Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 199 (29.8.1931)
- Date
- 1931-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 199 — 29. Oktober 1931 DIE STIMME Seite 5 Zionistische Wochenschau Zur Frage eines Kalifais in Jerusalem Aus Jerusalem wird gemeldet: Die arabische Opposition gegen den Mufti ist mit den Plänen Schaukatn Alis wenig einverstanden, ln seinem Plan eines Kalifats in Jerusalem sieht sie nur das Streben, das Kalifat von England abhängig zu machen, wie Schaukath für sie überhaupt der Beauftragte Englands ist. Daß England die Leiche seines Bruders Mohammed Ali auf eigene Kosten nach Jerusalem überführt habe, stehe auf demselben Brett. Auch in Indien kämpfe er gegen Gandhi, den Vertreter indischer Freiheit und Selbständigkeit. Gleichzeitig berichtet die J. T. A.: Schaukath Ali, einer der Führer der indischen Moslems, und andere moslcmitische Delegierte der indischen Round Table-Konferenz veröffentlichen eine Erklärung, in der die Meldungen, wonach die Führer der indischen Moslems die Initiative zur Errichtung des Kalifats in Jerusalem mit dem früheren Sultan an der Spitze ergriffen haben, dementiert werden. In cingeweihten Kreisen ist man der Ansicht, daß Schaukath Ali, der seit längerer Zeit mehr oder weniger öffentlich für die Errichtung des Kalifats in Jerusalem eintritt, zu seinem jetzigen Dementi durch vorzeitige Aufdeckung seiner Pläne, die zu verschiedentlichen Protesten in moslemitischen Ländern Anlaß gegeben haben, sich bewogen gefühlt hat. Für eine Rrbeileegesetogebung in Palästina Genf. (J. T. A.) Der in Genf tagende Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat mit 12 gegen 8 Stimmen beschlossen, den Direktor des Arbeitsamtes zu beauftragen, sich mit den Regierungen der asiatischen Staaten, die Mitglieder der Arbeitsorganisation sind, sowie mit den Regierungen jener Staaten, die in Asien territorialen Besitz haben, hinsichtlich der Einberufung einer beratenden Konferenz der asiatischen Staaten zur Regelung der Arbeitslage und zur Schaffung von Arbeitsgesetzen in Verbindung zu setzen. Zu den teilnehmenden Staaten wird auch Palästina gehören. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß bei der Behandlung der Arbeiterlage in den asiatischen Staaten auch die Arbeiterlage und die Frage einer Arbeitergesetzgebung in Palästina einer genauen Prüfung seitens des Arbeitsamtes des Völkerbundes werden unterzogen werden. Legalisierung des Aufenthaltes illegal einjewanderter Personen — Volkszählung — Landentwicklungsplan aufgeschoben J e r u s a l e m. Der Leiter der Exekutive der Jewish Agency in Palästina Dr. Chaim Arlosoroff empfing die Vertreter der Presse und gab ihnen Erklärungen über aktuelle Palästinafragen. Die Legalisierung des Aufenthaltes von Einwanderern, die Palästina auf illegalem Wege betreten haben, sagte Arlosoroff, schreitet zufriedenstellend fort, nachdem die Zentralregierung die vom Einwanderungsamt einer solchen Legalisierung entgegengesetzten Hindernisse aus dem Wege geräumt hat. Dr. Arlosoroff bedauerte die Opposition der Revisionisten gegen die Teilnahme der Juden an der technischen Durchführung der Volkszählung und erklärte, daß die Volkszählungsnktion nicht im geringsten mit der Frage der Bildung eines Legislative Council in Palästina zu tun hat. Wir haben, sagte er, in dieser Hinsicht nichts zu verbergen. Zum Schluß erklärte Arlosoroff, daß die Durchführung des Palästina-Landentwicklungsplanes infolge der ungeklärten Finanzlage der englischen Regierung wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit verschoben werden wird. Die Jewish Agency sei durchaus berechtigt, die im Namen der enteigneten Araber erhobenen Ansprüche zu prüfen, ferner zu erwägen, ob nicht die Jewish Agency dem Landentwicklungsdirektor French einen jüdischen Berater zur Seite stellen solle, da ja allein die Juden die richtige Kenntnis der Tatsachen der «Enteignungen» haben. Die Wiederherstellung des Friedens im amerikanischen Zionismus In den Kreisen der amerikanischen Zionisten herrscht große Genugtuung über die unter den zionistischen Führern erzielte