Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 196 (8.10.1931)
- Date
- 1931-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 190 — 8. Oktober 1931 DIE STIMME Sette* JivifUdor Mameiwi Nachdruck auch ifl Auszügen verboten. Der große Wahnsirin Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 8 Wir trinken schwarzen Kaffee und dann beginnt wieder die Schießerei und das Geschrei. Noch rasch einen Schluck, und schon schießen wir. Die Wolken verschwinden, am Rande des Horizonts erscheint der umnebelte Mond. Er ist majestätisch und beleuchtet uns liebevoll mit seinem blassen Licht. — Die Schlacht wird Immer heftiger, Menschen fallen hier und dort wie die Fliegen, einige werden leicht verwundet und sind glücklich, daß sie von Sanitätssoldaten fortgetragen werden. — Unsere Arbeit ist ein Irrsinn, Schweiß rinnt, Lungen keuchen, Befehle erschallen, Granaten explodieren, Menschen sind müde und jemand flucht: «Du dort, der Teufel soll dich holen *— wie kannst du so ruhig sein und leuchten?» Er spricht mit dem Mond und sagt weiter: «Da schau her, wie er uns verspottet, der liebe Mond’! Gut, daß er uns kein Chanson singt!» Der Soldat spuckt aus und singt: Hoch am Himmel schwebt der Mond, Silbern schwebt bei Nacht der Mond r— Piff — paff — buml Meine Liebste ist so blond — Piff — paff — buml Süßer Wein entfacht die Glut, Wein Ist auch ln meinem Blut — Piff — paff — bum! Komm, Geliebte, küss’ mich wund, Küss’, Geliebte, meinen Mund Piff — paff — bum! Küss’ mich, mach’ mich matt und müd\ Hörst Du unser Schlummerlied: Piff — paff — bum! Wir arbeiten mit allen Kräften, sind vom Lärm schon ganz betäubt. Ein Schrei: «Hurral» Noch einmal. Und noch einmal. Dann singt der Soldat wieder: Hooh am Himmel schwebt der Mond, Silbern schwebt bei Nacht der Mond — Piff- Plötzlich verstummt er. Jemand ruft: «Der Ist tot! Ein anderer soll fortsetzen I» Ich rufe ihm, während ich schieße, zu: «Elender Idiot!» Er antwortet: «Kennst Du das Lied? Dann sing’ weiter. Piff, paff, buml» — Noch einer fällt, noch einer wird verwundet, weint und windet sich in Schmefzen. Bauchschuß. — Plötzlich ein Befehl: «Aufstehen! Vorwärts! Attacke!» — Menschen kommen, sie nähern sich uns wie Schatten im Mondlicht. — Wir stehen auf, laufen den Schatten entgegen und schießen im Laufen. — Die Schatten fallen. Viele. Einer nach dem anderen. — Markerschütterndes Oeschrel: «Hurra, hurra!» Auch ich schreie mit. Und zwischendurch denke ich: Vielleicht Ist dort unter ihnen der Dichter Schneur oder mein Freund Pjotr Wassiljewitsch ... — Hurra, hurra! Finsternis, Regen. Wir sind schon in den feindlichen Stellungen und stechen wild drauf los. loh steche in die Luft. Rufe: «Stechen, stecheni» Flüche und Verwünschungen. Fremde Sprachen. Ich verstehe sie nicht. Fremde Menschen. Fremde, wilde Bestien. Vertilgen muß map sie. Ich krieche im Kot und falle. Bekomme einen Fußtritt in die Seite. — Bin nicht tot. Ich lebe. Füße stampfen mich. Ein starker Bajonettstich in die Erde, — gleich bei meinem linken Ohr. Ich erschrecke und schreie. — Stehe auf, bewege meine Hände und meine Füße. Steche wieder in die Luft. Himmel, ich habe jemanden erstochen! Ich höre:’ «Nicht stechen, das bin Ich!» — Einer