Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 194 (24.9.1931)
- Date
- 1931-09-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB STIMME Nr. 194 — 24. September 1931 Nach dem Pogrom am Kurfürstendamm Wie der Pogrom vorbereitet wird Vom Zentralvereinsarchiv werden der J. T. A. folgende Zitate aus der Hetzskala der nationalsozialistischen Führer tut Verfügung gestellt: Wartet nur, es kommt der Tag der Rache! Wenn es auch unchristlich erscheint, darauf freuen wir uns schon. (Dr. Meinshausen in einer Versammlung in Berlin-Charlottenburg, 21. August 1931.) SA-Leute, die Nacht nach dem Tage unserer Machtergreifung gehört euch! Und wir wissen alle, daß es eine Nacht vom langen Messer sein wird! (Dr. v. Leers auf einem SA-Appell in Dresden, zitiert nach «Alarm» Nr. 16, 18. August 1931.) Unsere Aufgabe ist es, unerbittlichen Haß zu predigen. Alles, was besteht, ist wert, zugrunde zu gehen. Wer nicht mit abgestimmt hat, ist ein ganz gemeiner Lump, den wir persönlich verantwortlich machen werden, wenn wir erst an der Macht sind. Dieses Gesindel muß weg! (Dr. v. Leers in einer Versammlung in Berlin-Zehlendorf, 10. August 1931.) Die naturgegebene Feindschaft des Bauern gegen den Juden, seine Feindschaft gegen die Freimaurer als Judenknechte, muß bis zur Raserei aufgestachelt werden. (Aus den Führer- und Schulungsbriefen der N. S. D. A. P. vom 15. März 1931. Zitiert nach «Berliner Tageblatt» vom 21. März 1931.) Die Spannung und Empörung ln unseren Reihen Ist bis zur Siedehitze gestiegen. Vielleicht findet sich unter uns einmal einer, der seine persönliche Ehre identifiziert mit der Ehre der Partei und sie in der Weise, wie es ihm seine Ehre gebietet, wieder herstellt. Ich fordere nicht dazu auf, aber was der Einzelne tut, können wir nicht kontrollieren. (Dr. Goebbels 16. Jänner 1931 im Krlegervereinshaus in Berlin, zitiert nach «Rote Fahne» Nr. 60, 18. März 1931.) Es geschieht nichts in der Bewegung — diese tröstliche Zuversicht kann ich den Herrschaften geben —, ohne daß ich es weiß, und ohne daß ich es billige. Ja, noch mehr, es geschieht nichts, ohne daß ich es wünsche. (Adolf Hitler in einer Rede anläßlich des 11. Jahrestages der N. S. D. A. P. München, zitiert nach «Völkischer Beobachter» Nr. 57, Jahrgang 1931.) Der Jude ist wie ein Bandwurm im menschlichen Organismus und es ist unsere Pflicht, ihn auszurotten. (Reventlow am 22. August 1930 in einer N. S. D. A. P.- Versammlung in Königsberg, Preußen.) Lehnt euch offen auf gegen dieses Gesindel! («Völkischer Beobachter», Berlin. Ausg. 20. August 1930.) Wir warnen schon jetzt, den Bogen zu überspannen. Die deutsche Jugend ist sehr gutartig, aber es gibt keine Grenze, die die jüdische Unverschämtheit nicht überschreiten sollte, ohne sich die Folgen selber zuzuschreiben. Wir warnen die Juden noch einmal. Berlin ist in diesen Wahltagen mit Elektrizität geladen. Wehe dem, der den Funken zuerst auslöst! («Angriff» Nr. 65, 14. August 1930.) Man kann sich nicht vorstellen, wieviel Gift gegen uns verspritzt wird. Die Zentrale dieser Giftspritzerei befindet sich in der Lindenstraße, woselbst sich ja auch das Zentralbureau der Deutschen mit den jüdischen Schiebervisagen befindet . . . Aber es wird nicht bei Verleumdungen bleiben. An dem Tag, an dem einem von uns etwas passiert, wird keine Ruhe bleiben. Die Juden und ihre Zuhälter sind hiermit gewarnt. (Münchmeyer am 5. März 1931 in derN. S. D. A. P.