Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 200 (5.11.1931)
- Date
- 1931-11-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit* 4 DIE STIMME Nr. 200 — 3. November 1031 Prof. Guido Holskneeht Ein jüdischer Nachruf. | Von Dr. IsakRobinsohit. In der Zeit, als der verstorbene Oberrabbiner Cliajes aut Triest nach Wien kam, kursierte in jüdischen Zeitungen eine Anekdote über seinen berühmten Großvater, der vor langen Jahren als Rabbiner in Zolkiew gewirkt hat. Er war nicht nur ein großer jüdischer Gelehrter, sondern für seine Zeit und sein Land auch ein Mann von umfassendem, weltlichem Wissen. Eines Tages kommt er in die Synagoge und sagt: «Hört, Juden, Goethe ist gestorben!» «Goethe ist gestorben? Burach dajan emes. Muß man Kaddisch sagen!» Am 30. v. M. wurde der Wissenschaft, der leidenden Menschheit und seinen Schülern, von denen der größte Teil Juden waren, ein Mann entrissen, der zu den Zadikei umotli haolam gehörte, die es verdienen, daß man nach ihnen einen guten jüdischen Kaddisch sagt, ihren Namen in heiliger Erinnerung hält. Holzknecht war Nichtjude, nicht jüdischer Abstammung. Er war nicht Antisemit, er war nicht Philosemit, er war gleich vorurteilsloser Werter der Juden und Nichtjuden und — bevorzugte die Juden. Dem Antisemitismus ist an den Juden nichts recht, am wenigsten recht sind ihm ihre guten Eigenschaften. Es soll unter den Nichtjuden auch Philosemiten geben, die imstande sind, über die schlechten Eigenschaften der Juden wegen ihrer guten Eigenschaften hinwegzusehen. Es gibt aber auch einzelne wenige Menschen, die frei sind von Antisemitismus und Philosemitismus und die erkennen, daß die Fehler der Juden nicht größer, oft kleiner sind als die Fehler der Angehörigen der eigenen Nation, ja, die die Juden trotz ihrer Fehler, die vielfach bloß abweichende Eigenschaften sind, schätzen. Ein solcher Mann war Holzknecht. Holzknecht war, wie gesagt, kein Jude, aber fast auch leiblich, sicher seelisch die Inkarnation eines Juden, ln Holzknechts Erscheinung war etwas Jüdisches, er wurde von vielen für einen Juden gehalten, in seinem Wesen, Gehaben, Denken, Sprechen und Handeln war viel Jüdisches. Sein hauptsächlicher Umgang war der mit Juden, und er ließ sich von der Wahl eines Juden zum Schüler oder zum Umgang nicht einmal dann abschrecken, wenn dieser Jude getauft war, Charakterfehler verzieh er leichter als Untüchtigkeit. Und so kam es, daß um H o 1 z k n e c h t, der einer der Mitbegründer der medizinischen Röntgen-Wissenschaft war, und eine der größten Röntgenschulen ins Leben gerufen har —»,die Röntgenärzte der ganzen Welt zählen zu seinen direkten oder indirekten Schülern — eine große Zahl jüdischer Röntgenologen erwuchs. Heute ist dank zweier Gründer der Wiener Schule Holzknecht und einem zweiten in der Röntgen-Wissenschaft ebenso hochstehenden Mann, der sich von jedem Vorurteil freigehalten hat, obwohl er Halbjude Ist, in Wien die Röntgenologie noch «verjudet». Aber leider ist die Zeit nicht mehr fern, wo ein jüdischer Röntgenologe von Stellung genau so selten sein wird wie ein jüdischer Chirurg oder Vertreter eines andern «exklusiven», d. h. wirklich oder vermeintlich lukrativen Faches. Wir Juden haben, wie auf allen Gebieten, so auch am Ausbau der medizinischen Röntgenologie redlich unsern Teil mitgearbeitet. Aber die Früchte werden in Zukunft nicht wir, sondern die anderen genießen, wenn nicht die Welt sich gründlich ändern wird und wenn nicht wir Juden die Verteidigung unserer Interessen selbst indieHandnehmenwerden. Wir werden nicht immer Männer der Wissenschaft