von uns. Das Bajonett hat Ihm die Schulter durchbohrt. — Ich höre einen Schuß aus nächster Nähe und spüre einen heftigen Hieb ln mein rechtes Bein oberhalb des Knies. — Ach! —* Die Kugel hat den Knochen durchbohrt. Ein gräßlicher Schmerz. Ich schreie: «Sanität! Ich bin verwundet!» Jemand packt mich beim Oberkörper, ein anderer kommt und hilft ihm. Man legt mich auf eine Tragbahre und trägt mich fort. Einer fragt: «Wo hat’s dich erwischt?» Ich bin froh, daß Ich die Hölle verlassen kann, und antworte ihm: «Wo es mich erwischt hat? Auf dem Felde der Ehre, auf dem Altar des Vaterlandes I» — Er wird wütend und will mich herunterschmeißen: «Du Schwindler, Du bist doch nicht verwundet! Zum Teufel mit Dir!» — Ich schreie: «Dir und deinen Kindern wünsch« ich meine Wunde!» — Und er drauf: «Wo hat’s Dich erwischt?» Ich antworte: «Im rechten Bein.» Die Wunde tut weh, bis in den Kopf tut sie weh. — Wir kommen In eine Ambulanz. Man verbindet mich und fragt, wo die Kugel sei. Klavierunterricht erteilt staatl. gepr. Klavierpädagogin (mit Matura) In und auter Hau» Lette Ederer Wien, XX., Karl-Melsl’Sf raSe 4, II. Stock, Tür SO «Wozu brauchst Du die Kugel?» Der Sanitätssoldat schreit: «Wo ist die Kugel, frage ich?» «Ich weiß nicht. Wozu brauchst Du die Kugel? Seine Majestät, Franz Josef I. hat genug Kugeln. — Ach! Es tut so weh!» «War es ein Durchschuß?» «Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts. Verbindet mich doch, es tut mir so weh!» In meinen Augen standen Tränen, doch ich war glücklich. Jemand sagt: «Durchschuß. Schlimm, mein Lieber. Lange wirst Du nicht zu Hause leben!» Ich bin verwundert: «Was? Ich werde sterben?» «Nein, lifi Gegenteil; man wird Dich aushellen und Du wirst bald wieder zurückkommen. Schlimm!» Inzwischen verband man mein Bein und trug mich weiter fort. — Der Schmerz wächst. Ein Schüttelfrost packf mich. Die Bewegung tut mir wohl. Ich schließe die Augen. Der Kanonendonner wächst. JWan hört, wie Verwundete in der Feme schreien. Ein Sanitäter sagt zu mir: «So ein Olück. Beinschuß!» — Der Schmerz umnebelt mein Hirn ... Mir ist wohl ... So ein Glück ... Ich schlafe ein. Als Ich erwachte, befand Ich mich im Sanitätszug. Ratatata ratatata —- nach Hause! Was war da los? VIII. Kapitel Die Schule für Intelligenz Aus dem Lazarett brachte mich die Heeresleitung unter die Gewalt des Unteroffiziers. Ich soll das Exerzieren lernen. Wie man steht, wie man geht, wie man schießt und wie man die Befehle ausführt. Zu allererst sagte man uns, wo wir uns befänden. Der Herr Zugsführer erklärte es uns: «Wir befinden uns ln der Schule für Intelligenz.» «In eueren dreckigen Schulen», sagte unser neuer Lehrer, «habt ihr alle mögliche Weisheit gelernt. Auch ich habe wie ihr lesen und schreiben gelernt. Aber das ist ja nicht alles — lesen und schreiben kann jeder Advokat und jeder Professor. Das Ist gar nichts! Ihr müßt aüch "ein"bißchen Intelligehz lernen! Vorläufig könnt Ihr doch nicht einmal anständig stehen. Und stellt euch vor — nehmen wir an, daß heute plötzlich der Herr Oberleutnant kommt, und ihr habt keine Ahnung, wie man ihn begrüßt. Zum Beispiel du», er wandte sich an einen von uns. «Wie wirst du den Herrn Oberleutnant