Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-08-22 · Heft 198 (22.8.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 198 (22.8.1931)
Date
1931-08-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053952--2605-3058049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIE STIMME Nf. 198 — 22. Oktober 195t Feite? Die Wiwtsdkaftsnot der östeneidkisdken Juden Die Not der Wiener Juden Von Kultusrat Or. Isidor Klaber, Obmann der Zentrat-Kommisslon für soziale Ffirsorge Die Not unserer Zeit ist eigenartig, kein Erdbeben, keine Feuersbrunst oder sonst ein Naturereignis hat Menschen um ihr Hab und Gut gebracht, eine schleichende aber hartnäckige Krankheit — Wirtschaftskrise — verlangt täglich Opfer. Arbeitslosigkeit — unverschuldet stehen tausende vor der Notwendigkeit, Hilfe von ihren Mitbürgern zu fordern. Wir Juden haben stets, ob arm, ob reich, Verständnis für Fürsorge gehabt. Auch heute, in einer Zeit, in der die Verarmung der Juden geradezu erschreckend ist, werden wir gerne alles aufbieten, um die Not zu lindern. Erfreulich ist die überparteiliche Hilfsaktion des Stadtrats Prof. Tandler: Wir hoffen, daß die Aktion, die ohne Unterschied für die notleidende Bevölkerung Wiens geführt wird, vollen Erfolg haben wird. 7000 Blätter zählt unser Kataster in der Fürsorgezentraie schon heute, das sind zirka 5000 Familien, darunter kinderreiche Familien mit 6, 7 und 8 Kindern. Wir gehen nicht fehl, wenn wir von zirka 20.000 ärmsten jüdischen Menschen sprechen, die uns schon heute bekannt sind. JedeAktion zu klein, zugering. Doch müssen wir, um wenigstens die Kranken, die Kinder und Greise vor dem Verhungern und Erfrieren zu bewahren, alles aufbieten, um die allgemeine Aktion zu ergänzen. Wir müssen Vorsorge treffen. Am 22. Oktober findet bereits eine Zusammenkunft aller großen jüdischen Organisationen statt, um gemeinsame Richtlinien zu beraten, die Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde hat hiezu schon vor Wochen die Vorarbeiten aufgenommen. Katastrophen der verschiedensten Art hat das jüdische Volk überstanden, es wird, wie wir hoffen, auch diese schwere Zeit der Wirtschaftsnot überdauern — und vielleicht den innigen Zusammenschluß aller Fürsorgeinstitutionen zum gemeinsamen Zweck bringen. Rationelle Fürsorge, mit den wenigen Mitteln das denkbar Meiste leisten, ohne Rücksicht auf persönliche Eitelkeiten und Vereinsinteressen, ist Parole. Zur Wirtschaft ichen Notlage der Juden in Oesterreich Von Kultusrat Mendel Singer. Es ist äußerst schwierig, über den Charakter der wirtschaftlichen Notlage der Juden in Oesterreich zu schreiben. Wir besitzen kein statistisches Material, .keine verläßlichen Studien, die uns ermöglichen sollten, die Läge gründlich zu erkennen und die entsprechenden Maßnahmen zur Milderung der Not der jüdischen Bevölkerung zu. erörtern. Die offizielle Statistik der Rep ublik ‘ bie tet' keinen "Einblick in die'eigenartigen jüdischen Verhältnisse. Von Jüdischer Seite wurde bis jetzt kein ernster Versuch unternommen, um sich auf ihdirekf.em Wege an Hand von Zahlenmaterial einen Einblick in die wirtschaftliche Lage der Juden zu verschaffen. Die «Statistische Kommission», die die Kultusgemeinde geschaffen hat, ist bis jetzt dank der Beziehung der Mehrheit des Kultusvorstandes zu diesem Aufgabenkreis, völlig untätig geblieben, Bei Erörterung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Oesterreich muß man sich also auf Wahrnehmungen und persönliche Beobachtungen beschränken. Ich glaube, daß wir in Oesterreich ebenso wie in den anderen Ländern Europas eine Proletarisierung der jüdischen Bevölkerung feststellen können. Immer größere Schichten der jüdischen Bevölkerung werden gezwungen, zur Klasse der Arbeitsnehmer überzugehen. Diese Proletarisierung vollzieht sich in völlig chaotischer Weise. Sowohl die jüdischen Eltern als Ihre Kinder, die vor der Notwendigkeit einer Berufs- \v? 1 stehen, können von keiner Seite sachgemäßen KV erhalten. Haben sie einen Beruf gewählt und sich auf denselben vorbereitet, finden sie keine, Stelle, die ihnen den Weg zur Erreichung einer Arbeitsstätte