Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 197 (15.8.1931)
- Date
- 1931-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sefte 6 DIE STIMME Nr. 197 — 15. Oktober 1931 i■ ) -i! vv m U i ■■ Das Wiener Rektorat und die Kultusgemeinde Ein Briefwechsel wegen des Anschlagkastens Wie bereits gemeldet, wurden von den hakenkreuzlerischen Studenten nach bekannter Methode die Juden des Bahnanschlages in Ungarn beschuldigt. Wir bringen hiemit die Briefe, die in dieser Angelegenheit gewechselt wurden. Nach dem Geständnis Matuskas erscheint die Vorgangsweise der professionellen Brunnenvergifter in umso grellerer Beleuchtung. (Anm. d. Red.) Sr. Magnifizenz Herrn Dr. Rudolf Maresch Rektor der Universität Euere Magnifizenz! Bedauerlicherweise ergibt sich für den Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien, als der gesetzlichem Repräsentanz der Wiener Judenschaft, schon am ersten Tage der Amtswirksamkeit Eurer Magnifizenz Veranlassung, gegen Vorgänge an der Wiener Universität, dieser höchsten, und aus den Mitteln aller Bürger unseres Staates, ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle Zugehörigkeit erhaltenen Bildungsstätte, Beschwerde zu führen. In gewissenloser und kulturwidrigster Weise wurde der Anschlagskasten des «Kulturbundes der deutschen Studentenschaft», der sich neben dem Eingänge zur Quästur in der Aula der Wiener Universität befindet, dazu benützt, um in einer den Gesetzen und Rechten hohnsprechenden Weise die Angehörigen des israelitischen Religionsbekenntnisses aufs Allergröbste zu verleumden und gegen sie eine maßlose Hetze zu inszenieren. Das unheilvolle und verdammenswerte Attentat auf den Eisenbahnzug bei Torbagy, über welches Untersuchungen durch alle in Betracht kommenden Behörden noch in vollem Gange sind, ohne bisher zu irgend einem greifbaren Resultate geführt zu haben, wird von den ahnungsvollen Mitgliedern des «Kulturbundes der deutschen Studentenschaft» dazu mißbraucht, die widersinnigsten Verleumdungen und Pauschalverdächtigungen gegenüber der Judenschaft vom Stappel zu lassen, indem vorweg behauptet wird, die Attentäter seien Juden, die nur deshalb den Anschlag für den jüdischen Neujahrstag vorbereitet hätten, um ihre Glaubensgenossen, die an diesem Tage nicht reisen, vor Schaden zu bewahren. Unser schärfster Protest richtet sich dagegen, daß derartiges an jener Stätte möglich sein kann, die dazu berufen ist, die höchste Bildung und Kultur zu verbreiten und jene auszubilden, deren Aufgabe es dann im Leben sein soll, als Richter und als Organe der Staats- Chaluz o. Chalnzah soeben aus der Hachscharab (landwirtschaftliche Ausbildung) zurückgekehrt, suchen bis zur Alijah (Fahrt nach Erez Israel) Arbeit jederart Unter „Idealisten“ an die Administration gewalt unparteiisch eines Amtes zu walten und für die Befolgung der Gesetze des Staates Sorge zu tragen. Wir müssen von den akademischen Behörden mit aller Entschiedenheit fordern, daß diese schandvolien Verunglimpfungen und Pauschalverdächtigungen dei Angehörigen des israelitischen Religionsbekenntnisses auf akademischen Boden untersagt und verhindert werden. Demgemäß richten wir an Eure Magnifizenz das höfliche Ersuchen, die sofortige Entfernung der in Rede stehenden Anschläge verfügen zu wollen und die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, die geeignet erscheinen, auch in Hinkunft derartige gesetzwidrige, verhetzende und provozierende Mißbräuche der Anhängekasten an der Alma mater hintanzuhalten. Angesichts der großen und berechtigten Erregung, welche das von uns beanständete Vorkommnis unter der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen hat und unserer Verantwortlichkeit diesem Bevölkerungskreise gegenüber, bitten wir Eure Magnifizenz, uns gefälligst umgehend von dem Veranlaßten in Kenntnis setzen zu wollen. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung zeichnet Für den Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien: Die Vizepräsidenten: Dr. Löwenherz m. p. Dr. Ornstein m. p. Auf Ihr Schreiben beehre ich mich mitzuteilen, daß ich bereits vor Empfang Ihres Briefes aus Professorenkreisen auf den von Ihnen beanständeten, in einem Kasten eines studentischen Vereines ausgehängtem Anschlag aufmerksam gemacht worden bin. Es erübrigte sich jedoch ein amtliches Einschreiten meinerseits, da der gegenständliche Anschlag, wie hieramts erhoben wurde, bereits in den Mittagsstunden des 1. Oktober in dem betreffenden Anschlagkasten nicht mehr vorhanden war. Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß ich Anschläge, die unberechtigte Angriffe —- gleichgültig, von welcher Seite und gegen wen immer — enthalten, unter keinen Umständen dulden werde. Leider bringt es die Heftigkeit des politischen JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der JOd. BMChhancflung Herm^TUCHNER Wien. II., dr. Stadtgutg. 7 (Ecke Taborstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK! Alle Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen täglich, keine weiteren Gebühren! Für Anfragen Telephon R-41-4-20 Regierungen eine Reihe von Ministerien verwaltete, ein Mann, der gleich hervorragend als Publizist, als Philosoph, als politischer Schriftsteller wie als Staatsmann war. Auch Leon Blum, der bekannte Führer der französischen Sozialisten, gehörte während seiner politischen Laufbahn gelegentlich dem Kabinett an. In Deutschland können wir nicht so zahlreiche Minister jüdischen Glaubens verzeichnen. Immerhin gab es vor allem in den deutschen Einzelstaaten eine Reihe jüdischer Staatsmänner, die zu diesem höchsten Amt berufen wurden. Der erste jüdische Minister ln Deutschland war wohl der unglückliche Süß 0 ppenhelmer, Ministerpräsident von Württemberg, dessen Rehabilitierung gerade in den letzten Jahren durch ausführliche Studien über sein Leben erfolgt ist. Auch in Preußen gab es verschiedene Minister jüdischer Herkunft. In frischer Erinnerung ist das Andenken Walther Rathenaus, den als deutschen Außenminister ein so furchtbares Schicksal ereilte. Nicht ganz zweifelsfrei ist die jüdische Abstammung von Kurt E i s n e r, dem ermordeten Ministerpräsidenten von Bayern. Schließlich kann man auch Hugo Haase zu den jüdischen Ministern rechnen, der mit Ebert und Scheidemann nach dem Zusammenbruch bis zur Nationalversammlung in Weimar die Reichsregierung bildete. In Oesterreich sind ebenfalls zwei jüdische Minister zu verzeichnen, und zwar Julius Anton (Josua) Glase r, der von 1871 bis 1879 als Justizminister dem Kabinett Auersperg angehörte, und Joseph U n g e r, der in der gleichen Zeit Minister des Aeußeren war. In Ungarn war 1918 Väzsonyi Justizminister. Einer der bekanntesten jüdischen Politiker war der Italien Ische Schatzmeister Luigi L u z a 11 i, der in den Jahren 1809 bis 1898 in verschiedenen Kabinetten dieses Amt bekleidete und die schwierigen finanziellen Verhältnisse dieses Landes einer glücklichen Lösung entgegenführte. Bis kurz vor dem Kriege gehörte dem italienischen Kabinett als Kriegsminister der General 011 o 1 e n g h i an, Finanzminister des gleichen Kabinetts war von 1901 der aus Frankfurt stammende Leone W o 11 e m b o r g. In Italien gab es sogar einmal einen jüdischen Diktator, Daniel M a n i n, der im Jahre 1848 Ministerpräsident, Minister des Aeußeren und später Diktator des freien Staates Venedig wurde. Nach dem Kriege hat es in den östlichen Randstaaten des öfteren jüdische Minister gegeben, vor allen Dingen in Litauen, wo ein Ministerium für jüdische Angelegenheiten eingerichtet worden war, das nacheinander von Dr. S o l o w e i t s c h i e k, Professor Brutzkus, Friedmann und Dr. Rosenbaum verwaltet wurde, und in Lettland war kurze Zeit N urok Premierminister. Ein Ministeramt unter Kerenski bekleidete der heute in Deutschland lebende Ludwig Steinberg, und die Rolle von Leon T rotzky in Rußland ist wohl noch allen gegenwärtig. In der Türkei war unter dem Sultanat Jussum Effendi Krieger Finanzminister, unter Kemal Pascha bekleidete D j a v i d B e y, ein aus Smyrna stammendes Mitglied der Dunmehs, der Anhänger der Sekte des Sabatai Zwi, das Finanzministeramt. Auch in Griechenland gab es einen jüdischen Finanzminister, und zwar den jüdischen Abgeordneten von Saloniki, Pepo M a 1 a c h. Mancherlei vereinzelte jüdische Minister hat es noch in vielen Staaten gegeben, so den Baron M an a s 8 e und den Baron de Castro in Aegypten, den Finanzminister V a v l d in Dänemark und viele Minister australischer Einzelstaaten, unter