Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 199 (29.8.1931)
- Date
- 1931-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 199 — 29. Oktober 1931 Eiappengeisi (Von besonderer Seite) Seit den Augustunruhen des Jahres 1929 überstürzen sich die Ereignisse: Shaw Kommission, Passfieids Weißbuch, der MacDonald-Brief, die revisionistische Agitation, der 17. Kongreß, der Regierungswechsel ln England, Ernennung eines neuen Oberkommissärs, die revisionistische Tagung in Calais, der Aufstand in Zypern, Neuwahlen in England. Das alles zusammen ergibt ein politisches Lehrbuch von unerhörter Reichhaltigkeit, aus dem wir lernen sollten, daß unsere Politik falsch war. Fast so alt wie der politische Zionismus Ist der Kampf in unserem Lager, ob der Aufbau Erez Israels erst nach hundertprozentiger Sicherung unserer Rechte beginnen, oder Hand in Hand mit den gegebenen Möglichkeiten gehen soll. Auch heute geht der Kampt darum, ob eine Synthese am Platze ist, gebildet aus der Balfour-Deklaration, die für uns eine Basis, wenn auch nicht die höchste Errungenschaft darstellen soll und praktischer Aufbauarbeit oder, ob wir uns «Atempausen» erlauben können, ob der Kampf um politische Rechte den Primat hat. Dieser Kampf reibt unsere besten Kräfte auf. Wir stecken vielfach noch ln der Ideologie der Vorkriegszeit und arbeiten nach Analogien, entlehnt aus der Geschichte der uns umgebenden Völker. Jabotinsky tat das, als er am Kongreß erzählte, wie sich die Letten, die Litauer und andere Minoritäten ihren Staat geschaffen hätten. Das sind falsche Analogien, denn diese Völker saßen seit Jahrhunderten in ihren Ländern, wir aber sind erst daran, in unserem Lande Fuß zu fassen. Die blitzartigen Veränderungen der Landkarte nach dem Weltkriege, die offenbare Schwäche des Völkerbundes, die sich in den letzten Tagen im mandschurischen Konflikt wieder offenbarte, die Bestrebungen zur Revision der Friedensverträge, die Angriffe Englands und der Araber auf das Mandat, das alles sind für uns gewichtige Warnungssignale. Wie aber reagieren wir auf diese Signale? Wir gleichen der Zuschauermenge, die vom Ufer aus zusieht, ob es einem Mann, der ins Wasser stürzte, gelingen wird, das rettende Ufer zu erreichen. Wir debattieren über Rettungsmöglichkeiten und darüber, wieso der Mann ins Wasser stürzte, aber keine rettende Hand wird dem Manne gereicht, der um sein Leben kämpft. Das ist auch eine falsche Analogie, werden manche sagen. Leider ist sie nur zu richtig. Sie stimmt, denkt man an die Lauen bei uns, sie stimmt, denkt man an die revisionistische Politik. Es stimmt auch der Vergleich des heutigen Zionismus mit dem Manne, der ins Wasser stürzte. Das Weißbuch war ein Sturz ins Wasser. MacDonalds Brief, Passfieids Sturz, der Regierungswechsel in England, das sind nur günstige Strömungen, die den Zionismus dem rettenden Ufer näherbringen, das ist abgesehen von den Bemühungen Weizmanns um den MacDonald-Brief nicht unser Verdienst. Andere haben für uns gearbeitet, wir haben nichts gelernt und alles vergessen. Wir debattieren weiter und wir protestieren weiter, als ob nichts geschehen wäre, wir sind zionistische Protesttrommeln nach der Art der tibetanischen Gebettrommeln. Wir sehen nicht, was um uns vorgeht. Gerade in den letzten Tagen könnten wir an Zypern lernen. In Zypern sind die Griechen mit 245.000 Einwohnern in der