finden, die die Juden aus Vorurteilslosigkeit herangezogen und gefördert haben, noch weniger einen Mann wie Holzknecht, der für seine Vorurteilslosigkeit im Interesse der Wissenschaft Üpter gebracht hat. Niemand ist ungestraft Jude oder Judenförderer. Auch Holzknecht hat für sein Standhalten gegen die Zeitströmung gebüßt. So manche! seiner Schüler, einer auch im Inland, ist seit Jahren ordentlicher Professor der Röntgenologie, ln Wien wurde dem weltberühmten Begründer der Röntgen-Wissenschaft eine Lehrkanzel versagt, die unausweichlich schon lange bestanden hätte, wenn man die Ernennung Holzknechts hätte umgehen können. Ueber die wissenschaftlichen Verdienste Holzknechts wird man in allen Sprachen und Blättern der Welt lesen können. Ich will nur das gesagt haben, was in den anderen Nachrufen gar nicht od.r verschämt und verschh-ieri gesagt werden wird. Secher Zadik liwrachah! Di« Rechtslage der Juden des Irak vor der Mandatskommission Genf, 27. Oktober (J. T. A.). Die Permanente Mandatskommission des Völkerbundes wird sich in ihrer gegenwärtigen Tagung auch mit 1er Lage der Juden des Irak im Zusammenhang mit der Absicht der englischen Mandatsmacht, dem Irak schon vom kommenden Jahre ab, die Unabhängigkeit zu geben und dafür einzutreten, daß der neue unabhängige Staat in den Völkerbund aufgenommen wird, befassen. In der letzten Tagung der Mandatskommission wurden an diese Fragen, betreffend Sicherheit und Schutz der Minderheiten im Irak gerichtet; ein Teil dieser Fragen betraf direkt die J u d e n h e i t dieses Landes. Varband Allaemalnar Zionisten Mittwoch, den 11. November 1931, 8 Uhr abends im Saale der Zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt, Jl. Praterstraße 13 (Lloydhof) Versammlung Redners Dr. Oskar GrQnbauiti, Dr. S. Horowltz „Allgemeiner Zionismus und die lugend" Ist das noch Jüdische Gleichberechtigung 7 Deutscher Gerichts-Antisemitismus München, 30. Oktober. (J. T. A.) Am 27. Oktober hatten sich vor der Oroßen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt die Nationalsozialisten Erich Berger und Zerbes in der Berufungsverhandlung wegen verschiedener Vergehen zu verantworten. Berger beantragte die Ablehnung des Beisitzers Amtsgerichtsrat Dr. Marx wegen Befangenheit, seine Verteidiger legten dar, warum ein Nationalsozialist einen jüdischen Richter ablehnen müsse. Kaess führte u. a. aus: «Nicht nur nach nationalsozialistischer Auffassung, sondern auch nach den Ergebnissen der modernen Rassenforschung, wie sie durch ihren bekannten, von der Regierung eines deutschen Landes auf den Lehrstuhl einer staatlichen Hochschule berufenen Vertreters, Prof. Günther, bestätigt wird, kann ein Jude einem A ndersrasslgen gegenüber niemals eine objektive Haltung einnehmen.» Wie der «Völkische Beobachter» heute meldet, hat das Gericht dem Antrag der Verteidigung. stattgegeben und zur Begründung ausgeführt, es müßte bei der Beurteilung vom Standpunkte der Angeklagten ausgehen und könnte das, was sich seelisch gegen den Zur Ziehung: der I. Klasse der 26. Klassenlotterie bestellen Sie Ihr Glückslos bei der Geschäftsstelle der Oesterrelchischen Klassenlotterie J. M. Neufeld Wien, II-, Krummbaumgasse 18, Tel. A 48-9-65. Höchstmöglicher Gewinn eventuell S 800.000.—. Lospreise: 1/1 S 48.—, */. S 24.—, ‘ü S 12.—, ‘/a S 6.