begrüßen? Also, wie?» «Guten Tag, Herr Oberleutnant.» «Du verdammter Trotteil Das hab’ ich ja gewußt. Und schämen tust du dich nicht einmal, natürlich! Ein Soldat, der die Ehre gehabt hat, verwundet zu sein. Und schmust «Guten Tag» und andere Saudummhelten! Den Herrn Oberleutnant grüßt man nicht so, wie man einen Professor grüßt oder ein Dienstmädel, mit dem man ein Verhältnis hat. Den Herrn Oberleutnant grüßt man überhaupt nicht. Sondern man steht vor ihm sol Kerzengeradel Brust heraus, Bauch hineinl Mit verhaltenem Atem. Und deine Augen schauen gerade in seine Augen, ohne sonst irgendetwas auf der Welt zu sehen. Sie sehen sonst gar nichts, weder die Umgebung, noch die Kameraden, noch die ganze Welt. Der menschliche Körper wurde ja nur zu diesem einzigen Zwecke geschaffen: Vor dem Herrn Oberleutnant habtacht zu stehen und zu hören, was er spricht, seine Gedanken zu lesen; daher muß jeder Mensch ganz Auge und Ohr sein und darf nicht vle! herumklügeln. Und Schluß. — Also jetzt wollen wir versuchen, ob Ihr Talent habt. Nehmen wir an, daß der Herr Oberleutnant ln diesem Augenblick kommt. Und Ich gebe den Befehl: Achtung! Und Ihr tut, wie Ich euch gesagt habe. Aufgepaßt: «Eins, zwei, drei — Achtung!» Justament werde ich die Augen nicht schließen. Ich stand stramm, schloß die Augen und war wie versteinert. Der Unteroffizier lachte und schrie dann: «tl—di— o—tenl» * wmmaammmmmmmmmmmmtsamtsmmmmmmamtsmmaaiBA Bouboule!•« Trumphi Wer ist Bouboule? WM Ist Bouboule? Bouboule Ist der Könlg der Blltser und heißt mit seinem bürgerlichen Namen Georges Milten. Jedes Kind kennt ihn ln Paris, er ist der parlserlsoheste und darum verdattertste Volkssohauspleler, der sloh denken läßt, ln „König der Blitzer“ spielt Georges Müton einen lm gewissen Sinne gemütlichen Hochstapler, eine Figur, die stets nur in Paris gedeihen konnte, wo die Streiohe, die hart an der Grenze des vom Gesetz nooh Erlaubten vorbelführten, mit sohmunzeindem Verständnis aufgenommen wurden und wo man monohmal mehr als ein AUge fugedrUokt hat. Der König der BUtser ist ein Mann, der es versteht, bei allen Mfeatliohea Ereignissen dabei su sein und der bedenkenlos dort eindringt, wo er glaubt, sieh gut unterhalten »u dürfen. Darum ist Bouboule, der Mann, der nlohts ernst nimmt, auch sich selbst nioht, Überall Trumph. Das köstlich* Lustspiel erscheint ab 15. Oktober imv Opern- und Iittperlal-Kino. Ich öffnete meine Augen und sah, daß alle ihre Augen geschlossen hatten. «Das ist eine Bande!» sagte der Lehrer, vollkommen verzweifelt. «Ich sehe schon, daß ich aus euch niemals werde Menschen machen können. Warum habt Ihr die Augen geschlossen? Na? Warum? Glaubt Ihr vielleicht, daß das ein Gebet ist? Wenn man betet, muß man die Augen schließen, damit man Gott, behüte Gott nicht sehe. Aber hier? Der Herr Oberleutnant ist kein Gott. Gott wird auch nie einen Orden geben. Und auch keinen Einzelarrest für drei Tage. Also noch einmal,» Es war nicht nur noch e i n mal, sondern fünfzigmal und mehr. Das war eine Bande, die ganz und gar unintelligent war. Der Herr Unteroffizier war total verzweifelt und hatte keine Kraft mehr. Dieses blöde Augenschlleßen! Plötzlich trat das Unglück ein. Der Herr Oberleutnant kam. Heiser