- Versammlung in Berlin-Spandau.) Mari dürfe sich nicht wundern, wenn ln Deutschland der Antisemitismus wächst und der Judenhaß in den breiten Massen Formen angenommen hat, die, ohne daß einer dazu aufzurufen brauchte, gewaltsam zur Entladung drängen. (Goebbels im «Angriff», 28. Februar 1931.) Wer bricht heute täglich die Weimarer Verfassung? (Zuruf: Die Juden! Aufhängen diese Bande!) Wer hat an allem Schuld? Wir etwa? (Zuruf: Die Juden! Au hängen, an die Wand steilen . . .) Wir bleiben draußen (d. h. außerhalb des Reichstages) und werden das Volk zur Rebellion bringen. (Dr. Goebbels am 12. Februar 1931 im Sport- Palast, Berlin.) Sie sollen es mit uns nicht bis zum äußersten treiben ... Ueberall stehen die Juden dahinter. Schon vor Tausenden von Jahren gab es das Reichsbanner. Zur Zeit Pharaos, als die Juden genug Silber und Gold den Christen abgenommen batten und zum Teufel gejagt wurden, da kamen sie in die Wüste, und mit ihnen, wie sie selbst sagten, noch Pöbel. Dieser Pöbel war vorher ihr Schutz. Also war der Pöbel das Reichsbanner . . . Diese (die Juden) müßten alle mit der Nilpferdpeitsche solange abbekommen, bis sie nicht mehr in den Sarg passen. — Im Laufe seiner Rede bezeichnete er die Juden auch einmal als «Kloakenpack». (Ein N. S. D. A. P.-Redner in einer Versammlung in Berlin-Charlottenburg am 11. Februar 1931.) Mir ist gesagt worden, die Juden haben nur noch ein Mittel gegen uns und zwar, unsere Führer einzeln äbzuschießen. Wenn auch nur ein einziger unserer Führer so fällt, werden wir mit einem Pogrom antworten. (Dr. Goebbels am 19. September 1930 im Kriegervereinshaus in Berlin.) Wir wollen keine Judenpogrome, aber wehe dem jüdischen Drahtzieher, wenn auch nur einem einzigen Führer ein Haar gekrümmt werden sollte. Einen solchen Sturm der Volksempörung wird Deutschland noch nicht gesehen haben, wie er dann über die Häupter der Schuldigen kommen wird. («Völkischer Beobachter» 1./2. Dezember 1930.). „Ein schwarzer BOrsentag* — Presseangriffe auf die Polizei Unter der Ueberschrift «Ein schwarzer Börsentag» weist das «Berliner Tageblatt» auf die scharfen Kursrückgänge an der Montagsbörse hin und schreibt: «Der Heimwehrputsch in Oesterreich und die Ausschreitungen der Nationalsozialisten am Kurfürstendamm, die für die augenblicklich bevorstehende politische Unsicherheit kennzeichnend sind, übten einen ungünstigen Einfluß auf die Gesamthaltung der Börse aus.» Das «Berliner Tageblatt» stellt fest, daß die Polizei nicht rechtzeitig eingegriffen hat. An manchen Stellen konnten Nationalsozialisten über eine halbe Stunde lang ihr Un-, wesen treiben, friedliche Passanten überfallen und niederschlagen, ohne daß Polizeikräfte erschienen und die Hakenkreuzler auseinandertrieben. Das «Berliner Tageblatt» findet es verwunderlich, daß die Polizei von den Absichten der Nationalsozialisten nicht vorher unterrichtet worden ist. «So viel wir wissen», schließt die Zeitung, «ist die Polizei bereits am Mittwoch von den Plänen in Kenntnis gesetzt worden.» Unter der Ueberschrift «Pogrom