Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 197 (15.8.1931)
- Date
- 1931-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Wr. Vtt — 1«. Oktober 1931 'WIPP DIE STIMME Seite 5 Brief aus Palästina Momentbilder Rosbh Haschanah in Tel-Aviv. Die ganze Stadt ist erfüllt von den Gebeten der Tempelbesucher. Die Bethäuser, vor allem die große Schul, ist belagert. Die Belagerer, das heißt jehe, die nicht hineingelangten, haben eben vor dem Gebäude Tallis angelegt und lauschen den Tönen des Chasan. Draußen ist es nämlich angenehmer. Die Temperatur ist bei 40 Grad. Seit Jahrzehnten gab es keinen so heißen September, ln der großen Schul, die noch immer nicht ganz fertig ist, die aber in ihrem Baustil bis auf die überflüssigen Kapitale der mächtigen Säulen, imponierend wirkt, beten bei zweitausend Menschen. Ein einziger Polizist hält die Ordnung aufrecht. Ich glaube, in keinem europäischen Betliaus ist eine solche Ordnung. Der Schofar ertönt. Man ist nicht bigott, aber man hält an diesem Tag zu Gott. Der Gottesdienst hat hier etwas Natürliches, nichts Erzwungenes oder Bizarres. Aber ebenso wie hier die meisten Juden beten, so gibt es doch auch manche, die ihren Gott nicht im Bethaus aufsuchen, die ihre Religiosität nicht in Formen zwingen lassen. Sie sind eben Juden auch ohne Tallis und Schofar. Niemand wird es wagen, ihnen dort, in Tel-Aviv, das Judentum abzusprechen, wenn sie keinen Tempel •besuchen, wenn sie das Fahrrad besteigen oder gar am Sabbat die verpönte Zigarette anzünden. Man sieht es nicht gerne und die klügeren und Anstand bewahrenden tun dies eben nioht öffentlich. Am Nachmittag beginnt gegen 5 Uhr das Leben am Strande. «Trotz» des Feiertages wird viel gebadet; die meisten aber promenieren, bis der Abend hereinbricht, dann öffnen sich die Pforten der vielen Gaststätten am Strand und man kräftigt sich nach der Schwüle des Tages. Das Strandleben in Tel-Aviv nimmt immer größere Formen an. Von ganz Palästina, aus Syrien und sogar Aegypten kommen die Badelustigen; sie finden am herrlichen Strand prachtvolle, modernste Hotels mit Tanzdielen und Bars. Die Zukunft Tel-Avivs ist noch gar nicht abzusehen. Die Stadt nimmt täglich an Ausdehnung zu. Tel-Aviv, die europäische Oase, im vorderen Orient!! * In J e r u s a 1 e m. Ueber eine Stunde führt mich das Auto von Vorstadt zu Vorstadt. Ueberall prachtvolle neue, ganz moderne Häuserkolonien. Die Solidität der Häuser wirkt sehr angenehm und jedes Haus hat seinen Garten. Die Straßen, die dorthin führen, sind prachtvoll asphaltiert. Alle Straßen der Stadt selbst — mit Ausnahme der mauerumgebenen Altstadt — sind so wundervoll gepflegt, daß sich eine europäische Großstadt das wünschen könnte. Und immer wieder entstehen neue Straßen und neue Häuserblocks. Man schafft, unbekümmert um die Sorgen des Alltags. Man baut eben für die Zukunft. Jeder weiß, daß erst die kommenden Tage die Früchte dieser schweren Arbeit schätzen und würdigen werden. An den verkehrsreichsten Stellen entstehen Hotels und Gaststädten und seit kurzem zwei neue, ganz moderne Kaffeehäuser. Eines heißt das «Wiener Cafe», und wahrlich, wenn man im Lokal ist, hat man die Empfindung, man sitze in einem Juden als Minister Fünfzig jüdische Minister von Abarbanel bis zur Gegenwart Durch die Regierungsumbildung in England wurden zwei an hervorragender Stelle stehende jüdische Politiker, Sir Herbert Samuel und Lord Reading, in das englische