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Die Stimme · 1931-08-29 · Heft 199 (29.8.1931) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 199 (29.8.1931)
Date
1931-08-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIB STIMM Nr. 199 — 29. Oktober 1931 &ie Wiwtsdkaftsnot der ösieneidtisdken Juden Jüdische Wlntevhilfsakiion Von Dr. Nahum Blauer Die fortschreitende Verarmung afs Folge der um sich greifenden Wirtschaftskrise macht die Ergreifung besonderer sozialpolitischer Maßnahmen dringend notwendig. Zusehends werden weite jüdische Kreise ihres bisherigen Erwerbes beraubt, eine Erscheinung, die übrigens nicht nur in dem unter besonderen Schwierigkeiten leidenden Oesterreich, sondern auch in einer Reihe von anderen Ländern zu konstatieren ist. Selbst in Amerika soll sich die Zahl der auf fremde Hilfe Angewiesenen in den letzten , Jahren um etwa 40 Prozent vermehrt haben. t Angesichts der gesteigerten Not, die gerade der j herannahende Winter mit seinen Anforderungen zu j bringen droht, sind allenthalben Bemühungen im Gange, unter Mitwirkung der bestehenden karitativen Institutionen rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen. Man hüte sich aber schon jetzt vor argen Uebertreibungen, die Illusionen in mehrfacher Richtung hervorrufen können. Jede noch so geringe Hilfeleistung ist im Hinblick auf die früher nicht gekannte Zahl der Notleidenden mit so gewaltigen Mitteln verbunden, daß ihr die private Fürsorge selbst bei äußerster Anstrengung schwerlich auch nur annähernd gerecht werden kann. Um so dringender erwies sich die Notwendigkeit einer gemeinsamen Aktion sämtlicher jüdischen Faktoren Wiens, um im Rahmen der zu schaffenden Möglichkeiten die Hilfe rationell zu gestalten. Daß die «Winterhilfe» der Gemeinde Wien nur zum geringen Teile Juden zugute kommen kann, wurde in jüngster Zeit bereits hinlänglich dargelegt. Denn vor allem sollen dort die ausgesteuerten Arbeitslosen berücksichtigt werden, womit bei der eigenartigen Struktur dfes jüdischen Erwerbslebens nur ein geringer Bruchteil der schwer unter der Not der Zeit leidenden Juden erfaßt wird. Wie schon oft, ergibt sich somit auch diesmal aus rein sachlichen Gründen die unabweisliche Forderung nach besonderen Hilfsmaßnahmen zugunsten unserer jüdischen Bevölkerung, unbeschadet der Mithilfe der Juden im Rahmen der allgemeinen Aktion. Die Fürsorgezentrale der israelitischen Kultusgemeinde Wien selbst weist einen Grundstock von zirka 20.000 Personen auf, die in der letzten Zeit in irgend einer Form die Hilfe der Kultusgemeinde in Anspruch genommen haben. Daß sich die Lage dieser Menschen in den Wintermonaten bessern würde, kann bei der gegebenen Sachlage nicht gut angenommen werden. Im Gegenteil muß damit gerechnet werden, daß eine zahlenmäßig gar nicht festzustellende Schichte unter der Wucht der Ereignisse gezwungen sein wird, ebenfalls um Hilfe vorstellig zu werden. Nimmt doch der Prozeß der Hinausschleuderung jüdischer Menschen aus dem lebendigen Wirtschaftsorganismus erschreckenden Umfang an. Nicht nur selbständige Kaufleute und Gewerbetreibende sowie Angehörige der freien Berufe, auch Fixbesoldete, die bis vor nicht langer Zeit ln manchen Instituten eine staatsähnliche sichere Lebensstellung zu haben wähnten, werden existenzlos. Während ein verhältnismäßig großer Teil der nichtjüdischen Bevölkerung eine immerhin auskömmliche Existenzgrundlage Im Staats- oder Kommunaldienst hat, kommt heutzutage diese Erwerbsmöglichkeit bei den Juden gar nicht in Frage. Auch die Berufsgruppe, die selbst in schlechtesten Zeiten mit eigenen Agrarprodukten zumindest die allernotwendigsten Lebensbedürfnisse decken kann, ist bei uns nicht vorhanden. So finden wir leider bei uns Erscheinungen in nicht eringer Zahl, wo krassestes Elend plötzlich dort ereinbricht, wo vor kurzem noch Wohlstand zu sehen war. Die Eigenart jüdischer Wohlfahrtspflege bringt es mit sich, daß vielfach erst der Weg zu aem unter dem neuen Elend doppelt Leidenden, zu dem sogenannten verschämten Armen, gefunden werden muß. Wird eine Massenbefürsorgung eintreten müssen, die es erfordert, innerhalb weniger Monate mit Notstandsmaßnahmen für alle Bedürftigen einzusetzen, dann muß naturgemäß in der Hauptsache eine Typisierung Platz