Einigung. Man erwartet, daß nunmehr, da Führer von der Kraftinitiative eines Julian W. Mack, Rabbi Stephen S. Wise und ihrer Freunde, verstärkt durch Arbeit, wie sie Louis Lipsky und sein Anhang darstellen, an die neue Arbeit herangehen, die Führung der Zionistischen Organisation Amerikas wieder in hohem Grade eine aktionsfähige sein wir,d. Die Opferwilligkeit Palästinas Die Einnahmen des Keren Kajemeth aus Palästina übersteigen die Quote! Bei der Landeskonferenz des K. K. L., die kürztldfl in Tel-Aviv stattfand, wurde über eine ungewöhnliche Bereitschaft des Jischuv zum Spenden berichtet. Es gibt über 9000 reguläre Selbstbesteuerer, deren jährliche Beiträge zusammen 6000 Pf. St. oder 45 Prozent des Totalbetrages ausmachen. Diese Beitragszahler sind hauptsächlich Angestellte der nationalen Institutionen und der Arbeiterorganisation. Die «goldene Kette» und andere Sammlungen haben immer einen großmütigen Widerhall gefunden. Die voraussichtlichen Einkünfte für 1931/32 werden sich auf 13.000 Pf. St. belaufen, was zusammen mit dem vorausgehenden Jahr einen Gesamtüberschuß von 700 Pf. St. über den veranschlagten Gesamtbetrag von 25.000 Pf. St. bedeutet. Der Betrag von 25.000 Pf. St. ist auch als Quote für die nächsten zwei Jahre angesetzt worden. Das arme Palästina kann auch in bezug auf Opferwilligkeit für die Fonds der zionistischen Welt als Beispiel dienen. Es ist zur allgemeinen Nachahmung dringend zu empfehlen! England gegen Schaukat Alis Kalifatspläne London» 26. Oktober. (J. T. A.) Die Zeitung «Near East and India» nimmt Schaukath Alis der Presse gegebene Erklärung, daß er die Errichtung eines Moslemkalifats in Jerusalem mit dem Exsultan der Türkei an der Spitze nicht vorgeschlagen hat, nicht ernst. Die Zeitung wirft 'Schaukath Ali vor, daß er die Gefühle der Welt des Moslem nicht kennt, er würde sonst die Hände von einer so delikaten Angelegenheit lassen. „Haarez“ zur Finanzsituation M. G. (Glickson) schreibt inr «Haarez», die neues«» liehe Kürzung um 20.000 Pfund Sterling macht alle Hoffnungen auf eine rechtzeitige Eröffnung der Schulen und die Fortsetzung ihrer Arbeit illusorisch. Nicht weniger erschreckend ist die Kürzung um 10.000 Pfund Sterling für das Kolonisations-Budget, um so mehr als sie nach den bedauerlichen Reduktionen in Basel kommt und weitere Kürzungen angedroht werden. Die Erklärung der Exekutive, daß sie zu diesem Beschluß nicht durch die Befürchtung des Nichteingehens der Keren-Hajessod-Quoten veranlaßt wurde, sondern durch den Druck früherer Verpflichtungen, kann nur einen Sinn haben: die Notaktion, die bis zum Oktober Pfund Sterling 100.000 zur Hebung dieses Druckes einbringen so'Ite, ist gescheitert. Der Grund dieses Scheiterns liegt nicht in der ökonomischen Depression der ganzen Welt» sondern in der «P o 1 i t i k». Eine Prager jüdische Leidenschronik Szenen aus der «Igereth Machalath», einer Prager hebräischen Chronik des 16. Jahrhunderts. Von Otto Abeies (Schluß.) Wie Rabbi Bezalel Brandeis entkam. Der atemraubendc dritte Teil der Chronik ist von Rabbi Bezalel Brandeis geschrieben. Er war ein Abkömmling des hohen Rabbi Löw «vom Stamme der bewährten Pflanzung des berühmten Gaon, Vaters des Gerichtes und Hauptes der Schule der heiligen Gemeinde Prag, der Stadt und Mutter Israels». Er war ein wahrheitsliebender Mann, sein mit bebender Hand sofort nach den Ereignissen niedergelegter Bericht ist bis in die kleinsten Mitteilungen glaubwürdig, denn er unterläßt es nicht, in seiner Chronik zum Exempel zu betonen: «... Sie erbarmten sich wohl keines Säuglings und keiner Frau, doch habe ich in keinem Falle von Unzucht gehört.» Er war später Rabbiner der Gemeinde Jungbunzlau, würdiger Nachfolger seines noch bedeutenderen Vaters Rabbi Mosche Charew. Schüler saßen zu seinen Füßen, bedrängte Herzen nahmen zu ihm Zuflucht. Hören wir, wie es ihm gelang, dem Schrecken zu entkommen, wie er sich erniedrigen mußte, wie ihm die Raserei des Judenmordens durch hunderte Gefahren jagte, bevor er sich wieder aufrichtete, ein Hort und Richter in Israel wurde. Ein einziges Gäßchen der Judenstadt war