Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 197 (15.8.1931)
- Date
- 1931-08-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite - J£>SffiSfoy»i DIB 8HMM1 '^“■y "WüOi Nr. 197 — 15. Oktob«f 193! Die Wirtschaftsnot der österreichischen Juden ln zwölfter Stunde! Wir beginnen mit einer Reihe von Aufsätzen, die die breiteste Oeffentlichkeit auf die Not der österreichischen Juden aufmerksam machen sollen. Abseits von jeder parteimäßigen Einstellung, wird hier durch maßgebende Persönlichkeiten das Problem der Not als brennendstes Gebot der Stunde beleuchtet werden. Allerorts wird für den kommenden Winter Vorsorge getroffen; von den Jaden hörte man bis nun recht wenig. Erst der Vorstand der Jüdischen Kultusgemeinde in Wien ergriff die Initiative und es soll diesbezüglich eine großzügige Aktion eingeleitet werden. Allenfalls drängt die Not und parallel mit den Aktionen sollen an dieser Stelle auch Richtlinien und so manche Anregungen in dieser sowie in den nächsten Nummer unseres Blattes gegeben werden. jüdische Wirtschaftsnot Von Dr. Leo Goldhammer Die Bevölkerungsstatistik hat man oft mit einem meteorologischen Barometer verglichen. Denn man kann aus trockenen Zahlen ebenso interessante Schlüsse auf die Volkswirtschaft ziehen, wie man aus dem Steigen oder Fallen der Quecksilbersäule Wetterprognosen stellen kann. Die Zahlenstatistik über die Ursachen der Sterblichkeit, über Selbstmordepidemien und über die Zahl der Insolvenzen zeigt deutlich an, wohin das Wirtschaftsleben steuert. Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise hat es mit sich gebracht, daß man sie überhaupt nicht mehr nach einzelnen Ländern, sondern ganz allgemein beurteilt. Mit besonderer Energie wehrte man sich aber bis in die letzte Zeit in assimilatorischen Kreisen dagegen, von einer spezifisch-jüdischen Wirtschaftsnot zu sprechen. Nun ist es wohl richtig, daß die Juden von der allgemein en Wirtschaft ‘ abhängen, aber eine weitere Erfahrung lehrt uns, daß sich die wirtschaftlichen Katastrophen bei den Juden früher einstellen und daß die gleichen Ursachen bei ihnen viel stärkere Rückschlag e auslösen, als bei den sie umgebenden Wirtschaftsvölkern. Dieses Moment ist auf folgendes 'zurückzuführen: Die Juden sind seit Jahrzehnten Stadtbewohner. Achtzig Prozent der Gesamtjudenheit domiziliert in Großstädten. Der Kampf um die Existenz ist hier viel schwerer und aufreibender als auf dem Land. Dazu .•.kornipt. Jioch. die. .ganz . eigene Art der Berufs- ..•»chic.hfung der Juden in den Städten. Während ■ hei Nichtjuden etwa ein Viertel der Bevöl- .l^erung zur Kategorie der Selbständiger werbenden und drei Viertel zu den Unselbständigen (Angestellten und Arbeitern) gehören, ist es bei den Juden nahezu umgekehrt: hier stehen dreißig Prozent Unselbständigen siebzig Prozent Selbsterwerbende gegenüber. Bekanntlich tragen nun Angestellte und Arbeiter in viel geringerem Maße zu den sozialen Lasten bei, als die selbständig wirtschaftenden Elemente. In den Nachkriegsjahren gingen die städtischen Verwaltungen und ganz besonders die Gemeinde Wien daran, die Wirtschaft zu kommunalisieren. Die Folge ist, daß der bis nun selbstständigerwerbende Kleinunternehmer an die Wand gedrückt wird. Die Vergemeindung von kommerziellen Unternehmungen bringt es mit sich, daß der frühere Unternehmer dem bureaukratischen Beamten weichen muß. Sein Tätigkeitsgebiet wird immer mehr eingeschränkt und die Konsequenz ist, daß der jüdische selbständige Unternehmer früher und häufiger zugrunde geht als der nicht jüdische. In der Vorkriegszeit wirtschaftete der jüdische Kleinunternehmer teils mit eigenem Kapital, teils mit Kredit, den er von Privat- und Kleinbanken erhielt. Auch diese Geldgeber sind verschwunden, und er ist gezwungen, für Darlehen Wucherzinsen zu be- «ahlen. Eine Folge der Weltkrise ist die Arbeitslosenunterstützung; Es sei nun hervorgehoben, daß der jüdischen Wirtschaftsnot durch dieses Auskunftsmittel nicht gesteuert werden kann, well wegen der erwähnten sozialen Schichtung das Arbeitslosenproblem anders gelöst werden müßte. Hier ist nämlich nicht Arbeitslosigkeit, sondern Erwerbslosigkeit der Grund des Elends. Erschreckend sind die Ziffern der Sterblichkeit unter den Juden. Es sterben jährlich in Wien zirka 2500 Juden, während kaum 800 Geburten zu verzeichnen sind. Die Zahl der S e 1 b s t m