Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 198 (22.8.1931)
- Date
- 1931-08-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 108 — 22. Oktober 1931 DIE STIMME Seite 3 Welzmanns Rede in Berlin Wie bereits gemeldet, weilte Dr. Weizmann als Oast der Zionistischen Organisation in Berlin und hielt im Bach-Saale eine bedeutsame Rede, aus der wir nachstehenden Auszug bringen: Es ist kein Verdienst, wenn ern Zionist, gleichgültig, welche Stellung er bekleidet hat, die Arbeit fortsetzt, unabhängig von dem persönlichen Schicksal. Ich freue mich, daß nach der auf den Kongreß folgenden Pause meine Arbeit gerade in diesem Kreise wieder beginnt, unter den Freunden in Deutschland, mit denen wir seit Jahrzehnten eng zusammen gearbeitet haben. Es ist eine gewisse Tragik darin, daß es erst der Erschütterungen, die wir heute durchleben, bedurfte, um den Beweis für die Richtigkeit der zionistischen Theorie zu erbringen. Unsere Lehre, die wir vor Jahrzehnten verkündet haben, hat sich — wir müssen sagen: leider — bewahrheitet. Worin bestellt das Problem? Es besteht in der Heimatlosigkeit der Juden als Volk, als Menschengruppe, die ein gemeinsames Schicksal hat. Das hat nichts zu tun mit der Tatsache, daß ein Jude guter Bürger ist in dem Lande, wo er lebt und restlos seine Pflicht erfüllt. Als Individuen können die Juden individuelle Heimaten haben, das jüdische Volk aber als Volk, das der Träger einer großen geschichtlichen Verheißung ist, ist heimatlos. Hier steckt der Kern des Problems. Alles, was wir an Einzelerscheinungen auf dem Gebiet des politischen, ökonomischen kulturellen, sittlichen Lebens in verschiedenen Ländern kennen, fließt aus dieser fundamentalen Grundursache. In jedem Lande gibt es einen «Sättigungspunkt» für die Veräauungsihöglichkeit von Juden. Dieser Sättigungspunkt variiert von Land zu Land. Man kann heute oft von Polen hören, daß es dort «eine Million Juden zu viel» gibt. Polen ist zwar nicht übervölkert, aber gerade eine Million Juden bezeichnet man als zuviel, weil eben der Sättigungspunkt überschritten ist. New York hat im normalen Zustand 1,8 Millionen Juden; wenn aber die Lage des Landes sich verschlechtert, sinkt die Verdauungsfähigkeit von New York, und wenn man mit einem Amerikaner spricht, kann man dann hören, New York sei eine ganz schöne Stadt, habe aber zuviel Juden. Dabei sind die Juden wirklich gute New Yorker. Wenn es in einem Lande keine akute Judenfrage gibt, so liegt das daran, daß in dem betreffenden Zeitpunkt der Sättigungspunkt nicht erreicht ist. Diese abnormale Lage hat sich auch darin gezeigt, daß die Juden mit den ökonomischen Fundamenten sozusagen nicht verwachsen waren. Sie mußten in den Poren des Organismus leben, den das Land sich aufgebaut hatte. Sic mußten in die Lücken zwischen den Atomen hineinschlüpfen. Das ging aber nur bis zu einem gewissen Grad. Dann reagierte das Volk, und auch die Juden reagierten. Die Juden spielten eine Vogel-Strauß- Politik, indem sic versicherten, sie seien genau dasselbe wie die anderen, ja sogar in höherem Grade. Sic waren nicht 100 Prozent englisch oder deutsch, sondern 105 Prozent, und daher hat man ihnen mißtraut. So entstand das gespannte Verhältnis, das sich in unzähligen Erscheinungen manifestiert. Heute geht es der Welt auch schlecht, aber es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen der Lage der Welt und unserer Lage. Die anderen Völker bleiben in ihrer Substanz unverändert, welche äußeren Veränderungen sie auch durchmachen mögen. Wir aber werden immer stärker atomisiert und unsere Substanz ist bedroht. In der jüdischen Geschichte kämpfen Immer zwei Kräfte, eine zentripetale und eine zentrifugale Kraft; die eine, die das Volk sammeln, erhalten und erneuern will, die andere, die die Juden ln die Welt zerstreut und zum Verschwinden bringt. Heute erleben wir diesen Kampf in verstärktem Maße, so daß Pessimisten glauben, das Judentum sei im Verschwinden. Mag sein, daß einzelne Teile absplittern, so wie man es z. B. von dem russischen Judentum behauptet, aber auf der anderen Seite ist eine Kraft, die den jüdischen Kern konserviert. Dies ist der Sinn des kleinen Palästina, das schon heute dieses konservierende Element im jüdischen Volk ist. Instinktiv fühlt das heute das jüdische Volk. Wenn