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Die Stimme · 1931-10-08 · Heft 196 (8.10.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 196 (8.10.1931)
Date
1931-10-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 196 — 8. Oktober 1931 DIL S i lUuHL 5ette % Fall Bentwich Mit äußerstem Befremden und Entrüstung hat die jüdisch« Welt von der Antwort Kenntnis erhalten, die der Kolonialminister Thomas im englischen Unterhaus aut eine Anfrage des Cot. Wedgwood bezüglich des Rücktrittes des palästinensischen Oberstaatsanwaltes Norman Bentwich erteilt hat. Bentwich war der letzte jüdische Oberbeamte Palästinas, er hat sein Amt noch in der Aera Herbert Samuels Übernommen; damals wurde zweifellos von der Mandatarmacht die Auffassung geteilt, daß die Proklamation des Jüdischen Nationalheims legitimerweise einen Anspruch der Juden auf Teilnahme an der Verwaltung des Landes begründet. England ernannte einen jüdischen High Commissioner und gab eine Reihe von anderen Zentralämtern der Palästina-Verwaltung in die Hände britischer Juden. Nach und nach sind diese Juden verschwunden und wurden durch Nichtjuden ersetzt. Bentwich allein blieb übrig, und er hat in den zehn Jahren seiner Tätigkeit dem Lande anerkanntermaßen große Dienste geleistet; seine bedeutenden juristischen und administrativen Fähigkeiten, die Besonnenheit seines Urteils und die Objektivität seines Verhaltens standen über jeden Zweifel. Eine äußere Handhabe zur Versetzung Bentwichs bestand nicht. Die Araber haben fortgesetzt einen Druck in dieser Richtung ausgeübt; obwohl in Wahrheit Bentwichs Amtsführung nicht die geringste Benachteiligung der Araber mit sich brachte, war die bloße Anwesenheit eines Juden unter den Spitzenbeamten für die Araber eine nationale Prestige-Angelegenheit. Offenbar haben sie besonders auf den letzten High Commissioner Sir John Chancellor einen fortgesetzten Druck ausgeübt, indem sie darauf hinwiesen, daß das Mißtrauen der Araber gegen eine «prozionistische Parteilichkeit» der Regierung nicht beseitigt werden kann, solange Bentwich auf seinem Posten bleibt. Als Bentwich vor fast einem Jahre beurlaubt wurde, mehrten sich die Gerüchte, daß er nicht mehr auf seinen Platz zurückkehren werde. Es ist müßig, die Gründe, die man für seinen Abgang vermutete, hier zu erwähnen, da ja jetzt durch die Antwort des Kolonialministers der Hauptgrund in unzweideutiger Weise ausgesprochen wurde. Bentwich hat sich dem auf ihn ausgeübten Druck, ein anderes Engagement im britischen Kolonialdienst anzunehmen, widersetzt. Er zwang die Regierung zu klarem Spiel, indem er forderte, entweder nach Palästina zurückgesandt zu werden oder aber offen wegen seines Judentums des Amtes enthoben zu werden. Offenbar war er der Meinung, daß die Regierung vor einem derartigen offenen Schritt zurückschrecken wird. Aber das Unerwartete ist geschehen. Man hat, um Bentwich von Palästina fernzuhalten, ein besonderes, nur auf seine Person zugeschnittenes Arrangement treffen müssen; er wurde acht Jahre vor Erreichung des pensionsfähigen Alters pensioniert. Dieser ungewöhnliche Vorgang beweist, welchen Wert man darauf legte, Bentwich los zu sein, und zwar nicht aus irgendwelchen persönlichen Gründen, sondern nur weil man keinen Juden in der obersten Verwaltung Palästinas haben will. Führende Engländer haben sich in den letzten Jahren oft beklagt, daß die Mandatar-Regierung von den Juden mit Mißtrauen betrachtet wird, ja, daß heftige Worte der Anklage und des Unwillens laut geworden sind. Man ist sich in englischen Kreisen offenbar nicht darüber klar, welche schwere Kränkung ein Vorgehen wie das im Falle Bentwich für die gesamte Judenheit bedeutet. Es wäre unrichtig, hier von Antisemitismus im üblichen Sinne zu sprechen. In einem Augenblick, wo der Außenminister und der Innenminister Englands und der Generalgouverneur des australischen Dominion Juden sind, kann man nicht behaupten, daß England