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Die Stimme · 1931-08-22 · Heft 198 (22.8.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 198 (22.8.1931)
Date
1931-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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' ft mp STfMWE Nf. 198 - 22. Oktober 1031 Vor dem Delegiertentag Vorschläge und Probleme Zu r Mtise derjüdlsdten Jugend* (frnefc iSehadMuiig üfier ein ctnslu ütoMem) Be hat In den letzten 50 Jähreti, seitdem die Judenheit zu nationalem Bewußtsein erwacht ist, noch nie eine derart ernste Krise innerhalb der jüdischen Jugend gegeben, wie wir Üe gegenwärtig erleben. Ais vor einem halben Jahrhundert Auf den Trümmern des humanistischen Aufklärungsideals, das bht dahin die jüdische Wett beherrscht hatte, unter dem erschütternden Eindruck der ersten Judenpogroms in Rußland (Frühjahr 1881) die moderne jüdischnationaie Bewegung entstand, konnte sie mit Sturmesgewalt fast die gesamte Jugend erfassen und mit sich reißen. Binnen kurzer Zeit war bis aut geringe Ausnahmen (Bund in Rußland!) alles, was im Judentum jung, Irisch und begeistefungalHhig gewesen, im; zionistischen Lager vereint. Und so blieb es bis In die letzten Jahre hinein. Die «Bllu* und die aus den Jugendverbänden während des Weltkrieges entstandene «Chalu2*-Bewegurtg bezeichnen die Höhepunkte in der Entwicklung des Uedatikens nationaler Erneuerung, der wir cs zu verdanken haben, daß das Judentum heute trotz allem Elend in aller Welt viel besser'dasteht als ehedem: mit dem Emtryo eines nationalen Heims in Palästina, mit (wenn auch nur auf dem Papier) anerkannten hational-kultureliän Minderheitsrechten und — daraus resultierend — mit einem gewissen Gefühl der 'Selbstachtung im Bewußtsein nationaler Vollwertigkeit. ln den letzten Jahren ist dies anders geworden. Aus Moskau dringt eine neue Helislehre vor und reißt mit unwiderstehlicher Kraft die Jugend mit sich, (Jewiß, noch immer bildet die zionistische Jugend die Mehrheit innerhalb der Jüdischen Jugend überhaupt. Aber schon muß sie um diese ihre Vormachtstellung schwer ringen, schon muß sie, tim den besten und ernstesten Teil ihrer Mannschaft bei der . Fahne halten zu können, bedenkliche Konzessionen an die . Moskauer Lehre machen (Haschomer Hazair!); schon naht der Tag (und wenn nicht in letzter Stunde mit aller Energie , dem entgegengearbeitet wird, dürfte er recht bald kommen);, 4a die. zionistische Idee zurückgedrängt und die Lehre des neuen Heils das Feld beherrschen wird. Vor unseren augsv- ■ erlügen Augen steht so das Gespenst der roten A s s i- . m i U t j o n, .der immer weitere Kreise der jüdischen jugena verfallen, Nicht um die geht es, die in Öestereich und Preußen sich derselben anschließen. Denn sie tun es meist aus purem Snobismus, sofern sie nicht schon im «zarten Jugendalter» ganz wie die «Alten» in der Judengasse von den Vorteilen angelockt werden, die die Zugehörigkeit zur herrschenden Partei mit sich bringt. Diese Jugend ist nicht höher zu werten als etwa die deutsch-freiheitliche der früheren Generation; ihre Gesinnung ist diktiert vom Nutzen, bestenfalls von der Mode und ihr «Revolutionismus* ist zu bequem und rentabel, als daß er der Beachtung wert wäre. Auch denen trauern wir nicht nach, die sich einen gewissen salonmäßigen, ästhetisierenden Kommunismus zulegen. Ist es doch so leicht, wenn man zu Hause gutes Essen hat und man in Cafes und Bars eifrig tanzen geht, noch so nebenbei ein bisserl zu «kommunistein»: das kostet nicht viel, verpflichtet zu nichts und läßt einen so recht interessant und dämonisch erscheinen . . . Aber die jungen Juden, die aufrichtig dem Kommunismus verfallen, mit heiligem Ernst und fanatischer Hingabe dessen Lehre verfechten, bereit, für dieselbe die größten Opfer zu bringen, ja selbst in den Tod zu gehen — um die tut es uns unendlich leid. Blutenden Herzens stehen wir häufig vor aolchen prächtigen Menschenexemplaren und denken: warum sind sie von uns weggegangen? Weswegen