Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 196 (8.10.1931)
- Date
- 1931-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 196 — 8. Oktober 1931 DIE SUMME Seite 4 Bialiks flammender Appell an die Juden’) Es fällt mir schwer, über das Ziel meines Kommens zu sprechen. Dieses Ziel ist mir selbst nicht klar. Manchmal beginnt ein Dichter ein Poem zu schreiben und kennt selbst nicht den Sinn desselben. Mit der letzten Zeile wird ihm der Sinn oft erst klar. Es ist mein Wille, herzukommen, um Juden zu sehen, mit Juden zu sprechen. Vielleicht wird mir erst dann das Hauptziel und der innere Drang, der mich hierhergebracht hat, klar werden. Die Lage der jüdischen Kultur ist in der letzten Zeit katastrophal. Ich habe den Eindruck, daß etwas Schreckliches uns droht. Ich will bloß versuchen, dies anzudeuten. Es gab vielleicht noch niemals eine Zeit der innerlichen Leere, wie jetzt. Die gesamte Energie der letzten Jahre wurde für den Aufbau Palästinas verwendet, während man gleichzeitig die innere Kulturarbeit vernachlässigt hat. Nicht jeder Kopf vermag zwei Paar Tephillim zu legen. Wenn man sich dem jüdischen Leben zuwendet, sieht man, wie der Prozeß der Zerstörung angewachsen ist und das ganze Judentum bedroht. Die Assimilation, die faktische, wirkliche ohne Theorien und ohne Ideologie, wächst und überfüllt uns wie ein Wasserfall. Ich habe den Eindruck, daß nur bloß wenige Schritte zum Abgrund fehlen. In den tschechoslowakischen Gemeinden habe ich fürchterliche Dinge gesehen. 65 Prozent jüdischer Ehen sind Mischehen. 70 Prozent der jüdischen Knaben werden nicht beschnitten. Diese zwei Dinge sind das Symbol des Unterganges. Dies ist doch die letzte Grenze, die letzte Scheidewand I Hätten wir es wenigstens mit einer ideologischen Assimilation zu tun, so könnten wir sie bekämpfen, sie kommt jed;ch wie eine Naturerscheinung von selbst. Ich rede nicht vom russischen Judentum, welches sich ja jenseits dei Sambation befindet. Und so geht es crescendo in der ganzen Welt. Man merkt keinen Nachwuchs, weder auf dem Gebiete der Religion, noch auf dem Gebiete von Literatur und Wissenschaft Ein Zweig des Judentums, der nicht mehr schöpferisch ist, ist abgestorben. Das deutsche Judentum, das einstmals das schönste Judentum war, das ja die Zunz’, die Geigers hervorgebracht hat, ist ganz vertrocknet. Die Jugend ist weg. Das englische Judentum ist meiner Meinung nach schon längst verschieden. Es gibt dort keine Regung jüdischen Schaffens mehr. Schon gar nicht zu reden vom französischen und italienischen Judentum. Dort ist der wahre Friedhof, dort gibt es auch keine schaffenden Einzelpersonen mehr. Es bleiben somit bloß zwei verantwortungsvolle Gruppen: Amerika und Polen. Alle Übrigen kommen nicht in Betracht. Man muß sie daher warnen, nicht den gefährlichen Weg zu gehen, den die europäischen Juden in den letzten 150 Jahren gegangen sind. Die Gefahr ist groß. Die Symptome sind furchtbar. Unsere Kinder und Enkel nähern, sich dem erwähnten Weg der Ausrottung. Merkwürdig ist, daß die geistige Ausrottung Hand in Hand geht mit den Rufen nach Auflebung im volkstümlichen Sinne, Sozialismus, Nationalismus und Zionismus. Es assimiliert sich der Zionist, der Jiddischist., Dies erinnert an jenen Eigensinnigen, der die Theorie Kopernikus’ verleugnet und sich selbst um die Sonne dreht. Ich bin vielleicht gar kein Gegner der ideologischen Assimilation und betrachte eine ganze Reihe sogenannter Assimilanten als große Juden. Das jüdische Volk hat sie unter Mäsken entsandt, um Gleichberechtigung und menschliche Freiheit zu er- . kämpfen. Das ist die große schöpferische Assimilation, die auch das Judentum bereichert hat. Ich begreife sogar jene Assimilation, die bis zur Taufe schreitet. Heine hatte eine nationale Mission erfüllt, indem er sich bis in die Knochen in das Leben der anderen Völker hineingefressen hat. Ekelhaft jedoch ist die einfache, grobe, bürgerliche Assimilation, die mit dem alltäglichen Leben, mit der Sorge um die ökonomische Erhaltung verbunden ist. Wir atmen sie ein und assimilieren uns. Sie führt zur vollständigen Austrocknung des ganzen Baumes. Ihr werdet zu niemand mehr zu sprechen haben, da alle fünf Sinne abgestorben sein werden. Mich kränkt das unmerkliche Absterben des Interesses für das geistige Judentum; es