Majorität gegenüber 62.000 Türken und die Griechen wollten mit Gewalt die politische Freiheit erringen. Wie rasch ist der griechische Freiheitstraum verflogen! Aber bei uns warten noch viele auf das große Wunder, das ln Palästina geschehen soll, — ungeachtet der komplizierten Verhältnisse unseres Landes, — führen waffenklirrende Reden aus Gewohnheit und um die innere Zerrissenheit zu maskieren. Sie debattieren den Zionismus zu Tode und draußen geht das Leben weiter. Wieso kam es so weit mit uns? Wo ist die «gute alte Zeit» der ersten Jahre des politischen Zionismus? Damals herrschte trotz aller Differenzen Einigkeit, wir hatten keine Freunde in der großen Welt, Hohn und Spott über unsere Utopien waren an der Tagesordnung, Trotzdem waren wir stark, well wir im Zionismus etwas unerhört Heiliges und Unvergleichliches sahen, das wir nicht degradierten durch die Assimilation an politische Methoden anderer Völker. Dann aber kam die Zeit der Erfüllung mit allen ihren Widerwärtigkeiten. Das Gefühl der Brüderlichkeit ging verloren, mit den besten Absichten begonnene Parteibildungen wurden Selbstzweck und nach und nach absorbierte der Kampf der Parteien untereinander — der trotz aller Wichtigtuerei die Linie des geringsten Widerstandes bildet — fast alle unsere Energien. Trotzdem kommt sich der Galuthjude mit seinem Zionismus weiß Gott wie wichtig vor und glaubt an der zionistischen Front zu kämpfen. Wo ist die zionistische Front? In den Wiener Parteikaffeehäusern? Am Warschauer Nalewki? In den Redaktionen? Das sind doch alles nur Stationen der gefahrlosen zionistischen Etappe. Unsere Front ist in Erez Israel und ihre Frontsoldaten sind Chaluzim, Aerzte, Ingenieure, Handwerker, die sich an die heilige Heimaterde geklammert haben, die sie düngen mit Schweiß und Blut. Wir? Wir leben in der gefahrlosen Etappe, wir paradieren mit Aufzügen, Versammlungen und Parteiuniformen und kritisieren unsere Front; wir wollen sie dirigieren, vom grünen Tisch aus, wie Generalstäbler. Wtfd uns nicht vor unserer Verantwortung bange, daß die Etappe unsere Front in Erez Israel zugrunde politisieren könnte? Am 17. Kongreß sagte der palästinensische Arbeiterführer Ben Gurion: «Wir kamen hierher nicht als Delegierte einer Partei, sondern als Vertreter der Front». (Gerechterweise hätte er sagen müssen: «Auch wir haben Vertreter der Front unter uns».) Das Richtige an Ben Gurions Ausspruch ist: Hören wir in erster Linie was die Front sagt. Diese Front war noch nie wankelmütig, sie hat schweren Angriffen mutig Widerstand geleistet, Panik gab es nur bei uns in der Etappe. Weiter sollten wir bedenken, daß wir Kämpfer für dieselbe Sache sind, wir sollten vorher die chinesischen Mauern niederreissen, die der Etappöngeist, gebildet aus Mangel an Mut, Geiz und Wichtigtuerei zwischen uns errichtet hat Man wende nicht ein, wir hätten kein gemeinsames Arbeitsfeld, wir haben ein gemeinsames Arbeitsfeld und das heißt Erez Israel. Unter dieser Devise erfolgte in den letzten Tagen eine Einigung in Amerika und Rumänien, Oesterreich wird hoffentlich bald folgen. Warten wir nicht auf die Revisionisten, die untereinander uneinig sind! