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Die Stimme · 1931-08-29 · Heft 199 (29.8.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 199 (29.8.1931)
Date
1931-08-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 100 — 20. Oktober 1031 rr DIE STIMME Seite 7 Die Volkszählung in Palästina I. Jabotinsky protestiert Denn es schlummert nicht und schläft nicht der Hüter Israels. Palästina rüstet zur allgemeinen Volkszählung, die unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung des Landes, auch der jüdischen, vor sich gehen wird. Wohl bestanden ursprünglich jüdischerseits Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit einer Verfälschung dieser Volkszählung, respektive der tendenziösen Ausnützung ihres Ergebnisses zum Nachteil der Juden. Diese Bedenken wurden jedoch seitens der Regierung durch Eliminierung bestimmter Fragen aus dem amtlichen Zählblatt sowie durch Anstellung einer entsprechenden Anzahl jüdischer Zählfunktionäre zum großen Teil zerstreut. Ebenso machte die Regierung im Zusammenhang damit das äußerst wichtige Zugeständnis der Naturalisierung sämtlicher vorschriftswidrig Im Lande befindlichen Einwanderer. Der Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) hat sich daraufhin für die Volkszählung entschieden. Eine Handvoll verantwortungsloser junger Heißsporne im Lande, die sich als «Nationale Jugend» bezeichnet, agitiert dennoch für die Boykottierung dieser Volkszählung seitens der Juden und ihnen assistiert nun Vladimir Jabotinsky. Der Hüter des «wahren Zionismus» fühlte sich gedrängt, nunmehr auch dem palästinensischen Judentum helfend beizuspringen: Er erließ ein «Manifest» gegen die Volkszählung und zieht nun gegen sie auch in einem längeren Aufsatz zu Felde, worin er insbesondere gegen den Waad Leumi die schärfsten Pfeile seines Köchers abschnellt. In Anbetracht der durch die palästinensische Presse bereits erfolgten allseitigen Beleuchtung dieser Frage kann wohl von einer Auseinandersetzung mit den sachlichen Argumenten Jabotinskys abgesehen werden. Keineswegs dürfen jedoch seine Auslassungen, betreffend den Waad Leumi, unerwidert bleiben. Es ist nicht lange her, da Jabotinsky dem Waad Leumi, als er sich von ihm Vorspanndienste für die revisionistischen Interessen erhoffte, das große Wort redete und Ihn sogar gegen die Jewish Agency auszuspielen versuchte. Heute ist er gegen ihn, denn «im Waad Leumi herrscht eine Klassenpartei, keine Partei der nationalen Interessen». Was Jabotinsky unter «nationale Interessen» versteht, deutet er durch das Beispiel der «nationalen Regierung» in England an, wobei er freilich absichtlich die Tatsache ignoriert, daß die Labour party geschlossen in ihrer schärfsten Opposition zur gegenwärtigen nationalen Regierung verharrt. Die «Herrschaft einer Klassenpartei» besteht lediglich in den überhitzten Gehirnen der revisionistischen Desperados. Im Waad Leumi hingegen arbeiten die Arbeitervertreter gemeinsam mit den Vertretern der übrigen Gruppen und Parteien, mit Ausschluß allerdings einer Partei, der revisionistischen, die sich, vermutlich in Wahrung der «nationalen Interessen», durch einen nach berühmten Mustern theatralisch inszenierten Exodus aus der Assefath Hamwcharim von der Mitarbeit selbst zurückzog. Den Clou der dem Waad Leumi zugedachten Kritik Jabotinskys bildet seine Behauptung, daß die Anstellung von Mitgliedern der Arbeiterorganisation der Histadruth als Zählbeamte die positive Stellungnahme des Waad Leumi zur Volkszählung bewirkt habe. «NurArbeit beschaffen für Histadruth-Mitglieder und schon sind „w i ir“ zufrieden. D a j e n u!» — so lautet die unverblümte Verdächtigung Jabotinskys. Was soll man von dem politischen Ernst und Verantwortungsgefühl eines Mannes halten, den der blindwütige Haß gegen die jüdischen Arbeiterparteien zu solcher Behauptung und zur öffentlichen Verunglimpfung der nationalen Repräsentanz des palästinensischen