Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-08-29 · Heft 199 (29.8.1931) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 199 (29.8.1931)
Date
1931-08-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053953--2625-3058070
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Kr. 199 — 29. Oktober 1931 tiic: diiMMb Avi^dot Jiameiti Nachdruck auch in Auszügen verboten. CJJTUUlf ▼ ▼ ^LXLMnLM.JLJKhL.BLfl» Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 10 Nach einer Weile kam die ganze Klasse. Wir machten einige Uebungen und dann marschierten wir nach Hause. Auf dem Wege waren viele Pfützen, und einmal machte ich einen kleinen Umweg um eine, um mir die Schuhe nicht zu beschmutzen. Plötzlich höre Ich den Befehl: «Haiti» Die ganze Klasse bleibt stehen. Der reitende Leutnant kommt auf mich zu, befiehlt allen meinen Kameraden, sich auf die Seite zu stellen, und mir, bei der Pfütze zu bleiben. «Jetzt wirst du siebenmal auf und nieder machen!» Auf und nieder — das heißt, sich der ganzen LAnge nach in die Pfütze zu werfen und aufzustehen. Siebenmal. Ich erfülle den Befehl und sehe dann einem Schwein ähnlich. «So», sagte der Offizier zufrieden, «und jetzt wirst du mir meine Fragen beantworten. Kannst du die Bibel?» «Jawohl, Herrl» «Kennst du die Qeschichte von den dreihundert Soldaten Gideons, die das Wasser geleckt hatfSYi?» «Jawohl, Herr.» Kannst du mir erklären, warum Gideon gerade diejenigen gewählt hat, die sich auf den Bauch gelegt und so das Wasser geschlürft haben?» Ic|i wurde verwirrt. Nie ist es mir eingefallen, eine Erklärung für diese sonderbare Laune Gideons zu suchen. Auch mein würdiger Lehrer, Professor Bacher, hat es mir nicht erklärt. Aber plötzlich wurde es in meinem Kopfe hell: «Jawohl, Herr Leutnant», sagte ich freudig, «ich weiß es schon. Gideon ließ die Verweichlichten nach Hause gehen und wählte diejenigen, die nicht so zimperlich waren. Ein Soldat, der vor dem Schmutz Angst hat, ist kein Soldat, Herr Leutnant.» Der Offizier reichte mir die Hand, drückte die meine und sagte: «Bravo! Du wirst es noch zu etwas bringen. Aus dir wird noch ein Mensch werden. Und wenn es dir nicht beschieden sein sollte, einen Orden zu bekommen, solange du noch lebst, so werde Ich dafür sorgen, daß man ihn dir auf dein Grab legt.». Meine Freunde sahen mich neidig an. Und Ich —- Ich war glücklich. Einen Orden aufs Gräb! IX. Kapitel. Seine Majestät der Knopf Im Laufe all dieser wirren Geschehnisse und in diesem chaotischen Seelenzustande, in dem ich die letzten Wochen lebte, wurde in mir eine Erkenntnis immer stärker, für die ich keine Erklärung wußte: das war das Gefühl der inneren Wertschätzung, die ich immer mehr und mehr den Menschen entgegenbrachte, welche bis dahin mir nichts bedeutet hatten: den Offizieren. Was war denn früher in meinen Augen ein Offizier? Ein Offizier war, wenn ich ihm überhaupt je einen Augenblick Nachdenken geschenkt habe, in meinen Augen nichts anderes, als ein unnützes Geschöpf, das gebügelt und geschniegelt ist und sich von Kopf bis Fuß nur aus trockenen Knochen zusammensetzt. Im Schädel hatte das Geschöpf an Stelle von Hirn gefrorenen Wein. In meinem gesellschaftlichen Leben bin ich ziemlich selten diesem Geschöpf begegnet, und nie habe ich es beachtet. Ich hatte überhaupt keine Beziehung zu ihm. Wenn dieses Geschöpf zwischen mir und irgendeinem Ding gestanden hätte, ich glaube, es hätte mich nicht gestört, das Ding zu