Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 197 (15.8.1931)
- Date
- 1931-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nf. 19T — 15. Oktober 193t DIE STIMME Sette 5 Sch. Niger über das amerikanische Judentum Sch. Niger, der bekannte jüdisch-amerikanische Kritiker und Publizist, weilt gegenwärtig zu einem längeren Besuch in Polen. Er hielt zuerst in Warschau eine Reihe von Vorträgen, die durch die entwickelten weiten Horizonte und die syntetische Erfassung der Probleme außerordentlich starkes Interesse wachriefen. Wir geben daher das nachstehende Interview wieder, das Niger einem Mitarbeiter der Krakauer polnisch-jüdischen Zeitung «Nowey Dziennik» gegeben hat und das eine interessante Darstellung der gegenwärtigen Lage der amerikanischen Juden und der in ihnen pulsierenden geistigen Tendenzen enthält. * Ich benütze die Gelegenheit, um mit Niger ein regelrechtes Interview abzuhalten. Es interessierte mich vor allem, seine Ansicht über die Lage des amerikanischen Judentums, über die man in letzter Zeit sehr divergierende Anschauungen hört, kennen zu lernen. Von einer Seite heißt es, daß das amerikanische Judentum mit dem Augenblick der Einstellung der Immigration seinen Schwung verloren und sich vollständig assimiliert hat, daß die Jugend ihre Eltern überhaupt nicht mehr verstehe, daß Theater, Presse und kulturelle Einrichtungen sich in einem Zustande des Verfalls befänden; andere trösten uns, daß die Lage keineswegs so verzweifelt liege, daß die kulturellen Institutionen, das Theater und die Presse nicht nur ihren Besitzstand erhalten, sondern sogar noch ausbreiten können, daß das Interesse für die jüdische Literatur und Kultur zunehme und daß die Assimilation, wenn sie auch da ist, keineswegs eine solche akute Gefahr bilde. Ich stelle somit an Niger die Frage, wie sich die Situation des amerikanischen Judentums in Wirklichkeit darstelle und von welchem Einfluß auf dieses die gegenwärtige schwere wirtschaftliche Krise ist. «Beginnen wir von der zweiten Frage», antwortet Niger. «Es ist kein Zweifel, daß die ökonomische Krise dem amerikanischen Judentum außerordentlich zusetzt. Manche Industriezweige, in denen bis vor nicht langer Zeit die Juden eine dominierende Rolle spielten, wie z. B. der Häuserbau, starben entweder vollständig ab, oder sie verschlossen sich vor den Juden. Die von den sogenannten Jahudim (Juden, deren Vorfahren bereits vor der ostjüdischen Einwanderung in Amerika lebten) unterhaltenen Kulturinstitutionen haben stark gelitten. Vor einigen Jahren wurde mit einem Kostenaufwand von fünf Millionen Dollar ein großartiger Jeschiwah-Bau, etwa nach dem Muster einer amerikanischen Kollege, errichtet; jetzt steht die Anstalt beinahe vor dem Bankerott. Weniger haben die Arbeiterinstitutionen gelitten, da diese seit jeher einen schweren Kampf führen mußten und auch stets mit kleineren Budgets arbeiteten. Man kann sogar einen Schritt weitergehen und behaupten, daß die schwere wirtschaftliche Depression, die das amerikanische Judentum gegenwärtig durchgeht, ln fataler Weise auf dem Weltjudentum lasten wird. Die Summen, die zugunsten Palästinas gesammelt tyerden, werden immer geringer. «ORT» kämpft mit großen Schwierigkeiten; das polnisch-jüdische Schulwerk befindet sich infolge Einstellung der amerikanischen Zuschüsse in einer katastrophalen Lage. Ich besuchte unlängst die Wilnaer Gegend und überzeugte mich, daß manche jüdische Städtchen, die fast ausschließlich von den kleinen Dollarsendungen lebten, buchstäblich hungern, da ihre amerikanischen Verwandten die Geldsendungen eingestellt haben. Die Lage ist daher im wahrsten Sinne des Wortes verzweifelt. Uebergehen wir aber zur grundsätzlichen Frage. Nach meiner Ansicht kann man von keiner Assimilation des amerikanischen Judentums, sondern nur von seiner Amerikanisierung sprechen. Die Juden passen sich dem amerikanischen Lebensstandard an; sie nehmen seine Methoden an und seinen