Judentums verleitet? Angesichts dieser Tatsache kann man auch nicht ohne Aerger an die nahe Vergangenheit zurückdenken, wo Jabotinsky die Hoffnung wagen durfte, die oberste Leitung der Zionistischen Organisation anvertraut zu erhalten, ein Traum, der nach seiner Zerreißung der Kongreßdelegiertenkarte endgültig ausgeträumt zu sein scheint. II. Zelem b’hejchal Nach den revisionistischen Trennungsorthodoxen melden sich nun die «Hüter Israels» von der anderen Seite — die militanten Orthodoxen aus dem Agudah-Lager. Wo es gilt, die Einheit des Jischuw zu zerstören und die gesamtjüdischen Interessen zu schädigen, kann natürlich die separatistische Orthodoxengruppe Sonnenfeldscher Observanz nicht beiseite stehen. Und so gewährt sie in der Frage der Volkszählung den revisionistischen Abenteurern willfährig ihren Sukkurs. Freilich geht diese Bundesgenossenschaft nicht so weit, gegen die Volkszählung überhaupt, ähnlich den Revisionisten, den Boykott zu proklamieren. Dies würde ja nach Revolution gegen die «Macht» aussehen, der die extreme Orthodoxie stets und allerorts liebedienerisch ergeben ist. Ihre Extratour richtet sich bloß gegen die hebräische Sprache. Bisher wagte es von jüdischer Seite niemand, gegen dieses höchste nationale Gut in Palästina das Bell zu schwingen. Den palästinensischen Tartüffen blieb es Vorbehalten, das «Kreuz ins Allerheiligste» zu tragen und JiddischalsihreUmgangsspräche offiziell zu verkünden. Auf einmal wollen sie sich «nicht selbst belügen», diese Ritter der orthodoxen Wahrheitsliebe. Anläßlich der früheren Volkszählung, vor zehn Jahren, hatten sie es noch getan, ohne zu ahnen, «welchen Schaden der HebräJschkult und der Nationalismus ihnen bringen würde». Diese letzte Bemerkung des palästinensischen Agudah- Organes «Kol Jisroel“ deutet darauf hin, daß es sich seinen .Leuten hierbei keineswegs um eine prinzipielle Angelegenheit I handelt. Vielmehr scheinen sie, wie im Falle des Proteststreiks gegen die Einwanderungssperre, ihre plötzliche jlddischistiache Anwandlung zu einem Handelsobjekt machen zu wollen, um aus einer eventuellen späteren Einlenktmg einen «Nutzen» zu ziehen, der den erwähnten «Schaden» aufwiegen würde... So wird die Religion von deren Hütern mißbraucht und die Sprache der Thöra von der «thoratr6uen» Orthodoxie Palätsinas mit schmählichem Verrat bedroht, an der Stätte ihres Ursprunges und ihres Wiedererwachens. Zelem b’hejchai ... M. H e n i s c h Jn aller Kflrzc In der am 15. d. M, stattgefundenen Generalversammlung des ungarischen Pro-Palästina-Verbandes wurde die Gründung einer Ungarisch-Palästinensischen Handelskammer und landwirtschaftlichen Kammer beschlossen. * Der deutsche Zweig der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit nahm auf seiner zehnten Tagung auch zu jüdischen Problemen Stellung, ln dem Rechenschaftsbericht wurde mitgeteilt, daß die verschiedenen Ligasektionen gegen den Antisemitismus in Wort und Tat gekämpft haben. Zur Palästinafrage wurde die Schaffung arabischer und jüdischer Frauengruppen angeregt, die in enger Zusammenarbeit gegen imperialistische Ausbeutung kämpfen sollen. * im abgelaufenen Jahre wurden in Ungarn 31 jüdische Lehrkräfte abgebaut. Im Verlaufe der letzten Jahre hat sich die Zahl der jüdischen Schulen von 200 auf 120 verringert, weil das Einkinder- und Keinklndersystem so stark um sich gegriffen haben, daß die jüdischen Schulen entvölkert wurden. Für den ersten Lehrgang der Landes-Lehrerblldungsanstalt wurden bloß 16 Hörer zugelassen, um nicht durch die Heranbildung von stellenlosen Lehrern das geistige Proletariat zu vermehren. ■ * Das Vorlesungsverzeichnis der Harvard-Universität für das am 5. November beginnende neue Semester sieht einen Kursus von Dr. A. Roback über den Dichter j. L. Perez und seinen Rang in der jiddischen Literatur vor. Der Kursus ist nicht allein für Kenner des Jiddischen, sondern für alle Literaturhistoriker gedacht; die