sehen. Einfach Luft. Und nicht einmal zufällig wollte ich je mit einem Offizier an einem Tisch sitzen. Wer sitzt denn mit einem Offizier an einem Tisch? Nur eine Dirne oder, schlimmer als das: ein anderer Offizier. Und nie habe ich nachgedacht, wozu denn diese sonderbaren Geschöpfe überhaupt da sind. Nur einmal erwachte in mir ein ähnlicher Gedanke so nebenbei. Ich las nämlich in irgendeinem Buche von Boelsche über den Sinn der Schöpfung. Das Buch spornte mich an zu Gedanken Uber das große Wozu. Und damals entstand in mir unter anderen Fragen und Assoziationen die Frage: Wozu wurde die Laus geschaffen, wozu der Frosch und wozu der Offizier? Aber auch nachher, als ich schon das Leben und die menschliche Gesellschaft kennengelernt hatte, und als vor mir die Geheimnisse des Militarismus, des Kapitalismus und alles was dazu gehört, gelüftet wurden, auch da habe ich es nicht begreifen können, wozu dieses Geschöpf in unserem dummen und dreckigen System existiert. Denn auch in unserem dummen und dreckigen System konnte ich keinen Platz finden für diesen Menschen, der einen drückenden Kragen trägt und mit seiner Reitpeitsche den unglücklichen Ehemann schlägt, der ihn, den Offizier, zur Verantwortung ziehen will, weil dieser seine dumme Frau verführt hat, die sich in dieses Stück Holz verliebte. Und ich erinnerte mich, daß Bismarck auch immer von diesen sonderbaren Geschöpfen umgeben war, und daß sie immer um ihn standen, wie jene Steinsäulen um die große Pappel Im Berliner Grunewald. Und wenn Bismarck, die Pappel, sich bewegte, bewegten sie sich auch. Und wenn er stehenblleb, blieben sie ebenfalls stehen. Aber was machten diese Holzklumpen, wenn Bismarck seiner Gedanken nachhing? Bismarcks Gedanken waren vielleicht Gedanken der Gewalt, der Herrschaft, der Unterjochung, aber die Offiziere konnten überhaupt nicht denken. Und ich habe mich an den Vortrag von Werner Sombart über das Judentum erinnert: die Juden wären zu Offizieren nicht geeignet. Sehr richtig, denn um ein Offizier zu werden, muß man vor allem gewissermaßen leer Im Kopf sein und noch andere derartige Eigenschaften haben. Und ein Jude hat andere Eigenschaften, So ungefähr sagte Sombart, und wir alle haben ihn verstanden. Es waren ja einfache, selbstverständliche Worte. Um ein Offizier zu sein, braucht man eine Reitpeitsche, einen pomadisierten Schnurrbart und einen Hund, sonst gar nichts. Diese Oedanken entstanden in mir einmal ganz von selbst in der Offiziersschule, als ich in einem lichten Augenblick plötzlich erkannte, daß mein Oberleutnant und andere Offiziere nicht nur mit militärische Angelegenheiten im Zusammenhänge stehen, sondern auch mit anderen, und sogar kulturellen, künstlerischen, literarischen. Was ist denn da geschehen? Der Oberleutnant, ein Herr Frind, geborener Oesterreicher, war im Grunde genommen ein gutmütiger Kerl, der gerne Gespräche über kulturelle Fragen führte und sich immer Mühe gab, zu beweisen, daß er ein Liebhaber der Künste sei. Nach der «Arbeit» ließ er sich immer gnädig herab, mit uns über alle möglichen Dinge zu plaudern, ln diesen Stunden war er sozusagen ein ganz anderer Mensch. Ein Mensch, der die geistreiche Anekdote liebte, der sich mit uns unterhielt, wie man sich mit Freunden unterhalten mag. Anläßlich dieser Gespräche habe ich seine Meinung über verschiedene Dinge kennengelernt, z. B.: «. . . . Michelangelo war ein genialer Künstler. Nur einen großen Fehler hatte