Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 194 (24.9.1931)
- Date
- 1931-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 194 — 24. September 1931 m/n Seite 7 DIE STt Jtvtidor Mameiti Nachdruck auch Ü Auszügen verboten« Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf « Man begann das Lokal auszukehren und ersuchte mich, es zu verlassen. Es war ein kühler Morgen. Gebrochen und zerschlagen ging ich nach Hause. Das Mütterchen schlief noch fest; ich nahm meinen gestern gepackten Reisekoffer und verließ mißmutig das Haus. Die Möbelstücke hatten mich verträumt angesehen und die Uhr schlug mir nach: «Din, din, dln — du gehst, du gehst dorthin — dort gibt es kein Zurück — tick, tack, tick.» Als ich draußen war, blieb ich bei einer Litfaßsäule stehen: ein Aufruf der Vereinigung freier Journalisten. Unten ist auch mein Name zu finden. Soll ich lesen? Ich gehe weiter. Aber nach einigen Schritten treibt mich irgendeine böse Ahnung zurück. Ich las und freute mich. «Die freien Journalisten geben der ganzen Welt kund, daß die Völker, deren Söhne Tolstoj, Puschkin, Gorki, Andrejew, Romain Rolland, Shakespeare, Barbusse, Bernhard Shaw, Wells, Sinclair, Whitman, Anatole France und andere sind, nie unsere Feinde sein können. Nie werden wir unsere Hand gegen diese Völker aufheben, und jeder, der es ttit, soll . . . usw., usw.» Unten die Unterschriften. Unter anderen auch neine. Und neben diesem Plakat ein anderes. Ich lese und erstarre: «Jeden, der es wagen sollte, einen verräterischen Pazifismus zu verbreiten und dadurch den Geist unserer Vaterlandshelden zu schwächen, werde ich zerbrechen, wie man ein Schilfrohr zerbricht . . . usw. usw.» Gezeichnet: Graf T i s z a, Ministerpräsident. Also einer gegen den anderen. Ich gegen Tisza. Und Tisza gegen mich. Meinetwegen. Bravo! Ausgezeichnet! Auf zum teueren Feldwebel! Gut war es, daß ich keines der Worte des Feldwebels verstand. Wenn er lachte, lachte ich auch. Und seine Wut ließ mich kalt. Ja, noch mehr: ich erinnerte mich an die gestrige Zigarettengeschichte und reichte ihm wieder meine Zigarettendose. Er schlug sie mir aus der Hand, die Dose fiel zu Boden und ich war zu faul, um sie aufzuheben. «Vorwärts, marsch!» Wir marschierten. Wir kamen zum Bahnhof. Dort wurden wir in einen großen und langen, schon dicht besetzten Waggon hineingepfercht. Mit größter Mühe, oder richtiger gesagt, ganz ohne Mühe, setzte ich mich auf die Bank. Es war unmöglich, sich nicht zu setzen. Im Waggon herrschte ohrenbetäubender Lärm: rohe Lieder, lustige Lieder, Flüche, Beschimpfungen, Gelächter, Hohn. Und als wir etwas mehr Luft bekamen, begann ich mich zu langweilen. Kein Bekannter war in meiner Umgebung. Nur Bauernsöhne und Handwerker, betrunken oder halbbetrunken. Ich entnahm meinem Koffer ein Buch und begann, darin zu lesen. Metschnikoffs «Optimistische Weltanschauung», Uebersetzung von Dr. Arpad, Verlag Wissenschaft, Budapest, 1908. Ich zündete mir eine Zigarette an, rauchte und las. Plötzlich fällt eine, schwarze Tabakspucke von oben direkt auf das Buch. Ich wische das Buch mit dem Taschentuch ab und bin wütend. Ich schaue hinauf: ein gemeiner Soldat raucht und spuckt, raucht und spuckt. Schön. Schließlich hat er mich ja nicht beleidigen wollen. Aber roh ist es. Ich lese weiter und rauche. «Wer hat Feuer?» höre ich. Jemand reißt mir die Zigarette aus dem Mund, zündet sich damit die seine an und schmeißt meine durch das Fenster hinaus. Mit größter Seelenruhe. Was ist das? Ich wundere mich und wundere mich immer mehr. Ich will den Schaffner rufen. Einige der Mitfahrenden merken meine Absicht, brechen in ein schallendes Gelächter aus und rufen selbst höhnisch: «Herr Schaffner! Wo ist der Schaffner?» «Er ist den Heldentod gestorben.» «Ruhe! Er ist zum General avanciert.» «Seine Exzellenz, der Schaffner.» Ein schallendes Gelächter überall. Ich lese weiter. Ich verstehe schon die Lage. Ich beginne das Wesen der Dinge zu begreifen. Es ist gescheiter, zu schweigen und zu leiden. Vernünftiger ist es, zu lesen. Kaum aber habe ich den Sinn eines Satzes, den