herangezogenen Perez-Texte sind ins Englische übertragen. * Unter der Leitung des Hofrates Samuel Stern wurde eine Notstandsaktion der Pester Israelitischen Kultusgemeinde eingeleitet. Es gelangen 120.000 Portionen Mittagessen gratis zur Verteilung, ferner werden in jedem Stadtbezirk Wärmestuben eröffnet werden, in denen Mittags- und Abendessen zur Verteilung gelangen werden. Bisher sind zu diesem Zwecke Spenden ln der Höhe vog 60.000 P<*ngö eingegangen. * Am 16. Oktober ist der von den Nationalsozialisten im Mai dieses Jahres in der Stadtverordnetenversammlung zu Kiel eingebrachte Antrag auf Einführung des Schächtverbotes abgelehnt worden. * Das Ludwig-Börne-Denkmal in den Promenaden (Bokkenheimer Anlage) in Frankfurt a. M. wurde in der Nacht vom Sonntag zum Montag schwer beschädigt. Die Täter versuchten, die überlebensgroße Marmorbüste Börnes vom Sockel zu reißen. Da ihnen das nicht gelang, haben sie die Büste durch Abschlagen der Nase und andere Beschädigungen verstümmelt. Von den Tätern, die offenbar aus antisemitischen Gründen gehandelt haben, hat man bisher keine Spur. Das Denkmal wurde am 6. Juni 1877 enthüllt und ist ein Werk des Bildhauers Kaupert. .• Die Prager Deutsche Universität hat bei den Inskriptionen die an den rumänischen Mittelschulen ausgestellten Maturitätszeugnisse als unzureichend für die Aufnahme an die Hochschule erklärt und dadurch bis auf weiteres die Inskription einer großen Anzahl rumänischer, in der Hauptsache jüdischer Hörer unmöglich gemacht. Der jüdische Pariamentsklub in Rumänien hat sich an die jüdischen Abgeordneten im tschechoslowakischen Parlament mit dem Ansuchen gewandt, bei den zuständigen Stellen eine Aufhebung dieser Maßnahme zu erwirken, deren antijüdischer Charakter nicht abgeleugnet werden kann. Die Sowjetzeitungen teilen mit, daß der jüdische Ingenieur Lasar Romanski eine Maschine konstruiert hat, die geeignet sei, in der Bergbauindustrie eine Umwälzung herbeizuführen. Die Maschine gräbt, zerkleinert und verlädt Steinkohlen und andere Bergbauprodukte und ist imstande, innerhalb 20 Stunden 800 Tonnen Kohlen auszugraben und zu verladen. Bel Vervollkommnung der Maschine wird sich die Produktion auf 1300 Tonnen Kohlen ln 20 Stunden steigern. Die Selbstkosten werden sich dadurch auf 46 Kopeken pro Tonne reduzieren. Dies werde das Problem der Kohlenprodußtion in Sowjetrußland lösen. Der Sowjetwirtschaftsrat beschloß, sofort an den Bau solcher Maschinen heranzutreten. Seinem Freunde Herrn P, Ringelbtum wünscht anläßlich der Vermählung seiner Tochter herzlichen 3io n’npvi rwnj flrd/fidlifer der Wotfte Ein neuer «Simpson»-Bericht — über China Sir John Hope Simpson, der Verfasser des bekannten Berichtes über Palästina, ist dieser Tage nach China abgereist, wo er das Amt eines Generaldirektors der chinesischen Hilfskommission gegen die Hungersnot übernehmen wird. Die Hilfskommission verfügt gegenwärtig über mehrere Millionen Dollar. Wir bedauern lebhaft, daß Simpson nicht schon im Jahr» 1929 nach China ging. Wir sind neugierig, wie sein Bericht über seine Tätigkeit in China ausfallen wird, ln Palästina genügten ihm Fiugzeugaufnahmen, um festzustellen, ob ge* wisse Teile des Landes kultivierbar sind. Auf Grund dieser Vorschulung wird er in China vom Aeropian aus leicht feststellen können, ob die Chinesen wirklich hungrig sind. An allem ist der Jude schuld Aus Mittelschullehrerkreisen wird dem «Wiener Montagblatt» geschrieben: An die Wiener Lehrkörper kam dieser Tage die Einladung zu einem vom Wiener Stadtschulrat bewilligten Fortbildungskurs für Erzieher, den der Verein für Individualpsychologie unter der Leitung von Dr. AUce Friedmann veranstaltet. Die Vortragenden für den Rest des Jahres sind Sophia Lazarsfeld, Dr. Rudolf Dreikurs, Dr. Leonhard Deutsch, Dr. Elva Lindenfeld, Fritz Fisch!, Dr. Artur Zänker, Doktor Franz Piewa und Ferdinand Birnbaum. Wer glaubt, daß hier Erziehungsträger! in