Ministerium berufen, wo ihnen die verantwortungsvollen Ressorts des Innen- und des Außenministeriums zugefallen sind. Hiezu lesen wir im Hamburger «Isr. Familienblatt»: Sir HerbertSamuel genießt nicht nur in der englischen Bevölkerung eine gewaltige Popularität, sondern auch in der Judenheit der ganzen Welt. Er, der erste englische Oberkommissar von Palästina, hat sich in dieser und in anderen hohen staatlichen Stellungen stets als ein Mann erwiesen, der es verstanden hat, sich seinem englischen Vateriande nützlich zu erweisen, ohne jemals seine jüdische Abstammung, seine Zugehörigkeit zum Judentum zu verleugnen. Er entstammt einer schon seit Jahrhunderten in England ansässigen sephardischen Familie und ist im Jahre 1867 in Liverpool geboren. Interessant ist in diesem Zusammenhang besonders die Erwähnung, daß viele seiner Vorfahren nach Palästina auswanderten, um dort nach frommem Brauch die letzten Jahre ihres Lebens zu verbringen und in heiliger Erde zu ruhen. Sir Herbert Samuel hat, als er in Jerusalem weilte, die Gedenksteine auf diesen Gräbern pietätvoll erneuert und sie mit Schutzgittern umgeben lassen. Sir Samuel ist streng frommer Jude, und einige charakteristische Episoden seien für die Art und Weise angeführt, wie er, unabhängig von allen Aeußerlichkeiten, die Religionsgesetze immer zu erfüllen bestrebt war. Während der Zeit, in der er als Oberkommissar in Palästina amtierte, starb seine Mutter, und Sir Samuel hielt acht Trauertage in der üblichen Weise, indem er in dem großen .Thronsaal des englischen Regierungs¬ SUIerti? Sic SBiffenfdjaft gißt uns Me fOitifel, ränge jung gu Heißen. SBo^ttuenb unj» crfrifdjenb bei allen SJotBoten be§ 9tliern3 Bei älteren ßeuten, bie fidj matt unb aBgefßanni fielen, iißct ßopffdCjmera, <5djhnnbeIgefüIjL Oljrenfaufen, Atemnot, fitdjiifdjc unb rijeuinatijdje Söefdjiuetben Hagen, Ijat fid) freiberlaufltdfjeä rabiunt* faltiges fftabiofflertu edutefen. fftaöiofflertn frifdfj-t ba§ 58Iut auf, Betotrtt Beffere SurdjBIutung be§ gangen $örpet§, erhält geiftige unb SürBeitSfaljigfeit Bt§ in§ Ijo^e Sllter. fftabtu nt gcljatt amtltd) geprüft, ©eneralbepot unb StuSlunft: Stpot^efe 83at)er, 2Bieu, I. SBoirgetfe 13. fjkofpelte gratis unb franfo. vornehmen Ringcafe. Alle Zeitungen der Welt sind da, Kaffee mit Schlagobers und natürlich eine Tanzdiele im anschließenden «Schani-Garten». In Haifa. Kolossaler Betrieb in der Hafengegend. Die Bahn bringt aus Atlit, eine halbe Stunde entfernt, die Steine eines Berges, der zu diesem Zweck abgebaut wird, zum Bau des Hafens. Ueberall wird fieberhaft gearbeitet. Man sieht bereits neue Fabriken, allerhand Industrien sich breit machen. Haifa soll das Zentrum des Orienthandels werden. Man handelt Grundstücke, man baut Geschäftshäuser. Der wundervolle Hafen, der auf der einen Seite vom Karmel behütet wird, und auf der anderen Seite seine Arme weit hinaus nach dem nördlichen Syrien streckt, dieser Hafen wird ein weiterer Stützpunkt jüdischer Aufbauarbeit sein. Ueberall ist Zuversicht, nirgends Verzagtheit. Man spricht nur vom Arbeiten und vom Leben, fast nicht von Politik. Man arbeitet mit den Arabern und politisiert nicht mit ihnen. Die Zeitungen werden gelesen, aber bilden keinen Diskussionsausgangspunkt. Man liest Jabotinskys Elaborat, lächelt und geht an die lebendige Arbeit! Das ist das Palästina von heute und hoffentlich auch von morgen. b. r. ln aller Kürze Die litauische Regierung hat in das Schiedsgericht zwischen Litauen und Deutschland, das in Genf tagen wird, den bekannten jüdischen Rechtsanwalt und früheren Sejnideputierten Dr. Jakob Robinson als ihren Vertreter delegiert. Dr. Robinson hat bereits die Reise nach Genf angetreten. * Julius Rosenwald hat 250.000 Dollar zur Linderung des Loses der Arbeitslosen in Chicago gespendet. Sein Sohn Jüdische Bühne II. Praterstr. 