Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 199 (29.8.1931)
- Date
- 1931-08-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite S DIL SUMME Nr. 199 — 29. Oktober 1931 Rvihuv Schnitxlev als Jude Schnitzler, der Jude Klarheit und Wahrheit sind die Grundtendenzen in Schnitzlers Dichtung. Er, der den Menschen in seiner tiefsten Tiefe ergründen wollte, dem die Beziehung von Mensch zu Mensch das Rätselhafteste und Fesselndste war, er erfühlte und erkannte die psychologische Seite des Judenproblems als Judenkomplex, das sowohl bei Juden als auch bei Nichtjuden wirksam ist. Gerade in dem Kreis, in welchem Schnitzler lebte, in der gutbürgerlichen Gesellschaft der Vorkriegszeit, die, kultiviert und anspruchsvoll, keine Vorurteile gelten lassen wollte, gerade in dieser Atmosphäre, in die die Juden Einlaß suchten, mußte ihnen ihr Judesein etwas rein Negatives scheinen, es bedeutete ein Anderssein, dem die gesunde Kraft der Selbstverständlichkeit, der urtümlichen Zugehörigkeit fehlte. Das Trennende, z. B. zwischen dem katholischen Geistlichen und dem jüdi- * sehen Arzt Bernhardi, als Abgrund sich auftut, hängt nicht bloß mit dem Beruf dieser beiden Männer zusammen, sondern wirkt, wie sie es selbst verspüren, fortwährend mit mehr oder minder deutlicher Betonung in allen Ansichten, Worten und Handlungen mit. Daher die ewig wache Empfindlichkeit auf seiten des Juden, die von ihren nichtjüdischen Freunden oft als krankhaft angesehen wird. Die junge jüdische Sozialistin in Schnitzlers Roman «Der Weg ins Freie» meint aber, als ihr diese Eigenschaft des Juden zum Vorwurf gemacht wird, Empfindlichkeit sei nie krankhaft, «nur Unempfindlichkeit ist eine Krankheit, und zwar die widerwärtigste, die ich kenne». Heinrich Berman, eine der interessantesten Judengestalten des Romans, Dichter und Philosoph, gibt dieser Empfindlichkeit im Gespräch mit seinem nichtjüdischen adeligen Freund klaren eindeutigen Ausdruck. Er ist der Ueberzeugung, daß selbst der edelste, gerechteste und treueste Christ in einem Augenblick des Grolles, des Zornes, bei feindlicher oder ironischer Beurteilung von Zeitgenossen, das Judentum oder die jüdische Abstammung selbst seiner Nächsten nie vergessen, sondern sie stets im entscheidenden Augenblick unterstreichen wird. «Was Sie Verfolgungswahn zu nennen belieben, das ist eben in Wahrheit nichts anderes, als ein ununterbrochen waches, sehr intensives Wissen von einem Zustand, in dem wir Juden uns befinden und viel eher als von Verfolgungswahn könnte man von einem Wahn des Geborgenseins, des Inruhegelassenwerdens reden, von einem Sicherheitswahn, der vielleicht eine minder auffallende, aber für den Befallenen viel gefährlichere Krankheitsform vorstellt.» Die Erkenntnis, als Fremder angesehen zu werden, muß um so schmerzlicher für einen Menschen sein, der dieses Land, diese Stadt, diese Berge und Wälder liebt, der mit ihnen verwachsen ist, dem sie eine Heimat bedeuten, und der sie dennoch nicht als seine Heimat ansehen darf. Wie also tragen, wie ertragen die Menschen ihr Judesein? Schnitzler sieht ihre Not, er horcht in sie hinein, und zeigt sie uns in ihrer inneren Zerrissenheit und ihrer Begeisterung, ihrem Untergang und ihrer Erhebung. Er zeigt, wie sie ihr Judentum vergessen machen wollen. Er zeigt den Juden der liberalen Zeit, dem sein Deutschtum höchstes Gut bedeutet und der, als er erfahren muß, daß dies sein Deutschtum nicht anerkannt wird, innerlich und äußerlich zugrunde geht. Er zeigt den jungen Mann aus wohlhabender Familie, den Reserveoffizier, der es seinen adeligen Freunden gleichtun will und dadurch in die aufwühlendsten Konflikte mit seinem Vater gerät, er zeigt den etwas beschränkten Sohn