noch vom Pogrom verschont geblieben, «in der Nähe des Hofes, den man Tein nennt». Dorthin floh Rabbi Bezalel Brandeis mit seiner jungen Gattin Malka. In ein Hinterhaus. Eine Schar von Juden kauerte zusammengepreßt in der verrammelten Stube und alsbald hörte man im Vorderhaus die Panduren an der Arbeit. Es folgten Stunden, in welchen ein bestimmtes Angstgefühl jedes andere verdrängte. Kein Kind darf laut weinen, kein Säugling darf sich melden, damit das Versteck nicht verraten wird. Aber dann bricht natürlich die Horde ein, berauscht, sehr aufgeräumt. Durch Geld und verzweifeltes Winseln um Gnade gelingt es dem Rabbi, zu entkommen. Wohin? Rasch hinauf aufs Dach unter den schützenden Rauchfang. Dort hockte der hohe Rabbi mit seiner Gattin, unten wird geschlachtet. Dann beginnt das Dach zu brennen, man muß hinunter. Wohin, wohin? «Nachdem wir es überlegt hatten...» (hier hielt ich bei der Lektüre inne, nach schlaflosen, peinvollsten 48 Stunden, überdauert unter der im Blutrausch plündernden und folternden ungarischen Soldateska, konnten sie noch «überlegen»), rannten sie zum Friedhof. Das Friedhoftstor ist versperrt, die Hoffnung, sich vielleicht in ein geöffnetes Grab hineinzukauern, ist getäuscht. Aber ein Jude ruft ihnen irgendwo zu, über eine Leiter in eine bestimmte Dachluke des Judenhauses an der Friedhofswand zu steigen. Rennen über Dachböden, Wettrennen mit dem Tode in das Haus des Rabbi Todros Nachod — dort wird tatsächlich das nackende Leben gerettet. «... Gott erbarmte sich seines Volkes und erwirkte Erbarmen in den Augen der Nichtjuden, die mit uns Geschäfte machten, von uns lebten, einige taten es allerdings um des Geldes willen, das sie erhalten hatten.» So geschehen am 27. und 28. November 1744. Der Lärm des Aufstandes hatte sich gelegt, «die Juden kamen aus ihren Verstecken, dieser spie Blut, dieser beweinte einen Toten, jener jammerte, weil ihm gar nichts geblieben war, doch alle freuten sich, daß sie ihr Leben gerettet hatten». Sie freuten sich. Hungrig, nackend, besudelt, krochen die Uebcrlehenden im Pfuhl des Ghettos herum. An einer anderen Stelle der Chronik ist ihr äußerer Habitus festgehalten: «Unser Antlitz war geschwärzt wie der Boden eines Kochtopfes.» Dieses Dokument der Schmach jüdischer Wehrlosigkeit enthält aber Szenen leuchtenden Heldentums, wenn auch passiven. Und eine wunderbare Vereinigung der üliettoxinder in der Thoraliebe und Thoratreue überglänzt die Blätter dieser blutigen Chronik. Ich berichte einiges. Wie Rabbi Gabriel Brandeis starb. Rabbi Bezalel Brandeis hatte einen Bruder namens Gabriel. Der hing nicht so am Leben um jeden Preis, der rannte nicht vom Keller auf den Dachboden, trachtete nicht, am Friedhof unter frischen Gräbern ein Versteck zu finden, erklomm keine Leiter, bis ihm Gott die Rettung zeigte. Rabbi Gabriel Brandeis, von dem der überlebende Bruder in verehrender Bewunderung spricht, starb ln dieser Nacht, und die Chronik berichtet, wie er starb: «Er hatte sich selbst für den König vorbereitet. Feuer brannte in seinem Innern diese ganze Nacht, wie mir glaubwürdige Männer erzählen, die bei ihm waren. Er hatte das Sündenbekenntnis gesprochen und den Namen Gottes öffentlich geheiligt, mit lauter Stimme seine Brüder aufgefordert: Vollendet in Ehrfurcht den Willen Gottes, zu sterben für die Einhalt seines großen Namens, wir wollen gelten als die reine Menorah.» Dieser Jude stand da, reinigte seine Seele und harrte in Sammlung, in heiligem Gleichmut des Todes. «Die ganze Nacht schien es ihm gewiß, daß ein Schwert auf seinem Hals liege. Er befahl seinem Sohne, den Weg Gottes einzuhalten. Es war, als ob er sich Hand und Fuß gebunden hätte, wie ein fehlerloses Opferlamm. Er nahm laut das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich. Als die Zeit des Schema kam und der Tefillim und er in Freude sich das Diadem Gottes angelegt hatte, öffnete sich die Tür, der Freva! kam herein, es schoß ihm der Schütze in die Kehle, daß er tot zu Boden fiel. Sein Geist stieg wahrhaftig zu Gott empor. Als sich die Erde wieder beruhigt hatte* begrub ihn das ganze Volk.»