Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 195 (1.10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 195 — 1. Oktober 1931 DIE STIMME Sette? Avi^dov JiameM Nachdruck auch Hi Auszügen verboten. Der große Watirtslrixi Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 7 Ich begann, mich und meine Lage zu analysieren. Ich: ein breiter Girardihut auf dem Kopf, Gchrock, Bügelfalte in den Hosen und Lackschuhe, all das rr.if Kot beschmutzt, von den Sohlen bis zur steifen u-.d weißen Hemdbrust, und ich schäme mich, daß ich das, was dem einfachsten Soldaten bekannt ist, nicht weiß. Ich sah mich von oben bis unten an und mußte lachen. Fabcinaft! Ein gelungenes Lustspiel, in dessen Milleipunkt em keinesfalls banaler «Held» steht. So etwas auf die Bühne bringen, und die Sensation ist da. Doch im selben Augenblick höre Ich eine Stimme in mir. Ist es nicht ein leises, trauriges Weinen? Ich sehe mich um — kein Mensch außer mir weint.!m Gegenteil — alle sind sie fröhlich und lustig, als wollten sie beweisen, daß sie wjssen, wie heilig das Wort «der Herr Oberst» sei. , Wer hat hier geweint? Ich wurde ganz verwirrt und vor meinem inneren Auge erschien mein altes Mütterchen, bei dem Ich wohnte. Ich sah sie fast leibhaftig vor mir und hörte, wie sie weinte. Wahrscheinlich haben mich die Müdigkeit und die Nässe krank gemacht. Ich habe Fieber. Jetzt wird mir alles klar. Ich sehe meinen üehrock an und sehe* daß auch er weiht. Ich erinnere mich an einen lateinischen Satz: sunt lacrimae rerum. ja, auch Dinge können weinen. So weint auch dieser Kock, der so viele meiner Gedanken, Ideen, Leidenschaften und Träume mit mir erlebt hat. Er weint Tränen. Und der Kopf schmerzt mich zum Verrücktwerden. Ich will meine Gedanken ablenken. Ich schließe die Augen und sehe den Saal der Philharmonie. Ein Riesenorchester spielt die Symphonie «1812». Mein Gehrock beklagt sich: Diese Symphonie ist nichts anderes als ein Kriegsmarsch. Ja, natürlich. Die Marseillaise, gemischt mit den Glockenklängen des Moskauer Kreml, der bald in einer roten Feuersbrunst versinken wird. Und mein Oberst — das ist Napoleon. Mit goldenen Sternen auf seinem Kragen. Ich will meine Gedanken mit Gewalt auf etwas anderes bringen und sehe Hamlet, mit. dem Totenschädel in der Hand. Und ich höre, wie er hochtrabend spricht: «Hat man nicht auch in Julius Caesars Gehirn ejne Mauer aufgestellt?» V Mein-Gehrock schluchzt: Hamlet, der junge Prinz, der Königssohn, der vergessen hat, seinem Vater zu Ehren Kriege zu verhüten, der in des grausamen Königs Gefangenschaft geraten ist; und der grausame König, dei^jetzt mit Hilfe seiner Feldwebel regieren M(ill... Und der Oberst — das ist Julius Caesar, dessen Soldaten die Pyramiden erobern. Und die goldenen Sterne auf seinem Kragen glitzern im Licht der morgenländischen Sonne. Gott im Himmel! Gibt’s denn auf der ganzen Welt nichts anderes als Obersten, Kriege und Feldwebel? Und wenn es nichts anderes gibt, warum hab’ ich das bis jetzt nicht gewußt? Also: es gibt kein Theater, kein Buch, es gibt keinen Rodin und keine Isadora Duncan, keinen Tolstoj, keinen Adi Endre und keinen Raw Tanja. ■ Raw Tanja . . .? Ein angenehmer Schauer durchrieselte meinen fiebernden Körper: nein, er nichtl Kaw Tanja ist kein Oberst und er kennt keine Feldwebel! Es gibt noch einen Ort in der Welt, wo die Majestät meines Gehrockes ruhen kann! Der Schüttelfrost tut mir wohl, ich bin betrunken. Doch ich höre klar, wie mein Gehrock weint: «Oh weh, o wehI Raw Tanja ist nicht da! Raw Tanja irrt irgendwo herum und wartet auf den Messias. Sieh mich an, ich bin nicht dein Kleid, ich bin dein Wesen — trotz Schmutz, trotz Kot! ,Ein Jüngling, auf dessen Kleide ein Fleck ist, ist des Todes!’ 