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Die Stimme · 1931-08-29 · Heft 199 (29.8.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 199 (29.8.1931)
Date
1931-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 199 — 29. Oktober 1931 KiiMMF. Seite 3 Bialifts Bekenntnis lieber ein Gespräch mit Bialik während der Reise von Warschau nach Krakau, berichtet nachstehend ein hebräischer Journalist: ln einem seiner neuesten Gedichte, ich glaube in einer Antwort auf die Huldigungen anläßlich seines 50jährigen Jubiläums, hat Bialik eine in ihrer Einfachheit rührende Antwort erteilt: «Wo.tir all diese Huldigungen. Ich habe sie ja gar nicht verdient. Ich bin kein Dichter, sondern ein einfacher Holzfäller. Laßt mich in Ruhe, es kehre jeder zu seiner Arbeit zurück.» Also nicht Dichter, sondern Holzfäller. Dies ist offenbar eine poetische Uebertireibung, welche, in die Alltagssprache übersetzt, beinahe grenzenlose Bescheidenheit des Dichters, seine Flucht aus Lärm und Geräusch bedeutet. Grenzenlose Bescheidenheit; dies ist es, was vor allem den Dichter Bialik charakterisiert, den Menschen Bialik: Nicht ein Quentchen Pose, nicht eine Spur von Ueberhebung. Der Dichter ist ungemein ermüdet, seit einer Reihe von Wochen schläft er nicht genügend, das ständige Reisen und die unumgänglichen Bankette quälen ihn. Das Gespräch will nicht in Fluß kommen. Seine Eindrücke von der bisherigen Reise über Polen: Er hat ja noch so wenig gesehen, beinahe alles nur aus den Waggonfenstern. Er fühlt sehr genau die Niedergedrücktheit der jüdischen Massen heraus, die schwere Krise. Noch kann der Dichter seine Eindrücke nicht in ein Gesamtbild zusanrmenfassen. Vielleicht später einmal. «Sie sind zuletzt* in Warschau mit den Vertretern der polnischen Literatur zusammengekommen. Ist irgend ein engereir Kontakt zwischen Ihnen, der hebräischen Literatur und den polnischen Schriftstellern hergestellt worden?» «Kontakt, nein, keiner. Gewöhnlicher, übrigens herzlicher Empfang im polnischen Pen-Klub, nichts weiter.» «Wozu sonst ist der Pen-Klub geschaffen?» «Mir scheint, daß nicht einmal die Gründer dieser Institution sich Rechenschaft über deren Ziele gegeben haben. Vorläufig ‘wenigstens veranstaltet der Klub Empfänge; auch das ist gut.» «Und wie stellt sich das literarische Leben in Palästina dar?» «Sehr gut. Es blüht. Es offenbaren sich immer neue Talente. Die Leserwelt ist sehr stark entwickelt. Eine palästinensische Kolonie konsumiert mehr hebräische Bücher als leider so manches Land im Golus.» Der Dichter wird lebhaft und spricht mit Begeisterung: «Sehen Sie, das ist ja das Wichtigste. Das hebräische Lesepublikum wieder erwecken, das Interesse für das hebräische Wort wachrufen, das jahrelange Verbrechen dadurch gutmachen, das man dadurch begangen hat, daß man in der zionistischen Arbeit bisher stets die politischen Momente unterstrichen, die Kulturfragen jedoch außer acht gelassen hat. Diese sind jedoch die Grundlage, ohne sie gibt es keine Renaissance-Bewegung.» Man könnte eine ganze Abhandlung schreiben, wie die hebräische Sprache im Munde Bialiks klingt. Die hebräische Sprache Bialiks glitzert in allen Regenbogenfarben. Man lauscht auf die Worte Bialiks, wie auf die schönste Symphonie, in dem Moment, da das Orchester piano, pianissimo spielt. Ich frage nach seinen letzten literarischen Arbeiten. Bialik sammelt eifrig und gibt Werke alter Meister heraus. Zuletzt hat er in glänzender Ausstattung mit seinem eigenen Kommentar die Poesien seines großen Vorgängers G a b i r o 1 herausgegeben. Jetzt bereitet er sich vor, Iba Esra und Sam