Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1931-09-24 · Heft 194 (24.9.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 194 (24.9.1931)
Date
1931-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3053911-3053948--2562-3058002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE STIMME Seite 3 Nr. IC- Sepien,ber 1931 in unsere geehrten Monnenten Wir halben unserer feixten Jtummer (fostertagschetne heige egt und unsere Monnenten gebeten. diese zur tinzohfung der im Oktober füttigen (Bezugsgtbühren zu benützen. £>icfe~ nigen unserer Monnenten, die unserer (Bitte bisher nidkt entsprochen hoben, ersuchen n>ir nun out ditsem Wege nochmals, die (Betrüge mögfichst sofort auf unser (fostsporhassenhonto Sb II3.5%6 einxuzahten Administration „Sble Stimme“ Kurfürstendamm zu gehen. Es sei nur besprochen worden, «ine Demonstration zu veranstalten, die den «Gold- und Brillantenjuden» vom Kurfürstendamm zeigen sollte, daß cs in Deutschland noch Leute gäbe, die wirklich hungern. Der Schlächter Koch bestreitet, Passanten mißhandelt zu haben, er sei nur, erklärte er, auf jeden Juden, der ihm begegnet sei, hinzugstreten, habe höflich den Hut abgenommen und habe «Prost Neujahr!» gesagt Auf die Frage des Vorsitzenden, was denn das bedeuten sollte, erwiderte Koch: Das war nur eine kleine Aufmerksam» keit Die Tatsache fällt auf, daß sich der Kameradscha'tsführer der dritten Jungstahlhelmkameradschaft vom Gau III, der 31jährige Diplomingenieur Wilhelm Brandt, mit einer Reitpeitsche in der Hand, an den Ausschreitungen beteiligt hat und einige Kameraden vom Jungstahlhelm zur Teilnahme an den Ausschreitungen ermuntert hat. Aufsehenerregend war die Aussage des 23jährigen Ingenieurs Georg Gewehr, Führers der Wache des S. A.-Stabes Berlin-Brandenburg, aus der hervorgeht, daß der Oberführer Helldorf und der Stabsleiter Ernst von der Polizei festgestellt wurden, daß man sie aber hat laufen lassen. Nach Beendigung der Vernehmung der Angeklagten sprach das Gericht auf Antrag des Staatsanwaltschaftsratcs Schade gegen 30 Angeklagte den Haftbefehl aus. Weiter verkündete der Vorsitzende den Beschluß, daß die beiden Automobile der Angeklagten Kühn und Brandt der Beschlagnahme anheim fallen. Die Verhängung der Haft wird damit begründet, daß die Angeklagten hohe Strafen zu erwarten haben und daß deshalb Fluchtv?"- dacht besteht Die Geschlagenen erzählen Am 19 September begann die Vernehmung der Belastungszeugen. Alle Zeugen sagen übereinstimmend aus, daß die Polizei erst, nach den eigentlichen Ueberfällen erschien. Die meisten Schuldigen sind darum gar nicht ergriffen worden, dennoch steht die Schuld fast aller Verhafteten fest. AulfaFend ist die große Zahl von Nichtjuden unter den Mißhandelten. Es sind unter ihnen nicht nur Ausländer wie Rumänen, Armenier usw., sondern auch schwarzhaarige Deutsche. Der 63jährige Zahnarzt Dr. Hecht, der kein Jude ist, ging mit seiner Frau auf dem Kurfürstendamm. Plötzlich hörten sie Rufe: «Schlagt die Juden tot, Deutschland erwache!». Schon wurde er niedergeschlagen. Er erhob sich, flüchtete in einen Hausflur. Aber fünf Mann stürmten ihm nach, schleppten ihn wieder auf die Straße und schlugen dort auf ihn los. Seine Frau konnte flüchten und lief schreiend den Kurfürstendamm entlang, um Hilfe zu holen. Sie rannte aber in einen Trupp von 40 Mann hinein. Einer von diesen Leuten schlug sie schwer über den Kop\ Der Zeuge Dr. Kraft wurde neben seiner 70jährigen Mutter niedergeschlagen, seine Mutter erlitt Schreikrämpfe. Er bemühte sich, seine Mutter in einem Aulo in Sicherheit zu bringen, wurde aber nochmals niedergeschlagen. Der Zeuge Dr. Alexander Rosenfeld ist von den erlittenen Mißhandlungen noch sehr mitgenommen. Er erscheint vor Gericht mit einem völlig verquollenen Gesicht und einem blutunterlaufenen Auge. Der Vorsitzende bietet ihm einen Stuhl zum Sitzen an. Er erzählt, daß er von einem Trupp von etwa 20 Nazis vor dem Cafe Reimann überfallen wurde, wobei der Führer als erster auf ihn losschlug mit den Worten: «Du bist auch so ein verfluchter Jude!» Mit