0 weh, o weh! Wer bist du? Verleugne mich nicht! Wirf mich nicht hinaus!» Jemand packt mich brutal am Nacken und schreit: «Sofort ausziehen und das da anziehen!» Ein Soldat ist es, und anscheinend kein Gemeiner. Er gibt mir die Uniform. Ich erhebe mich und beginne mich auszuziehen. Ziehe meinen Gehrock aus und — ziehe ihn wieder an. Ach, eine Sentimentalität, die nicht am Platze ist. Der Gehrock weint? Soll er weinen! Wenn man mich schlagen wird, werde ich auch weinen. Ich ziehe ihn wieder aus. Jetzt bin ich fest entschlossen. Ich werfe Ihn auf den Boden und der Kopf dreht sich mir. Jemand beginnt zu singen: Grüß Gott, grüß Gott, Zylinder! Du Shakespeare, grüß Dich Gott! Auf Wiederseh’n, Max Lindert Adieu, adieu, Foxtrott. Verschwinden Frau’n im Nebel, Und nichts hält hier uns noch. Es lebe der FeldwebelI Feldwebel, lebe hochl Ich nehme die Uniform in die Hand und schaue sie an. Sie ist schwer vom Schmutz. Die Hosen sind feucht. Und der Rock hat Blutflecken. Gräßlich! Ich ziehe die Unjform an. Mein Rausch steigert sich, irgend etwas lacht in mir. Blut! Ich spüre einen Brechreiz. Rasch den Koffer aufmachen, einen Schluck Cointreau. — Wohlige Wärme! Es ist leichter. Und die Uniform lacht. Was ist das? Die Soldatenuniform lacht mich aus. Und der Geh rock am Boden weint. Ich stecke den Gehrock in den Reisekoffer. Aber er weint auch dort. Und ich bin sehr besoffen. Wozu habe ich getrunken? Wer sagte, daß Sachen weinen können? irgendein Lateiner. Und wieso wußte er nicht, daß sie auch lachen können? Sogar Raw Tanja wußte das. Das geronnene Bhtt bedrückt mir das Herz. Und die Uniform lacht: «Ha, ha! Das ist der Lohn deiner Arbeit. Du wandertest von Stern zu Stern, von Planet zu Planet Und jetzt —» Plötzlich ein heiserer Schrei: «Halft acht!» Alle stehen kerzengerade, ohne sich zu bewegen. Der Feldwebel tritt ein. Der ganze Raum ist wie erstarrt. Der Feldwebel geht, von Mann zu Mann, schaut jeden durchdringend an und ist zufrieden: «Gut. Gut. Gut.» Und als er an mich trat, lachte er. Und ich wüßte sofort: das lacht meine blutgetränkte Uniform: «Du bist ein herrlicher Junge. Wo ist denn dein Gehrocky Wahrscheinlich hast du auch einen Zylinder. Und was denkst du überhaupt über den Krieg??» Ich habe nicht verstanden: warum gerade ich? Warum beehrt er ausgerechnet mich mit dieser Frage? «Was ich über den Krieg denke? Der Krieg ist ein großes Paradoxon, Herr Feldwebel», antwortete ich vorsichtig. «Was? Was? Was für ein Doxon?» «Der Krieg ist ein großes Paradoxon. Die Frage des Kantschen Ding-an-sich muß empirisch und nicht logisch gelöst werden. Es gibt nur einen einzigen Realismus in uns, der ein Ding an sich ist, und das ist der göttliche Funke, der in. uns .lebt. AVir'. glaubten imjner, daß der Mensch die Krone der Schöpfung