ich eben gelesen habe, verstanden, drängt sich jemand vor und schreit: «Laßt mich doch, laßt mich doch hinaus! Ich muß hinaus!» Gedränge, Gelächter, Rippenstöße und wieder dieselbe Stimme: «Wer hat Papier? Wer hat Papier?» Plötzlich packt irgendeine rohe Hand mein Buch und reißt zwei, drei Seiten heraus. Und der Mann läuft hinaus, nicht ohne mir vorher mit vollstem Ernst zu sagen: «Dank* schön, gutes Papier». Ich schließe meine Augen. Ich bin ja betrunken. Mein Kopf schmerzt mich in der linken Schläfe . . . «Servus Kamerad! Also? Wie gefällt dir diese herrliche Reise durchs Hottentottenland? Fabelhaft, nicht wahr?» Die Berührung der Freundeshand brachte mich zum Erwachen und öffnete mir die Augen. Und mein Freund, der gemeine Soldat, das ist der Graf Sziraky, ein junger Bohemien, mit dem ich einst viele Nächte durchbummelt habe. Schmutzig und dreckig sieht er aus. Ich schaue ihn verwundert an. Er lacht: «Ist es nicht herrlich? Wann haben wir eine derart demokratische Reise mitgemacht?» «.Kapitel Lacrimae risusque rerum Befehle, Glocken, Schreie, Küsse und Pfiffe — der Zug setzte sich in Bewegung. Lieder erschallten. Sie waren wie ein Widerhall des Weinens unglücklicher Mütter. Und sie waren wie ein Labsal für arme, wahnsinnig gewordene Menschen. Eine Ahnung des Blutvergießens erfüllte die Luft. Und inzwischen geschah etwas ganz Unwichtiges, etwas, das nicht einmal der Rede wert ist: ein Soldat, im Zivilberuf Kabarettkünstler, dem der traurige Ruf «Es lebe der Krieg!» den Schnaps, der in seinem Magen war, angezündet hatte, machte etwas sehr Dummes: er stieg auf's Dach des Waggons, um Abschied von seiner geliebten Stadt zu nehmen. Er schwenkte seinen Hut und warf den herrlichen, noch sichtbaren Gebäuden Kußhände zu. Der Zug passierte ein Viadukt und der Kerl blieb plötzlich ohne Kopf — eine scharfe Viadutkschwelle hatte ihm den besoffenen Kopf abgeschnitten. Igrend jemand wollte einen Heldenkranz um seinen Kopf winden: «Das erste Opfer...» «Geh, du Idiot», sagt ein anderer. «Ist denn jeder, der unter den Rädern eines Militärzuges stirbt, ein Held, ein Kriegsopfer?» Und sie machten Witze. Sie erlaubten dem Toten nicht, sich am Heiligtum des Krieges zu heiligen. «Wer wird ihm den letzten Dienst erweisen?» «Wem? Diesem Feigling? Diesem Verräter, der dem Vaterlande entschlüpft ist und es vorgezogen hat, durch einen Unglücksfall um’s Leben zu kommen, anstatt auf dem Felde der Ehre zu sterben? Hunde sollen sein Aas fressen!» «Der Heilige Vater selbst wird aus. Rom kommen und ihn begraben», sagt ein Baßbariton hinter mir im Gedränge. «Der Papst?» «Ja», setzt der Baßbariton fort, «weil der Papst der Friedensbote auf Erden ist. So soll er denen, die nicht im Kriege gefallen sind, den letzten Dienst erweisen.» «Ja, der Papst», ließ sich eine Fistelstimme unter meiner Bank vernehmen. Die Stimme sang das bekannte Volkslied: Im Vatikan warten die Mönche, die frommen Haj, haj, die Mönche, die frommen — Zum Heiligen Vater soll heut’ jemand kommen, Haj, haj, soll heut* jemand kommen. Der Papst nimmt vom Haupte die Krone herunter, Haj, haj, die Krone herunter. Der Papst hat ein Herz und es schlägt wild mitunter, Haj, haj, es schlägt wild mitunter. Ein Mädchen vergeht fast vor Angst und vor Bangen, Haj, haj, vor Angst und vor Bangen. Des Mädchens Geliebter in' Krieg ist gegangen. Haj, haj, in’ Krieg ist gegangen. Der Papst sagt: Bald, Mädchen, wirst froh sein und lachen, Haj, haj, wirst froh sein und lachen. Verlaß' Dich, ich werde den Frieden schon machen, Haj, haj, den Frieden schon machen. Zum Klange dieses Liedes fuhren wir drei volle Tage dahin. Früher einmal hatte man diesen Weg im Laufe von zwölf Stunden zurücklegen können. Wie gut war es, daß ich Betäubungsmittei bei mir hatte: den genialen Optimismus des Metschnlkoff und eine Flasche Cointreua der Firma Toerley. Am dritten Tag abends wurden wir in irgendeiner Stadt auswaggoniert und sofort auf einen Riesenlastwagen verladen, der mit vier Mecklenburgern bespannt war. Es schüttete wie aus Gießkannen. Nach einer fast vierstündigen Fahrt