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Die Stimme · 1931-08-22 · Heft 198 (22.8.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 198 (22.8.1931)
Date
1931-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 198 — 22. Oktober 1931 niF. STIMME Seite ri KURANSTALT «HYDROTHERAPIA», V!ll.f LAMMOASSE 10, TEL. B 48-207 Chefärzt: Facharzt Dr. H. Glücket Vollständig neu eingerichtet, größter Komfort, mäßige Preise Höhensonne, Diathermie, Sollux, Vitalux, Galvanisation, Faradisation, Kohlensäure-, Sauerstoff-, Schwefel-, Jod-, Fichtennadel- und Radiumbäder, Heißluft, Pystianer Schlammpackungen, Entfettungskuren, Haibbäder, Packungen, Duschen und Heilmassagen Behandelt werden: Rheuma, Gicht, Ischias, Lähmungen, Gelenkserkrankungen, Neurasthenie, Nervenentzündungen, Neuralgien, erhöhter Blutdruck, Gefäßverkalkung, Herzschwäche usw., Erkrankung der Atmungsorgane, des Magen- und Darmtraktes,- Menstruationsstörungen, Sterilität und andere Frauenkrankheiten Vertragsanstalt sämtlicher Krankenkassen Die Revisionisten auf dem Scheidewege Ueber die Beschlüsse der Revisionisten in Calais (siehe Nr. 196 unseres Blattes) schreibt die «Jüdische Rundschau» in Berlin: Auf den ersten Blick ist Jedem klar, daß hier ein Ausweg gewählt wurde, der in Wahrheit keiner ist. Wenn die Revisionisten, um einen Mittelweg zu finden und ihre eigenen Schwierigkeiten zu bereinigen, eine solche Formel konstruiert haben, so bleibt nun der Zionistischen Organisation als solcher nichts übrig, als sich gegen die Zulässigkeit eines derartigen Status auszusprechen. Keine politische Organisation dor Welt würde etwa solches dulden. Die Zionistische Organisation hat bereits sehr viel Nachsicht geübt, aber sie darf ihr eigenes Leben nicht abhängig machen von der Willkür von Leuten, die sich außerhalb des Rahmens der Organisation stellen. In Wahrheit scheint uns freilich diese von den Revisionisten mit so viel Emphase geführte Kontroverse nur auf einen äußerlichen Ef.ekt berechnet zu sein. Die große Mehrheit der Revisionisten scheint zu wissen, daß der Austritt aus der Zionistischen Organisation den Revisionismus zu vö'liger Bedeutungslosigkeit verurteilen würde. Die Revisionisten wollen in der Zionistischen Organisation bleiben, zugleich aber nach außen hin eine große Geste der Ueberlegenheit machen, den Zionismus durch ihre Drohungen erzittern machen und ihr Drinbleiben schließlich als ein Geschenk der Gnade empfinden lassen. Wir stehen auch in dieser Sache jener Vorliebe für Theatralik gegenüber, die wir am Revisionismus so oft beobachten konnten. Man wird jedenfa'Is mit Interesse abwarten müssen, ob sich nicht innerhalb der revisionistischen Partei selbst ein Widerstand gegen diese Art der Behandlung ernster Dinge geltend macht. Vorläufig scheinen die Rov nonisten einen neuen Clou vorbereitet zu haben, nämlich den Austritt ihrer Landesgruppen aus den Landesorganisationen. Die revisionistische Konferenz Deutschlands, cjie ,a;h 11. Oktober ln Ik:l.n zirsämmcntr.tt, hat einen A.if'ig auf Austritt der Revisionisten aus der Z. V. f. D. zu behandeln. Wir versagen es uns, zu diesen Vorgängen Stellung zu nehmen, bevor ein Beschluß gefaßt wurde. Die Doppelstdlung, die sich die Revisionisten in der letzten Zeit zurechtgclegt haben, ist jedenfalls nicht weiter erträglich. Entweder man bleibt in der Organisation oder man tritt aus. Aber weder kann man beides, noch kann man bei jeder kleinsten Meinungsverschiedenheit mit einer Austrittsdrohung operieren. Die Z. V. f. D. war immer bestrebt, der einheitliche Verband aller deutschen Zionisten zu bleiben und sie ist vielleicht in der ganzen zionistischen Welt die einzige Landesorganisation, der dies wirklich gelungen ist. Die Z. V. f. D. wird ungeachtet