und Putsch» schreibt Paulus Potter im «8 Uhr-Abendblatt»: «Wenn man Unkultur und Barbarei des zaristischen Rußlands kennzeichnen Klavierunterricht ■naHnanHBHnnnai erteilt Staat!, geprüfte K'av'errädagln (mit MatjiaL in und außer Haus Lotte Edlerer Wien, XX.V KarUMeiBI-StraBe 4, II. Stocfc, Tür Be wollte, nannte man es das „Land der Pogrome“. Jetzt sind wir in Deutschland so weit gekommen, so weit heruntergekommen. Nur mit dem Unterschied, daß dre russischen Judenhetzen meist in der dunklen Provinz stattfanden, bei uns im strahlenden Licht der Reichshauptstadt.» Die englische Presse widmet den nationalsozialistischen Ausschreitungen in Berlin am letzten Sonnabend einen beträchtlichen Raum. «Manchester Guardian» schreibt, die Ausschreitungen am Kurfürstendamm seien die schlimmsten antisemitischen Unruhen, die sich je in Deutschland ereignet haben. «Manchester Guardian» und «Times» finden es unbegreiflich, daß achtbare deutsche Bürger sich die Exzesse aus den Fenstern der Restaurants und Caf£s ruhig ansahen, ohne den Angegriffenen zu Hilfe zu eilen. Die Stellung der Reichsregierung Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur von maßgebender Seite erfährt, werden die Ausschreitungen, die ln Berlin gegen Juden an ihrem Feiertage begangen wurden, von der Reichsregierung auf das schärfste mißbilligt Schadenersatzklagen gegen Polizei? Nach der Ansicht juristischer Kreise ist die Polizei für den Schaden an Gesundheit und Eigentum der von den Ausschreitungen Betroffenen ersatzpflichtig, da es Pflicht der Schutzpolizei ist, rechtzeitig solche Vorkommnisse zu verhindern. Für die Unterlassung sei der Staat haftbar. Die Haltung der Polizei Der Central-Verein teilt der Jüdischen Telegraphen- Agentur mit: In verschiedenen Zeitungen der Reichshauptstadt sind der Polizei wegen verspäteten oder gar nicht Eingreifens bei den Ausschreitungen die heftigsten Vorwürfe gemacht worden. Der C. V. hält es aus gewichtigen Gründen für seine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß nach seiner genauen Kenntnis der Vorgänge diese Vorwürfe zum mindesten stark übertrieben sind. Wie der C. V. heute erfährt, plante die S. A. einen Nachtmarsch nach Teltow. Dieser Nachtmarsch wurde aber, als die S. A.-Leute in den Lokalen marschfertig antraten, plötzlich abgeblasen und dafür die Parole ausgegeben: «Auf nach dem Kurfürstendamm 1" Es Ist unrichtig, daß Dr. Göbbels die Aktion geleitet hat. Dagegen war der Berliner S. A.-Leiter Graf Helldorf mit seinem Auto am Kurfürstendamm zugegen. Wie verhielt sich das Publikum? Die «Jüdische Rundschau» teilt mit: «Auf Grund persönlicher Wahrnehmungen konnten wir feststellen, daß das an den Ausschreitungen nicht beteiligte nichtjüdische Publikum keine Zeichen der Erbitterung weder gegen die nationalsozialistischen Rowdies, noch gegen die anfängliche Passivität der Polizei zeigte. Wir konnten im Gegenteil an verschiedenen Stellen Aussprüche hören wie: «Was haben die Juden auch im Zylinder einherzuspazieren?» «Warum tragen die dicken Jüdinnen so aufreizend Pelze und Blumensträuße? Die Leute haben recht, auf der einen Seite Not und auf der anderen Festtagskieider.» Diese Acußerungen sind unserer Meinung nach schwererwiegend als die