christlich-konservativem Geiste auch nur berührt werden? Aehnllches geht in den sogenannten neutralen Volkshochschulen vor. Neben wenigen Renommierariem sind die Vortragenden in einzelnen Fachgebieten bis zu hundert Prozent Juden. Die Ueberflutung der Wiener Mittelschulen mit jüdischen Lehrern hat bereits bedenkliche Formen angenommen, dank der verständnisinnigen Förderung durch leitende Kreise des Wiener Stadtschulrates. Vom dritten Hundert werden nicht mehr viel fehlen! Wie soll unsere Jugend zur Liebe zum eigenen Volke, zur Heimat, von solchem nicht bodenständigen Erzjehertum geführt werden? Wenn die hier dargestellten Verhältnisse sich noch verschärfen, so bringt jedes weitere Zögern der berufenen Kreise, hier Abhilfe zu schaffen, schwerste Gefahren für unsere Jugend, vor allem in der Großstadt. Die Juden sind also daran schuld, daß arische Pädagogen sich Aicht zu Vorträgen über Individualpsychologie und zu Vorträgen in den Volkshochschulen melden. Außerdem werden wir für die getauften, baldgetauften und konfessionslosen Juden verantwortlich gemacht, die sich pädagogisch betätigen und die Gemeinde Wien, die für jüdische Schulzwecke keinen Groschen hergibt, als Versorgungsanstalt für jüdische Lehrer hingestellt. * Beschimpfung des Judentums in Deutschland straffreil Vor dem Nürnberger Schwurgericht hatte sich der verantwortliche Redakteur der nationalsozialistischen Wochenschrift «DerStürmer», Karl Holz, wegen Beschimpfung der jüdischen Religjonsgesellschaft zu verantworten. Gegenstand der Anklage war ein Artikel: «Spezialarzt Dr. Wassermann, Berlin, Kurfürstendamm, läßt eine Nichtjüdin verbluten und schafft die Leiche in den Kohlenkeller.» «Der Stürmer» hatte angebliche Talmud Zitate gebracht und erklärt, die jüdische Rasse ziehe aus ihren Geheimgesetzbüchern Talmud und Schulchan Aruch ihre Lehren. Die zitierten Talmudsteilen seien Beweis dafür, von welchem verworfenen Geist die Juden beseelt seien. Zur Gerichtsverhandlung waren drei Sachverständige geladen: Rabbiner Julius Eschelbacher-Düsseldorf, Prof. Dr. Götsberger-Beubiberg bei München, und der bekannte Antisemit und «Talmudforscher» Dr. Erich Bischoff-Leipzig. Rabbiner Eschelbach e r wurde vom Angeklagten als Sachverständiger a bgelehnt, er wurde vom Gericht nur als «sachverständiger Zeuge“ vernommen. Dagegen wurden die Gutachten der Sachverständigen von Karl Holz, Bischoft und Götsberger vom Gericht zur Grundlage für das Urteil genommen. Holz wurde freigesprochen Der «VölkischeBeobachter» berichtet ln Fettdruck über den Freispruch des «StUrmer»-Redakteurs und überschreibt den Bericht mit den Worten: «Der Rassenkampf der N. S. D. A. P. vom Gericht anerkannt. Talmud und Schulchan-Aruch sind keine Religionsbücher». Der «Völkische Beobachter» fügt seinem Bericht noch den folgenden Satz hinzu: «In diesem Prozeß wurde auch von Dr. Erich Bischoff die Richtigkeit des sogenannten Menschenschächtgesetzes (enthalten in dem von den Juden als heilig angesehenen Buch „Zohar") unter Eid bestätigt.» Und da wundern sich die Deutschen, daß sie keine Freunde in der Welt haben. An diesem Wesen wird die Welt nicht genesen. * Die Kultur der Hakenkreuzler. Vor kurzem wurde das Leichenauto der Israeltischen Gemeinde in Frankfurt während einer im Ostende vorgenommenen Einsargung mit einem Hakenkreuz bemalt. Der diensttuende Bestattungsbeamte ertappte einen Jugendlichen bei der Arbeit und verabreichte ihm eine gehörige Tracht Prügel, wobei er von Gesinnungsgenossen des Täters bedroht wurde. Es entstand eine große Ansammlung und bei der Abfahrt des Leichenautos wurden überaus rohe Zurufe laut. Der Rufer wurde festgestellt und dem Polizeirevier zugeführt. Strafanzeige ist erstattet. Nichts charakterisiert besser den kulturellen Tiefstand der Nationalsozialisten als die Tatsache, daß Hitler und seine Partei derartige Bübereien nicht verdammen.

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