er: seine Frauen sind nicht schön, nicht ästhetisch.» «. . . . Marx war ein ekelhafter Karrierenjäger, der keine Gelegenheit hatte hoch hinaufzusteigen, und der deshalb versuchte, der Masse zu schmeicheln und Ihren Verstand mit gefährlichen Ideen zu durchseuchen.» «. . . . Der Größte unter allen deutschen Musikern war Haydn: er komponierte die österreichische Volkshymne, wie auch alle militärischen Signale für das östereichische Heer. Auch Wagner war ein größer Künstler; bei ihm sind ebenfalls hie und da militärische Motive zu finden, aber die Julirevolution wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde selbst Revolutionär.» «. . . . Das Geheimnis der Gedanken von Tolstoj liegt darin, daß man ihn aus dem Offizierskorps ausgeschlossen hat, weil es sich zeigte, daß er kein Talent zu einem guten Soldaten hatte. Deshalb wurde er zum Prediger des Friedens. In Wirklichkeit ist es schade um ihn, denn er hätte der Welt Segen bringen können, wenq er Offizier geblieben wäre.» «. . . . Die Bibel ist ein Kriegsbuch, aber die Juden, die weder Kraft, noch Kriegsmittel hatten, machten daraus ein Buch der Friedensideale.» «Und Christus?» fragte einer von uns. «Christus? Christus war ein echter Jude. Und sein einzig wahres Christentum liegt in seinem Ausspuch: Nicht Frieden brachte ich, sondern Krieg. Der Friede kann ein Kompromiß sein, aber kein Ideal. Schade, daß Nietzsche etwas zu spät auf die Welt gekommen ist. Er hätte vor Christus geboren werden sollen. Dann hätte die Welt seine Lehre angenommen: Die Lehre des Krieges um des Krieges willen. Aber Nietzsches Zeit wird noch kommen; ja, sie wird kommen!» (Fortsetzung folgt) res» und lenkte das Gespräch auf das Judentum. Nach einer Welle trat Peter Altenberg an unseren Tisch heran, zupfte an seinem buschigen Schnurrbart und lauschte dem «Kollegen Schnitzler», der Uber seinen «alten Freund» Theodor Herzl und über Zionismus folgende Worte sprach: «Herzl ist der bedeutendste Jude, dem ich In meinem Leben begegnete. Ich schätze ihn hoch als geistvollen FeuiUetonistea und als einen Hellseher, der tief in die Seele des jüdischen Volkes hinein* blickte, Ich bewunderte auch seinen Mut als Politiker, trotzdem ich nicht glaubte, daß er, der Literat, diplomatisch der Realisierung seiner Judenstaatsidee gewachsen war. Der Zionismus ist eine ganz gewaltig große, zündende Idee, viel größer als ihr großer Schöpfer, Ich bin auch fest überzeugt, daß sie auch viel größer werden wird, weil sie die in der Diaspora ungerecht behandelten jüdischen Volkamasscn fest erfassen wird. Und hier liegt das Historische an Herzl, Er hat es wundervoll verstanden, kraft seiner Idee die Sehnsucht des Volkes nach dem Mysterium — Palästina — zu einem unverwüstlichen Gefühl zu gestalten. Und das heißt schon sehr viel. Jetzt kommt es nur auf die Methoden an, auf welche Art die Fackel Herzls getragen und über welchen Weg sie leuchten soll, ich glaube, daß die Zelt und der Magnet der Jüdischen Auferstehungsidee den richtigen Weg schon finden werden.» Diese Worte sprach Arthur Schnitzler Uber Herzl und den Zionismus, Ich glaube, daß der Dichter schon damals sein heißes Bekenntnis zur nationalen Auferstehung des Judentums in der Manuskrlptenmappe bereits fertiggestellt liegen hatte. Nicht lange nachher mehlen «Der Weg ins Freie». Dt, Kail Rosenfeld, Mieraiur / Kunst / Theater Die Bilderausstellung Luele Neustein Im Glaspalast sind einige Bilder der bekannten