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Die Stimme · 1931-10-08 · Heft 196 (8.10.1931) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 196 (8.10.1931)
Date
1931-10-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Seite & DIE STIMME Nr. 196 — 8. Oktober 1931 Im Prager Schwurgerichtshof hat sich ein aufpeitschend schmerzhaftes Stück Judentragik abgespielt; nicht nur der Tragödie der Familie Lefkovic und Fleischer, nein, ganz einfach und gewaltig: der Tragödie des jüdischen Volkes. Dieses Urteil leuchtet grell und scharf in die Tiefen der Judenfrage hinein, es enthüllt mehr von der Psyche des Volkes, von seiner Einstellung den Juden gegenüber, als viele gelehrte Abhandlungen; es zerreißt erbarmungslos die Schleier, welche eine illusionistischliberale Lehre vom Wesen des Antisemitismus über die rauhe Wirklichkeit zu breiten sucht. Urteile von Geschworenengerichten sind keine juristischen Entscheidungen; es sind und sollen auch im Sinne der Schöpfer der Schwurgerichte Urteile sein, welche aus dem naiven Empfinden des Volkes kommen. Es ist die Stimme des Volkes, die gesprochen hat: Sieben Judensind grundlos über den Haufen geknallt worden. Es war eine kleine Judenjagd. Die Stimme des Volkes hat darauf geantwortet: Freispruch. Prag, den 30. September. h. 1. Begrüßung des Präsidenten Sokolow in London Brodetsky über den englischen Regierungswechsel und über seine Besprechungen mit Thomas und Hamilton London, 1. Oktober. (J. T. A.) Unter dem Vorsitz von 0. E. d’Avigdor Goldsmid, Vorsitzenden des Council der Jewish Agency, fand zu Ehren des neugewählten Präsidenten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, in der Kingsway Hall in London ein Empfang statt, dem etwa 300 bekannte englische Zionisten und Nichtzionisten beiwohnten. Dr. S. Brodetsky, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, hielt eine große politische Rede, in der er ausführte, der Wechsel in der Regierung des British Empire sei für den Zionismus von großer Bedeutung gewesen. Brodetsky skizzierte die zukünftige politische Arbeit der Exekutive der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency und berichtete über seine kürzlich stattgefundenen Zusammenkünfte mit dem neuen Kolonienminister Thomas und dem Unterstaatssekretär für die Kolonien, Sir Robert Hamilton. , Thomas hat bei dieser Gelegenheit erneut j&einÄr Sympathie für den Zionismus und seine Ziele Ausdruck gegeben, auch Sir Robert Hamilton habe unzweideutig erklärt, daß ihm der Fortschritt, des jüdischen Nationalheims am Herzen liege. Weniger erfolgreich, so führte Dr. Brodetsky weiter aus, war die Zionistische Exekutive in der Angelegenheit der - Ueberwindung der Hindernisse, die sich der Erwerbung von Boden für jüdische Kolonisation entgegenstellen. Präsident Nahum Sokolow, der vom Vorsitzenden d’Avigdor Goldsmid auf die Tribüne geleitet wurde, und dem die Anwesenden eine stürmische Ovation darbrachten, gedachte der Verluste, die die Palästinabewegung durch das Ableben von Männern wie Dr. Lee, K. Frankel, Nassatissin und Eisenberg erlitten hat, analysierte die Probleme und Schwierigkeiten, vor denen der letzte Zionistenkongreß und die zweite Tagung der Jewish Agency gestanden haben und die zum Teil heute noch bestehen, und appellierte an die Zionisten und an alle Palästinafreunde, ihre Anstrengungen, Energien und ihren guten Willen auf die Fortführung des Palästinawerkes zu konzentrieren. Das poalezionistische Mitglied der Zionistischen Exekutive, Berl Locker, betonte die große historische Rolle, die der jüdischen Jugend in der zionistischen Bewegung zugewiesen ist. Diese jüdische Jugend, sagte Locker, die die Ideale und Hoffnungen auf eine nationale Emanzipation und eine soziale Regeneration des Judentums verkörpert, steht heute mitten in einer Welt, die von extremistischen Bewegungen beherrscht wird. Diese Bewegungen ziehen die Jugend an. Angesichts der gegenwärtigen, den Juden besonders ungünstigen Verhältnisse in der Welt ist diese Anziehung vor allem auf die jüdische Jugend besonders stark. Locker appellierte an die Führer der Bewegung, der Frage der Einbeziehung großer Massen jüdischer Jugend in die zionistische Bewegung besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn diese Jugend soll für jüdische Freiheit