haben wir nicht vermocht, sie ins zionistische Lager zu ziehen? Ist aer Zionismus schon so gealtert, daß er nicht mehr die Kran besitzt, junge Gemüter zu packen? Hat der wundervolle Traum der Volksbefreiung und Volkserneuerung auf Urväterboden, der einst auf jugendliche Herzen zündend wirkte, diese seine Zauberkraft völlig eingebüßt? Worin liegt die Ursache dieser Massenflucht ins rote Lager? Hat etwa die Idee versagt — oder deren Träger? Wenn wir aufrichtig und gründlich die Dinge prüfen, müssen wir zur Erkenntnis gelangen, daß unsere eigutt* Unzulänglichkeit an allem Schuld ist. Gewiß trägt die Krise im Palästina-Aufbau zur Verschärfung qer Situation bei: bei einer jährlichen Einwanderung von 30.000 Juden nach Palästina hätte der Kommunismus me um* nimmer eine solche Ausbreitung innerhalb der jüdischen Jugend gefunden 1 Gewiß tut die Weltkrise das ihre: alles schwankt und bebt — was Wunder, wenn man aus Moskau das Hell erwartet, das nicht aus Genf kommen will! Sicher Ist auch, daß diese Bewegung — wie schon so manche früher in der Weltgeschichte — ansteckend wirkt una zum guten Teil eine Erscheinung der Massenpsychose und -Suggestion darstellt. Aber all das zugegeben, liegt die wesentliche Ursache doch nicht an objektiven, von um» unabhängigen Tatsachen und Erscheinungen, sondern vor allen Dingen an unseren eigenen Unterlassungen und Sünden! Wer sich nämlich mit einem überzeugten Jugendlichen Kommunisten in ein Gespräch einläßt und auf Juden und Judentum zu sprechen kommt, wird in mindestens 60 Pro- Wir bringen diese Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters, wenn sie auch ln mancherlei Beziehungen zur Kritik herausfordern. (Anm. d. Red.) zent der Fälle die Wahrnehmung machen, daß der betreffende nichts, aber auch absolut gar nichts über die Probleme und Forderungen des Judentums weiß! Ja, er weiß nicht einmal, was sein gepriesenes Moskau für die jüdischen Massen Positives leistet oder zu leisten Vdrgibt. Es ist uns oft vorgekornmen, daß ein solcher mit allen Finessen marxistischer Dialektik vertrauter Jüngling, der Über China und Indien genau Bescheid Wußte, weder über «Agro-Joint* noch Über «Komzd» etwas gehört oder gelesen hat! Um so weniger hatte er eine Ahnung von dem Ökonomischen Ruin und den seelischen Qualen der drei Millionen Stammesbrüder in Sowjetrußland oder gar vom Leben und Leiden einer neuert Generation In Palästina — von einer Kenntnis der jüdischen Vergangenheit, Wissenschaft und Literatur ganz zu schweigen I Stellt man aber den jungen Mann deswegen zur Rede, dann bekommt man für gewöhnlich folgenues als Begründung und gleichsam als Entschuldigung Zu hören: Woher sollte Ich über däs Judentum unterrichtet sein? Ich besuche die deutsche Schule; die Sprache, die ich spreche, die Geistesweit, in der ich lebe, sind deutsch; ln der zionistischen Vereinigung, der ich eine Zeitlang angehörte, wurde mir an jüdischen Werten nicht das Geringste vermittelt, vielmehr hat mich die Art und Weise, wie da Andersgesinnte derselben Bewegung bespuckt und begeifert werden, dermaßen angewidert, daß ich aus der Vereinigung ausgetreten bin. So weit unser Jüngling. Ist es da ein Wunder, wenn er — ein warmes, begeisterurtgsfählgcs Herz vorausgesetzt mit Haut und Haar der Heillehre der Komintern verfällt — derselben, die an den Lebensstamm seines Volkes die Axt der Vernichtung anlegt? Wenn einer, der im jüdischen Geist erzogen wurde, aiw irgendwelchen Erlebnissen heraus (es gibt ja doch so etwas wie Schicksale im Menschenleben!) sich demselben entfremdet und ins andere Lager übergeht, dann ist dies traurig, aber zugleich liegt darin, daß er Über die Dinge Bescheid weiß, irgendwie ein Trost für uns. Wenn aber Menschen von uns für immer Weggehen, die nicht einmal wissen, was sie verlassen und welches Erbe sie verleugnen, dann liegt nierin eine unsägliche Tragik! Und gegen diese ungeheuerliche Erscheinung gilt es mit allen Mitteln anzukämpfen. Vor allem muß da das Problem ein allgemein jüdisches