ist bloß ein kleines Häuflein von Menschen geblieben, die sich noch für jüdische Probleme interessieren, das sind diejenigen, die hebräisch, jüdisch und in fremden Sprachen schaffen. Würde ich merken, daß die Aguda für den jüdischen Geist schöpferisch ist, daß es auf deren Gefilden grünt, so würde ich ihr Erscheinen segnen. Es ist jedoch bloß äußerer Schein, mehr nicht Das ganze *) Anläßlich der Tarbut-Konferenz in Warschau hielt der große Dichter eine Rede, die wohl als ein ericbüttemdes Zeitdokummt einzig dasteht (Am 4* RwQ, jüdische gesellschaftliche Leben ist an eine vulgäre Gassenphraseologie gebunden. Innerlich ist es leer. Das schöpferische Judentum geht verloren. Alte Geistesinstitutionen sind zerstört, neue werden nicht geschaffen. Das muß einen jeden von uns aufs tiefste beunruhigen und uns mit Schmerz erfüllen. Wir müssen einen Rückhalt für diesen Schmerz schaffen. Es soll sich also je einer in einer Stadt und je zwei in einer Familie als Freiwillige zur Rettungslegion melden, wo noch ein kleines Lichtlein brennt und ein leiser Funke glüht. Die Legion muß gegen die Front gerichtet sein, die offen ist und durchbrochen wurde. Wir haben Palästina als ein Zentrum mit einem schöpferischen Umfange angesehen, welches die jüdische schöpferische Arbeit in der ganzen Welt stärken wird, aber die Führer haben die ganze geistige Arbeit vernachlässigt und darum muß man sie vor Gericht laden. Man hat es so weit gebracht, daß unsere Jugend keine wirkliche Schaffensfreude mehr hat. Eine Ruine ist natürlich eine Behausung für Gespenster. Das ist es, was mich hierhergetrieben hat. Nun das jüdische Buch. Eines schönen Tages stehen wir auf und konstatieren, daß die Juden aufgehört haben, sich für das Buch zu interessieren, für das hebräische, für das jüdische und für das in anderen Sprachen. So wird es auch mit allem übrigen sein, nicht bloß mit der Literatur. Immer war das Buch das höchste Symbol von Kultur und Geistigkeit. Dies alles hat mich gezwungen, daß ich mit Juden zusammenkomme, um bei Euch das Gefühl des Schrekkens zu wecken, eines Schreckens für den nächsten Tag, damit eine Adresse geschaffen werde für den Schrecken. Die Juden sollen wissen, daß es eine Anzahl von Juden gibt, die Angst um unsere geistige Existenz haben. Sollte es mir gelingen, diesen Schrecken in dei ganzen Welt wachzurufen und einen Teil von Juden zu gewinnen, die ihre Schulter beugen wollen, um diese Last auf sich zu nehmen, dann wird uns etwas retten können. Gandhi über den geistigen Zio* nismus London, 1. Oktober. (J. T. A.) Mahatma Gandhi, der geistige Führer Indiens, der gegenwärtig in London zur Teilnahme an der indischen Round-Table- Konferenz weilt und heute seinen 62. Geburtstag feiert, gab einem Mitarbeiter des «Jewish Chronicle» ein Interview, in dessen Verlauf er sich wie folgt über den Zionismus äußerte: Der Zionismus in seinem geistigen Sinn ist eine erhabene Aspiration, aber der Zionismus, der die Wiederbesetzung Palästinas durch Juden zum Ziele hat, übt auf mich keine Anziehung aus. Ich verstehe, fügte Gandhi hinzu, die Sehnsucht der Juden nach Rückkehr in das Land seiner Väter; er kann und soll das tun, soweit sich diese Rückkehr ohne Hilfe englischer oder jüdischer Bajonette vollzieht. Denn in einem solchen Falle würde der Jude, der nach Palästina geht, in vollkommenem Frieden und in Freundschaft mit den Arabern leben. Der wirkliche Zionismus, der in den Herzen der Juden ruht, ist ein Ziel, nach welchem man streben und für das man sein Leben hingeben soll. Ein solcher Zionismus ist die Wohnung Gottes. Das wirkliche Jerusalem ist ein geistiges Jerusalem. Und diesen geistigen Zionismus kann der Jude in jedem Teil der Welt verwirklichen. Jnlemention der Xuituagemeinde beim Stebtorat der Wiener Universität Anläßlich der am 2. Oktober begonnenen Inskriptionen stellten die Hakenkreuzler in Ihrem Anschlagkasten im Universitätsgebäude eine Illustration des Eisenbahnunglücks Bia-Torbagy aus und setzten darunter einen Text, in welchem die Behauptung der ungarischen Antisemiten und des Hitlerorgans «Völkischer Beobachter» wiederholt wird, wonach das Attentat von Juden am jüdischen Neujahrsabend durchgeführt wurde, um Juden, die an ihren Feiertagen nicht reisen, vor Schaden zu bewahren. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde intervenierte bei den zuständigen Stellen, wonach das hetzerische Plakat entfernt wurde. Der Vorstand der „Volksblbl'othek Zion“ gratuliert seinem Mltgllede Frl. Anda Ungar IM Ihrer Verlobung mit Herrn Dr. Wilhelm Lauterbach ft Direkte Eillinie * Triest Jaffa Haifa mit den vorzügl. Salonschiffen „Adria*4, n. „Carnaro“ des Lloyd Trlestino Fahrtdauer bloß 4V, Tage Fahrprelss I. Kl. £ 22.—.—; II. Kl» £ 15.-.-; III. KI. £ mkl. Bett und Verpflegung Aaskönfte: Lloyd Trlestino Wira, I., Hämtnening fi Die Jahsreskonferenz dev atnerikasüschen Zionisten Die Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten, die am 8. November stattfindet, dürfte zu einer stürmischen Auseinandersetzung zwischen der gegenwärtigen Leitung (Brandeis-Gruppe) und der Opposition (Lipsky-Gruppe) führen. Abgesehen von der Haltung auf dem Kongreß, die zum Sturz Dr. Weizmanns führte, wird auch der numerische Niedergang des amerikanischen Zionismus dem Schuldkonto der gegenwärtigen Leitung zur Last gelegt. Ghandi und die Juden Einer Mitteilung des „Jewish Chronicle“ zufolge hat der Abgeordnete Michael Marcus, der Sekretär des parlamentarischen Pro-Palästina-Komitees, im Unterhaus eine Unterredung mit Gandhi gehabt. Es wurde eine Aussprache zwischen Gandhi und Wedgwood, Kenworthy und Marcus in Aussicht genommen. Eine traurige Statistik (J. P. Z.) Warschau. — Eine soeben von der jüdischen Gemeinde Lodz veröffentlichte Statistik wirft ein grelles Licht auf die ungeheure Not unter der jüdischen Bevölkerung in Polen.' Es ergibt sich aus diesen authentischen Zahlen, daß von 40.000 jüdischen Familien in Lodz 15.488 Familien oder über 38 Prozent regelmäßig unterstützt werden müssen- Der größte Teil dieser Leute gehörte einst einem wohlhabenden Mittelstand an, nämlich 5014 Handwerkerfamilien und 1745 Kaufleute; 5628 Personen sind sogenannte „Luftmenschen", die nie einen festen Beruf ausübten. 153 dieser Familien besitzen überhaupt keine Wohnung; die meisten, nämlich 18.840 Familien, besitzen nur ein einziges Zimmer, obwohl sich darunter Leute mit einem bis sieben Kindern befinden;; 1225 Familien besitzen Wohnungen mit zwei Zimmern. Die Not der jüdischen Bevölkerung zeigt sich auch darin, daß nur etwa die Hälfte der jüdischen Einwohnerschaft von Lodz, nämlich 21.744 Familien, in der Lage ist, Steuern zu bezahlen. Prominente Gäste in der War* schauer Synagoge In der Hauptsynagoge von Warschau erschienen zum Kol Nidregebet eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten aus diplomatischen Kreisen, und zwar: Der deutsche Botschafter Graf Moltke in Begleitung von vier höheren Beamten der deutschen Gesandtschaft, die Mitglieder der englischen und französischen Botschaften u. a. m. Die polnische Regierung war durch den Chef des Nationalitätendepartements Sovenski und den Referenten für jüdische Angelegenheiten Haftka vertreten. Graf Moltke besichtigte am Jom Kipur in Begleitung des polnischen Handelsattaches in Palästina Dr. Hausner einige orthodoxe Synagogen der Hauptstadt. Eine Million Dollar erhalten pol« nische Juden zu den Feiertagen von ihren amerikanischen Verwandten Warsohau. (J. T. A.) Wie festgestellt wurde, haben polnische Juden von ihren Verwandten ln Amerika ln den letzten Wochen als Feiertagsuntersttitzung insgesamt über eine Million Dollar erhalten. Diese Gesamtsumme der Feie*» tagsunterstützungen ist weit geringer, als diejenigen in den Jahren der wirtschaftlichen Prosperität in Amerika. Die meisten Summen gingen nach West- und Ostgalizien und In das Wilnaer Gebiet. Goebbels ruft zu einem Sturm* laut gegen das „Schreckens* urteil“ auf Berlin, 28, September. (J. T. A.) Der von Dr. Goebbels redigierte „Angriff" ergeht sich ln schweren Beschimpfungen gegen das Urteil im Prozeß gegen die Kurfürstendamm-Nazls und gegen diejenigen, die dieses Urteil gerecht finden, und schreibt: „. . . Mögen jährlich 20.000 Deutsche durch Selbstmord enden, mögen fast täglich Volksgenossen von organisiertem Mordgesindel zusammengeknallt werden — dag schadet nicht Schau aber elnfen Juden schief an — von Dan bla Berseba, von Passah bis Laubhüttenende bebt die Weltll der Jude ist ,tabu\" Der Artikel schließt: „Sturmlauf gegen das Schreckensurteil gegen die Kurfürstendammdemonstranten.' Und die Parole heißt; Heraus mit ihnen aus den Kerkern!"