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen uns sagen: Ein einziger Einwanderer, den wir aus der Etappe nach Erez Israel bringen, ist mehr wert als die flammendsten Protestresolutionen und das ewige: «Wir verlangen, wir verlangen!» Haben wir das Recht von anderen, etwas für unsere Sache zu verlangen, wenn wir selbst für unsere Sache nichts tun? Was können wir tun und müssen wir ln der Etappe tun? Wir müssen den Nachschub besorgen, den Nachschub von Menschen und Geld. Tun wir das nicht, dann verdorrt die Front. Und ohne lebendige Front in Palästina ist der politische Zionismus undenkbar. Erhalten wir also die Front, deren Führung Sache der Exekutive und nicht Sache,, jedes einzelnen Zionisten ist! Was Napoleon von der. Etappenformation sagte, gilt auch für uns: Das Geheimnis des Sieges liegt im guten Nachschub! Der neue Präsident der Prager jüdischen Gemeinde . Prag, 26. Oktober. (J. T. A.) In der heutigen Sitzung der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Prag wurden der durch den Tod des ehemaligen Präsidenten der Prager Jüdischen Gemeinde Abg. Dr. Ludwig Singer freigewordene Präsidentenposten sowie die Stelle des Vizepräsidenten neue besetzt. Die Tschechojuden nahmen gegen den Präsidentschaftskandidaten Dr.Gottlleb Stein Stellung, weil er auf der Liste der Deutschdemokraten zu den Parlamentswahlen kandidierte. Sie erklärten, daß sie gegen dessen Wahl stimmen würden. Eine ähnliche Erklärung gab für die Mittelpartei Doktor Emil Kafka ab. Dr. Gottlieb Stein wurde mit 15 gegen 9 Stimmen zum Präsidenten der Jüdischen Gemeinde gewählt, worauf die Tschechojuden den Saal verließen. Zum Vizepräsidenten wurde Gemeinderat Artur Kau* ders gewählt. Numerus clausus für Ausländer an den Prager Hochschulen Prag, 23. Oktober. (J. T. A.) An der Prager tschechischen und deutschen Hochschulen Ist nur ein geringer Teil der neuinskribierten ausländischen Studenten aufgenommen worden. An der Prager deutschen Universität wurden nur 60 ausländische Studenten neu inskribiert, sehr viele ausländische Studenten, besonders aus Polen und Rumänien, vorwiegend Juden, wurden abgewiesen. Nicht besser sind die Verhältnisse an der tschechischen Universität, und sehr schlimm sind sie an der tschechischen Technischen Hochschule, wo ausländische Juden fast nicht aufgenommen werden. Seinem Freunde und Gesinnungsgenossen Dr. Mair Pais zu dessen Verlobung mit Fräulein Zita Schy gratuliert herzlichst Abraham J e k e 1. mmmeammmmmmmmmmm Es bestätigt sich, daß das tschechoslowakische Generalkonsulat in Warschau den jüdischen Studenten aus Polen, die sich in Prag neu inskribieren wollen, keine Visen erteilt. Die Visaverweigerung wird auf eine Weisung der tschechoslowakischen Regierung zurückgeführt. Schwierigkeiten des jüdischen Erziehungswesens in Amerika N e w Y o r k, 26. Oktober. (J. T. A.) Auf der Nationalkonferenz der jüdischen sozialen Fürsorge der Vereinigten Staaten teilte der Direktor des jüdischen Erziehungsrates ln Chikago, Alexander M. D u s h k i n, mit, daß die jüdischen Unterrichtsanstalten in den Vereinigten Staaten infolge der Wirtschaftskrise ihre Budgets einschränken mußten; diese Einschränkungen bewegen sich zwischen 10 und 25 Prozent. An manchen Schulen wurden seit mehreren Monaten keineLehrergehälter gezahlt. Mehrere Schulen mußten infolge Lehrer st r ei ks geschlossen werden, andere Schulen wurden geschlossen, weil keine Fonds zu ihrer Erhaltung vorhanden waren. Etwas besser ist die Lage der mit dem Kommunal- und Unterrichtssystem verbundenen Schulen, wenn auch an diesen Schulen die Einkünfte aus