o r d e ist um ein Viertel größer, als die der nichtjüdischen Bevölkerung, wozu weiter kommt, daß Freitod von wirtschaftlich Schaffenden, im besten Alter stehenden Menschen gewählt wird. Beinahe fünfzig Prozent der 'jüdischen Beerdigungen erfolgen in Wien unentgeltlich. Diese Daten gehen über eine interne Behandlung weit hinaus, denn diese jüdische Krise ist gleichzeitig eine Warnung an die ganze Welt. Im hessischen Amt für Statistik hat vor etwa einem Vierteflahrhundert Regierungsrat Knöpfei folgendes ausgeführt: die Ziffern der jüdischen Statistik zeigen stets für einige Jahrzehnte im voraus an, welchen Weg die deutsche1 Bevölkerung nehmen wird. Das Schicksal des deutschen Volkes muß zumindest in quantitativer Hinsicht in gleicher Richtung mit dem jüdischen verlaufen. Die bei der Kultusgemeinde bestehende Zentralfürsorgestelle versucht, Maßnahmen zu ergreifen, um im Rahmen ihrer Möglichkeiten der jüdischen Wirtschaftsnot abzuhelfen. Eine solche Hilfsaktion verdient aber nicht bloß als internes Werk gewürdigt zu werden, sondern es ist eine Frage, auf die sich die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit zu konzentrieren hat. Denn mit der Hilfe, die die Oeffentlichkeit der jüdischen Bevölkerung leistet, würde sie auch einen Großteil der eigenen Not beseitigen. Die Judenschaft kann und darf aber nicht länger auf die Unterstützung der Allgemeinheit warten. Wir selbst müssen uns zu gemeinsamem Werk zusammenschließen, wir selbst müssen, und zwar jeder sogar über seine Kräfte, ein Scherflein beitragen, um den in schlechterer Situation Befindlichen über die nächsten Wochen und Monate hinüberzuhelfen. Noch ist es Zeitl Die zwölfte Stunde hat geschlagen! Rasch handeln! Von Gemeinderat der Stadt Wien Dr. Leopold P1 a s c h k e s, Obmann des Verbandes radikaler Zionisten Die jüdische Not ist ein Teil der allgemeinen Not, die für uns Juden allerdings durch politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus, durch verkappte Sofldergeaetze erheblich verschärft wird. Sprechen wir zunächst von der allgemeinen Not! Die Weltwirtschaftskrise bewirkt, daß neun Zehntel der Menschheit Mangel leidet und beweist, daß die gegenwärtige Gesellschaft mit all ihren technischen und sozialen Behelfen unfähig ist, die Not zu beheben, ja sogar Not und Sorge vor Not auch nur einigermaßen zu bekämpfen. Außer dem großen Juden Popper-Lynkeus hat kein Mensoh — auch Marx nicht — einen Plan gestaltet, der die Vernichtung der menschlichen Not zum Ziele hat. Obwohl Millionen brotloser, arbeitsloser, obdachloser, hoffnungsloser Menschen die Welt bevölkern, sind die Schlagworte links und rechts noch viel zu wirksam, als daß sich Lynkeus’ Lehre durchsetzen könnte: «Die soziale Frage ist zu lösen durch die Institution einer Minimum- oder Nährarmee; sie sichert jedem in natura Nahrung, Wohnung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege. Was darüber hinaus geht, ist Luxus und bleibt der freien Geldwirtschaft überlassen.» (Allg. Nährpfllcht S. 5.) Die Magenfrage unmittelbar anzupacken, das Existenzminimum zu sozialisieren, die herrschende Wirtschaft in die de« Nährpflichtstaa-tes überzuführen, dazu müßten die besitzlosen Volksmassen drängen, für die das Minimum nötig ist wie Luft und Wasser, weil es Brot, Obdach und Kleidung umfaßt. Das soll in Oesterreich gerade jetzt wieder öffentlich ausgesprochen werden, und zwar von Zionisten, die seit Theodor Herz! wissen, daß die «Utopien» von heute die Realitäten von morgen sind. Haben doch die Vorschläge des jüdischen Denkers Wurzel gefaßt — gegen den Willen kurzsichtiger Regierungen. Der Krieg nötigte sie, jedem ein Minimum an Nahrung zuzuweisen. Die Brotkarte und die Rayonierung sind Ergebnisse des Nährpflichtgedankens. Der Mieterschutz führt ln dieselbe Richtung. Die Arbeitslosenunterstützung zeigt Anwendung dieses Grundsatzes, ein Existenzminimum in Geldform, nicht in natura — und das ist ihr Fehler. Aber alle unsere wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen beruhen heute wesentlich auf dem Kredit des Auslandes. Alle unsere Wirtschaftskrisen entstehen daraus, daß unser« Kreditbedürfnisse nicht rechtzeitig befriedigt werden. Einmal kommt die Zeit, da wir im Stich gelassen, auf uns selbst gestellt und durch dien sinkendem Geldwert gezwungen sein werden, wenigstens im Bereich des Minimums Ordnung m