—. Die Hälfte aller Lose gewinnt Die Ziehung der I. Klasse beginnt schon am 17. November 1981. nsv'iü'w Amtsgerichtsrat Dr. Marx bei den Angeklagten abspielt, ob es berechtigt oder nicht berechtigt erscheint, nicht übergehen. Wenn die Angeklagten von ihrem Recht durch eine Reihe von äußeren Ereignissen derart felsenfest überzeugt seien, so müsse man annehmen, daß das Mi ßtrauen gegen einen jüdischen Richter dann soweit begründet ist, daß Uber den zur Verhandlung stehenden Fall nur ein Gericht urteilen kann, das das volle Vertrauen genießt. Der «Völkische Beobachter» jubelt über diesen Gerichtsbeschluß und schreibt: «Diese Entscheidung der Großen Strafkammer des Landgerichts Darmstadt, die insbesondere eine Ergänzung zu der Reichsgerichtsentscheidung im 61. Band (Seite 169) darstellt, ist für das Rechtsleben von einschneidender Bedeutung. Der Kampf um das Recht der Angeklagten, insbesondere gegen jüdische Richter sich mit Ablehnungsanträgen zu wehren, ist mit dieser Entscheidung ein Stück weitergekommen. Wir Nationalsozialisten werden nicht eher ruhen, bis allgemein in Deutschland anerkannt wird, daß ein jüdischer Richter über einen Nationalsozialisten nicht zu Gericht sitzen kann.» ffiei/ffdMcr der Wocfke Oer italienische Kronprinz bMUOht den Gottesdienst in der Turlner 8ynagoge Der italienische Kronprinz Umberto wohnte am vergangenen Freitag dem Sabbatwelhe-Gottesdlenst ln der Synagoge zu Turin bei. Die etwa 6000 Personen starke jüdische Bevölkerung von Turin war fast vollzählig in der Synagoge versammelt und bereitete dem Kronprinzen einen begeisterten Empfang. Kronprinz Umberto hatte den verstorbenen Prof. Vlttorlo Polacco, den berühmten Rechtsgelehrten, der strengorthodoxer Jude war, zum Hauslehrer. 1928 enthüllte der Kronprinz persönlich eine Polacco-Gedenktafel im Hof der jüdischen Schule in Rom. Diese Gedenktafel würdigt die Verdienste Polaccos um die Gründung eines großen Netzes jüdischer Schulen ln Italien, das errichtet wurde, damit die jüdischen Kinder nicht weiter genötigt werden, dem katholischen Religionsunterricht an den Staatsschulen beizuwohnen. Der Exkronprinz von Deutschland hält es anders. Als er kürzlich die Unvorsichtigkeit beging, einem Jüdischen Journalisten einige nette Worte über daa Judentum zu sagen, beeilte er sich sofort, ein Dementi vom Stapel zu lassen, als das Interview ln die Oeffentliohkeit drang. * Wie Wilhelm Vazsenyl Minister wgrde Die Gattin des vor etwa fünf Jahren an den Folgen eines antisemitischen Ueberfalles auf Ihn und der dabei ausgestandenen Aufregung verstorbenen früheren ungarischen Justizministers und liberalen Führers .Wilhelm V a z s o n y 1 gibt jetzt Erinnerungen an Ihren Gatten In Buchform heraus. Sie erzählt: Als Graf Morlts Estefh&zy im Jahre 1917 Vazsonyi das Justlzportefeullle anbat, .sagte Vazsonyi: „Es lat eine große Frage, ob mich der König (Karl IV.) ernennt, wenn er erfährt, daß Ich Jude bin. Ein Mißverständnis würde nicht nur für mich, sondern auch für meine Konfession unendlich peinlich sein." Estcrhasy klärte den König auf, der erwiderte: „Die Konfession meines Ministers geht mich nichts an. Die Frage Ist die, ob er ein anständiger Mensch ist oder nicht." So wurde Vazsonyi als erster Jude Minister ln der alten Monarchie. Er blieb es bis zum Sturz der Monarchie. Wir möchten nicht als Monarchisten erscheinen. Aber welche Regierung in Oesterreich würde es heute wagen, einen Juden zum Minister zu machen, von Ungarn gar nicht zu reden? Mit dem Täufling Redlich hat man es wohl neulich versuoht, aus bekannten Absichten: aber lange hielt sich Herr Redlich nicht! * Lernt Schießen! Diesen klugen Rat erteilte Jabotlnsky der jüdischen Jugend. Und zwar Ist Ihm das Bohleßen nicht bloß eine technische Meisterschaft, sondern auch eine psychologisch© Wissenschaft. Wer das nicht begreift, der lese nur naob Ira Warschauer „Hajnt" vom 