jüdischen Malerin Lude Neust ein ausgestellt, die besonders hervorgehoben zu werden verdienen, Schon im ersten Saal« des Glaspa'astes fesselt den Blick ihre herrliche plastische Darstellung der Rodauner Zement-Fabrik. Die pasteligetönten Farben dieses Ölgemäldes zaubern eine ganz moderne Arbeiterstätte vor unsere Augen. Der breit« Vortrag, gute Perspektive, plastische Darstellung und feiner Pinselstrich, schmelzen hier zu einem Kunstwerk zusammen. Im nächsten Saale zeigt uns die Künstlerin in einer reichen Farbenpracht zwei Blumensträuße, zur schönen Harmonie gezügelt. Es fehlt diesen Bildern nur noch der Blumenduft, um lebend zu erscheinen. Auch eine Frauenkopfatudie im ersten Saale rechts zieht so manchen Kennerblick auf sich. Hier zeigt sich Lucie Neustein als eine Koioristin von feinstem Geschmack. Diese jüdische Künstlerin geht ihren eigenen Weg, unbeirrt der Lockungen der extremen Richtungen der neuzeitlichen Malerei, und gibt schon mit den wenigen ausgestellten Bildern Zeugnis eines großen Talentes, das zu den besten künstlerischen Hoffnungen berechtigt. G. F. Ein illustriertes Preßburg-Buch Brünn, Unter dem Titel «Die Juden und Judengemeinden in Preßburg in Vergangenheit und Gegenwart» bereitet der Jüdische Buch- und Kunstverlag, Brünn (Rennergasse 20), ein großes illustriertes Werk vor, das in einem besonderen Abschnitte die Qeschichte der weltberühmten Preßburger Jeschiwa bringen wird. Der Verlag ersucht alle ehemaligen Absolventen der Jeschiwa um Bekanntgabe ihrer gegenwärtiges Adreeae und das Berufes (ßüdkerstfkavi Jakob Halevi Upschitz; Sichron Jakob. Verlag Notel Upschit?, Kaunas-Viljampole, Es liegt jetzt der dritte Band dieser interessanten Geschichte der russischen Juden, die von einem «Diplomaten» im besten, Im jüdischsten Sinne des Wortes geschrieben ist, vor. Er schildert die Periode, die — von Kowno und seinem Rabbinat aus gesehen — zwischen dem Beginn der Reaktion und dem Verbot, in den Chadarim Talmud zu lernen, liegt. Aber damit ist nur wenig gesagt. Was wirklich dazwischen liegt — an kleinen und großen Episoden, Taten, Begegnungen, Korrespondenzen, Versammlungen, Beratungen und inneren Evolutionen des jüdischen Rußland um die Jahrhundertwende —, das läßt sich nicht aufzä'hlen, daß muß man lesen. Abraham Kohane: Israel Bai Sehern und Elia Wilna. Eine feschichtliche Darstellung ihres Lebens und ihres Wirens. Verlag Dr. Faerber, Mähr.-Ostrau, 1931. Abraham Kohane, der ständig in Przemvs! wohnt, hat bereits viele Beiträge aus dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft veröffentlicht. Im gegenständlichen Werke entwirft er ein glänzendes Bild des Schöpfers des Chassidismus Baal Schern Tom sowie seiner Jünger. Ueberdies enthält das Werk die Biographie und die Würdigung der wissenschaftlichen Tätigkeit des bedeutenden Widersachers des Chassidismus, des Wiinaer Gaons. Die Publikation enthält auch eine erschöpfende Biographie und kann daher als wichtiger Beitrag zur Geschichte der chassidischen Bewegung gelten. Der Novellist Dr. Kimchi hat einen Roman in zwei Teilen unter dem Titel «Auf sieben Meeren» vollendet, der das Leben in Jerusalem während des Weltkrieges schildert. — Henri Poincares «Wissenschaft und Hypothese» ist in einer hebräischen Uebenetzung von Jechiel Orünfeld erschienen, Lorenz Scherlagi Menechen im Frühling. Roman, AmalthM-Verit# Zürich-U^ig-Wien, i»3l. v*-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.