die Welt aus den Fugen zu gehen scheint und große jüdische Gemeinschaften vor Verhältnisse gestellt sind, die sie sich noch vor kurzem nicht hätten träumen lassen, wenn sogar das amerikanische Judentum plötzlich verarmt ist, um so tiefer empfinden es die Juden, daß in Palästina eine gewisse Sicherheit vorhanden ist, trotz der Araber, trotz aller Schwierigffl KAI5ER5TR. 123 ÄL5ER5TR. 6 $ J5 - S 20 - S 28 - ,✓ ' i keiten, trotz der Armut und der Kleinheit des Landes, und warum? Weil Palästina im Prinzip verschieden ist von allen anderen Ländern, ln seiner Struktur und in seinen Eigenschaften nicht vergleichbar mit anderen jüdischen Gemeinschaften in der Welt. Die Welt fühlt diesen Unterschied. Obwohl es in New York 1,0 Millionen Juden gibt und in Palästina nur 170.000, wird es niemandem einfailen, New York als Jüdisches Nationalheim zu betrachten. Aber die 170.000 Juden Palästinas, die noch kaum verwurzelt sind, die noch mit allen Kinderkrankheiten zu kämpfen haben, sie werden nicht nur von uns, sondern von der ganzen Welt als etwas qualitativ und prinzipiell Verschiedenes angesehen, als etwas Natürliches, mit dem Boden Verwachsenes, als Nationalheim. Denn die Juden in New York mußten in die Poren des amerikanischen Organismus hineinkommen, um sich einen Platz zu verschaffen. Nicht sie haben die Sümpfe Amerikas getrocknet, nicht sie haben seine Bodenschätze gehoben, nicht sie haben die Fundamente gelegt. Das war nicht «Parasitismus», wie Uebelwollende es nennen, sondern die Juden sind zu spät gekommen, sie fanden schon das Gebäude des amerikanischen Lebens vor und mußten sich dort einen Platz schaffen. Das zählt nicht, sondern was zählt ist die Hütte, die der Bauer auf sumpfigem Boden aufsteflt, daraus wächst dann das Haus, dann das Dorf, dann die Stadt, und das ist der Aufbau eines Volkes und Landes. ' Das Land muß durch Schmerzen und Liebe und Arbeit, durch Ringen mit allen Widerständen erworben werden, diese Schmerzen haben wir in anderen Ländern nicht Gelegenheit gehabt durchzukosten, ln Palästina sind wir diejenigen, die das Land aufbauen. Wir machen alle diese Schmerzen durch, wir trocknen die Sümpfe, bauen die Wege, stellen die Hütten, kämpfen mit der Natur. Darum empfand auch die Welt Palästina als Ja Tante Blanks Stadt filijint Verbringt unser fiebling frohe Stunden bei Spiel nnd Beschäftigung Tante Blinka, I., Praterstraße 48, il. Stiege, I. Stock, Tüi 19 Tel. R-44-8-61. Inhaberin undl Leiterin: BlankaHönigs-j ber, ataati geprüfte Kindergartenpadagogin. Auf Wunsch werden die! Kindei abgeholt u. nach Hause begleitet Samstag j geschlossen, Sonntag offen. etwas anderes als New York und Warschau. Das ist es, was man «Heimat»' nennt, Heimat eines Volkes, auch wenn das Volk noch hinten steht und nur die Pioniere den Weg bauen. Darum spielt im Leben des Juden — bewußt oder unbewußt — dieses kleine Palästina, das langsam wächst, diese überwiegende Rolle, weil es das erstemal ist, wo wir aufgehört haben, ein Anhängsel zu sein. Hier sind wir selber, wir stehen und fallen mit dem, was wir geschaffen haben. Darum gehörte es auch von Anfang an zur zionistischen Auffassung, daß wir das größte Gewicht darauf legten, nicht mit Mitteln vorzugehen, die vielleicht andere gebraucht haben, um Länder zu erobern, sondern wir wußten, daß es auf die Quantität und Qualität unserer eigenen Arbeit ankommt, auf Selbsthilfe und eigene Leistung. Cewiß sind wir Bündnisse eingegangen und wir danken allen Freunden, die durch ihre Unterstützung unsere Arbeit erleichtern, aber wir waren uns bewußt, daß das Schwergewicht der Arbeit auf uns und unserer eigenen Kraft ruhen wird. Das ist der Trost auch in diesen Zeiten, wo alles zu schwanken scheint, wo politische Experten, an die die Welt geglaubt hat, versagen, aa empfinden wir, daß das einzige, was fest steht, ist, was wir selber erbaut haben. Dieses Empfinden hat das jüdische Volk und die ganze Welt, darum beschäftigt sich mit uns soviel die öffentliche Meinung, weil das, was wir hier schaffen, ein Novum ist, qualitativ und prinzipiell verschieden von dem, was die Juden bisher in der Welt geschaffen haben. Nun könnte man einwenden, wenn dies alles auch richtig ist, ist es doch keine Antwort auf die täglichen Fragen der einzelnen Juden, die keinen Ausweg, keine