Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 195 (1.10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 195 — 1. Oktober 193t D!h STIMME Seit« 8 JÜDISCHE ELTERN! Kauf« SchulbUcher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der jUd. Bucnhand;ung Her>vutUCMN£R Wien, l!.v Gr. Stadtgutg. 7 (Ecke Taborstraße 52) L6IHBIBMOTH&K: Alle Neuerscheinungen erhältlich 10 droschen täglich, keine weiteren Gebühren * Für Anträgen Telephon R-41-4-20 Camera oöscura Vor einiger Zeit wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kirchen bei Lörrach Grabsteine durch Würfe mit schweren Steinen zerstört und Inschrifttafeln beschädigt. Es ist die hundertsechste Friedhofschändung in Deutschland! * Am vergangenen Samstag wurden drei jüdische Schüler am Viktoria-Luise-Flatz in Schöneberg von zwei Nationalsozialisten angcrempelt und verprügelt. Die Polizei nahm die beiden Täter fest. Nun gehen sie auch schon auf die Kinder los. * Die den Namen «Teutonia» tragende Organisation der deutschen Nationalsozialisten in Amerika hielt in diesen Tagen in Chicago ihre erste Jahresversammlung ab. Ueber 200 Hitler-Delegierte aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas nahmen an derselben teil. Hauptredner war der zur Konferenz aus Wien eingetroffene Professor Eduard Leonhardt. Wird U. S. A. zu einer Kolonie des «Dritten Reiches» herabsinken? •* Das in Moskau eigens zu Jom Kippur erschienene Journal «Apikoires» (Atheist) klagt, daß die Religionstreue bei den jüdischen Bauern in der Krim tief verwurzelt ist. Die Mehrheit der jüdischen Kolonisten im Dorfe «Golde» tut an Sabbathtagen keinerlei Arbeit und versammelt sich auch an Wochentagen zur Andacht in der Gebetstube. — In der Kolonie Smidowitsch blieben die Kolonisten an Sabbathtagen auch während der Ernteperiode den Feldern fern. Sie sabotierten die nicht koschere Feldküche und gingen vier bis 5 Kilometer ins Dorf zurück, um koscher zu essen. Auch in der Kollektivkolonie «Rosa Luxemburg» existiert eine Betstube. In der Kollektivkolonie «Perez-Feld» gibt es spezielle Bevollmächtigte, die die Sifre Thora bewachen. In der Kolonie «20» beten an Sabbathtagen einige Minjanim. ln allen Kolonien werden die neugeborenen Jungen rituell beschnitten. Eine Trauung ohne rituelle «Chupa» gehört zu den Seltenheiten. Armer «Apikoires!» Die Jüdische Gemeinde von €har* hin Infolge des chinesisch-japanischen Konfliktes bedroht Aus Charbin eingetroffene Berichte besagen, daß im Zusammenhang mit dem chinesisch-japanischen Konflikt und dem Anmarsch japanischer Truppen gegen diese Stadt, die den Endpunkt einer von Wladiwostok abzweigenden Linie der transsibirischen Eisenbahn bildet, die große jüdische Gemeinde von Charbin von schwerer Besorgnis ergriffen ist. Einerseits fürchtet man, daß die antijüdisch gestimmten weißrussischen Elemente in Charbin, unter ihnen ehemalige zaristische Offiziere, die in der chinesischen Armee eine gewisse Rolle spielen, jetzt eine Verfolgungsaktion gegen die Juden beginnen könnten, andererseits sei zu erwarten, daß Rußland, dessen Interessen in diesem Konflikt berührt werden, mit in den Konflikt hineinbezogen werden würde; auf diese Weise werde Charbin im Zentrum des Dreimächte- Krieges liegen. Charbin besitzt heute eine große jüdische Gemeinde, die durch Zuzug von auswärts ständig an Bedeutung zunimmt. Die zahlreichen reaktionär und zaristisch gesinnten russischen Einwohner dieser Stadt sind den Juden feindlich gesinnt. Als nach Beendigung des chinesisch-russischen Konfliktes vor etwa zwei Jahren die russische Besatzung und die Beamtenschaft aus der Stadt zurückgezogen wurden, teilte die