bahnen soll. Es handelt sich in vielen Fällen um ein Eindringen in Berufe und Betriebe, die bis jetzt überhaupt nicht oder nur ln ganz geringem Umfange für Juden ln Betracht gekommen sind. Was müßten wir also tun? In diesen Proletarisierungsprozeß eingreifen, ihn in geordnete Bahnen lenken. Den 2ur Arbeit stehenden und Arbeit suchenden Juden durch Berufsberatung und Stellenvermittlung zur Seite stehen. Die Berufsberatung muß nicht nur auf die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, sondern noch mehr auf die Verhältnisse und die Mentalität der Juden eingestellt sein. Die Stellenvermittlung kann und darf auf die Vermittlung ihr bekanntgewordener freier Stellen nicht beschränkt bleiben, sie muß vielmehr den Vorurteilen und Ungerechtigkeiten arbeitsuchender Juden gegenüber entgegentreten, um uns das Recht auf Arbeit dort, wo wir es faktisch nicht besitzen, Zu sichern. Dieser Aufgabe kann nur eine Stelle gerecht werden, die keinen Parteicharakter trägt, von der man erwarten darf,'daß sie sachliche Arbeit leisten soll. Die Wiener Kultusgemeinde muß sich dieser Aufgabe unterziehen. Die Wiener jüdisch-theologische Lehranstalt in Gefahr Ueber diese berühmte Lehranstalt waren in der letzten Zeit alarmierende Nachrichten in die Oeffentlichkeit gedrungen. Es hieß, daß sie in ihrem Bestände aufs höchste bedroht sei und bereits ihre Pforten geschlossen habe. . Wir haben über diese Angelegenheit an kompetenter Stelle Erkundigungen eingeholt und wurde uns folgendes mitgeteilt: Es ist richtig, daß infolge der Einstellung der amerikanischen Subventionen, insbesondere seitens des Joint die Theologische Lehranstalt aufs höchste gefährdet war. Die jüdische Kultusgemeinde in Wien subventioniert dieses äußerst wichtige Institut mit einem Betrage von 15.000 S im Jahre, doch genügt dieser Betrag nicht, um den Betrieb voll aufrechtzuerhalten. Der Vizeobmann des Kuratoriums der Lehranstalt, Dr. Deslder Friedmann, bemüht sich gemeinsam mit dem Vizepräsidenten Dr. Ornstein, um die Gefahr von dieser Institution zu bannen. Dank diesen Bemühungen wurde nun die Lehranstalt neuerlich geöffnet und es ist zu hoffen, daß es gelingen wird, durch die Aufrüttelung maßgebender Faktoren, unter Heranziehung auswärtiger Spender, insbesondere der früheren Schüler der Lehranstalt, die hervorragende Stellen in der ganzen Welt bekleiden, den Fortbestand dieses ungemein wichtigen kulturellen Bollwerkes der Juden Oesterreichs vor dem Untergang zu retten. In der «Neuen Freien Presse» veröffentlicht Professor Dr. Samuel Kraus, der Vorsitzende des Lehrkörpers, einen Aufsatz, dem wir folgendes entnehmen: Es gibt für die Wissenschaft des Judentums Hochschulen, theologische Lehranstalten und Seminare, aus denen die Rabbiner und Religionslehrer hervorgehen, die das Judentum braucht, zugleich auch seine Verteidiger, wenn es einen geistigen Kampf gilt. Es liegt in der Natur der Sache, daß in der ganzen Welt nur wenige solcher Anstalten bestehen, denn nicht allzuviel Jünger, die doch voll geeignet und von Begeisterung für ihre Aufgabe getragen sein müssen, können sich diesem Fach widmen, und noch Kleiner Ist die Zahl jener Männer, die vermöge ihres umfassenden und tiefen Wissens an solchen Hochschulen als Lehrer wirken können. Wien besitzt eine solche Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, besser: es besaß sie bis heute; ob es sie auch morgen besitzen wird, ist sehr die Frage. In ihrem fast vierzehnjährigen Bestände erhob sich die «Israelitisch-theologische Lehranstalt» zu einem Wichtigen, unentbehrlichen Out des ganzen Judentums, und die wissenschaftlichen Leistungen ihrer Lehrer und einstigen Schüler werden in der ganzen Weit anerkannt, ihren guten Ruf und ihre hohe Bedeutung erlangte dies« Wiener Hochschule nicht allein durch die Tätigkeit ihrer Lehrer, Sondern äuth durch die ihrer ehemaligen Schüler die als Rabbiner, Religionslehrer. Hochschulprofessoren, Gelehrte und In anderen Lebensstellungen segensreich wirken. In alle Welt hat diese Hochschule Männer gediegenen Wissens und festen Charak- Zionisten können und sollen Jp dieser