Rücksicht auf den geschwächten Zustand des Zeugen, der noch das Bett hüten muß, wurde er von dem Vorsitzenden nach Beendigung der Aussage entlassen. Der Dentist Pauly, der angibt, nicht jüdisch zu sein, wurde an der Seite seiner Freundin niedergeschlagen und mit einem Riemen schwer mißhandelt. Ein armenischer Student wurde in der Leibnitzstraße schwer ins Gesicht geschlagen, ein neben ihm gehender zweiter Armenier wurde so schwer mißhandelt, daß er noch heute im Aschenbach-Krankenhaus darniederliegt. Der Diplomingenieur Manea, ein Rumäne und Nichtjude, wurde von einer Gruppe von 40 Mann als Jude beschimpft und so schwer geschlagen, daß er blutete. Der Zeuge ist sehr aufgeregt und sagte, man müßte in Berlin jedem Schwarzhaarigen einen Waffenschein geben. Das Urteil wird Montag oder Dienstag gesprochen werden. Das Urteil Gerechte Bes ra ung der Pogromisten (Eigenbericht der «Stimme») Berlin, 23. September. Heute, y24 Uhr früh, würde im Prozeß gegen die Pogfomisten das Urteil gefällt. Das Gericht hat zwei Angeklagte zu einem Jahr und neun Monaten, zwei Angeklagte zu einem Jahr und sechs Monaten, einen Angeklagten zu einem Jahr und fünf Monaten, sieben zu einem Jahr und drei Monaten, sechs zu einem Jahr und sechs zu je neun Monaten verurteilt. Einige wurden freigesprochen. Die Finanzberatung der Exekutive verschoben Die Zionistische Exekutive hatte für Mittwoch, den 16. September, eine Sondersitzung in London anberaumt, der außer dem Präsidenten Nahum Sokolow und den Mitgliedern der Exekutive Professor S. Brodetsky, Berl Locker und H. Farbstein, auch der Präsident des A. C., Leo Motzkin, und der Führer der Radikalen, Jizchak Grünbaum, hätten beiwohnen sollen. In der Sitzung sollte die äußerst schwierige finanzielle Situation der Zionistischen Organisation, insbesondere die Nöte des Palästinawerkes, einer Betrachtung unterzogen und Vorschläge zur Abhilfe sollten beraten werden. Nunmehr hat sich die Exekutive entschlossen, die Finanzberatung erst nach den Jüdischen Feiertagen stattfinden zu lassen. Direkte Eillinie Triest-Jaffa-flaifa mit den vorzügl. Salonschiffen .Idria“, o. „Carnaro* Fahrtdauer bloß 41/, Tag« Fahrpreis l. KI. £ 22.—II. KI. £ 15.-.-? Ul. Kl. £ 6.-.— mtcl. fcolt am: Verpflegen!» AiskSnffe: Lloyd Triestino Wim.!., ^rnftetfing 6 Die Weltwirtschaftskrise bedroht unser Aufbauwerk in Palästina. ln einer kritischen Zeit muß die Parole lauten: ALLE MANN AN BORD! Helfe jeder nach Kräften! Jeder einzelne ist mitverantwortlich! Wir fordern von j'edem Zionisten ein außerordentliches und angemessenes Notopfer. Palästina ruft! Jeder tue sein Möglichstes! (Ueberweiset sofort eure Beiträge auf Postsparkassenkonto A 47.115 „Zion“ oder an den Keren Hajessod, Wien, I., Kürntnerstraße 2S.) Polen für die Verwirklichung des jüdischen Nationalheims Genf, 19. September (J. T. A.). Im Verlauf der Aussprache über die Mandate in der Sechsten (politischen) Kommission des Völkerbundes erklärte der Vertreter Polens, Mülstein, die Frage der Behandlung der Juden Palästinas sei nicht eine Frage der Anwendung von Minderheitenrechten, sondern eine Verwirklichung des jüdischen nationalen Heims. Polen sei an dem Wohlergehen der aus Polen stammenden Palästina-Bevölkerung lebhaft interessiert und begrüße Englands Anstrengungen, den Frieden im Lande zu erhalten und das Land zu entwickeln. Mülstein billigte die Bestrebungen, Palästina so zu entwickeln, daß es eine konstitutionelle Vertretung erhält Sokolow und Brodetsky bei Shakborough London, 17. September (J. T. A.). Der Präsident der Jewish Agency, Nahum Sokolow, und Prof. Dr. S. Brodetsky besuchten heute Herrn Shakborough, der gegenwärtig den in Urlaub befindlichen neuen Direktor der Palästina-Abteilung im Kolonialamt vertritt, und besprachen mit ihm eine Reihe dringender Palästinaangelegenheiten. Begegnungen im Zug Von Bianca G r o n n e r. Ein Zionist im Schwarzhemd Im Schnellzug auf der Strecke Bologna—Rom. Mir gegenüber sitzt ein Italiener im schwarzen Faschistenhemd, mit schwarzen Haaren und schwarzen, funkelnden Augen. Ein echter