jüdischer Kleinbürger, der sich mit ausgesprochen antisemitischen Parteigängern anfreundet, um im Beruf weiterzukommen. Und er zeigt uns die Väter der beiden jungen Männer, scheu und gedrückt den einen, unternehmungsfroh und energisch den anderen. Dieser aber, der Erfolgreiche, Wohlhabende, dessen Frau die vornehmsten und interessantesten Persönlichkeiten der Stadt zu ihren Gästen zählt, fühlt sich in seinem Hause nicht heimisch; er möchte, wie man behauptet, zu den Gesellschaften seiner Frau am liebsten «im Kaftan und mit den gewissen Löckchen» erscheinen. Und er, der Geschäftsmann Ist Zionist. Er sieht, daß die Juden, die die liberale Bewegung in Oesterreich geschaffen hatten, von den Liberalen verlassen wurden, daß es den Juden, die an der Begründung der deutschnationalen Bewegung mitgewirkt hatten, genau so ergangen war, und er sagt voraus, daß das gleiche Schicksal sie auch beim Sozialismus und Kommunismus erwarte. Daß der Zionistische Gedanke eine neue begeisternde Macht bedeutet, fühlt Schnitzler sehr wohl. Er schildert den Eindruck, den der Baseler Zionistenkongreß auf einen jungen hochstehenden Wiener Juden macht, der hier «inen tiefen Einblick in das Wesen und den Gemütszustand des jüdischen Volkes gewinnt. Er sicht, daß ln diesen Menschen die Sehnsucht nach Palästina als ein echtes, nie erloschenes und nur mit Notwendigkeit neu aufflammendes Gefühl wirkt. Dennoch entscheidet sich Schnitzler nicht für den Äionismus. Vielleicht, weil er In ihm zu sehr die politische Partei und zu wenig die ethische Bewegung sah, und weil ihm, wie seinem Professor Bernhardi, jede Politik fern lag. Vielleicht auch, weil er nicht genügend stark in seinem Judentum verwurzelt, weil er zu wenig instinktsicher war, um eine Entscheidung zu fällen. Schnitzler erkannte das Problem, er kannte die Einstellung verschiedener Individualitäten zum Judentum und die verschiedenen Lösugsversuche der Judenfrage, aber er gab kein Urteil ab. Seinem innerlichen Wesen entspricht wohl jene Einstellung, die sein Heinrich Berman ausspricht: «Für unsere Zeit gibt es keine Lösung (der Judenfrage), das steht einmal fest. Keine allgemeine wenigstens. Eher gibt es Hunderttausend verschiedene Lösungen. Weil es eben eine Angelegenheit ist, die bis auf weiteres jeder mit sich selbst abmachen muß, wie er kann. Jeder muß selber dazusehen, wie er herausfindet aus seinem Aerger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgendwohin, wo er wieder frei aufatmen kann. Vielleicht gibt es wirklich Leute, die dazu bis nach Jerusalem spazieren müssen.. Ich fürchte nur, daß manche an diesem vermeintlichen Ziel angelangt, sich erst recht verirrt Vorkommen würden. Ich glaube überhaupt nicht, daß solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam unternehmen lassen .. . denn die Straßen dorthin laufen ja nicht Im Lande draußen, sondern in uns selbst. Es kommt nur für jeden darauf an, seinen inneren Weg zu finden. Diesen inneren Weg ist auch Schnitzler gegangen. Fern von der breiten, allgemeinen Straße, aber im Bewußtsein, daß er den Weg nicht als ein Einzelner sucht, sondern als einer unter den vielen, die alle seine Schicksalsgenossen sind. Ihr Schicksal ist das seine, er trägt es gleich ihnen. Und so empört er sich gegen das Unrecht, das den Juden um ihres Judenseins willen geschieht, er setzt sich zur Wehr, er greift sie an, sie alle, die, um die politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche Stufenleiter zu erklimmen, den Juden hinabstoßen, weil er Jude ist. Das Drama «Professor Bernhardi» ist eine große glühende Anklage gegen die Ungerechtigkeit. Und es ist zugleich auch das Bekenntnis des EHchters Schnitzlers zu seinem Judentum. Dr. Henriette