kämpfen. Unsere geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, auch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R 41-4-20. Dem neuen Hochkommissär Palästinas zum Gruß Von Hazofeh Ja, es gehört heute für einen aufrechten Juden Mut dazu, den Repräsentanten Großbritanniens, der in diesen Tagen sein Amt als Hochkommissär antritt, zu begrüßen. Damit ist nicht jene offizielle Begrüßung gemeint, welche den Vertretern der Jewish Agency obliegt und von ihnen gewiß anstandslos erledigt wird; denn jede Unterlassung der diesfalls üblichen Formalitäten würde einen schweren Affront bedeuten. Gemeint ist hier vielmehr die spontane Begrüßung durch die jüdische Presse, welche im Dienste ihres Volkes dessen Fühlen und Streben Ausdruck zu geben hat. Und diese Begrüßung wird hier gewagt, obgleich der Schreiber dieses als Palästinenser den Schock der Enttäuschungen über Englands Palästinapolitik mit allen seelischen Schmerzen restlos mitgemacht hat. Sir Waucope ersetzt als Hochkommissär Sir Chancellor, welcher bereits Palästina verlassen hat und nach seinem Schottland heimgekehrt ist. An Chancellor blieb der Groll von Juden und Arabern haften. Er hat dies als das Schicksal eines Repräsentanten zu tragen. Er ist sozusagen der Sündenbock, der in die Wüste geschickt wird. Nur trifft es sich gut, daß dies um die Zeit unseres Jom-Kipur-Festes geschieht. Dies leitet uns auch zu dem über, was be¬ Zum Schulbeginn IWRI ONAUCHI Hebräische Sohulflbel nach neuester und bester Met>ode mit 40 farbigen Bildern, geh. . . S 3‘0O In sämtlichen Schulen ein geführt. — Alle Sohulbiloher für Volks-, Hauptu. Mittelschulen vorrätig Buchhandlung Josef Belf Wien, I., Babensteig 3 treffs des neuen Mannes zu sagen ist. Gewiß wäre es eine Uebertreibung, zu behaupten,, ,. daß.,44 .der Entfremdung .^wischen, .Juden und" "britischer VerwaltungJ ausschließlich“. diese' letztere1 und nicht auch eine Zahl anderer Faktoren Schuld trägt und daß etwa wir Juden völlig schuldlos wären. So besteht einer der —wenn auch naturgemäßen — Fehler der Juden darin, daß sie als Flüchtlinge aus den Ländern der Verfolgung noch in Palästina geneigt sind, in der Regierung und deren Maßnahmen vorwiegend Feindliches zu sehen. Dies Mißtrauen aber ist geeignet, aus den zwiespältigen Gefühlen, welche wie auf jeden Menschen, auch auf den englischen Verwaltungsbeamten einwirken, gerade die schlechten zu fördern und zur Tat zu treiben. Freilich müssen diese schlimmen Handlungen, welche die Juden alsdann zu spüren bekommen, diese wieder in ihrem Mißtrauen bestärken. Ein gefährlicher Zirkel, dem man sich nicht einfach hingeben darf, wenn wir nicht schließlich in dessen Strudel versinken wollen; nein, man muß sich ihm zu gelegener Zeit mit kräftigem Ruck entwinden. Im Privatleben des Juden geht es auch nicht anders. Da ist der Jomkipur der Tag der Einkehr, der Tag der Erkenntnis der eigenen Fehler, der Tag, wo man Nachsicht und Verzeihung für sich von Gott erfleht und Nachsicht und Verzeihung den sündigen Nebenmenschen gewährt. Solch ein Tag der Ein- und Umkehr soll uns nun die Zeitenwende sein, da der alte Hochkommissär geht und ein neuer die Residenz in Jerusalem bezieht. Der Anstand und die ruhige Abschätzung des eigenen Vorteils mahnt uns da, ihm zwar nicht mit der blinden Vertrauensseligkeit von einst, doch auch nicht mit jenem verbitternden und lähmenden Mißtrauen der letzten Jahre zu begegnen, sondern mit würdiger Freundlichkeit. Wir wollen dabei nicht nachforschen, was Sir Wauchope bisher war und wie er zu uns Juden stand. Genug daran, daß er jenes englische Volk und Reich repräsentiert, mit dem wir uns so eng für die Lösung einer großen Aufgabe verbunden haben. Wie eng diese Bindung ist, beweist gerade die jetzige Wirtschaftslage mit ihrer Erschütterung des Pfundes, das fn Palästina prompt seine Auswirkung zeigt. Englische und jüdische Interessen sind gewiß nicht identisch, doch laufen sie ein gut Stück parallel. Voraussetzung für dauernd freundliche Beziehungen zwischen der Judenschaft und dem Hochkommissar ist freilich Klarheit und Offenheit. Wir Juden kommen, wie es in der Präambel zum Mandatsvertrag heißt, kraft Rechtes und nicht bloß geduldet ins Land, wir kommen, um dort — laut dem Wortlaut des Kongreßbeschlusses — ein volles nationales Leben