offizielle Sowjetagentur Tass mit, daß viele jüdische Familien aus Furcht vor einem von «weißen» Russen angedrohten Pogrom die Stadt verlassen. Es hieß, daß der Pogromgeneral Semenow ln die Stadt einziehen werde, auch befürchtete man, daß der berüchtigte Taschkeff, der unter General Denikin zahlreiche Pogrome in Südrußland veranstaltete und später ein Kommando in der chinesischen Armee übernommen hatte, Charbin besetzen werde. Bei einer Ausdehnung des Konfliktes würde auch Blro- Bidschan, das nicht weit von Charbin liegt — die Distrikts- Uauptstadt Chabarowsk ist etwa 350 Kilometer von Charbin ^entfernt — in Mitleidenschaft gezogen werden. Chalni o. (halozah soeben aus der Hachsobarah (landwirtschaftliche Ausbildung) zurückgekehrt, suchen bis zur Alijab (Fahrt nach Erez Israel) Arbeit jederart Unter „Idealisten“ an die Administration Bitte um Radioapparate und Kopfhörer Von der Versorgungsanstalt der israelitischen Kuttusgemeindc erhalten wir nachstehendes Schreiben: «Durch Ihren stinerzeitigen freundlichen Aufruf in Ihrem sehr geschätzten Blatte um Spenden von Radioapparaten und Kopfhörern wurde die Anstalt in die Lage versetzt, einen Teil der armen Pfleglinge mit solchen Apparaten zu versehen. Da aber noch viele unserer Insassen um Beistellung von Radioapparaten bittlich werden und die finanziellen Mittel der Anstalt deren Anschaffung nicht gestatten, erlaubt sich die gef. Verwaltung die Bitte zu Stellen, einen neuen diesbezüglichen Appell an die Leser Ihres geschätzten Blattes richten zu wollen.» Es gibt in Wien viele Leute, die früher Detektorapparate besaßen und jetzt Lautsprecher benützen, während die alten Apparate und die Kopfhörer in irgendeiner Rumpelkammer modern. Sollte man nicht lieber mit diesen Dingen, die man selbst nicht mehr braucht, armen jüdischen Menschen eine kleine Freude und etwas Aufheiterung verschaffen? Die Apparate und Detektoren könnten in der Versorgungsanstalt, IX., Seegasse 9, oder in der Administration der «Stimme», I., Kärntnerstraße 28, abgegeben werden. Jüdische Jugendlager In Kärnten An vielen Plätzen Kärntens hatten heuer unsere jungen Chawerim ihre Lager errichtet, der Brith Trumpeldor fünfzehn Minuten vom Wörthersee entfernt das seine. Wir wurden, als wir zu Besuch kamen, sehr freundlich empfangen, das Lager wurde uns gezeigt und wir hatten Gelegenheit, dem Morgenappell beizuwohnen. Hierbei konnten wir die militärische Disziplin der Teilnehmer beobachten. Dann ertönte das Trumpeldorlied und das übrige Tagesprogramm wickelte sich ab. Es umfaßte hauptsächlich körperliche und wehrsportliche Uebungcn. Leider war nur ein einziger Hebräischlehrer im Lager und deshalb wurde dieser wichtigste Teil der Jugendarbeit zurUckgestellt Wir wollten noch zum nahen Zlrenulager und mußten bald Abschied nehmen. In 10 Minuten waren wir beim Blau- Weißiager angelangt, dos heuer vom Brith Zlrenu-Maklcabi Hazair bewohnt wird. Auch liier gute Disziplin. Allerdings sahen wir nur wenige Chawerim, da der Großteil des Lagers auf Wanderungen in die wunderschöne Umgebung des Wörthersees begriffen war. Die anderen übten sich in sportlichen Wettkämpfen und Spielen. Leider sind die Hüt- Dr. Krüger-Heisn Internat £ür Jüdische Mädchen« 2 jährige Fachschule £« Frauengewerbe Rituelle Kochkurse (Beginn SS« Oktober) 11., Malzgasse 7. Tel. A-48-0-77 Wien eröffnet« seinen neuen Tonfllmpafast am 30. Stptemfte JOHAI «HANHARVEY Eine Charell- Inszenierung der Erich-Pommet- Pioduktion der Ufa Verfaßt von NORBERT FALK und ROBERT LIEBMANN mit LIL DAGOVER regie: iSz €JkarcfI Musik u. musikalische Leitung: Werner R. Heymann unter Verwendung von Altwiener Kompositionen