sei, und daß nur der Kampf um s Brot ihn zu einem gemeinen Kerl macht. Und nun ist der Krieg gekommen und hat uns bewiesen, daß der Mensch nicht nur des Brotes wegen lebt, sondern vor allem der Vaterlandsfeinde wegen, die man ausrotten muß. Und das heißt: wir haben keine Ahnung, was das Wesen dieses höheren Geschöpfes ist, das Herr Feldwebel oder Herr Oberst heißt. Kant irrt.» Der Feldwebel lachte breit: «Ha, ha, ha, du hast recht. Aber wer ist denn dieser Kant» «Ein armer Krüppel, der ein Buch über den ewigen Frieden geschrieben hat. Ein Idiot.» «Ha, ha, ha, du bist ein tapferer Soldat, mein Lieberl» Er klopfte noch auf meine Schulter. «Du wirst noch ein erstklassiger Offizier werden. Allerdings — du sprichst auch viele unverständliche Dummheiten. Aber bei uns wirst du schon die menschliche Sprache erlernen I» Er sah mich und meine Uniform an und lachte wohlgelaunt. Und mir blieb das Herz stehen, und ich wußte nicht warum. Lachen und Weinen. Die Uniform und der Gehrock spielen für mich ein Konzert des Wahnsinns. Und der Kopf schmerzt mich. Gut, daß die Türe aufgeht. Zwei Soldaten bringen einen großen Kessel, von dem ein Geruch wie von Tabak, mit schwarzem Kaffee gemischt, ausging. «Schwarzer Kaffee», macht mich irgend jemand, der sich darüber zu freuen scheint, aufmerksam. RDr.Karl osenfeld Landesbehördlich konsess. Häuser- Verwaltung Realitäten- und Hypothekeqkanzlei WIEN, VI^GüMPENDORFERSTRASSENr. 35 abernimmt Verwaltungen und sämtliche In daa Immobilienfach einschlägige Transaktionen zu kulantesten Bedingungen* TELEPHON B 20-4-46 Das einzige n Ungarn erscheinende zionistische Organ st das Wochenblatt SzldöSzcmle redig ert von Dr. losef Schön cid. Bezugs pr.ls füis Ausland ganzjährlich 5 Dollar Administration Budapest VII. Räköczl ut 76 Schwarzer Kaffee? V o r dem Essen? Ja, es mußte wirklich etwas Umwälzendes in der großen Welt geschehen seinl Der Feldwebel richtet sich auf und gibt den Befehl: «Fressen!» VII. K a p.i te I. Der Alpdruck Seit dem Tage, an dem ich die blutbefleckte Uni* form angezogen, ist mehr als ein Monat vergangen. Und noch weiß ich nicht, was da eigentlich in Wirk* lichkeit geschah. Wie irgendein sensationeller, nerven* , aufpeitschender Film, gedreht nach einer verdorbenen Novelle von E. T. A. Hofmann kam mir alles vor. Ungefähr folgendes ereignete sich ln wildem Durcheinander: Der Feldwebel erklärte uns, daß wir keine Zell haben würden, viel zu lernen, weil wir uns doch schon an der Front befänden und so rasch als möglich die russischen Schweine aus dem Vaterland vertreiben müßten. Inzwischen ließen sich schon die Kanonen hören, und nach ihnen kamen Granaten. Jede Granate konnte ein ganzes Haus zerstören. Der Feldwebel hielt Vorträge über die Vaterlandskunde und über das Be* nehmen eines anständigen Menschen, der nicht zu Gott, sondern zu Seiner Majestät dem König betet. Der Feldwebel hielt Vorträge, und die Granaten kamen, eine nach der anderen, ohne Unterlaß es war zum Verrücktwerden. Eines Tages erklärte er uns gerade, was ein anständiger Soldat ist und was der Tod bedeutet — da kam plötzlich eine Granate, und das Wort «der Tod» erstickte in der Kehle des Feldwebels. Er wurde auf der Stelle in ganz kleine Fetzen zerrissen. Nichts blieb vom