60 (Cafe Aster) Freitag, 16. Oktober, halb 9 Uhr, Sensations-Premiere Kaiascha mit den amerik. Stars Rachel Rosenfeld- Morris Novikoff Sonntag, den 18. Oktober tim halb 4 Uhr nachmittags »Hinke of Broadway« Kinder erhalten gratis schöne Doltisgeschenkel Lessing J. Rosenwald gab für den gleichen Zweck 100.000 Dollar. * Die jüdische Einwandererschutz- und Hilfsgesellschaft Hias in New York veröffentlicht Wanderstatistiken, aus denen hervorgeht, daß seitdem die Vereinigten Staaten ihre Tore für neue Einwanderer geschlossen haben, die südamerikanischen Länder die Hauptmasse der jüdischen Wanderer aufgenommen haben. In den letzten drei Jahren wanderten nach Argentinien 26.187 Juden ein, von denen die meisten aus Polen stammen. In der gleichen Zeit ließen sich etwa 50.000 jüdische Wanderer in anderen süd- und mittelamerikanischen Ländern, wie Brasilien, Chile, Uruguay und Kuba, nieder» #■ Die südafrikanischen Juden kauften im ^gelaufenen jüdischen Jahre auf den Namen des Keren Kajemeth 15.000 Dunam Boden in der Ebene Scharon. * Die Kommission für das Automobilwesen hatte ihre erste Sitzung in Jaffa; sie vernahm die Meinung von vier jüdischen, sechs arabischen Chauffeuren und von vorgeladenen Fachleuten. * Die Siedlungen im Nurisgebiet Kefar Jecheskel, Gewah, Ejn Charod, Tel Jossef erhielten Zuwachs an Boden durch den Abschluß des Ankaufs von Kumi seitens des K. K. L, * Die Leitung der Agency hat einen Auftrag auf Verbesserung der Wege im Emek vergeben. Die Arbeit kostet 700 L. P., die Siedlungen beteiligen sich mit 250 L. P. * Der Kibbuz «Haschoraer Hazair» in Mischmar Haemek hat 140 Schafe erworben. An diesem Punkte gibt es genug Weide und auch die anderen Bedingungen sind für die Schafzucht günstig. Dr. M. T. Schnirer — 70 Jahre alt In diesen Tagen feierte Dr. M. T. Schnirer, einet! der ältesten Führer der modernen zionistischen Bewegung, seinen 70. Geburtstag. Dr. Schnirer gründete 1882 die Studentenverbindung Kadimah und wenige Jahre später den ersten zionistischen Bürgerverein in Wien. Nach dem Erscheinen des Judenstaates bot Schnirer an der Spitze einer zionistischen Deputation Theodor Herzl die Führung an. Er selbst trat dann in die Leitung der zionistischen Weltorganisation ein und war Vizepräsident des ersten Aktions-Comitees. 1998 begleitete er Herzl nach Palästina. Nach dem Tode Herzls zog er sich von der Leitung zurück, bewahrte jedoch treu bis-zum heutigen Tage seine zionistische Gesinnung. Wir beglückwünschen Dr. Schnirer aufs herzlichste und sprechen die Hoffnung aus, daß er, der sich seine volle körperliche und geistige Frische bewahrt hat, wieder im Wiener zionistischen Leben aktiv und führend auftreten möge. Dr. G. W. gebäudes auf einem niederen Sitz «Schiwoh saß» und sich auch nicht von diesem Sitze erhob, als hohe und höchste Persönlichkeiten ihn amtlich oder privat besuchten. An Feiertagen suchte er ln Jerusalem zu Fuß und in das Tallis gehüllt die Synagoge auf, umgeben von dem für den Stellvertreter des englischen Königs