greifen, die sich vor allem auf Ausspeisung, eventuell Zuweisung von Lebensmittelpaketen und Beteilung mit Kohle erstrecken wird. Auch hiefür sind selbst *bei kärglicher Bemessung ganz ansehnliche Geldmittel erforderlich, die nur bei Mitwirkung der weitesten Kreise der jüdischen Gesellschaft Wiens aufzubringen sein werden. Erfreulicherweise scheint es, nach der Stimmung zu schließen, welche anläßlich der über Initiative der Zentralkom? mission vor wenigen Tagen abgehaltenen Versammlung sämtlicher an einer solchen Aktion interessierten jüdischen Körperschaften und Vereine zum Ausdrucke kam, daß tatsächlich Anstrengungen gemacht werden würden, um u. ä. auch in der vorgesehenen Form der Schillingskupons die Sammlung erfolgreich zu gestalten. Das bekannteste und angesehenste Mitglied des amerikanischen Repräsentationshauses, der hervorragende Führer der demokratischen Partei in Amerika, Herr Abgeordneter Dr. Sirowich, der als Delegierter an der interparlamentarischen Konferenz in Bukarest teilgenommen hat und bei derselben bedeutsame Aeußerungen machte, hat dem Generalsekretär der U. E. R. Bukarest, Herrn M. Zelter-Sarateanu, ein Interview gewährt, dem wir aus dem «Curierul Israelit» folgende interessante Stellen entnehmen. Dr. William Sirowich äußert sich zunächst über seine Reiseeindrücke in Europa und sagt: „Ich habe in den Ländern Europas, in welche ich gekommen bin, die Lebensbedingungen und die Entwicklung des öffentlichen Lebens untersucht. Dies alles kennen zu lernen war für mich sehr interessant. Insbesondere war dies für mich als Politiker wertvoll, da überall von Europa aus unsere Aufmerksamkeit für verschiedene Angelegenheiten und sogar Opfer von uns gefordert werden-.» :' «Welche Eindrücke haben Sie bis jetzt gesammelt?» «Ich übergehe die Wahrnehmungen, welche durch die wirtschaftliche Krise, welche eine Weltkrise ist, hervorgerufen erscheinen. Aber ich kann es nicht unterlassen, festzustellen, daß so manche betrübliche Erscheinungen in Europa nur durch den Mangel an Verständnis für menschliche Solidarität hervorgerufen sind. In den Vereinigten Staaten ist dieses Menschlichkeitsgefühl sehr ausgeprägt. Unser ganzes öffentliches Leben ist durch dieses Gefühl für die allgemeine Wohlfahrt beeinflußt. Während man in Amerika sich bemüht, eine Zusammenarbeit zu erzielen, machen sich in einigen europäischen Ländern Strömungen geltend, welche nur zu Weiterungen und Kampf führen. Sogar innerhalb desselben Staates und in derselben Bürgerschaft ist dies oft der Fall. Was bedeutet zum Beispiel denn sonst die Unterstreichung der Verschiedenheiten der Rasse, der Abstammung und des Glaubens? Was bedeuten die heftigen Kämpfe auf Grund dieser Unterschiede und wem sollen sie nützen? Die bürgerliche Oieichheit, welche wir bei uns in Amerika mehr als alles schätzen, ist sie nicht die sicherste und glücklichste Garantie für eine freiheitliche Entwicklung? Der extreme naüonalistische Rassenstandpunkt hat in einigen Staaten Mittel- und Osteuropas Eingang gefunden und bedeutet eine permanente Gefahr für den Frieden und die öffentliche Ordnung. Der Fortschritt dieser Staaten und die Wohlfahrt der Bürger sind durch diese extremen Bewegungen gehemmt. Der Hitlerismus in Deutschland und Oesterreich, der Horthysmus in Ungarn und der Cuzismus in Rumänien sind Faktoren der Verneinung und Unordnung; sie führen die Staaten, wenn sie sich ihm Rw*|mc!hw«!|'Restaurant j I lif ÄTelg-Erzeugung, beste Quai täten | Wien, 2. Bezlrk/ Glockenguaße Nr. 11 1 PI. Brithner & (o. ] Uns»re Fanrik ataht unter ritueller Aufsicht des 9 .man ora oninn nei am I KB’}«? "T3N3 WOV I Neu «i^ffnet« Verkau ««teilen; ■ Wien, II., Grude Bohlffstu«« 19. I Restaurant fiaroa, I Hauptallee. 