Feldwebel übrig, als ein Häufchen Fleisch- und Knochen fetzen. Der nächste Feldwebel, der die Stelle des ersten einnahm, war ein ängstlicher Mensch, der ununterbrochen betete und auch uns dazu anhalten wollte. Jeder von uns sollte in seiner Sprache zu seinem Gotte beten. Obendrein bat er die Mitglieder verschiedener Konfessionen, sie sollten ihn auch irgendeines ihrer Gebete lehren. Ich brachte ihm ein hebräisches Gebet bei; er war sehr zufrieden, und versprach mir für die nächste Zeit eine Auszeichnung. — Die Russen kamen näher. Wir waren schon mitten in der Frontlinie. Einige von uns fielen, zwei wurden im Trommelfeuer irrsinnig und unser Offizier erschoß sie beide auf der Stelle. Die Russen konnte man Auge im Auge nicht sehen. Leichen bedeckten den Raum zwischen beiden Stellungen; Sanitätssoldaten fielen wie die Fliegen; Befehle rwängen uns, in die Luft zu schießen, irgendwohin in die Ferne, in der wir niemand sehen konnten; keiner von uns verstand richtig das Schießhandwerk; einige bekamen Schläge. Es regnete, die Gewehre wurden vom Kot verstopft, die Patronen explodierten im Lauf und töteten unsere Soldaten. Einer weinte, ein anderer erschoß ihn. Lärm. Jemand schreit: «Die Russen kämpfen mit leeren Händen, sie haben kehe Gewehre und kommen mit Stöcken zu uns!» Ein Kamerad, der mit mir im Kot liegt und schießt, wird plötzlich getroffen und stirbt. Aus seinem Munde quillt ein Blutstrom. Jemand ruft: «Mutter!» Zwei Soldaten streiten miteinander, raufen, prügeln und beißen einander. Der Feldwebel erschießt sie beide. Ich bitte um Patronen; der Feldwebel wirft sie mir hin und schreit: «Bravo, bravo! Nur kein Mitleid! Du bist ein braver Junge, kriegst eine Medaille!» — Der Abend kommt, es regnet ohne Unterlaß, der Regen dringt bis ins Knochenmark hinein. Man hört auf zu schießen, im Herzen wächst eine Hoffnung. — Jemand spiicht heiser: «Wir haben sie vertrieben. Der Teufel soll sie holen!» Ich sehe ihn an, er versteht mich und setzt fort: «Schieß’ und hab* keine Angst, Makkabäersch’n — direkt in den Kopf und nicht in das Bein, damit er nicht Gott behüte als Krüppel nach Moskau zurückkommt!» — Ich bin froht daß ich einen Juden getroffen habe, lache und rufe auf hebräisch: «Hedad, hedad — komm zu mir!» Der Judt kriecht auf allen Vieren zu mir, bleibt bei mir liegen und bewegt sich nicht mehr. Er ist tot, der Kopf fällt auf die Schulter. — Es wird ruhiger und es komnuf ein Befehl: «Schießen einstellen und Gewehre reinigen!* Ich untersuche die Taschen meines toten Karne» raden und finde darlp 22 Kronen, die ich einem Sani* tätssoldaten übergebe, dann sehe ich mir seine Karte, die am Halse hängt, an, und lese: Simon Berger,!ts» fanterist, 23 Jahre alt, Doktor der Philosophie, aus der Ortschaft Hatrag. — Wir graben ein Grab für ihn und veranstalten ihm ein «Leichenbegängnis». Ich halte eint kurze Grabrede: «Mein Freund, du hast deine Pflicht getan. Du gehst jetzt in eine andere Welt. Schick’ uns von dort ein kurzes Telegramm und teile uns mit, wav das ist: Wahrheit.» — Der gute Feldwebel nähert sich dem «Kondukt», fragt, ob der Tote ein Jude war, und dann betet er laut das hebräische Gebet, das ich ihn gelehrt hatte — natürlich mit typisch gojischen Vtt* drehungen. (Fortsetzung folgt) 'S