zu führen. Für uns ist und bleibt Palästina jenes Erez Israel, das auch auf den palästinensischen Münzen und Marken seinen andeutungsweisen Ausdruck gefunden hat. Aus dem Grundsatz unseres Rechtes folgt alles andere: unser Anspruch auf ungehemmte Einwanderung und freien Zutritt zu dem Boden, auf Bel Fettsucht, Gicht und Zuckerharnruhr verbessert das natürliche «Franz-Josef»-Bitterwasser die Magen- und Darmtätigkeit und fördert nachhaltig die Verdauung. In Apotheken, Drogerien erhältlich. dem wir unser nationales Heim errichten wollen. Gewiß ist die Aufgabe, uns dabei zu helfen, die England aus den Händen des Völkerbundes übernahm, eine schwierige. Mit der Schablone ist es da nicht getan. Sie mag für ruhige Zeiten des Alltags ihr Gutes haben, da sie auch dem Mittelmäßigen wie ein Faulenzer beim Schreiben die gerade Richtung weist. Für derart außerordentliche Verhältnisse aber, wie sie Palästina darbietet und im Verkehr mit zwei so intelligenten Völkern wie Juden und Araber, genügt die Schablone auf die Dauer nicht. Und nur ein gerechtes Volk und ein von seiner hohen Aufgabe erfüllter •Hochkommissär können diese Schwierigkeiten meistern. Dann aber winkt England als Lohn eine hohe moralische Autorität in Palästina und weit darüber hinaus. Doch auch wenn der Hochkommissär nur die materielle Macht als wichtig und entscheidend betrachtet, soll er wissen und bedenken, daß wir Juden denn doch eine Macht sind, die nützen und schaden kann. Unser Volk ist ein Volk des Gedenkens. Es gibt kein anderes Volk auf Erden, dem seine vieltausendjährige Geschichte so lebendig vor Augen steht, wie das jüdische. Wir vergessen nicht das Böse, das uns von anderen widerfuhr, und gewiß nicht das Gute. Denn da wir so wenig Gutes von den Völkern genossen haben, gedenken wir doppelt und dreifach dankbar des Guten als einer köstlichen Gabe .des Schicksals,. .Man unterschätze auch nicht die ''Kraft des..jüdischen.,Volkes,Qä, es ist zerstreut, über die Erde, aber auch iri dieser Schwache liegt eine wundervolle Stärke verborgen; und die zionistische Organisation als die Führerin unserer Renaissance ist heute — in dieser Welt des allgemeinen Wirrwarrs — geschwächt und durch Sondergelüste disziplinloser Feuerköpfe und Desperados gespalten, aber der Funke Zions schlummert heute im Herzen jedes Juden, und mag er sich selbst einbilden, Assimilant und Zionsfeind zu sein; in der Stunde, da unser Aufbauwerk in Erez Israel ernstlich bedroht sein sollte, werden diese Funkep stets wieder zu einer mächtigen Flamme aüfschlagen. Und noch eins: schaden kann auch ein Schwacher. Würde die englische Verwäl-r tung fqrtfahren, sich unbilligen Forderungen der Araber Palästinas nur wegen deren Turbulenz zu fügen, würde naturgemäß die Neigung auch der Juden wachsen, sich jedem Radikalismus in die Arme zu werfen. Ussischkin verwies am Kongreß warnend auf das Beispiel von David und Goliath. Dies Zitat aus der Bibel nahm wenig Rücksicht auf das britische Selbstgefühl. Vielleicht entspricht ihm besser jenes andere Beispiel aus der Tierfabel, wo die dankbare Maus dem gefesselten Löwen die Freiheit wiedergibt. Oder sollte England und sein Hochkommissar sich wirklich nicht dazu entschließen können, seine Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Volke und dem Völkerbund einzulösen und, unser Aufbauwerk positiv zu fördern?.Für diesen Fall hätten wir wie jener Parnes zur Zeit der Kaiserin Maria Theresia nur einen bescheidenen Wunsch. Als die Kaiserin, welche als. fromme Katholikin die ketzerischen Juden verabscheute, eine empfindliche Maßnahme gegen sie verfügt hatte, soll ein Parnes bei ihr eine Audienz unter der Bedingung erhalten haben, daß er seine Bitte in ein einziges Wort kleide. Er sagte:'«Schweigen!» Würde die Herrscherin nicht eingreifen, wären die Juden allein imstande, sich Rat zu schaffen. So soll auch die englische Verwaltung, wenn sie unser Aufbauwerk nicht positiv fördern will, uns wenigstens dabei nicht hindern. Wir glauben in dem Moment, da der neue Hochkommissär sein Amt antritt, diese offenen Worte sagen zu müssen. In diesem Sinne sei Sir Wauchope begrüßt. Das Jahr 5692 ist ein Jubiiäumsjähr des Keren Kajemeth! Juden! Gedenket daher bei jeder Gelegenheit Eures Baufonds!

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