Vorstellungen: 3/,5, 7, V410. Sonntag: 9, 8, 7, '/«IO ten, die meines Wissens nach schon mehrere Jahre stehen, in sehr schlechter Verfassung. Nach Absolvierung dieses Besuches fuhren wir mit der Eisenbahn (zwei Stunden Fahrt) nach St Georgen am Längsee. Von der Bahn hatten wir noch eine halbe Stunde bergan zu steigen, dann waren wir Im Arbeitslager des Haschomer Hazair-Blau-Weiß angelangt. Es war 4 Uhr nachmittags, das ganze hager war beim Hebräischlernen begriffen« Denn die Atmosphäre des Lagers wird dadurch bestimmt, daß acht Hebräisclilehrer da sind, darunter vier ans Erez Israel, die dem Leben hier ihren Stempel aufdrücken. Uebcrhaupt ist in vielen Fällen die hebräische Sprache das einzige Verständigungsmittel, da viele Chawerim aus den Schwesterbünden des österreichischen Bundes da sind; ich lernte während der kurzen Zelt meines Aufenthaltes tschechische, lettische, ungarische und jugoslawische Chawerim kennen. Nach den Kursen finden Sichoth statt. Man bespricht sehr ernst die Probleme des Aufbaues und des Kibbuz im Lande, der Jugendbewegung und des Zionismus in der Galuth. Wir hatten Glück, denn gerade für den Abend war ein Lagerfeuer vorbereitet Nach dem Abendbrot gingen wir zum Lagerplatz. Zuerst sprach Chawer Hoffmans vom Merkas Hechaluz, der gerade das Lager besucht hatte, über die Lage der Chaluzbewegung und der zionistischen Bewegung im allgemeinen. Dann sprach ein Chawer aus dem Lande. Seine Rede war die Eröffnung der Moazah Chinuchith, dem erzieherischen Rate der österreichischen Organisation gewidmet Viel Jugendkraft und Begeisterung für den Zionismus sahen wir in diesen Lagern und wir hoffen aus ganzem Herzen, daß sie sich nicht in fruchtlosem Kampf der Worte, sondern in die zionistische Tat umsetzen wird. Arjeh Oheli. Literatur/Kunst / Theater Jtotizem „Neue jüdische Künstlerspiele“ im Theater Stephanie, II., Taborstraße 12. Die Eröffnung des neuen Gastspieltheaters wird demnächst durch die Tagespresse bekannntgegeben werden. Konzert Segal* Rosenbach — ein Sensationsorfoig. Vor dem gänzlich ausverkauften Saal des Hotel Post sang Sonntag, den 27. September, Konzertsänger I. Segal-Rosenbach (Tenor). Das Programm war sehr gut gewählt und brachte dom Künstler großen Erfolg. Wir werden in unserer nächsten Nummer über dieses Konzert ausführlich berichten. Prof. Julius Wolfsohn hat in der Sommerzeit einige Werke vollendet. Vor allem ein Album für die jüdische lugend, das in zwei Bänden 20 Charakterstücke für kleine Kinder enthält. Dieses Werk wird mit einem erläuternden Vortrag bei einer nur für Kinder veranstaltenden Matinee in der nächsten Zeit aufgeführt. Ferner schrieb er zwei Violinstiicke «An der Wiege» und «Vertraute Klänge», durchwegs in Troppstil und Volkston gehalten. Schließlich vertonte er auf persönliche Empfehlung des Dichters das berühmte «Schlaflied für Mirjam» von Richard Beer-Hofmann. Auch diese Kompositionen werden heuer aufgeführt. Die jüdischen Theater in Wien haben bisher immer darunter zu leiden gehabt, daß sie ment den modernsten Anforderungen entsprachen. Operetten bei Klavierbegleitung oder dramatische Stücke ohne erstklassige Darsteller waren kein Anziehungspunkt für das jüdische Publikum. Die neue Direktion Podzamze-Braclawski hat in dieser Hinsicht eine radikale Aenderung vorgenommen. Der Theatersaal Astor in der Praterstraße 60 wurde besonders hergerichtet und wird in der Saison 1931/32 das Heim der jüdischen Bühne bilden. Ein eigenes Orchester unter Leitung des bekannten Dirigenten A. Braclawski wurde geschaffen lind wird in erster Reihe jüdische Musik vermitteln. Die neue Saison wurde mit der Komödie «Das