materielle Existenz für sich finden. Es gibt heute kein Immigrationsland, alle Länder sind gesperrt, auch Palästina kann nicht diese Einwanderer aufoehmen. Es gibt darauf zwei Arten von Antworten. Die einen sagen: man muß flüchten; da die Länder gesperrt sind, so daß man nicht buchstäblich auswandern kann, so flüchtet man moralisch, indem man Bewegungen und Strömungen akzeptiert, die momentan eine Abhilfe sind, aber in letzter Linie zur Entjudung und zur Ent* 1 oioioioaoioioiaioaoaoioto Direkt© Eillinie «Triest-Jaffa ifaifa mit den vorzügl. Sa'onschillen „ftdria", o. „Cainaro“ des LIojiT- Fahrtilauer bioü 4 V, Tage Ferner Expreßlinien nach Slambnl, Aeiypien, indiea, Gbina nnd Japan taMe: Lloyd Triestino Win, ^rntnarring 6 OlOIOIOIOIOBOIOIOBOBOIOiCa. täuschung führen. Die zweite Antwort geben wir. Wif sagen: Es ist wahr, daß für die brennende, drückende materielle Not der Juden, die heute besteht und vielleicht morgen noch stärker werden kann, das heutige Palästina die Lösung nicht geben kann. Gerade weil Palästina das ist, was ich geschildert habe, muß es und kann es nur langsam gebaut werden. Hätten unsere Großväter dieselben Ansichten der Judenfrage gehabt wie wir, dann wäre heute bereits mehr Platz für Juden in Palästina. Es ist nicht unsere Schuld, daß wir die ersten sind, daß gerade unserer Generation eine Aufgabe zugefallen ist, die stärkere Schultern als unsere herunterdrücken könnte. Es ist auch nicht notwendig, daß in 50 oder 60 Jahren so oder so viele hunderttausend Juden in Palästina sein werden. Wenn in Palästina durch unsere, Ihre Anstrengung eine Gemeinschaft entsteht, die von der Welt als etwas prinzipiell anderes empfunden wird, eine Gemeinschaft, die mit reinen Mitteln und ln schwerer Arbeit entstanden ist, die ein moralischer Kredit für unser Werk ist, dann ist nach meiner tiefen Ueberzeugung der Wert dieser Gemeinschaft unabhängig von der Zahl, unabhängig sogar von der politischen Form, die diese Gemeinschaft annehmen wird und die weder ich noch Sie heute bestimmen können. Aber wenn diese Gemeinschaft nach denselben Grundprinzipien und Methoden dort erbaut wird, die wir heute anwenden, so glaube ich — wenn es auch heute manche noch nicht sehen —, daß dieses Gemeinwesen ein Schlüssel zu einer Tür ist, die gewaltige Räume im Orient eröffnen kann, in einem Orient, der Kapital und Unternehmungsgeist und Arbeit und Intelligenz und vor allem Vertrauen braucht. Ich spreche hier gar nicht von ethischen Gründen, daß wir nicht auf der Freiheit der anderen unser Leben aufbauen wollen. Wenn wir es sogar könnten, dann hätten wir es doch als Juden nicht tun dürfen. Aber wenn wir mit diesen Methoden, die wir heute anwenden, die kostspielig und schwer sind, fortfahren, dann wird in diesem Winkel der Erde Frieden herrschen und diese 600.000 oder 700.000 Juden in Palästina werden vielleicht Wege eröffnen für Millionen nach ihnen, denn die Weit ist heute so, daß wüste Flächen nicht lange wüst bleiben können, sie müssen fruchtbar gemacht werden durch arbeitende Hände, durch Kapital und Energie. Darum ist der Chaluz in Palästina heute der Pionier,„der für Generationen einen Weg bahnt. In der Flucht der schwankenden Erscheinungen fühlen wir, daß auf diesem Boden, der von Tradition und Geschichte getränkt ist, unsere schwache Generation eine große Aufgabe erfüllt, in einer Zeit der Zerstörung innerhalb und außerhalb des Judentums. Wir können nicht darauf rechnen, daß man unserer Sache stets mit allen Einzelheiten gerecht wird, sie muß auch rechnen mit Mißverständnissen von allen Seiten, aber trotzdem, und vielleicht gerade, weil es so schwer ist, hat dieses Werk einen Ewigkeitswert und bleibt das, was wir unseren Kindern und Kindeskindern — und ich freue mich, in diesem Saale so viel Jugend versammelt zu sehen — einmal übergeben werden und was ihr Leben schöner und leichter machen wird als unseres war. (Stürmischer, langanhaltender. Beifall.) HISTAORUTH IWRITH Literarischer Abend zu Ehren der hebräischen Dichterin aus Palästina ELISCHEWA Die Dichterin liest aus eigenen Werken SAMSTAG den 81. Oktober, um 8 Uhr abends int Hotel Bayrischer Hot II., Taborstraße 19 Entree S 1—, S 2’— Ki.teovorveikdUf: i ücherstube Rat, II., Tabors raße 20 a Btzlrkmktion 11., Praterstraßa Nr. t$ 6863