Sohn der romanischen Rasse, denke ich. Er fixiert mich derart mit seinen Blicken, daß es mir unangenehm wird; gerne würde ich meinen Platz wechseln, aber kein anderer ist frei. Was will er nur von mir? Endlich räuspert er sich und stellt in italienischer Sprache eine Frage an mich. «Ich verstehe nicht», erwidere ich in derselben Sprache und nehme mir ein Buch vor. Aber er läßt nicht locker, wird immer dringlicher und überschüttet mich mit einem Wortschwall, von dem ich nur das immer wiederkehrende Wort «Hebraico» verstehen kann. Und da endlich begreife ich: meine Brosche mit dem Kongreßabzeichen, die mir eine Kollegin aus Basel mitgebracht hat, ist es, die seine Aufmerksamkeit erregt Wir haben uns dann in französischer Sprache ganz «ut miteinander verständigen können. Der Faschist schob seine schwarze Krawatte beiseite und zeigte mir ein darunter verborgenes Magen David. «Warum verstecken Sie es denn?» fragte ich ihn. «Schämen Sie sich Ihrer Ueberzeugung?» «Nein», sagte er verlegen, «ich weiß selbst nicht, warum ich es tue. Ich glaube, es paßt nicht gut zusammen — das schwarze Hemd und das hier . . ,» «Haben denn die Juden hier so sehr unter dem Antisemitismus zu leiden?» | «Ucberhaupt nicht. Das kennen wir hier gar nicht. I Sehen Sie, ich bin ein einfacher Straßenbauarbeiter, j aber ich war noch nie um Arbeit verlegen. Bel uns wird nicht nach der Religion gefragt, sondern nur nach dem, was man leisten kann. Höchstens das eine ist noch wichtig: daß man Faschist ist.» «Sind Sie das aus Ueberzeugung?» «Nein, aber ich würde keine Arbeit finden, wenn ich es nicht wäre.» «Und wie geht es den Juden hierzulande?» «Es wird bald gar keine mehr geben. Sie assimilieren sich, lassen sich taufen. Bei Ihnen gibt es den Antisemitismus —- aber wenn Sie glauben, daß man durch Feindseligkeiten ein Volk wie das unsere ausrotten kann, dann irren Sie. Auf diese Weise schließen wir uns nur immer fester aneinander und werden stark und gewandt, wenn wir den fortwährenden Stößen ausweichen oder sie erwidern müssen. Zerstören kann uns nur eines: die Assimilation. Ich war heuer in Basel beim Kongreß. Zu Fuß bin ich gewandert, und ein Jahr habe Ich dafür gespart. Aber das nur nebenbei. Wenn ich in Basel einen Juden nach seiner Nationalität gefragt habe, sagte er: «Ich bin Jude aus England». Oder aus Deutschland, Oesterreich, Frankreich. Fragen Sie hier bei uns einen Juden, was er ist. «Römer!» wird er sagen, oder Florentiner oder Neapolitaner. Nein, bei uns wird es bald keine Juden mehr geben — weil wir vergessen, daß wir Juden sind. Sie werden mich nicht verstehen — aber es ist Tatsache, daß wir den Antisemitismus brauchen, um unsere Art zu erhalten , . ,» Auch eine Ansicht. Hakenkreuz aut Reisen Auf der Strecke Messina—Neapel. Beim Einsteigen trafen wir zusammen, zwei junge Leute aus Wien und ich. Sie waren ebenso beglückt wie ich, jemanden gefunden zu haben, der deutsch sprach. Natürlich setzten wir uns zusammen in ein Coupe. Uns gegenüber vier Faschisten, Leute aus dem Volk. Lustige Kerls waren es; keiner von ihnen verstand ein Wort deutsch, und unsere ltalienischkenntnisse waren reent mangelhaft. Trotzdem unterhielten wir uns mit ihnen ganz köstlich, lachten, scherzten, trieben Unsinn, um uns die Fahrt zu verkürzen. Dann sprachen wir vom Duce, vom faschistischen Regime und dergleichen, und der eine der vier Italiener nahm ein Blatt Papier und zeichnete das Faschistenbeil daraul. «Das ist das Abzeichen von Italien!» sagte er. Worauf der eine meiner beiden Landsleute das Blatt nahm und ebenfalls etwas daraufzeiclinete. «Und dies hier ist das Abzeichen von Wien!» sagte er, während er das Blatt hinüberreichte. Neugietig sah ich hin und erblickte — ein großes Hakenkreuz. Natürlich wollte ich diese Verleumdung nicht auf Wien sitzen lassen und ich protestierte energisch dagegen, daß meine Heimatstadt unter diesem Zeichen stehe. Eine Minute später war ich allein mit den Italienern im Abteil und war froh, meine lieben Landsleute wieder los zu sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.