ist — die gesamte jüdische Oeffentlichkeit darüber aufgeklärt werden, welche Gefahr der jungen Generation aus dem Mangel an einer entsprechenden jüdischen Erziehung droht. Es muß den jüdischen Eltern klargemacht werden, daß es ihre elementarste Pflicht ist, ihre Kinder in die jüdische Schule zu schicken, woselbst zumindest die Möglichkeit gegeben ist, die Jugend mit jenem Mindestmaß jüdischen Wissen» auszurüsten, ohne das sie dem Judentum von vornherein verloren gehen muß! Es muß ferner die Kultusgemeinde daran gehen, demjenigen Teil der Jugend, der die jüdische Schule nicht besucht und auch künftighin nicht besuchen wird (und leider wird dies ja die erdrückende Mehrheit sein!), die Möglichkeit zu bieten, sich die notwendigsten Kenntnisse Uber Juden und Judentum anzueignen. Eine Schule der jüdischen Jugend, nach Art etwa der in Berlin Bestehenden, in Form von freien Kursen aus sämtlichen Gebieten jüdischen Lebens und Wissens, scheint una hietar aao geeignetste Mittel zu sein und würde bestimmt sehr viel dazu beitragen, die beschämende Ignoranz in jüdischen Dingen zu beseitigen, die 9i) Prozent unserer (auch der sich «zionistisch» nennenden!) Jugend an den Tag legt. Und schließlich muß die zionistische Organisation sich des Ernstes der Situation bewußt werden und geeignete Maßnahmen zur Abwehr der drohenden Gefahr ergreifen. * Da ist zunächst einmal die Frage der Partelungen im Zionismus. Wenige von den an den Internen Parteikämpfen Beteiligten geben sich Rechenschaft davon, wie abstoßend dieser ganze unglückselige Parteihader auf empfindliche jugendliche Gemüter wirkt. Wenn immerfort und ohne Unterlaß in die Welt posaunt wird, daß die eigene Auflassung vom Zionismus die einzig richtige und «ernte», die des andern aber falsch und verkehrt sei; wenn Vernunft, Konsequenz und Tatkraft als ausschließliches Monopol der eigenen Gruppe reklamiert werden, wohingegen dem Widerpart nichts als das Gegenteil von alledom zugebilllgt wird; wenn vollends (o Gipfel der Verirrung!) nicht einmal an die Ehrlichkeit des Qegners geglaubt, ihm vielmehr scuman- Jichcr Verrat an der Idee insinuiert wird — dann darf es uns nicht wundernehmen, wenn junge Menschen, die das alles mitansehen und -hören, eine Weile verwirrt daetehen, dann aber dis Schlußverse eines bekannten Heineschen Gedichtes Der Juqendvertiri „Ire* larael“ eraiuliari tenem lieben Chawer Or. MAIR PAI3 zur Verlobung mit Frl.ZiTA SCHU und wOnsoht herzllohet £*!{£ halblaut vor sich hinmufmelnd, schleunigst unser heillos verwirrtes Lager verlassen 1 Wenn es uns nicht gelingt, den uralten Fluch des jüdischen Stammes (der zut Zeit der staatlichen Selbständigkeit ebenso auf uns gewirkt hat wie spater in der Erniedrigung der Diasporal) von uns zu Wälzen; wenn wir nicht erlernen, den atavistischen Hang zu Disziplinlosigkeit, Parfeigchäßsigkeit und Selbstzerfleischung zu überwinden und das Bindende Uber das Trennende, das Eine Über die Vielen zu stellen — dann muß uns um unsere Zukunft im eigenen Lande recht bange sein! Dann werden wir vor allen Dingen nie jene Stoßkraft gewinnen, die unerläßlich ist, um die Jugend mitzureißen und die Bewegung zum Siege Zu führenI Ein zweites Gefahrenmomenf, das auf die zionistische Organisation lähmend wirkt, liegt in ihrem unklaren und schwankenden Verhältnis zu* sozialen Frage, Wohl gab es Jahre hindurch einen ChdluZ-Kuit, und es gibt ihn zum feil noch heute. Aber weder gab es noch gibt es bei uns ein festümrissenes soziales Programm oder zumindest eine kräftige Losung sozialen Inhaltes, Und das ist es nicht zuletzt, was weite Kreise der Jugend von uns fernhält, die sich heutzutage nur von sozialen Losungen packen läßt. (Das geht so Weit, daß sogar ein Hitler sich genötigt sah, seiner schwarzen Fahne eine rote Kokarde aufzusetzun!) Denn die Jugend sieht una wir alle Sehen es mit ihr, daß die alte Gesellschaftsordnung wankt, daß der alte ökonomische Bau in seilten Grundfesten erschüttert ist und erhofft (mit Recht oder mit Unrecht — das bleibe dahingestellt!) von einer sozial-ökonomischen Umwälzung eine Erneuerung der Menschheit. Dem muu eine Bewegung wie die unsere Rechnung tragen, indem sie den Gehalt moderner sozialer Ideen ln ihre Ideologie äutnlmirn. und so eine Synthese herstellt zwischen dem rein Nationalen der Volksbefreiung mit dem Allgemein-Menschlichen aer sozialen Erneuerung. Mit Worten, wie Bindung des Blutes, Tradition, Volks- und Schicksalsgemeinschaft allein kommen wir da nicht weiter! Wir müssen es der Jugend deutlich machen, daß wir, indem wir in und für Palästina arbeiten, für neue Formen sozialen Seins, für die «neue Gesellschaft» arbeiten, die diese Jugend in ihren Träumen herbeisehnt; daß unsere Idee ihr Menschheitsideal nicht nur nicht verleugnet, sondern es geradezu vorwegnimmt. Nur so dürfen wir hoffen, auf die Jugend Eindruck zu machen/) Buber hätte nie den ungeheuren Einfluß gewonnen, den er innerhalb der deutschsprachigen Jugend durch etwa zwei Jahrzehnte hatte, wenn er (freilich in einer Form und einer Sprache, die einer früheren', geistig orientierten Generation angepaßt waren!) den Zionismus nicht als leuchtendes Bestreben nach einer geistigen und seelischen Erneuerung des Menschen im Juden hingestellt hätte. Man mag heute über Bubers Lehre denken, wie man will; man mag sic bekämpfen, ja sogar belächeln. Aber niemand wird leugnen, daß sie uns eine Phalanx wertvollster Zionisten großgezogen hat Diejenigen erweisen daher dem Zionismus einen schlechten Dienst, die da glauben, durch Kampf mit dem Marxismus, durch Besudelung all dessen, was mit Sozialismus und arbeitendem Palästina zu tun hat, zur Gesundung der zionistischen Bewegung beizutragen, während sie ln Wahrheit die größte Chance verscherzen, die wir im Kampf um die Seelen der Jugend besitzen und die es uns ermöglicht, bei gehöriger Anstrengung den Streit um die jungen Seeten zu unseren Gunsten zu entscheiden. Wenn sich das nicht rasen und grünlich ändert, wird es sich bitter an uiis rächen! Wenn Zionismus gleichbedeutend sein wird mit Reaktion, ‘ Pro- Palästina mit Antisozialismus, dann wird die zionistische Organisation aus Mangel an Nachwuchs mit der Zeit ganz verdorren, wie der Baum verdorren muß, dem nicht immer aufs neue frische Lebenssäfte zufließen. Was nöttut, ist daher gerade: das Hervorkehreo des humanitären, sozlalreformerischen Charakters unserer Bewegung. Für einen kulturbereichernden Zionismus dürfen wir hoffen, die besten Kröne der jüdischen Jugend zu gewinnen, die nicht erst heute, da eine wahre Revolutions-Psychose in der Welt herrscht, sich für menschheitsbeglückende Ideen begeistert, sonuern die schon seit der französischen Revolution, d. h. seitdem die Juden überhaupt wieder in die Geschehnisse dieser Welt eingrelfen, Immer da zu finden war, wo um höchste Menschheltsldeale gekämpft wurde! Zum Schlüsse noch einige Worte über die Verfassung, In der sich seit einigen Jahren der Zionismus befindet. Was Jedem sogleich auffällt, ist der völlige Mangel an Entnusiaamus, Elan und Willen zur Expansion, die jungen, gesunden Bewegungen eigen sind. 6a herrscht in unseren Reihen eine Apathie und Selbstgenügsamkeit, die erschreckend sind! Wenn man bedenkt, wie weit wir noch von unserem Ziel entfernt sind, welch schwieriges Stück Weg wir noch zurücksiilegcn haben und welche Kräfte materieller wie seelischer Art erforderlich sind, um unsere einzigartige Aufgabe zu bewältigen — muß man in dieser Stimmung, die bleiern Uber der Bewegung liegt, eine furchtbare Gefahr erblicken. Wie *) Es muß hier bemerkt werden, daß auf einen Teil der lugend auch extremradikale Losungen nationaler Natur eine starke Wirkung ausUben. So hat es denn auch öei Revisionismus verstanden, durch dl« magisch wirkende Losung eines großjudäischen Staates ansehnliche Kreise der Jugena an sich zu ziehen. Aber niemand wird leugnen, daß dieser Expansion außerhalb der zionistischen Re*h*n »eh* enge Grenzen gesteckt sind.

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