aller separatistischen Strömungen diesen Weg auch weitergehen und sich vor allem auf die positive zionistische Arbeit in Deutschland konzentrieren. Wir sind überzeugt, daß alle zionistischen Ortsgruppen in Deutschland diesen Weg mitgehen werden. Wer in dieser Zeit Spaltungstendenzen hereinträgt, wer sich selbst — ganz in der Art der agtidistischen Trennungsorthodoxie — als den einzigen wahren Träger der zionistischen Idee aufspielt, seine Sondergruppe gleichzeitig zum Gegenspieler der Gesanrtorganisation macht und alle anderen Zionisten in ihrer Arbeit und Gesinnung für Palästina zu diskreditieren sucht, muß es sich Eine Prager jüdische Leidenschronik Szenen aus der «Igereth Machalath», einer Prager hebräischen Chronik des 16. Jahrhunderts Von Otto A b e I e s Blaß sind die Geschichtsbücher, sie verzeichnen nur'die Ereignisse und mühen sich, sie zu begründen. Man muß zu den Quellen hinab, um den Vorfahren nahezukommen. Jüdische Chroniken, unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse geschrieben, sind wirr, primitiv, oft unlogisch, es fehlt das fragwürdige Moment der «gewonnenen Distanz», aber man sieht den Menschen in die Augen, man wird Zeitgenosse. Eine lebensvolle hebräische Aufzeichnung über Judenschicksale, mit Blut geschrieben, betrifft die Kriegsnöte der Prager Juden zur Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges, um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Kontributionen, Hunger, Brandgeschosse, Schanzfron, kleinere Pogrome, schauerliche Metzeleien in der Judenstadt, Begleiterscheinungen der wiederholten Belagerung, Eroberung und Entsetzung Prags. Ein späterer Kompilator hat die vier naturbelassenen Dokumente unter dem Namen «Igereth Machalath» zusammengefaßt, das kostbare Original liegt in der Wiener Hofbibliothek, S. H. Lieben hat die Handschrift im Jahrgang II des «Jahrbuch der Gesellschaft für Geschichte der Juden in der Tschechoslowakischen Republik» übersetzt und bearbeitet. Ich las die vier Kapitel wie Briefe von Angehörigen, vergilbte, wurmstichige, mit dem Hausrat vererbte. Ich lese sie immer wieder und frage mich, wie.das Wunder bewirkt wurde, daß wir, die Nachfahren, noch da sind, lebenstüchtig, mit frischen Sinnen, bei allen «Judenkrankheiten» in der überwiegenden Mehrzahl doch aus gutem Holz geschnitzt, häufig aus besserem als die Söhne der glücklicheren Wirtsvölker. Ohne wissenschaftliche Prätensionen, nur,' um festzuhalten, was mich bei der Beschäftigung mit gefallen lassen, wie ein den Zionismus schädigendes Element betrachtet und behandelt zu werden. Ueber dasselbe Thema berichtet der «Haolam»: Wenn man diese Beschlüsse im Lichte der vor der Sitzung von Calais stattgefundenen Auseinandersetzungen im Lager des Revisionismus untersucht, so ergibt sich auf den eisien buck, aaß in der Sache die Richtung labotinskvs den Sieg davongetragen hat, wenn sie auch im Wortlaut der Beschlüsse sich zu Konzessionen bequemen mußte. Den klingenden Namen einer «Unabhängigen zionistischen Organisation» mußte Jabotinsky zum Opfer bringen. Aber das scheint auch das einzige Opfer zu sein. Denn die Revisionistische Union soll nach diesen Beschlüssen aufhören, ein integraler Bestandteil der Zionistischen Organisation zu sein und wird aus zweierlei Mitgliedern bestehen: SchekelzahLm und Nicht-Schekelzahlern. Man wäre fast versucht, zu sagen: Zionisten und Nichtzionisten, wenn man nicht wüßte, daß die revisionistischen Nicht-Schekelzahler in diesem Nichtleisten des Schekels, d. h. in ihrer Nichtzugehörigkeit zur «alten» Zionistischen Organisation, die Ausgeburt höchster maximalzionistischer Prinzipientreue sehen. Die Revisionistische Union wird also nach Durchführung dieser Beschlüsse eine von der Zionistischen Organisation