Geschmack. Sie hören aber nicht auf, Juden zu sein. Es ist ein neuer jüdischer Typ in Bildung begriffen, über dessen Werte man augenblicklich noch kein Urteil abgeben kann. Man kann mit diesem Judentum neuer Form nicht sympathisieren, man muß es jedoch als Tatsache hinnehmen. Gegen die Assimilation kämpfen mächtige Kräfte. Vor allem der Zionismus, der auf das amerikanische Judentum einen starken Einfluß ausübt und im gewissen Maße eine Art Religion darstellt. Die mit dem Zionismus sympathisierenden amerikanischen Juden denken zum größten Teil nicht daran, nach Palästina auszuwandern. Trotzdem würde man fehlgehen, in dieser Anhängerschaft lediglich ein Moment der Wohltätigkeit erblicken zu wollen. Vielmehr kommt hier ein sehr ernstes Sentiment ins Spiel. Die Assimilation wird auch von den Institutionen bekämpft, die von den jüdischen Arbeitern geschaffen und unterhalten werden. Das jüdische Schulwerk nimmt eine bemerkenswerte Entwicklung und die jüdische Presse übt auf die Massen der Juden nach wie vor einen entscheidenden Einfluß aus. Es ist charakteristisch, daß der «Forwerts», der als erster eine englische Beilage, durch die er die ausschließlich englisch sprechende Jugend für sich zu gewinnen hoffte, aufgenommen hatte, als erster wieder fallen ließ, da er sich überzeugte, daß dies nicht zum Ziele führe. Der «Tog» führt diese Beilage noch, jedoch nur wegen der Inserate, die er von amerikanischen Firmen erhält. Das jüdische Buch in Amerika findet zwar nicht die Verbreitung, wie man es wünschen würde, man wird jedoch die Schuld der schlechten Organisation des amerikanischen Buchhandels zuschreiben dürfen. Das jüdische Theater behauptet sich und wenn es gegenwärtig eine Krise durchmacht, so steht dies nur im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftskrise. Ist das amerikanische Judentum politisch organisiert? In den Vereinigten Staaten herrschen vollständig andere Zustände als etwa in Polen oder sonst Zum Schulbeginn IWRI ONAUCHI Hebräische Schulfibel nach neuester and bester Met ode mit 40 faroigen Bildern, geh. . . S 3'60 In sämtlichen Schulen eingeführt. — Alle Schulbücher für Volks-, Hauptu. Mittelschulen vorrätig Buchhandlung Josef Belt Wien, 1., Rabensteig 3 . in Osteuropa. Das amerikanische Judentum hat keine besondere politische Organisation gebildet. Es stellt keine politischen Postulate, sondern unterstützt die in Amerika bestehenden politischen Parteien. Die Juden nehmen einen sehr tätigen Anteil am politischen Leben Amerikas, aber nur als Mitglieder der republikanischen oder demokratischen Partei. Unter der gegenwärtig in Amerika herrschenden politischen Krise bildete sich eine sehr günstige Atmosphäre für die Entstehung einer dritten Partei heraus. Die Arbeitergewerkschaften emanzipieren sich zunehmend von den bürgerlichen Einflüssen und fordern immer stärker die Bildung einer Arbeiterpartei. Nicht nur die Arbeiter, sondern auch Kreise der Intelligenz mit dem bekannten amerikanischen Philosophen Professor Dewey an der Spitze, setzen sich für die Bildung dieser dritten Partei ein. Die Juden nehmen an diesen Arbeiten einen sehr aktiven Anteil. Hat das amerikanische Judentum auf dem Gebiete der Kultur und der Literatur etwas Spezifisches und Eigenartiges hervorgebracht? Wie ich schon erwähnte, befindet sich das amerikanische Judentum gegenwärtig noch im Stadium der Kristallisierung. Wie sein Gesicht sein wird, wissen wir heute noch nicht. Man kann nur die bemerkenswerte Erscheinung feststellen, ''aß die Unterschiede zwischen Ost- und Westjuden rieh immer mehr verwischen, lin amerikanischen Tigel kommen die Juden aus ihren verschiedenen Herkunfsländern mit allen ihren Sondermerkmalen zur Verschmelzung. Auf dem Gebiete der Literatur tritt eine ganze Reihe von Talenten hervor, die in Amerika geboren sind und die in die Literatur die amerikanische Nuance hineinbrachten. Unlängst kam mir eine ausschließlich von amerikanischen Kindern redigierte