ihnen als bekannteste Saul Samuel, Robert Vogel, Salomons und Fink. So haben von älteren Tagen, angefangen von den apanisch-mauriachen Ministern Aba rb an cl und A b u 1 a f i a bis in die neueste Zeit jüdische Staatsmänner ihren Geburtsländern hervorragende Dienste geleistet, und die beiden neuen englischen Minister können auf eine stolze Reihe von Amtsgenossen in aller Welt zurückblicken. Jüdischer Student sucht Hofmeftteraiette zu Kindern, auch Einzelstunden. Gefällige Zuschriften unter »Kinderfreund« an die Administration des Blattes. Kampfes, der sich ja seit jeher in der studentischen Jugend besonders scharf auswirkt, mit sich, daß die Gegensätze innerhalb der studentischen Gruppen in mitunter aufreizenden Anschlägen ihren Ausdruck finden. Ich habe daher die Absicht, den Vertretern aller studentischen Gruppen nahezulegen, sich in ihren Anschlägen aller unziemlichen Angriffe zu enthalten und durchwegs die durch die Würde des akademischen Bodens gebotene Mäßigung zu beobachten. Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung R. Maresch m. p. dzt. Rektor der Universität Wien. Geheimrat Barthold Timendorfer gestorben Berlin, 7. Oktober. (J. T. A.) In der Nacht vom 4. zum 5. Oktober verstarb in Berlin Geheimer Justizrat Berthold Timendorfer im Alter von 78 Jahren. Geheimrat Berthold Timendorfer wurde 1853 lni Rosdzin (Oberschlesien) geboren und lebte seit 1882 als einer der angesehensten Rechtsanwälte in Berlin. Von 1898 bis 1924 war er Großpräsident des deutschen Distriktes des Unabhängigen Ordens Bnei Brith. Während seiner Amtszeit wuchs der Orden in Deutschland an Zahl der Logen und Mitglieder außerordentlich. Hierzu trug nicht zum wenigsten die werbende Kraft Berthold Timendorfers bei, der seine Aufgabe darin sah, den Orden Bnei Brith zu einem führenden Faktor im Leben des deutschen Judentums zu machen. Bei der Niederlegung seines Amtes im Jahre 1924 äußerte sich die Verehrung und Dankbarkeit der Logen für ihren langjährigen Großpräsidenten darin, daß sie ihn zum Ehrenpräsidenten des deutschen Distriktes der U. 0. B. B. erwählten. Berthold Timendorfer nahm auch sonst an führender Stelle an der Gestaltung de» jüdischen Lebens in Deutschland teil. Helldorf-Prozeß erst Montag Berlin, 11. Oktober (J. T. A.) Der Prozeß gegen den Berliner S. A.-FUhrer Grafen Helldorf und Genossen wegen Teilnahme an den antisemitischen Exzessen am Kurfürstendamm, der wegen der Ablehnung des Gerichtes öurch Sie Verteidigung auf Sonnabend vertagt wurde, kann, wie jetzt mitgeteilt wird, erst am Montag vormittags fortgesetzt werden, da die Strafkammer am Sonnabend noch nicht Gelegenheit gehabt hat, den Ablehnungsantrag zu prüfen. Der jüdische Siedlungsplan für 1932. — Die Ukraine als Hauptsiedlungsgebiet Moskau, 9. Oktober. (J. T. A.) Die Regierungsgesellschaft für jüdische Aufbauarbeit, Komzet, in der Ukraine, hat schon jetzt mit der Werbearbeit für das jüdische Kolonisationswerk im Jahre 1932 begonnen. 5500 jüdische Familien mit insgesamt ungefähr 25.000 Seelen sollen 1932 auf dem Lande angesiedelt werden, und zwar 1000 Familien in der Krim, 1500 Familien in Biro-Bidschan, 2500 Familien auf den Feldern der jüdischen Rayons in der Ukraine und 500 Familien in anderen Gebieten. Die meisten Neusiedler werden deshalb nach der Ukraine geschickt, weil man es als notwendig erkennt, die dort bereits bestehenden autonomen jüdischen Rayons zu kräftigen und ihnen eine größere politische Bedeutung zu verleihen, Die Not des jüdischen Werkstudenten ln der «C. V.-Zeitung» schildert stud. med. Willy Weinberg, selbst Werkstudent, die schwere Not der Werkstudenten in Berlin und unterstreicht insbesondere die Not des jüdischen Werkstudenten, der oft aus der Bewerbung um Arbeit ausscheiden muß, weil in den Angeboten «nationale Gesinnung» verlangt wird, womit ja die Arbeitgeber oft das gleiche meinen wie mit der deutlicheren Ankündigung: «Der Bewerber darf kein Jude sein.» Auch diese Bedingung findet sich häufig. Vielfach ziehen aber auch heute noch jüdische Arbeitgeber z. B. christliche Hauslehrer vor. Die Not der jüdischen Studierenden, schreibt Weinberg, ist groß. Mßtein’s Fatnili«t-p«nsIon Restauration. 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