Unterrichtsgebühren bis um 35 Prozent gesunken sind. Für einen jüdischen Weltkongreß P h i 1 a d e 1 p h 1 a. (J. T. A.) In Philadelphia tagt gegenwärtig die neunte Konvention des American Jewish Congress. Die Exekutive des Kongresses unterbreitete einen Bericht über die Lage der Juden in verschiedenen Ländern, in welchen unter anderem festgestellt wird, daß Sowjetrußland das einzige Land in der Welt ist, in welchem sich im vergangenen Jahr die Lage der jüdischen Bevölkerung gebessert hat. Im Verlauf der Aussprache über die Lage der Juden in Polen, Rumänien, Deutschland und in anderen Ländern erklärte R a b b i Dr. Stephan S. W1 s e, das einzige Mittel, um der traurigen jüdischen Lage in der ganzen Welt zu begegnen, wäre die Einberufung eines Jüdischen-Welt Kongresse? dessen Aufgabe es sein sollte, die akuten jüdischen Fragen in einem großen Maßstab aufzurollen und über radikale Maßnahmen zur Abhilfe der jüdischen Not zu beraten. Die Trauerfeier für Lesser U'y Unter überaus großer Beteiligung weiter Kreise von Kunst und Gesellschaft wurde am Mittwoch, den 21. Oktober, der große Meister der bildenden Kunst Lesser Ury in einem Elirengfab der Jüdischen Ge- . meinde auf dem Friedhof der Gemeinde ln Weißensee beigesetzt. Neben Mitgliedern des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung der Jüdirchen Gemeinde waren Berliner Künstler und Kunstkritiker ln großer Zahl erschienen, um von dem toten Meister Abschied zu nehmen. Rabbiner Dr. Josef Lehmann zeichnete ein Bild von Lesser Ury, dem Menschen und Künstler, dem er nahegestanden hat; er schilderte seine Einsamkeit, seine Verbitterung, die sein Künstlertum noch gestählt habe, und sein künstlerisches Erleben der Bibel. Für die Jüdische Volkspartei und die zionistische Bewegung dankte Rechtsanwalt Dr. Klee dem Verstorbenen, dessen gewaltige Gemälde «Jeremias» und «Mose auf dem Nebo» der. gegenwärtigen und künftigen jüdischen Jugend ein Symbol des Schmerzes über den Verlust des jüdischen Landes und der Hoffnung auf den Aufbau sei. Er gedachte mit besonderer Wärme der Treue, die der Verklärte dem Ideal eines jüdischen Palästina allzeit entgegengebracht habe. Die Agudah macht Politik Wie von der Agudas Jisroel mitgeteilt wird, hat der Sekretär der . Londoner Agudah, Herr Goodman, den früheren High Commissloher, Sir John Chancellor, in London besucht und ihm den besonderen Dank der orthodoxen Judenhelt ausgesprochen. Chancellor soll darauf freundlich geantwortet haben, er habe sich immer gefreut, die Arbeit der Orthodoxie ln PalUsUna unterstützen zu können. Es ist Immerhin Interessant zu hören, daß die Agudah von der Amtsführung Chancellors, in dessen Amtszeit bekanntlich auch die Kämpfe um die Klagemauer fallen, so begeistert war, daß sie ihm dies durch eine spezielle Adresse zum Ausdruck zu bringen »ich bemüßigt fühlte. — Weiter wird von der Agudah mitgeteilt, daß Dr. Pinchas Kohn und Herr Sally Guggenheim den jugoslawischen Außenminister Marinkowic, der im Völkerbundsrat Berichterstatter über Mandatsfragen war, In Genf besucht haben und mit ihm die Lage in Palästina erörterten. In der Unterredung dürfte wohl nichts Belangvolles vorgefallen sein, aber es ist ganz wichtig, daß die jüdische Oeffentlichkeit erfährt, daß solche Besprechungen stattfinden. ihr seid für den Keren Kajemeth verantwortlich, werbet für ihn als Setoeikoniingenilerl