schrie unser Lehrer wie eine Sirene in einer Pferdewurstfabrik: «Habtacht!» Der Oberleutnant trat näher, blieb stehen und unser Lehrer sagte in kurzen scharfen Worten: «Herr Oberleutnant, melde gehorsamst — nichts Neues!» Fürchterlich. Nichts Neues. Also wozu dieses entsetzliche Geschrei? Der Herr Oberleutnant musterte uns von Kopf bis* Fuß, ernst und schweigsam. Dann sagte er ruhig: «Ruht!» Es braucht euch nicht das^Herz in die Hosen fallen. Ich bin ja kein Teufel.» Es war ein herrlicher Tag. Die Herbstsonne schüttete ihr sattes Gold über die Welt, und eine leichte Brise brachte uns unangenehme Düfte aus irgendwelchen glücklichen Fernen. Ich erinnerte mich an Neapel, Sorrent, Monaco, an die Riviera... Der Oberleutnant fand, daß wir nicht anständig stünden. Man stellte uns mit den Gesichtern gegen die Kasernen wand. Die Wand war weiß, die Sonne glänzte, es war unmöglich, auf die Wand zu schauen. .Der Offir . zier nahm einen Bleistift, zeichnete auf der Wand eine Linie, und .sagte: «Auf diese Linie werdet Ihr schauen, wenn Ich vor euch stehe. Ganz gerade aus. Ohne euch zu rühren. Verstanden?» Wir verstanden. Unser Lehrer befahl: «Habt acht!» Wir standen erstarrt und unsere Augen schauten auf die blendend weiße Wand. Geradeaus. Das weiße Licht brannte in den Augen. Ich schloß meine Augen, aber dann erinnerte Ich mich, daß nicht Gott vor mir stand, sondern der Herr Oberleutnant, und öffnete sie wieder. Ja, ich werde schauen, sei da, was wolle. Der Offizier trat an den ersten in der Reihe, sah ihn prüfend an und machte eine wegwerfende Bewegung: «Geh’ zum Teufel!» Der Kamerad trat auf die Seite links. Nach ihm auch der zweite, dritte, vierte. Alle hatten es falsch gemacht. Ich schaue, wie zur Blindheit verurteilt, ich schaue aus meinen letzten Kräften. Tränen rinnen schon aus meinen Augen. Ich werde blind, aber die Augen werde ich nicht schließen. Ich höre, wie der Lehrer zu denjenigen, die es falsch gemacht haben, sagt: «Wartet, Epileptiker, wartet nur: Ich werde euch die Wimpern aus den Augen herausreißen l Ich werde euch schon zeigen!» Ich höre es und nehme meine letzten Kräfte zusammen. Ich schaue gerade auf die weiße Wand. Der Offizier kommt an mich heran, sieht mich an* Aus meinen Augen fließen große Tropfen. Tränen rinnen Uber meine Wangen, und die Augen sehen nichts mehr, nur eine riesengroße, zitternde Sonne. Und Int Licht ist Pfeffer. Der Offizier sieht mich lange und ruhig an. Er holt sich aus der Tasche ein Zigarette, zündet sie an und sieht mich an. Er raucht in langen Zügen und bläst mir den Rauch in die Augen hinein. Mir ist es schon egal. Justament. Der Offizier raucht und raucht, und dann klopft er mir auf die Schulter, wohlwollend, und stößt mich nach rechts, «BravoI Tapfer! Wisch’ dein Gesicht ab.» (Fortsetzung folgt) Zur Ziehung der I. Klasse der 26. KlässeMötterie bestellen äie thr Giuoksios bei der Geschäftsstelle der Oesterreiohischen Klassenlotterie J. M. Neufeld Wien, ll., Krummbaumgasse 16, Tel, A 40*l»06. Höohstanögiioher Gewinn eventuell S söö.ööö,—, Lospreleei 1/1 s 4l.~, «/* 8 84,—, ‘/* s ii—, »/• bä.—, Die Hälfte aller Lose gewinnt Die Ziehung der t Klasse beginnt schon am 17. November 1SS1, na© loi©'