völlig getrennte und unabhängige Organisation sein, deren Mitglieder «das Programm der Union annehmen, die hieraus entstehenden Pflichten erfüllen und sich der Disziplin der Union unterwerfen» müssen. Es wird zwar nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber es wird offenbar als feststehend betrachtet, daß die schekelzahlenden Mitglieder dieser Revisionistischen Union in allen Fällen, in denen die Disziplin gegenüber der Zionistischen Organisation und der Revisionistischen Union in Konflikt geraten könnten, der Disziplin der Revisionistischen Union die Priorität zu geben haben. Aus der gesamten organisatorischen Konstruktion, die in den Beschlüssen von Calais zum Ausdruck kommt, ist klar ersichtlich, daß auch die Tätigkeit der revisionistischen Funktionäre innerhalb der JÜDISCHE ELTERNI I Kauft Schulbücher (auch antiquarische) für i ure Kindei in dei jUd. Buchhandlung Herrn. TUCHNER Wien, II., Gr. Sladtgutg. 7 (Ecke Tav üorstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK: Alle Neuerscheinungen erhältlich tu Groschen täglich, keine weiteren Gebühren I Fü: Anträgen Telephon R-41-4-20 Gebühren I Fü: Anträgen Telephon R-41-4-20 dieser Chronik ergriff, beschämte, erhob und um andere anzuregen, damit sie sich mit der «Igereth Machalath» befassen, notiere ich hier einiges. Schmach der Wehrlosigkeit. Sie verkriechen sich in hundert Winkel, sind jeder Abwehr unfähig, die ganze Kraft wird auf das Festhalten, Festkrampfen von Gold und Goldeswert verwendet, denn Besitz ist die einzige Waffe, die Rettung bringen kann. Winseln um das nackte Leben nach entsetzlichen Tagen und Nächten, hungernd verbracht :m Schmutz eines Kellers oder auf Dächern in der Winterkälte. Oh, man ist geneigter, dieses würdelose Flehen, geschont zu werden, zu verstehen, wenn man Schilderungen wie diese liest: «. . . Einige hängten sie an den Füßen auf und zündeten dann unter ihnen Feuer an, einige schlugen sie mit Nägeln und Pflöcken durch die Hände an die Wand, andere peinigten sie mit brennenden Kerzen unter den Achselhöhlen, bis sie ihnen ihre Geheimnisse (Verstecke) offenbarten und ihnen gaben, was sie wollten . . .» Aus diesen Blättern spricht auch maßlose Bewunderung für den Wuchs und die Körperkraft und die Uniform und die Waffen der Kriegsleute. Wie naiv (aber auch beschämend) der Jubel, welcher aufklingt, wenn ein wohlmeinender, natürlich tüchtig bestochener Truppenführer ein Fähnchen Soldaten zum Schutze des schon halb geplünderten Ghettos befiehlt, wie verzückt das Staunen über die Machtvollkommenheit dieser paar Soldaten, welche den Ghettokindern, den verängstigten, eine überirdische Erscheinung sind: «.. . Man schickte zehn Mann von ihren gewaltigen Grenadieren, sie eilten in wunderbarem Lauf mit gezückten Schwertern, wer sie sah, den befiel Furcht und Schrecken, sie traten auf gegen die, die uns nach dem Leben trachteten . . .» Und mitten im blutigsten Getöse der Plünderung, während sie fliehen und auf der Flucht Entsetzliches sehen, haben sie maßlose Bewunderung für die Zionistischen Organisation (Aktionskomitee, vereenieaent Kommissionen, ja, theoretisch gesehen auch die Exekutive) von der Gesamtleitung der Revisionistischen Union geführt wild kontrolliert werden soll. Daß diese Revisionistische Union die selbständige, mit der Politik der Zionistischen Organ!