kritischer» Zelt dem Zum Schulbeginn IWRI ONAUCHI Hebräische Schulfibel nach neuester und bester Met ode mit 40 faroigen Bildern, geb. . . S 860 ln aämllichen Schulen eingeführt. — Alle Schulbüoher für Volks-, Hauptu. Mittelschulen vorrätig Buchhandlung Josef Bell Wien, I., Rabensteig 8 ters entsendet, in alle Nachfolgestaaten, in die Balkanländer, bis nach Afrika und Amerika hin, nicht’ zuletzt nach Wien selbst War doch der verstorbene Oberrabbiner H. P. Chajes ein Zögling dieser Anstalt. Sie trägt wesentlich dazu bei, daß für jüdische Hingtinge all dieser weiten Länder, die hier zugleich die Universität und andere Hochschulen besuchen, Wien noch Immer das Kulturzentrum bildet, das sie anzieht und fesselt. Das ist politisch und ökonomisch gewiß nicht ohne Bedeutung. Lesser Ury gestorben Einer der bekanntesten Maler Berlins, Lesser Ury, ist am 18. Oktober kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres gestorben. Lesser Ury wurde am 7. November 1861 in Birnbaum (Posen) geboren und lebte seit dem Jahre 1881 in Berlin. Bis zum Jahre 1896 konnte sich Lesser Ury kaum durchsetzen, da man seine impressionistische Manier als Eigenbrötelei bezeichnete. Erst mit dem Gemälde «Jerusalem» begann sein Aufstieg. Es folgten: Das; Triptychon «Der Mensch», «Adam und Eva», «Jeremias», «Sintflut», «Moses beschwört die Finsternis», «David im Gebet», «Rahel am Brunnen», «Ruth und Boas» und «Der scheidende Moses». Eine Ausstellung seiner Werke im Jahre 1916 brachte ihm hohe Anerkennung. Die altjüdischen Themen sowie palästinensische Landschaften, die Lesser Ury mit mystisch-allegorischem Gehalt erfüllte, brachten ihn mit der jüdisch-nationalen Bewegung in Berührung, der er zeitlebens treu geblieben ist. Er galt in Deutschland als der bedeutendste Vorkämpfer des modernen Impressionismus und einer der bekanntesten Pastellmaler des 20. Jahrhunderts. Allerdings ist sein Leben ein tragisches zu nennen. Durch viele Enttäuschungen mürbe gemacht," .hauste der alte, herzkranke Mann in einem ungesunden Riesenatelier am Noliendorfplatz, das er mit eigenen Händen heizen mußte, wochenlang ohne richtig zu essen, ohne Pflege. Seinen Freunden war es unmöglich, gegen seinen Kopf und Willen etwas an diesem Zustande zu ändern. Er gehörte zum engeren Freundeskreise Einsteins und Weizmanns. Eindrucksvoller Verlauf des Kongresses der jüdischen Handwerker Polens Warschau. Im Sitzungssaale des Warschauer Stadtrates wurde der dritte Kongreß der jüdischen Handwerkervereine ganz Polens eröffnet; der Kongreß war ein Spiegelbild der katastrophalen Wirtschaftsnot unter den polnischen Juden, gleichzeitig aber auch eine Kundgebung für friedliche und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Juden und Nichtjuden, wie sie im neuen Polen fast noch nicht erlebt worden ist.: Der Stadtverordnete Dr. S. Bychowski erklärte, daß die frühere falsche Losung, daß das Handwerk von der Großindustrie verschlungen werden müsse, abgelöst werde durch die Losung: «Zurück zum Handwerk!» Sejmdeputierter Snopczynski erklärte im Namen des parlamentarischen Regierungsblocks, daß die Sejmmehrheit die Entwicklung des Handwerks fördern wird. Der Präsident der Warschauer Jüdischen Gemeinde, Eli Mazur, kündigte die Gründung einer Darlehenskasse für Handwerker durch die Gemeinde an und sprach für friedliche Zusammenarbeit zwischen jüdischen und christlichen Handwerkern zum Besten des Landes. Der Vorsitzende des Verbandes der polnischen Handwerkskammern, Senator Wiechowicz, erklärte, die Zusammenarbeit zwischen polnischen und jüdischen Handwerkern werde eine bessere Zukunft für Polen und Juden vorbereiten helfen. Den gleichen Gedanken drückten der Vorsitzende der Warschauer Handwerkskammer, Sobol, der Vorsitzende des Hauptrates für das polnische Handwerk, Abg. Idzsikowski, und der Vorsitzende der Organisation für den polnischen Mittelstand, Senator Robowlcz, aus, die alle erklärten, daß ln der Zusammenarbeit zwischen jüdischen und nichtjüdischen Handwerkern ein Teil von Polens Zukunft liegt. nur als Selbstkontiogentler halfen I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.