die Besetzung eines hohen Amtes mit einem Juden verweigert. Nicht eine Frage des «Antisemitismus» Hegt Wer vor, sondern eine politische Frage. In Palästina kann ein — britischer! — Jude nach Auffassung der Mandatarmacht kein hohes Amt bekleiden, gerade weil Palästina das Land des Jüdischen Nationalheims ist. England will beweisen, daß die Proklamierung des Jüdischen Nationalheims kein Präjudiz zugunsten der Juden schafft, und so kommen wir zu dem absurden Zustand, daß in England selbst und in jedem Teil des englischen Weltreiches ein Jude zum höchsten Amt gelangen kann — mit der einzigen Ausnahme des Mandatsgebietes Palästina, auf das sich die Balfour-Deklaration, das Palästina-Mandat mit seiner Anerkennung der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes mit diesem Lande, die wiederholten Versicherungen Englands über loyale Durchführung des Jüdischen Nationalheims beziehen. Gerade weil man diese Erklärungen abgegeben hat, glaubt man beweisen zu müssen,, daß sie beileibe keine Begünstigung der Juden involvieren. Dies ist eine Auffassung, die für das jüdische Volk eine offene Brüskierung bedeutet, die aber auch von keinem gerecht und objektiv denkenden Menschen gebilligt werden kann. Aus der Art und Weise der Beantwortung der Anfrage im Unterhaus gewinnt man den Eindruck, daß der Kolonialminister Thomas sich der Tragweite der von ihm abgegebenen Erklärungen gar nicht bewußt war. Sie bedeuten, abgesehen von allem anderen, eine klare Verletzung derjenigen Mandatsbestimmungen, die jede «Discrimination» gegen Angehörige einer bestimmten Rasse oder Religion verbieten, und außerdem eine offene Ermutigung an die arabische Opposition, der zugestanden wird, daß die «natio- Bei rheumatischen Schmerzen aller Art fjaöett jid) SogaLXaBIetten ganj fjeroortagenb fietüäfjtt. 3crt)Iteidje 5Danffcfjretf>ett über Toga! bet oeraltcten ßetben, betten fein anbetes Sttittel fjalf. Gin fßerfud) überjeugt! — 3n allen 9lpotf>efen. — 5ßreis S. 2.40. nalen und politischen Bedingungen des Landes» («racial and politlcal conditions») eine Betätigung von Juden an führender Stelle unmöglich machen. Mit dieser Antwort darf sich die Jewish Agency und die Zionistische Organisation nicht abfinden. Es handelt sich hier nicht mehr um den Privatfall Bentwich, sondern durch die Antwort des Kolonialministers hat die Angelegenheit prinzipielle Bedeutung gewonnen. Gemeiflidewahlen in der Tschechoslowakei Prag, 28. September. (J. T. A.) Zu den am Sonntag, den 27. September, in zahlreichen Gemeinden der Tschechoslowakei stattgefundenen Wahlen der Gemeinderäte waren in fast allen größeren Städten jüdische Kandidatenlisten aufgestellt worden. In Prag wurden auf die Liste der Jüdischen Partei 8109 Stimmen abgegeben. Die Jüdische Partei erhält daher in Prag zwei Mandate, die durch den Vorsitzenden des zionistischen Zentralkomitees für die C. S. R., Norbert Adler, und den Generalbevollmächtigten der Jüdischen Partei, Dr. Franz Friedmann, besetzt werden. Die Jüdische Partei hat in Prag gegen die Parlamentswahlen von 1929, bei denen sie 6326 Stimmen erhielt, einen Stimmenzuwachs von rund 2000 zu verzeichnen. Die Resultate aus den übrigen Gemeinden stehen noch aus. Student sucht Hofmeisterstelle oder gibt Stunden Anschriften erbeten an D. Steinmetz, Wien, IX., i’ramergasse 30, III. Stiege. Tür 12 JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher (auch antiquarische) für Eure Kindet in der Jtttf. BuchhandiungJHermjuejOl« Wien, II., dr. Stadtfiutg. 