« sation und der Jewish Agency konkurrierende und sie gegebenenfalls auch durchkreuzende politische Betätigung fort« Äuserzen und auszudehnen entschlossen ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Praktische Folgen des revisionistischen beschlusses von Calais Die revisionistische Union in Deutschland hat den Beschluß gefaßt, aus der Landesorganisation Deutschlands aus* zutreten Daraufhin hat der geschäftsführende Ausschuß der zionistischen Vereinigung für Deutschland folgenden Beschluß gefaßt: Das Verhalten einer Organisation, die Ihren Mitgliedern den Austritt aus der Z V. t. D empfehlt, untergräbt die Grundlagen der Einheitlichkeit unserer Arbeit, stellt ferner eine schwere Provokation dar und wirkt parteischädigend. Die Zugehörigkeit zu einer solchen Organisation ist daher mit der Zugehörigkeit zurZ V. f. D. unvereinbar. Der G. A. stellt fest, daß nach wie vor Zionisten Jeder Richtung in der Z. V. f. D. ihren Platz haben und daß die hier ausgesprochene Unvereinbarkeit sich keineswegs gegen die Gesinnung der Revisionisten richtet, sondern gegen aas parteischädigende Verhalten ihrer Landesorgamsation. Gleichzeitig hat der G. A. beschlossen, an die Exekutive in London die Anfrage zu richten, wie sich die Exekutive egenüber den Besch üssen der Zionisten-Revisionisten von alais zu verhalten gedenkt. In der Tschechoslowakei haben die Revisionisten, Zeitungsnachrichten zufolge, mit einer kleineren Majorität beschlossen, in der tschechoslowakisch-zionistischen Landesorganisation zu verbleiben. Hierüber herrscht in revisionistischen Kreisen der Tschechoslowakei große Unzufriedenheit Die Partei der Zionisten in der Tschechoslowakei tritt int Jänner 1932 zusammen und wird zu den revisionistischen Beschlüssen Stellung nehmen. Wir haben bereits in unserem oben erwähnten Artikel der Meinung Ausdruck gegeben, daß. die Frage des Verbleibens der Revisionisten in der zionistischen Organisation nicht einseitig durch die Revisionisten allein geregelt werden kamt, sondern, daß auch die Landesorganisationen hier ein entscheidendes Wort mitzureden haben. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, auch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R-41-4-20. E Räuber mit der gesunden Körperkonstitution und skrupellosen Rohheit, deren Anblick die rotgeweinten Augen der Bedrängten blendet: «. . . Dort sahen wir die Riesen, welche Lasten von Raub auf ihren Schultern trugen.» Nach solchen Erlebnissen haben diese Männer, welche in diesen grausamen Zeitläuften der Qual und Vernichtung mehr als alles andere die drückende Sorge verfolgte, ob noch ein Stück Gold für den nächsten Peiniger übrig sein wird, nachdem es geglückt ist, in dieser Minute einen Quäler afczuschütteln — nach solchen Erlebnissen haben die durch alle Höllen der Angst Gejagten, mit den entwürdigendsten Demütigungen Gebrandmarkten, sich doch wieder fortgepflanzt. Jammervoll, wie auch Größen in Israel um das nackte Leben flehten: «. . . Man zog ihm die Kleider vom Kopf bis zum Fuß aus und nahm ihm alles, was er bei sich hatte. Auf sein inständiges Flehen rettete er durch einen besonderen Umstand sein Leben...» Oder, wie es einer der Führer im Ghetto von sich selbst berichtet: «Als ich gar eindringlich um Gnade bat und sie mit Wort und Geld besänftigte, konnte ich sie in Frieden los werden.» Menschen, die solches überdauerten, ohne in Wahnsinn zu verfallen, oder in Verblödung zu verdämmern, haben sich dank einer ungeheuren, wohl keinem anderen Volke gegebenen Lebenskraft erholt, haben in Prag — und man weiß doch, nach weit fürchterlicheren Exzessen am Rhein oder im Osten — die späteren Geschlechter des Volkes in die Welt gesetzt. «Die Schwangeren schlugen sie so, daß sie die Leibesfrucht verloren.» Diese Frauen empfingen wieder. Die Chronik berichtet an vielen Stellen von den Wundern Gottes, erwiesen seinem Volke. Das größte Wunder bleibt doch, daß die Urenkel der Verprügelten, auf das tiefste Gedemütigten, sich Im Sturmjahre 1848 so frei und tapfer erwiesen, als hätten ihre Ahnen das Leben der Bauern in den Alpen gelebt. (Schluß folgt'

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