Zeitschrift, die unsere jüdischen Schulen besuchten, zur Hand. mKAl5ER5TR.m K. AL5ERSTFL 6 S 15’- S 20*- S 28' Zeigt die jüdische Intelligenz in Amerika Interesse für die jüdischen Dinge? Sogar ein sehr starkes. Ihr habt hier in Europa den bekannten jüdischen Schriftsteller Ludwig Levinsohn, der mit dem Zionismus ausdrücklich und entschlossen sympathisiert. Dieses Beispiel ist nicht vereinzelt. Die jüdische Intelligenz, sogar die nur englischsprechende, sucht den Kontakt mit der jüdischen Gemeinschaft. Ihr habt, kurz gesagt, hier in Europa über Amerika falsche Vorstellungen. Nach einigen Monaten Aufenthalts in Europa kam ich zur Ueberzeugung, daß Europa amerikanischer ist als Amerika. Die amerikanische Intelligenz ist radikalisiert und besitzt ein großes Maß von Kritizismus, wofür die neue amerikanische Literatur ein sprechender Beweis ist.» Die Zeit war inzwischen weit vorgeschritten und wir mußten unsere Unterredung unterbrechen. M. K. Dorothy Alice Kisch gestorben London, 6. Oktober (J. T. A.). Miß Dorothy Alice Kisch, Tochter des einstigen Generaldirektors des indischen Postwesens und Schwester des früheren Mitglieds der Exekutive der Jewish Agency Colonel F. H. Kisch, ist in London im Alter von 32 Jahren gestorben. Miß Kisch hat sich in der allgemeinen, wie in der jüdischen sozialen Fürsorge Englands sehr hervorgetan, sie wurde vom Londoner County Council mit der Organisierung der Mental Welfare im Südwesten Londons betraut. «Times» widmen Miß Kisch einen tief empfundenen Nachruf, in dem die hohen geistigen und organisatorischen Qualitäten der Verstorbenen und ihre außerordentliche Beliebtheit unter Freunden und Kollegen hervorgehoben werden. Südafrika sendet 4000 Pfund für den Keren Kajemeth Jerusalem, 6. Oktober (J. T. A.) Beim Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem ist heute eine Summe von 4000 Pfund aus Südafrika als Vorschuß auf das Ergebnis einer am kommenden Montag in Johannisburg stattfindenden Veranstaltung eingelangt. Der belgische Gesandte in Amerika besucht an den jüdischen Feiertagen die Synagoge Washington, 5. Oktober (J. T. A.) Der belgische Gesandte in den Vereinigten Staaten Herr Paul May und Gattin haben während der jüdischen Feiertage am Gottesdienst in der orthodoxen Synagoge Adaß Israel zu Washington teilgenommen. Abgesehen von Lord Readings vorübergehenden Vertretung der britischen Interessen in den Vereinigten Staaten ist Paul May der erste Jude, der eine auswärtige Macht in Washington als Gesandter vertritt. Herr und Frau Paul May sind Abkömmlinge altangesehener jüdischer Familien Belgiens. Sein Urgroßvater mütterlicherseits . kam während der französischen Revolution nach Belgien und war der erste Jude, der sich in diesem Lande dauernd niederließ. Frau May ist eine Tochter von Raphael George Levy, früherem Präsidenten des Institut de France und Mitglied des französischen Senats. Das Ehepaar May ist Mitglied der Großen Synagoge in Brüssel, die den orthodoxen Ritus pflegt. Die Trauer nach General SIr John Monash Melbourne, 8. Oktober. (J. T. A.) Die Trauer in Australien über das Ableben von General Sir John Monash, der im Kriege die australischen Truppen kommandierte und zum Siege führte, ist allgemein. Die gesamte Presse Australiens bringt Trauerartikel und Lebensbeschreibungen des Verstorbenen und preist ihn nicht nur als siegreichen Armeeführer, sondern auch als Menschen von schlichter Größe, der die Verehrung und Liebe aller Volksschichten genoß, wie kein Australier bisher. Die Regierung Australiens hat beschlossen, General Sir John Monash ein staatliches Ehrenbegräbnis zu gewähren. Im ganzen Lande halten die ehemaligen Frontsoldaten Trauerversammlungen ab. Sir John Monash war der erste Jude, der in der britischen Armee einen über den Colonel hinausreichenden Rang besaß* Er hatte im Kriege die 27. und 30. Division geführt. ist für die Eingänge des Keren Kajemeth verantwortlich! Er werbe daher?.!*? V|J