Lichtenstein-Rappaport. Arthur Schnitzler Den Menschen von heute ist Schnitzlers dichterisches Werk bereits zu einer historischen Tatsache geworden. Denn was der Unermüdliche in den letzten zehn Jahren etwa an neuen Schöpfungen hinzugefügt hat, ändert nichts oder fast nichts an dem Gesamtbild, das längst feststeht. Freilich gibt es auch bei Schnitzler eine Entwicklung, die von «Anatol» über das «Zwischenspiel“ bis zu «Casanovas Heimfahrt» führt; vom melancholisch-leichtsinnigen Jüngling über den reifen Mann zum Alternden. Oder vom Naturalismus der Jugendszenen über das neuromantische Märchenspiel zur expressionistischen Wirklichkeitsvemichtung. Daneben laufen Versuche mit der jeweils vorherrschenden Biihnenrichtung; einmal wirkt das französische Gesellschaftsstück, dann wieder das Thesenstück der Ibsen-Zeit, später das Wiener Volksstück mit Nestroyschem Einschlag. Aber alle Probleme, die aufgeworfen werden, und alle Formungen, die gewählt werden, weisen letzten Endes auf das eine Grunderlebnis: die Angst der Kreatur vor dem Nichts, das die Menschen Tod nennen. Er ist der Dichter des Eros in allen seinen Verkleidungen geworden, weil nur Liebe und Geschlechtsgenuß die Tröster in der Furcht vor dem grauenvollen Ausgelöschtsein sind, das jenseits vom Leben wartet. Freunde, Kritiker und Literarhistoriker haben immer wieder versucht, Schnitzlers Wesenszüge aus seinem historischen Standort oder aus dem österreichischen Volkscharakter oder der Wiener Umwelt abzuleiten; man hat lediglich die dauernde Bewußtheit seiner Gestalten, die logische Berechnung der Spiellösungen und die sanfte Magie seiner Worte aus seiner jüdischen Herkunft erklärt. In Wahrheit aber stammt seine Grundhaltung dem Leben und den Werten gegenüber, das er aus dem zentralen Erlebnis des assimilierten Juden und seine Gestalten, die er bis auf ein JnTante Mas Statt fllijmt Verbringt unser Qcbling frohe Stunden hei Spiel irod Beschäftigung Tante Blanka, II., Praterstraße 48, II. Stiege, I. Stock, Tür 19, Tel. R-44-8-61. Inhaberin und Leiterin: Blanka Hönlgsber, staatl geprüfte Kindergartenpädagogin. Auf Wunsch werden die Kinder abgeholt u. nach Hause begleitet. Samstag geschlossen, Sonntag offen. paar Menschen im «Weg ins Freie» einer übernationalen oder besser anationalen Gesellschaft entnimmt, sind allesamt Juden seiner Zeit und seines Gesellschaftskreises. Denn der Jude, der seine Gemeinschaft verloren hat, wird zu einem ganz auf sich gestellten Individuum, das sich zwar die bedingungslose Freiheit von allen Bindungen erworben hat, aber nur um den Preis des Losgelöstseins von der Geschichte nach der einen Richtung und von der Zukunft nach der andern. Nichts als die Gegenwart ist diesem Juden geblieben. Die aber will er voll und ganz auskosten und das in der konzentriertesten Weise, im Geschlechtsgenuß. Denn nach diesem Leben kommt nicht die Fortsetzung des eigenen Daseins tm Dasein all derer, die seines Blutes und seiner Art sind; die Fackel, die seiner Hand entsinkt, wird nicht von den Erben seines Wesens weitergereicht in der Reihe der Geschlechter. Darum diese entsetzliche Angst vor dem Tode in den Gestalten Schnitzlers; darum drehen sich alle Konflikte in seinen Dramen um Liebe und Tod. Dieses Gehetztsein zu einer Lust, die nur Augenblicke dauert, nimmt aber auch dem Leben die Wirklichkeit, läßt Tatsächlichkeit und Traum ineinander tibergehen so wie der Mangel an Tradition keine Werte und keine letzten Ziele aufleuchten läßt am Himmel dieser Geschichts- und Zukunftslosen. Aus der Sinn- und Ziellosigkeit dieser Welt heraus hat Otto W e i n i n g e r sein qualengepeitschtes Werk geschrieben und hat Theodor H e r z 1 das zionistische Ideal gewiesen, Zw6i Wege: der eine führt zur Selbstaufhebung, der andere zur Selbstbejahung, weil er in das Ueberindividuelie, in die Gemeinschaft zeigt. Schnitzler hat uns diese jüdische Welt* ihre Menschen und ihre Konflikte gestaltet, in Grazie und Schönheit, wie es seiner hohen Kunst entspricht, so daß die letzte Tragik des wurzellosen Juden nur dem sichtbar wird, der im Streben nach der Gemeinschaft die Einsamkeit des Individuums überwindet. Prof. Dr. Wilhelm Stein. Arthur Schnitzler und Theodor Herzt Anläßlich Schnitzlers Ableben sei hier daran erinnert, daß wohl niemand über die tragischesten Jahre in Herzls Leben — die Jahre in Paris — besser Bescheid wußte als Arthur Schnitzler, an den Herzl in jenen Jahren zahlreiche Briefe voll letzter Enthüllungen über sich selbst schrieb. Es genügt ein Blick in diese schmerzlichen Pariser Briefe, um zu zeigen, wie sehr Herzl damals ein tief Verzweifelter gewesen ist. Er glaubte, mit sich selbst restlos fertig zu sein, ehe er zu sich selbst gefunden. Wenige Jahre ist es her, daß Schnitzler mir diese, bis dahin nur gefühlsmäßig gefundenen Erkenntnisse in langen Gesprächen mit Ergriffenheit bestätigte. Er war es, der Herzl, unwissentlich den Stachel noch tiefer in die Brust gedrückt hatte, da seine Bühnenerfolge zeitlich mit Herzls dramatischen Niederlagen und der darauf folgenden Depression eng zusammenfielen. Dennoch hat Schnitzler nie aufgehört, an Herzls subtiles, gerade dort am reinsten wirkliches Talent zu glauben, wo der Dichter in Herzl ganz frei war von dem Ehrgeiz und dem fast gewaltsamen Geltungsdrang des Literaten. Schnitzler hat Herzl in überau warmer, behutsamer, zarter Weise zu erumutigen, ihm die Lust und Liebe zur Dichtung, das Bekenntnis zum Künstlertraum wieder zu erwecken versucht. Vergebens. Herzl wurde Führer — und schuf damit erst sein einziges unsterbliches Lied. Ewiger vielleicht, unsterblicher als die Dichtungen Schnitzlers . . . Von dem Augenblick an, als Herzl voll des Ziontraumes nach Wien zurückkehrte, haben die beiden sich nicht mehr verstanden. Vieles an dem Jugendfreund — den Schnitzler schon um seiner Schönheit willen früh bewunderte — schien nun übersteigerte Pose. Schnitzler lag nichts weniger als die große Geste, die Herzl nie entbehren konnte. Und Schnitzler wußte zu gut, daß er dem «Propheten» Herzl auf diesem Weg<? nicht folgen konnte. So wenig er sein Judentum verleugnete («Der Weg ins Freie», «Professor Bernhardi»), ebensowenig gelang es ihm, sich in die orientalische Heimat zurückzutransportieren. Aber er verkannte nicht das Große an Herzl, obgleich er stets das Problematische in dessen Erscheinung mit seinem überwachen, klugen, alles Krankhafte ausscheidenden Bück des Analytikers durchschaute. Und so scharf Schnitzler etwa über Dichter urteilte, die selbst im Luxus leben, indessen sie das hohe Lied des Verzichtes singen, so kritisch er jede Uebertreibung bloßstellte, so ehrfürchtig sprach er von der tödlichen Hingabe Herzls an seine Idee, Herzls, von dem er sagte, i'aß er derjenige Mensch in seiner Umgebung gewesen sei, der der absoluten Größe am nächsten kam. Dr. Martha Hofmann. Schnitzler über Herzl Ich hatte nur einmal Gelegenheit, mit Schnitzler über das Judenproblem zu sprechen. Es war vor vielen Jahren im «Cafe Central», in der Herrengasse. Dort verkehrten ständig die prominentesten Künstler und Schriftsteller. Ich nenne nur einige Namen; Hermann Bahr, Peter Altenberg, Hugo Hofmannsthal, Anton Wildgans, Felix Salten, von der jüngeren Generation Alfons Petzold, der mich eben Schnitzler vorstellte. Er saß an seinem Stammtisch beim Mokka und faszinierte mich sofort durch seine vornehme Art, die jedef Gottähnlichkeit bar war. Ich schritt sofort «in ro&jtyjit