vorgeschriebenen Geleit, einer berittenen Eskadron Kavallerie und motorradfahrenden Polizisten, von denen einer ihm sein Machsor vorantrug. Als er später einmal eine Reise durch Polen unternahm, war er zum Aufenthalt über den Sabbat in Lemberg angemeldet, wozu große Vorbereitungen getroffen waren. Sir Samuel hatte jedoch einen Zug benutzt, der erst knapp vor Eintritt des Sabbats in Lemberg eintreffen sollte, und da dieser Zug eine größere Verspätung hatte, stieg er einige Stationen vor Lemberg in einem kleinen Städtchen aus und verbrachte dort den Sabbat, um sich nicht der Eventualität auzusetzen, durch Fahren ein Sabbatgebot zu verletzen. Daß ein solcher Mann heute eine der allerersten Stellen in dem größten Reich der heutigen Welt einnimmt, ist wahrlich ein kiddusch Haschern, eine «Heiligung des göttlichen Namens», wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Sein Kollege, Lord Reading, als Außenminister des englischen Weltreiches heute einer der mächtigsten Männer der Welt, machte erst vor wenigen Tagen von sich reden, da er im Alter von 71 Jahren noch eine zweite Ehe einging. Er ist der Sohn eines armen jüdischen Kaufmannes und im Jahre 1860 im Londoner Ostend, im Whitechapel, geboren. Auf jüdischem Gebiete ist Lord Reading öfters hervorgetreten. Er bekleidete mehrfach Präsidentenposten größerer jüdischer Organisationen, interessierte sich häufig für die Palästina-Politik und setzte vielfach bei der Regierung die Wünsche der jüdischen Verhandlungspartner durch. * Diese beiden hervorragenden Staatsmänner sind nicht die ersten Juden, die in England Ministerposten bekleiden. Nebst D i s r a e 1 i, später Lord Beaconsfield, waren englische Minister jüdischer Abstammung Sir Alfred Mond, später Lord Melchett, und Sir Philipp S a s s o o n, der unter Lloyd George das Luftfahrtministerium verwaltete. Weniger bekannt ist, daß auch in den Jahren 1888 bis 1892 der in Frankfurt geborene Baron Henry von Worms englischer Kolonialminister war, der dann später den Titel Lord P i r b r i g h t erhielt. In den englischen Dominien gab es ebenfalls einige Minister jüdischer Abstammung, so vor allem in Australien Premierminister Isaac J. I s a a c s, seit diesem Jahr sogar Generalgouverneur des australischen Dominions. Ein weiterer australischer Minister war Henry Emanuel Cohen, lange Jahre Justizministef und Präsident des obersten Gerichtshofes in jenem fernen Erdteil. Die meisten jüdischen Minister hat wohl Frankreich gesehen. Der berühmteste unter ihnen war Isaac Adolphe C r e m i e u x, der vielen französischen Regierungen als Justizminister angehörte und mit der Macht seiner Beredsamkeit und seiner gewinnenden Persönlichkeit häufig für die Rechte des Judentums in aller Welt eingetreten ist. Camille Ferdinand Drey* f u s war Anfang der 80er Jahre Premierminister und Verwalter des Finanzministeriums, Achille Fould stand zur Zeit des zweiten Napoleon ebenfalls an der Spitze des französischen Finanzministeriums. Auch Michel Goudchaux war in der gleichen Epoche Finanzminister von Frankreich. Das Ministerium der öffentlichen Arbeiten und das Ministerium des Innern verwaltete unter mehreren Regierungen David Ray* nal. Aus der Dreyfus-Affäre bekannt ist Joseph Rein ach, der als Kabinettschef von Gambetta tun* gierte, einer der bedeutendsten französischen Politiker der Jahrhundertwende. Eine große Rolle spielte Ifl Frankreich Jules S i m o n, der unter verschieden^