Hanagid herauszugeben. Außerdem gibt es verschiedene Dinge in seiner Werkstatt. Ein Band Gedichte für Kinder (wer erinnert sich nicht an sein wundervolles poetisches Spiel für die Kleinen: «Ktinnakol-bo»); ein Band Reden und Ansprachen, welchen er noch bearbeiten muß, da der Dichter sich niemals zu seinen Ansprachen Notizen macht, sondern immer improvisiert. Die Berichte über seine Ansprachen fallen daher immer ungenau aus und man muß sie von Grund auf bearbeiten. Und seine Originalpoesien? «Ich schreibe hie und da, wenn die Zeit und die Menschen es mir erlauben.» Die Redaktion vom «Mosnajim" hat meine neueste Schöpfung in Händen, in welcher manche gewisse politische Anspielungen sehen wollen. Was habe ich mit Politik zu tun!» «Haben Sie am letzten Zionistenkongreß teilgenommen, und welche Eindrücke haben Sie von Basel mitgebracht?» «Ich fuhr mit gebrochenem Herzen weg. Was haben sie getan! Sie haben einen neuen Weizmannismus ohne Weizmann eingeführt.» «Sie gelten als ein großer Anhänger von Weizmann.» «0 ja, ich bin sein bedingungsloser Verehrer. Seine politische Linie halte ich für die einzig richtige. Sehen Sie, wie er trotz allem reist und arbeitet. Das ist ein Mann!» Und nach einem Moment entringt sich dem Dichter ein Vergleich, mit welchem er seinen grenzenlosen Enthusiasmus für Weizmann treffend charakterisiert. Ein Vergleich, geschöpft aus der Geschichte des jüdischen Volkes. Wie gerne möchte man diesen Vergleich zitieren! Aber man darf nicht. Bialik wird rot und sagt: «Aber Gott behüte, veröffentlichen Sie es nicht!» Ich frage B i a l i k nach der Entwicklung der hebräischen Universität. I «Die Universität entwickelt sich ausgezeichnet Es i waren Klagen, daß dieses Institut zu sehr .akademisch’ ist, da sie bloß für selbständige Forscher bestimmt ist. Ich bin jedoch in der Lage, alle Malkontenten zu beruhigen. Unsere Universität ist auf dem besten Wege zur Umwandlung in eine normale Universität, Sogar mit Diplomen und, wenn jemand will, auch mit Doktoraten. Sehr schön entwickelt sich und arbeitet das Judaistische Institut. Leider fehlen Ihm zwei wichtige Katheder: für Bibel und Hebräisch. Die Besetzung des Bibel-Katheders ist eine besondere Schwierigkeit mit Rücksicht auf die konservativen Kreise, die die wissenschaftliche Kritik nicht zulassen wol'en. Auf diese Weise hat man die Kandidatur von Professor Torczyner verloren. Wäre Oberrabbiner C h a j e s s. A. noch am Leben, so hätten wir keine Sorgen.» Elischewa Eine Russin, die hebräische Dichterin wurde. Im dreizehnten Band der hebräischen Zeitschrift «Hatekufa» erschienen zum erstenmal die hebräischen Gedichte Elischewas. Den Gedichten ging eine kurze und fast unglaubwürdig scheinende Redaktionsnotiz voran, in der bemerkt wurde, daß die Dichterin der Abstammung und Nationalität nach eine Russin sei. Seit dieser Zeit konnte man öfters die Gedichte Elischewas in der «Hatekufa», im «Haolam» und in palästinischen Zeitungen lesen. Vor einiger Zeit gab Elischewa in Palästina einen Gedichtband unter dem Titel «Kosktana» (der kleine Kelch) heraus, der sogar schon eine dritte Auflage erlebte. Wer ist nun Elischewa? Was veranlaßte diese Slavin, die in der Atmosphäre des russischen Lebens erzogen wurde, ihr dichterisches Talent der hebräischen Literatur zu widmen? Wie gelang es ihr, die ungeheuren Schwierigkeiten zu überwinden, die sich am Weg zur Erlernung und Vertiefung der hebräischen Sprache und Kultur auftürmen? Was hat es bewirkt, daß Ivanowa Zirkowa, die Tochter eines russischen Beamten, zur hebräischen Dichterin Elischewa wurde? Diese Fragen bemüht sich