Wolgamädel» eröffnet und fand großen Beifall. Viel zum Erfolg dieses Stückes haben die beiden Gäste aus New York, Rachel RoseiTeld und Moris Novikoff, belgetragen. In dem Schauspieler Bell besitzt das Ensemble einen Künstler, der jedem Stück eine persönliche Note gibt. Das Debüt Frau Rosenfelds in Wien war für das jüdische Publikum eine Offenbarung. Ihre Darstellungskunst und besonders ihre Stimme riefen einen Beifaüsorkan hervor. Ein ebenbürtiger Partner ist Novikoff, ein guter Sänger und hervorragender Darsteller. Hervorzuheben sind noch die Damen Baclawska, Lehrer, Zucker und die Herren ürimminger. Zucker, Lehrer und Neuwirth. «Palästina», Zeitschrift für den Aufbau Palästinas, Herausgeber Adolf Böhm, Wien, Nr. 7/9, die 125 Seiten stark ist, hat wieder einen sehr reichhaltigen Inhalt. Zunächst wird der Hauptteil de» Referates, aas Dr, Ch, Arioso roff, Mitglied der Exekutive, am 17. ZionistenkongreB über die Probleme der Finanzierung des Palästina-Aufbaues gehalten hat, ausführlich abgedruckt. Der Referent, der bekanntlich wiederholt Studien über die Finanzierungsfrage veröffentlicht hat, bespricht die notwendigen Funktionen eines produktiven JA-Budgets, die Möglichkeiten und Aufgaben einer nationalen Kontrolle der privaten Wirtschaft, die Kreditquellen, die Finanzorganisation, die Frage der Völkerbundanleihe wobei er die griechische in Vergleich zieht, so daß aus den eingehenden und gründlichen Untersuchungen ein vollkommener Aktionsplan hervorgeht. — R. A. Aron Benschemesch bespricht «Die neue Pächterordnung von 1931 und ihre Tendenzen.» Er zeigt, daß diese auf Umwegen den Erwerb von Boden überhaupt unmöglich zu machen trachtet, ja die freie Nutzung des schon gekauften bedroht. — D r. J. S i m a n schreibt über die «Industrie in Palästina» an Hand der letzten Zählungen der Regierung. In eingehender Weise werden Struktur, Gliederung und Tendenzen von Gewerbe und Industrie in Palästina dar gestellt und die unrichtige Gruppierung und Benützung der Ziffern durch Simpson klargemacht. — Michael Assaf schreibt über «Die Strömungen und die politischen Organisationen der palästinensischen Araber.» Zum erstenmal wird darin dem westlichen Leserkreis eine objektive Ueberslcht über diesen Stoff gegeben, welche zum Verständnis der weiteren politischen Entwicklung gute Dienste leisten wird. — Julius Berger schreibt über die wirtschaftliche Bedeutung der Palästina Touristik. Dies ist eine erstmalige Untersuchung dieser wichtigen Materie. Der Autor bespricht die Entwicklung, den Umfang, die Art der Touristik, die vorhandenen Einrichtungen usw. Die Ausgaben der Touristen pro 1929/30 (zirka 12.000) errechnet er approximativ mit 154.000 Pfund Sterling. Er untersucht die Frage, was für den Ausbau der Touristik zu geschehen hätte und macht geeignete Vorschläge. — Ing. Dr. R. Rift in schreibt über «Die grundlegenden Fragen der Bewässerung.» Jetzt, nachdem ein Entwicklungsamt in Palästina errichtet wurde, ist die Frage der Irrigation von höchster Aktualität. Der Verfasser, ein Fachmann mit langjähriger Praxis, macht genaue Vorschläge für die Organisation der öffentlichen Hilfe, Kontrolle, Finanzierung, die lokalen Bewässerungsgenossenschaften, das Wasserrecht usw« unter Bezugnahme auf die Einrichtungen in anderen Ländern, namentlich Italien. — In der «R u n d s c h a u» bespricht Dr. Robert Welt sch die Ergebnisse des 17. Zionistenkongresses in Basel. — Nicht weniger als 30 Seiten Nachrichten, Bibliographie, Besprechungen schließen da» Heft. — Jahresbczugspreis S 12 —, Ausland 2 Dollar. — Ver« lag und Administration: Friedr. Holzer & Co* Wien, XVIL Kalvarienberggasse 32- »