schaffen — gegen Hunger, Krankheit und Unbill des Wetters. Dann gelangt die Menschheit vielleicht zur «Utopie» des jüdischen Sozialreformers I Was steht jetzt zur Erörterung — trotz der Kredite?! Hunderttausende können sich nicht genug Nahrung kaufen, zehntausende gehen fast in Fetzen herum, tausenden fehlt das schützende Dach. Ein harter Winter, der härteste seit den Tagen der Inflation, steht bevor. Den Arbeitslosen, vor allem den Ausgesteuerten, soll Hilfe gebracht werden. Ein großes Kuratorium ist am Werk, dem Minister, Bürgermeister, Vertreter der Unternehmerverbände und der Gewerkschaften, der privaten Fürsorge usw. angehören werden. Niemand darf dem furchtbaren Elend sein Herz und seine Tasche verschließen und Beiträge etwa deshalb ablehnen, weil er sonst von Staat und Gesellschaft mehr belastet wird als bisher. Wir Juden werden sicher auch diesmal unsere Pflicht erfüllen. Wir werden den Kuratorfen geben, wir werden der «Ravag» helfen,, wenn sie Kohle für Arbeitslose beschafft. Wir werden unsere altert 'Erfahrungen über die Feindseligkeit des Staates und seiner Parteien wieder zurückstellen, weil wir hoffen, daß es vielleicht nunmehr anders wird. Die Arbeitslosigkeit und Not unter den jüdischen geistigen und körperlichen Arbeitern ist unverhältnismäßig größer als anderswo, leiden sie doch als Arbeitnehmer und als Juden! «Gleiches Recht für alle!» fordern wir in dieser Zeit bittersten Elends. Wir dürfen es nicht dulden, daß jüdische Arbeitslose schlechter behandelt werden als andere, daß sie gar vom Bezüge der Begünstigungen ausgeschlossen werden. Pflicht der Judenschaft ist es, durch Vertrauenspersonen in den Kuratorien darüber zu wachen, daß die Schrecken des kommenden Winters nicht durch Vergewaltigung jüdischer Not verschärft werden. Damit allerdings kann die Tätigkeit unserer Gemeinde bei Bekämpfung der. jüdischen Wirtschaftsnot nicht erschöpft sein. Gibt es doch unzählige jüdische geistige und. manuelle Arbeiter, die weder der Staat noch ein Kuratorium unterstützt, jüdische Alters- und Kleinrentner, denen niemand hilft und ganze Familien des verelendeten jüdischen Mittelstandes, um die sich keiner kümmert, wenn die jüdische Gemeinschaft ihrer vergißt. Die brauchen jüdische Fürsorge! Wohl hat die Verarmung der Wiener Judenschaft in erschreckendem Maße zugenommen, wohl bieten die zwei Millionen Schilling, welche die Kultusgemeinde heute ihrem Wohlfahrtswerk widmet, für die-se Notstandsaktionen keinen Raum, wenn nicht weniger aktuelle Gebiete des Fürsorgewesens ausgeschaltet werden. Ein Appell müßte an die tausenden Wiener Juden ergehen, die noch nicht mit Bangen an den bevorstehenden Winter denken müssen. Die Aktion müßte sich ferner an die zahlreichen jüdischen Vereine und Anstalten wenden* welche alle Mittel gegen die Gefahren des Winters bereitzustellen hätten. Auch außerordentliche finanzielle Maßnahmen der jüdischen Gemeinde -— Krisensteuerl — sollten erwogen werden. Alles wäre womöglich in natura zu leisten! Aus«» Speisung, Kleiderbescnaffung, Nachtasyle usw. Audi Arbeit soll unmittelbar gegeben werden. Wir wolle#, es dooh wieder einmal ausspreohen, daß jüdisch# Arbeitnehmer nicht bloß unter dem Antisemitismus und den würgenden Wirtschaftskrisen, sanderqf auch unter dem schmachvollen Verhalten jener jüdiV sehen Unternehmer leiden, die es grundsätzlich abc lehnen, «Israeliten» in ihren Betrieben zu beschaff tigen. Ein würdiges Einschreiten der jüdischen Ge* meinde könnte da manchen Nutzen stiften. Daß erhöhte Förderung des Palästinaaufbait» Werkes, Unterstützung der Chaluziuth in viele# Fällen Segen brächte, Ist schon zu oft betont worden. Die zionistischen Vertreter in der jüdischen Gemeinde haben dafür zu sorgen, daß die Aktionen des Bundes und der Stadtgemeinde, welche für den Winter eingeleitet werden, auch den Juden zugute komme# und diesbezüglich unter Kontrolle jüdischer Vertrauensmänner stehen. Angesichts der allgemeinen Judennot haben die zionistischen Mandatare erhöhte Förderung des Palästinaaufbauwerkes und Vorkehrungen auch in eigenem Wirkungskreise der jüdischen Gemeinde zur Versorgung armer Juden während des bevorstehenden Winters zu erwirken. Die Vertreter der Wiener Judenschaft, besonders die zionistischen Mandatare, haben zu erweisen, daß sie der fürchterlichen Situation gewachsen sind. Vor allem heißt es: Rasch handeln!