16. Oktober. Jabotlnsky schreibt dort: „Wenn Ihr auch gebildete Menschen sein und gelernt haben werdet zu ackern und Häuser zu bauen und wenn Ihr auoh hebräisch reden werdet, aber nicht schießen könnt, wird es für euch keine Hoffnung geben. Die Wiedergeburt kann nicht erreicht werden, wenn ihr nicht schießen könnt“ Jabotlnsky will der Jüdlsohen Jugend die „Psychologie" des Schießens beibrlngen und sagt darüber: „Das Ist der gesunde Instinkt einer Nation, die sloh ln einer Lag© befindet wie es unsere Lage ist". Das ist wahrscheinlich die neueste Manifestation des „hundertprozentigen Zionismus“, dessen Alleinvertrieb für die ganze Welt Jabotlnsky für sich ln Anspruoh nimmt Daß Selbstschutz nötig Ist ist selbstverständlich, doro Politiker Jabotlnsky bleibt es Vorbehalten, solohe Angelegenheiten in Zeitungsaufsätzen zu behandeln. Jfiurxe Jladittdkten aus (Palästina Die noch lebenden Mitglieder der Gruppe B11 u (Beth Israel lechu wenelcha), die sloh vor einem halben Jahrhundert als die ersteh jüdischen Pioniere in Palästina -ansiedelten, haben sich zu einem Appell an die Freunde Palä-' stinas ln der ganzen Welt vereinigt und fordern unter Hinweis auf die Fünfzigjahrfeier der Gründung der Chibath Zion-Bewegung und die Dreißigjahrfeier der Gründung des Jüdischen Nationalfonds zur Erhöhung der Keren Kajemeth-Boiträge ln diesem Jahre auf. In dem Appell heißt es, die Veteranen der ersten jüdischen Einwanderungsbewegung bringen den Leistungen des Judentums für Palästina in der Gegenwart und der Arbeit des Jüdischen Nationalfonds, die die Ansiedlung immer neuer Juden auf dem Lande in Palästina ermöglicht, Bewunderung entgegen. * 600 ägyptische Notabein wurden aur Teilnahme an der ■ allmoslemitischen Konferenz, die im Dezember dieses Jahres in Jerusalem stattfinden wird, eingeladen. Auoh König Fuad wurde gebeten, einen Vertreter zur Konferenz zu entsenden. Aus König Fuad nahestehenden Kreisen wird aber erklärt, daß der König n I c h t geneigt sei, sich auf der Konferenz vertreten zu lassen. Er habe bei verschiedenen Anlässen offen erklärt, daß er ein Gegner der Panislarabewegung sei, durch welche die Beziehungen Aegyptens zu Europa, insbesondere zu England, leiden müssen. * Das Zentralbureau des Weltmisrachi ln Jerusalem hat im Zusammenhang mit dem Ausscheiden des deutschen Mlsrachi aus dem Mlsrachl-Weltverband eine Erklärung ver- - öffentlicht, daß sie fortfahren wird, das von der Mlsrachl- ' Weltkonferenz in Basel festgelegte Programm durchzufUhren. Das Zentralbureau des Weltmisrachi teilt mit» ea; habe beschlossen, ln Deutschland einen Ml stacht Landes- ’ verband als Zweig des Weltmisrachi neben dem bereits b«.: v stehenden, aber aus dem Weltmisrachi ausgetretenen Landesverband zu organisieren. Jerusalem, 1. November. (J. T. A.) Julius Simon und Dr. H e x t e r gaben telegraphisch Ihre Zustimmung zu dem zwischen der Hypothekenbank der Palestlne Eoonomio Corporation und einer Arbeitergruppe geschlossenen’ Vertrag, betreffend den Bau der ersten 118 Häuser Im neuen Arbeiterviertel zu Haifa. Laut dem Vertrag muß der Bau dieser Häuser binnen neun Monaten beendet sQln. Die Verwaltung des ägyptischen Eisenbahn-' wesens hat allen Reisenden, die sich zum Besuch der im April 1932 ln Tel-Avlv stattfindenden Levantemese begeben, eine 60prozentlge Fahrpreisermäßigung gewährt Italien, Frankreich, Belgien und andere Länder werden offiziell an der Messe teilnehmen. Von England wird eine sehr aktive Beteiligung erwartet wird von Dame In Pension, streng rituell, event. Halb* Pension aufgenommen. Zuschriften: II. Nestroyg. 9/6