im Regen erschallte ein lauter Befehl: «Rasch herausspringen 1» Herausspringen! Gott behüte, sie hätten einfach «aussteigen» gesagt. Es herrscht ägyptische Finsternis. Also wir springen aus dem Wagen in die finstere Nacht hinein und fallen direkt in einen Abgrund von Straßenkot, der aufspritzt und uns die Gesichter beschmutzt. Ich sitze im Kot. Der Wagen ist hoch. Als ich im Finstern heruntersprang, wußte ieh noch nicht, wie hoch er war. Und nun sitze ich hier, bis zu den Hüften im Schmutz. Es ist leichter zu sitzen als aufzustehen. Doch wieder erschallt dieselbe Kommandostimme: «Vergatterung!» Das ist die Stimme eines Feldwebels. Eine typische Feldwebelstimme. Wir vergattern uns. Wir stampfen den Kot und von meiner Stirn tropft der Schweiß. Meine Beine sind schwer wie Steine. Kot klebt an ihnen. Und aucn met« Reisekoffer ist wohl ganz von Schmutzwasser durchtränkt. Trotzdem vergattern wir uns. Beim schwachen Licht einer Laterne, die unser Führer in der Hand hält Er bemüht sich, statt des Weges unsere Gesichter zu beleuchten. Nicht genug, daß wir der Finsternis wegen nichts sehen, blendet er uns noch durch den Lichtstrahl, Endlich ein Befehl: «Halt!» Man führt uns in irgendein zerfallenes Haus, durch dessen Dach — es ist ein Haus ohne Dach — man die schönen Sterne sehen könnte, wenn es nicht in Strömen gießen würde. Der Feldwebel läßt das Licht seiner Laterne ringt im Raume auf alle schmutzigen Wände fallen und befiehlt: «Hinlegen!» Wir legten uns hin, den Reisekoffer unter dem müden Kopf. Unsere Glieder waren vor Kälte erstarrt, aber die Müdigkeit besiegte die Kälte und wir schliefen sofort wie lebende Leichname ein. Das Morgenlicht war roh und unbarmherzig. Erst jet2t fiel mir ein, wo ich mich befand. Eine fürchterliche Kälte schüttelte alle meine müden Glieder. Ich war wie zerschlagen und hatte kaum Kraft, aufzustehen. Ich schaute mir meine «Kameraden» an. Da ist was geschehen! Jeder gibt sich Mühe, sich eiligst der Lage anzupassen. Na schön. Das ist ja kein Wunder. Aber jeder bemüht sich außerdem, zu beweisen, daß er ein guter Soldat sei und daß er sich ln diesem Leben gut auskenne. Und obendrein bemühen sich alle, die Muttersöhnchen unter uns auszulachen und zu beschimpfen. Anscheinend haben sie irgendwo so nebenbei ein paar militärische Kraftausdrücke gehört, die sie jetzt an den Mann bringen wollen, um zu beweisen, daß hier das Zentrum des Lebens sei, da» Ziel der Welt, der Zweck des Seins und der Inhalt der ganzen Kultur. Und was es außerdem gibt, ruft Mitleid und Spott hervor. Jawohl. Wir haben anscheinend alle bis zum heutigen Tage in einem großen Irrtum gelebt. Wir haben picht gewußt, daß das Wesentliche in unserem Leben das Militär, der Krieg, das Vaterland und der Feldwebel sind. Einer von uns, Privatdozent der orientalischen Akademie, der sein Leben lang sich nur mit der persischen Sprache und der persischen Dichtung befaßt hat, ein Wissenschaftler von Ruf, der ganze Steilen des Firdusi im Original auswendig kannte, zeichnet sich plötzlich durch rohe Beschimpfungen aus, die er gegen einige von uns ausstößt, welche sich über unsere elende Lage beklagen. «Wollt ihr vielleicht, daß der Herr Oberst euch sein gutgeheiztes Schlafzimmer abtritt?» fragt er zornig. Ich wollte gerne wissen, wer eigentlich dieser Oberst wäre, den Privatdozenten so hoch schätzten, «Wer das ist?» fragt der Sprachforscher. «Einerlei, was der Herr Oberst ist. Ja, mein Lieber, Herr Oberst Uiid nicht Oberst. Passen Sie gefälligst darauf auf, was Sie sagen. Sie sind doch anscheinend ein intelligenter Mensch.» Ich faßte Mut und fragte: «Also — wer ist der Herr Oberst?» Er sah mich böse an, schwieg eine Weile und sagte dann ruhig und verbissen: «Der Herr Oberst — das ist derjenige, auf dessen Kragen drei goldene Sterne leuchten, Ich glaube, ein intelligenter Mensch müßte das eigentlich wissen!» Im ersten Augenblick wollte ich lächeln. DocK dann schämte ich mich sehr darüber, daß ich als inte!« ligenter Mensch das nicht gewußt hatte, Kopfschjner« zen bekam ich vor lautet Scham. (Fortsetzung folgt)