2. Kaffeehaus. H Separierter Garten / Eigener Pavillon, R Gottfried, X„ PtnwitorfergMM 36 Jj Werden die Mittel rechtzeitig vorhanden sein* dann ist nicht daran zu zweifeln, daß auch die not« wendigen Vorkehrungen zur technischen Bewältigung der einschlägigen Aufgaben getroffen werden können. Auch hiebei, das heißt bei der praktischen Durchführung der Hilfstätigkeit im Winter, ist ein enges Zusammenwirken mit den in Betracht kommenden jüdischen Wohlfahrtsvereinen in Aussicht genommen. Hoffentlich wird der Zusammenschluß der jüdischen Kräfte zu dieser Art Selbsthilfe nicht nur die ersehnte Linderung für den Augenblick bringen, sondern auch den Grundstein für eine weitere zusammenfassende Kooperation bilden. Neben den unaufschiebbaren Hilfsmaßnahmen, die dazu dienen, den krassesten Erscheinungsformen menschlichen Elends zu steuern, gilt es vor allem, manche Gebiete der produktiven Fürsorge zu pflegen, durch die Schutzbedürftige ln die Lage versetzt werden sollen, sich durch Eingliederung in die schaffende und erwerbende Gesellschaft aus eigenen Kräften zu erhalten. nicht entgegenzusetzen verstehen werden, dem Ruine zu.» «Haben Sie sich auch um die .Zustände in Rumänien interessiert?» «Ja. Ich hatte das Vergnügen, interessante Persönlichkeiten hier kennenzulernen und bei dieser Gelegenheit mich auch über die Situation im Lande informiert. Besonders haben mich die Bestrebungen Rumäniens auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete interessiert. Ich habe mich auch für die Anstrengungen der fortschrittlichen Elemente interessiert, . welche dem Lande eine ruhige Entwicklung und eine Verbindung mit der Welt von außen sichern wollen. Viel mehr als vor dem Kriege sind die Staaten Europas, und zwar unterschiedslos, bemüht, über den Stand der gemeinsamen Bestrebungen für den Fortschritt eines jeden Landes in Kenntnis zu sein. Nur durch immer mehr gesteigerte Zusammenarbeit der europäischen Staaten, der großen und der kleinen, ist die Möglichkeit :eines Fortschrittes desselben gegeben. Aber ein solches Zusammenwirken kann nur in einer Atmosphäre des Einverständnisses und des friedlichen Zusammenlebens der Völker verwirklicht werden. Selbstverständlich kann auch der Fortschritt Rumäniens nicht anders in die Wege geleitet werden, als im Rahmen der europäischen Harmonie.» Auf einige Fragen betreffs des jüdischen Lebens in Amerika und über seine Meinung über die Situation der Juden in Zentral- und Osteuropa antwortete mir Dr. Sirowich: «Die amerikanischen Juden sind Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten wie ihre Mitbürger in den Vereinigten Staaten. Bei uns kennt man keinen Unterschied der Abstammung und des Glaubens. Die amerikanischen Juden sind gute Bürger des Landes, Sie arbeiten an der allgemeinen Wohlfahrt mit. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens nehmen die amerikanischen Juden jene Stelle ein, welche ihnen gebührt. Wer fähig ist, steigt auf. Abstammung oder Glauben bilden für niemanden ein Hindernis, aber auch kein Privileg. In den meisten europäischen Staaten ist die Lage der Juden eine ähnliche. Die bürgerliche Gleichheit liegt auf der Linie der Bestrebungen für die günstige Entwicklung der Gesamtheit. Es ist einleuchtend, daß nur auf diese Weise auch der Fortschritt der Juden überall gewährleistet werden kann. Die antisemitischen Tendenzen, die Juden zu separieren und zu isolieren, können dort nicht von Erfolg sein, wo das Prinzip der bürgerlichen Gleichheit in der Grundanschauung und Tradition des öffentlichen Lebens verankert ist. Auch in Rumänien wird diese Auffassung immer mehr Wurzel fassen müssen. Die rumänischen Juden müssen sich in allen Belangen der Verteidigung des großen Prinzips der bürgerlichen Gleichheit zuwenden. Ich weiß; daß Sie jüdische Führer von großem Format in Rumänien haben. Mein unvergeßlicher Freund, der verstorbene Louis Marsh&ü, hat mit mir wiederholt über Doktor Fiiderman gesprochen und diesem Führer der rumänischen Juden viel Worte des Lobes gewidmet. Diese Elogen sind wohlverdient und teile Ich sie zur Gänze. Bevor ich von New-York abgereist bin, haben mich von der «Union rumänischer Juden in Amerika» die Herren Richard, Leo Wolfson und H. Speier besucht. Ich habe auch in Bukarest mit Herrn Dr. Fiiderman und mit der Organisation der U. E. R., der er vorsteiit, Fühlung genommen. In seiner Gesellschaft habe ich auch Herrn Aristide Blank besucht, welcher nicht nur ein hervorragender Finanzier, sondern auch ein Mann von erlesener und hoher Kultur ist. Ein wahre! Europäer,» , „ ' Die Lage dev Juden in Zenital- und Osteuropa / Interessante Meußevungen des amerikanischest JUjgeoedneten Dr. William Sirowich gelegentlich der interparlamentarischen Konferenz in Bukarest

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