Elischewa selbst in einem Artikel «Meine Geschichte», den sie vor kurzem in einer literarischen Wochenschrift in Palästina veröffentlicht hat, zu beantworten. Elischewa wurde im August 1888 in Riazan, als Tochter eines unvermögenden russischen Volksschullehrers, geboren. Sie genoß Unterricht in einem russischen Gymnasium in Moskau und dann besuchte sie pädagogische Kurse. Im Jahre 1910 beendete Elischewa ihre Studien. Noch während der Gymnasialzeit lernte Elischewa durch Vermittlung einer jüdischen Kollegin das jüdische Leben kennen und sie eignete sich auch unwillkürlich, nur die Uebungen der jüdischen Kollegin nachahmend, das hebräische Alphabet an. Da sie die deutsche Sprache beherrschte, erlernte sie mit Leichtigkeit die jiddische und konnte binnen kurzem sehr leicht die Werke von Nomberg und Asch lesen. Während der Lektüre der jiddischen Bücher stieß sie manchmal auf unbekannte hebräische Worte, die sie interessierten. Sie begann sich mit der hebräischen Sprache näher zu beschäftigen. Von ihrem Bruder, einem Orientalisten, bekam sie eine Grammatik der hebräischen Sprache, die sie eifrig studierte und vom Jahre 1913 an besuchte sie zwei Jahre hindurch die hebräischen Abendkurse der «Vereinigung der hebräischen Sprache» in Moskau. Sonst lernte sie nie systematisch hebräisch; eine eingehendere Kenntnis der hebräischen Sprache eignete sie sich durch intensives Bücherlesen an. In den ersten Kriegsjahren veröffentlichte Elischewa Uebersetzungen jiddischer und hebräischer Werke ins Russische. Sie übertrug Novellen von Schoffman, Brenner und Gnessin und von jiddischen Dichtern Erzählungen von Asch und Nomberg. Im Jahre 1920 schrieb sie die ersten hebräischen Gedichte, die später in der «Hatekufa» veröffentlicht wurden. Ueber die jüdische nationale Bewegung schreibt Elischewa: «Die jüdische Nationalidee und dann der Zionismus haben auf mich HISTADRUTH IVRITH Samstae. den 81. X. 8 Uhr abends im Hotel »Bayrischer Hof* Fest-Akademie zu i hren der hebräischen Dichterin Elischewa aus Palästina — Aus dem Programm: 1 » röffnung: Dr D. Rothblum 2. Vlolinvortiag: Violinvirtuose Max jäckel 3. Elischewa: Aus eigenen Werken 4. Konzertsän^erin M. Zytlowskaja (Riga) u. M. Ohrenstein (Palästina) 6. El schewa: Mein Weg zum Judentum 6. Rezitation: R. Lebensohn Kartenv rverkauf: Bücherst^s Ra h. D. Taborstr. 20a Be irkssektion Leopoldstadt, Praterstraße 13 — Preise der Sitzplätze: S 1~ und S 2 — Das Gespräch kommt auf das Thema seines Vortrages* Warum er nicht hebräisch spreche. Er will mit der hebräischen Sprache keine Demonstration veranstalten, weil sie für ihn ein Heiligtum sei. Er wünsche, daß ihn alle verstehen. Er sei zu seinen Brüdern ins Golus gekommen, um in die große Posaune des Appells zu blasen. «Und wissen Sie,» sagte der Dichter, «es besteht eine Vorschrift In unserer Tradition, daß der Schofar, mit welchem man am Rosch-Haschanah bläst, aus einem Material sein müsse. Er darf nicht einmal vergoldet werden. Und ich will meinen Schofar nicht durch den Glanz der herrlichen hebräischen Sprache vergolden.» einen großen Eindruck gemacht und mich veranlaßt, mich ausschließlich dem Schaffen in hebräischer Sprache zu widmen und mich in Palästina anzusiedeln. Als hebräische Dichterin sehe ich nur ein Ziel für mein Schaffen: die Entwicklung der hebräischen Dichtung in der modernen, gebräuchlichen hebräischen Sprache, 5m sephardischen Dialekt. Darum enthalte ich mich aller Versuche und des Suchens neuer Formen für mein Schaffen. In meinen Poesien schätze ich am meisten nicht deren «Geist» oder «den Zionismus», nicht «das Slaventum» oder «den Feminismus», die ich in die hebräische Dichtung getragen habe, sondern ausschließlich die wenigen Lieder, in denen es mir gelang, meiner Ansicht nach, die Möglichkeiten des sephardischen Dialekts in der Dichtung aufzuzeigen». Von den russischen Dichtern hat Elischewa, wie sie selbst eingesteht, am stärksten Aleksander Blök, von den hebräischen Schoffmann und Uri Nissan Gnessin beeinflußt. Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis in Berlin Berlin, 25. Oktober. J. T. A.) Auf der Durchreise hielt der Oberrabbiner Schwedens, Dr. Markus Ehrenpreis, bekanntlich ein richtunggebender Kritiker und Wegebereiter des modernen hebräischen Schrifttums, Mittwoch, 21. Oktober, einen hebräischen Vortrag im Beth Am und am Donnerstag, 22. Oktober, einen Vortrag in deutscher Sprache im Logenhaus Kleiststraße. Beide Vorträge waren sehr zahlreich besucht. Im Beth Am sprach Dr. Ehrenpreis über «Erez Israel und Galuth». Er fordert eine Art Parallelismus in der jüdischen Arbeit, die sich verteilen soll auf den Aufbau des jüdischen Palästina und den Wiederaufbau der jüdischen Diaspora. Die vielfach kühnen und von der parteimäßigen Schablone stark abweichenden Gesichtspunkte des Vortrages gaben Anregung zu einer sehr angeregten Diskussion. Der Vortragende suchte in einem eindrucksvollen Schlußwort seinen Standpunkt gegen Mißverständnisse klar zu machen. Er wehre sich gegen ein Nur-Palästina und gegen die sogenannte Verneinung des Golus. Er erkläre sich als ausgesprochener Bejaher des Golus. Ein neues Judentum werde durch Zusammenarbeit zwischen Diaspora und Palästina erstehen. Weizmann besucht die Tschechoslowakei Prag. Dr. Chaim Weizmann hat eine Einladung des tschechoslowakischen zionistischen Landesverbandes, im Dezember in die Tschechoslowakei zu kommen und in einer Reihe von Städten in öffentlichen Versammlungen zu sprechen, angenommen. Dr. Adolph Stern, der Vorkämpfer der Emanzipation der rumänischen Juden gestorben Bukarest (J. T. A.) In Bukarest ist der hervorragende jüdische Politiker, Schriftsteller und Jurist Dr. Adolph Stern, Vorkämpfer der Emanzipation der rumänischen Juden, im Alter von 84 Jahren gestorben. Dr. Adolph Stern wurde im Jahre 1848 geboren. Schon als junger Rechtsanwalt begann er seinen Kampf für die Gleichberechtigung der rumänischen Juden. Zum Zwecke der Foitführung dieses Kampfes begründete er i. J. 1909 die Union der bodenständigen Juden, die in allen größeren Städten Altrumäniens Sektionen unterhält und in Bukarest ein eigenes Organ, den «Curierul Israelit», herausgibt. Nach der Bildung des großrumänischen Reiches in den Nachkrieesjahren bildeten sich Sektionen der Union auch in den neurumänischen Provinzen. Adolph Stern war bis zum Jahre 1924 Präsident und seither Ehrenpräsident der Union, die 1923 in die Union rumänischer Juden umgewandelt wurde. Adolph Stern war in den letzten Jahren seines Lebens ein Freund des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina und neigte auch in der innerrumänischen Politik — im Gegensatz zu den heutigen Führern der Union rumänischer Juden, Dr. Wilhelm Fildermann, Horia Carp usw., die die Gründung einer jüdischen Partei senarf bekämpften — der nationalen jüdischen Richtung zu. Kuranstalt „Hydrotherapie” teVephonlSSSSOT Chefarzt: Facharzt Dr. H. Glücker Vollständig neu eingerichtet, größter Komfort, mäßige Preise Höhensonne, Diathermie, Sollux, Vitalux, Galvanisation, Faradisation, Kohlensäure, Sauerstoff, Schwofei, Jod, Fichtennadel- und Radiumbäder, Heißluft, Plstyaner Schlammpackungen. 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