der Familien? Und nun haben sie die Rechnung aufgestellt: Eine jede Familie braucht zu ihrer Existenz 150 Dunam, also ist die gesamte Fläche des Jordanthaies in 150 zu teilen, und dann werden wir die Z a h 1 der Familien bekommen, die im Jordanthal leben können. Es kam also eine ganz kleine Bevölkerung heraus. Nach etwa zehn Jahren haben wir unsere Fläche beschränkt, und es wurden auf derselben Fläche zwei Dagania-Sledlungen gegründet. Die Rechnung kam schon anders heraus. Man hat Gemüse in Betracht gezogen und es stellte sich heraus, daß die Bevölkerung zunehmen kann. Nach sechs bis sieben Jahren haben wir begonnen, Bananen anzulegen. Nun haben die Fachleute gesehen, daß Bananen bei uns gedeihen; sie haben uns ein Zeugnis hierüber ausgestellt — das Jordanthal ist für Bananenzucht geeignet. Die Einnahmen haben zugenommen, die Fläche für jede Siedlung wurde beschränkt, die Bevölkerung hat zugenommen. Jetzt, als wir begonnen haben, Grape-fruits anzulegen, wurde die für die Existenz einer Familie erforderliche Fläche w eit er beschränkt. Auf der Fläche von Daganla, wo sich einst 12 Personen befanden, befinden sich jetztdrei Siedlungen. Wir teilen jetzt von dem Boden dieser drei Siedlungen eine Bodenfläche für eine vierte Siedlung ab. Die Bevölkerung hat z u g enomuien, das Jordantal wurde erweitert. Es bat sich gezeigt, daß dort eine Möglichkeit für die Ansiedlung von tausenden Familien besteht, Wer hat uns dies entdeckt? Haben es die Fachleute getan? Als wir die Fachleute, die von außen kamen, gefragt'haben, ob wir Bananen anlegen sollen, haben sie erwidert, daß unser Boden hierfür nicht geeignet ist, Unsere Vergangenheit und insbesondere die Wirklichkeit im Jordanthal lehrt uns, daß uns noch eine große Zukunft bevorsteht. Es gibt Platz für mehr als sieben Siedlungen. Es gibt noch große Bodenflächen, die sich bereits in unserem Besitz befinden, aber noch unbearbeitet darliegen und es gibt noch weite weite Bodenflächen, die noch nicht ln unserem Besitz sind, die man aber erwerben könnte, Erst dann wird die Benennung «J o r d a n t a l», die in der letzten Zeit verbreitet wird, seinen Namen verdienen und es wird durch eine große, Intensive, dichtbevölkerte Kolonisation von Arbeitern berühmt werden, die von ihrer Af* beit und ihrer Wirtschaft leben.

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