1 (Ecke Taborstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK! AlleNeuerscheinungei erhältlich 10 Groschen täglich, keine weiteres Gebühren I Für Anfragen Telephon R-41-4-20 MLumiHM» w i htüiiaw fwwnwffrawMmwBMBW———w——^1 In aller Kürze Die historisch denkwürdige Gaon-Synagoge in Wilna, die „Klase“ des Wilnaer Gaon Rabbi Elija, ist zum Teil durch Brand vernichtet worden. Viele alte, schwer ersetzbare Bücher aus der Bibliothek des Gaon sind mit ver» brannt. « Laut Mitteilung des Einwanderungskommissars Hüll sind im Verlauf des Finanzjahres, 1. Juli 1930 bis 80. Juni 1931, 5692 Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert und 319 Juden aus den Vereinigten Staaten ausgewanderL Bel einer Beteiligung von 83 Prozent der Wahlberechtigten wurde die Hamburger Bürgerschaft, das Parlament des Freistaates Hamburg, neu gewählt. Den meisten Gewinn haben die Nationalsozialisten zu verbuchen, die ihr© Mandatszahl in der Bürgerschaft von 3 (lm Jahre 1928), auf 43 erhöhen konnten und mit 202.465 Stimmen 43 Mandate erzielten. # V. A. Sundaram, einer der prominentesten Führer der Gandhi-Bewegung und Professor der Universität Benares, hält sich augenblicklich in Berlin auf. Sein wichtigster. Besuch galt Einstein, dem er eine Einladung der indischen Universität überbringen wollte. Einstein ist in Indien außerordentlich populär; er gilt als der berühmteste Europäer, da er, wie Gandhi, sein Leben dem Dienste der Wahrheit geweiht habe. * Anläßlich der Anwesenheit von Dr. Chaim Weizmann in Berlin veranstalten die deutschen Mitglieder der Jewish Agency einen Begrüßungsabend am 11. Oktober, bei dem da Herr Direktor Oscar Wassermann zurzeit verreist ist — Herr Rabbiner Dr. Baeck den Vorsitz führen wird. * Die vom jüdischen Gemeindebund Altrumäniens durchgeführte Aktion zur Sammlung von Protesten der jüdischen Gemeinden gegen jede Art einer Kalenderreform, durch die die Kontinuität der Woche und die Stabilität des Sabbath gefährdet werden könnten, wurde soeben abgeschlossen. Proteste von 204 Gemeinden des Gesamtgebietes von Rumänien wurden an Chiefrabbi Dr. Hertz in London, den Vorsitzenden des Jüdischen Komitees betreffs der Kalenderreform, weitergeleitet. * Eine Reihe führender christlicher Persönlichkeiten Deutschlands veröffentlicht, angeregt vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus, anläßlich der Kurfürstendammkrawalle und in Auswertung ihres gerichtlichen Nachspiel« einen „Aufruf zur Abwehr“, der lautet: * 13 junge Revisionisten in Tel-Aviv verhaftet. Tel-Aviv, 1. Oktober. (J. T. A.) 13 junge Leute, die, der revisionistischen Parole folgend, gegen die Abhaltung der Volkszählung in Palästina agitierten und Zettel mit der Aufschrift «Nieder mit der Volkszählung!» verbreiteten, wurden von der Polizei festgenommen. * Mittelstandswanderung. Ende Juli sind bereits 150 amerikanische Juden, deren Gesamtkapital 1.5 Millionen Dollar beträgt, in Jaffa angekommen. sehen Chassidim Von Andr6 Feilschuß Es ist ein unerforschtes Geheimnis, was die Chassidim bei heiteren, ernsten und heiligen Angelegenheiten zu ihrem Rebben mit magischen Kräften zu ziehen scheint. Alljährlich, am Vortage des Jaum Kippur, bringt die kleine Lokalbahn unzählige Anhänger aus allen Richtungen des Landes in das Städtchen des Rebben, dessen Einwohner ohne Unterschied zu seinen Verehrern zählen. Die Gruppen, die sich schon im Zuge gebildet haben, ziehen lebhaft diskutierend durch enge und winklige Gäßchen zum Beth-Hamidrasch. Er ist ein einfacher schmuckloser Saal mit abgebrauchten Bänken, schiefen Tischen und einigen eingedrückten Fensterscheiben. Der ganze Eindruck wird durch die verhältnismäßig auffallende Reinlichkeit und Helligkeit gemildert. Aber was bedeuten diese Aeußerlichkeiten gegenüber diesem geistigen Fluidum, mit dem die Anwesenden den Saal anfüllen. Sogar die Gegenstände scheinen hier Geist auszustrahlen, so lebhaft bewegt ist die Menge. Noch ehe der Rebbe zum Minchagebet erscheint, ist der Saal schon bis auf das kleinste Plätzchen gefüllt. Unglaublich, wie so viel Menschen hier Platz gefunden haben. Jedes ist mit sich beschäftigt und kümmert sich um seinen Nachbarn gar nicht. Die Vorbereitungen werden zum Gebet getroffen, das heißt Stellen aus dem Sohar und sonstige mystische Gebete werden mit großer Andacht, begleitet vom heftigen Schaukeln des Oberkörpers, rezitiert. Plötzlich verstummt die Menge und man hört nur in der Stille von einem zum anderen weitergegeben: der Rebbe, der Rebbe! das heißt der Rebbe Er ist von hohem .Wuchs, das Gesicht vergeistigt, Augen, die scheinbar mitten ins Herz blicken können. Die Menge bildet von beiden Seiten Spalier. Sein Gang ist aufrecht. Er geht an der Menge vorbei, über sie hinwegblickend, gleichsam, als wenn er ihre Anwesenheit nicht bemerken würde, und doch sind diese Menschen entzückt, fasziniert von dem Anblick ihres Rebben, dessen Wirkung sich in der Tat niemand entzieht. Man spürt hier ganz deutlich, er ist der Führer. Ihm ordnen sie sich alle unter, von ihm erwarten sie alle ihr Heil, in dem Glauben, er könne für sie bei Gott alles erwirken. Von diesem Glauben ist hier alles getragen. Das schmelzt die ganze Menge zusammen, und ihr Gebet, verschieden in Ton — von leisem Schrei bis zum spontanen Aufschrei, der die Luft durchschneidet — scheint wie von einer Kehle zu kommen. Jeder Teilnehmer wird unwiderstehlich mitgerissen. Sie alle zusammen bilden durch diesen Mittelpunkt eine Einheit, und es macht den Eindruck einer wunderbaren Harmonie. In manchen Augenblicken steigt die Stimmung bis zur Ekstase. Dann verlieren die Bewegungen jede Richtung und die Gesichter sind verzückt. Im Saale hängt greifbar eine geistige Glut. Es ist, als wenn die Luft sich von der Glut verdicken würde. Man schaut hinauf und wundert sich darüber. Die Menschen sind in diesem Augenblick wie vergeistigte Materie. Jeder Trieb, jede körperliche Leidenschaft verschwindet von den Gesichtern. Es ist der reine Geist, der sich in ihren Gesichtern an den überirdisch leuchtenden Augen widerspiegelt. Das ist die Atmosphäre. Ganz plötzlich, wie auf ein unhörbares Kommando ist eine derartige Stille eingetreten, daß man eine Stecknadel zu Boden fallen hören würde. Was ist geschehen? Der Rebbe ist auf ein Podium gestiegen und weint. Mechanisch sinken die Häupter, sie weinen. Der Rebbe weint stärker, die Menge auch. Der-Rebbe redet zwei Sätze, etwas von Sündern, aber genau versteht man nicht, das Weinen wird immer stärker. Und so geht das eine halbe Stunde. Jetzt ist die Menge gehörig aufnahmefähig. Ich möchte sagen, alles Irdische ist aus ihnen gewichen. Jetzt ist die Zeit zum Kol Nidre geeignet. Leise bewegt von der Melodie summen die Männer und Kinder, deren eine große Schar da ist, mit. Es ist das einer der Hauptreize, das die ganze Gemeinde aktiv mittut. Allmählich steigt die Melodie und wird zu einem geordneten Geschrei, unter der Beteiligung aller. Aber fast immer hört man die Stimme des Rebben, vibrierend in den oberen Regionen, über allen Stimmen, Hier und da mengt sich darein ein entzückter Aufschrei. Ueberhaupt gibt er Ton und Tempo des Betens an. Bei manchem Gebet verweilt er liebevoll, wiederholt immer wieder eine bestimmte Stelle so innig, daß man glauben könnte, er erwartet von ihr die entscheidende Wendung, andere werden hastig ohne innere Anteilnahme heruntergesprochen, als wenn sie Fremdkörper wären. Sein Gebet erscheint wie Zwiesprache mit Gott, bange Fragen, Bitten, Forderungen, Drohungen glaubt man herauszuhören. Ohne irgendwie Schluß zu machen, ist das Beten zu Ende, denn einige gehen weg und die Uebriggebliebenen beten weiter für sich, viele bleiben sogar die ganze Nacht lernend und betend auf, als Andenken dafür, daß auch der hohe Priester die ganze Nacht im Tempel wachen mußte. Als es zu dämmern beginnt, kommen von allen Richtungen die Chassidim herbeigeströmt. Bald wird auch mit Schacharis angefangen. Mit größter Intensivität der Andacht, wie am Abend vorher, werden die Gebete fortgesetzt und diese innere Spannung läßt den ganzen Tag keine Spur von Erschlaffung merken. Wie in einem Taumel wird der Jom Kippur durchlebt, in dem Bewußtsein, jeder Gedanke, jedes Wort könnte die ersehnte Erlösung bringen* Die Spannung erreicht ihren {jgjjgr

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