Ausschreitungen der Hakenkreuzler. Denn die Exzedenten waren eine kommandierte Horde, die aus Disziplin handelte, wobei natürlich die Betätigung des instinktiven und durch die Parteischulung anerzogenen Judenhasses ihnen ein besonderes Vergnügen bereitete. Die Haltung und Stimmung der Zuschauer aber waren ein Beweis, wie weit sich die seit Jahren hemmungslos getriebene Hetze gegen die Juden in die Massen hineängefressen hat.» Weitere Verhaftungen Im Verlauf des Dienstag, den 15. September, sind von den Beamten der politischen Polizei in Berlin noch etwa 25 Nationalsozialisten unter dem Verdacht der Beteiligung an den antisemitischen Ausschreitungen am Kurfürstendamm festgenommen worden, darunter einige Personen, denen von Zeugen eine Führerrolle bei den Ruhestörungen zugeschrieben wird. Da von den anfangs sistierten Anhängern der N. S. D. A. P. inzwischen einige weitere wieder auf freien Fuß gesetzt worden sind, werden sich insgesamt etwas mehr als 30 Angeklagte vor Gericht zu verantworten haben. Severing gegen die Hetze Berlin, 20. September. (J. T. A.) Der preußische Minister des Innern, Dr. Carl Severing, hat, offenbar veranlaßt durch die jüngsten Ausschreitungen in Berlin am jüdischen Neujahrsfest, in einem Runderlaß den nachgeordncten Behörden erneut strenges Vorgehen gegen die Hetze der radikalen Gruppen zur Pflicht gemacht. Warum Goeb eis’ „Angriff“ verboten wurde Berlin, 18. September. (J. T. A.) Der Polizeipräsident hat die nationalsozialistische Tageszeitung «Der Angriff» mit sofortiger Wirkung bis zum 24. September verboten. Maßgebend für das Verbot war die Tatsache, daß in der gestrigen Ausgabe des «Angriff» eine Zeichnung enthalten war, in der unter der Ueberschrift «Der Hib Ist die beste Parade» einer offenbar einen Juden darstel enden Gestalt Ins Gesicht geschlagen wird. Da diese Zeichnung eine offenbare Aufforderung zu Gewalttätigkeiten enthält, wurde das Verbot für die erwähnte Dauer erlassen. («Hib» ist das nationalsozialistische Schlagwort «Hinein in die Betriebe!») Die Helden vom Kurtürstendamm vor Gericht Vor dem erweiterten Schnell-Schöffengericht Charlottenburg begann am 18.1. M. der Prozeß gegen 34 Hakenkreuzler, die an den antisemitischen Ausschreitungen am Kurfürstendamm teilgenomnren haben. Der Befehlshaber der Berliner S. A. Graf Hclldorf, der während der Ausschreitungen Im Auto am Kurfürstendamm herumfuhr, hat sich entgegen einem abgegebenen Versprechen dem Gericht nicht gestellt, sondern hält sich verborgen. Nach Erhebung der mündlichen Anklage trat das Gericht in die Vernehmung des Steinsetzers Schuster ein. Schuster erklärt, er sei bei einem harmlosen Spaziergang auf dem Kurlürstendamm festgenommen worden. Ihm wird entgegengehalten, daß bei ihm ein feststehendes Messer gefunden wurde und daß zwei Polizeibeamte a's Zeugen bekunden werden, daß er «Deutschland erwache, Juda verrecke I» gerufen habe. Der angek'agte Gärtner Borim erklärte; «Mir war gesagt worden, daß die Juden dort Neujahr feiern und wir wollten zeigen, daß es auch andere Leute als Juden gibt.» Der Angeklagte Merker sagt, er habe geglaubt, es Finde am Zoo eine jüdische Volksversammlung statt und diese habe er sich ansehen wollen. «Wir wollten uns ja nur die jüdische Neujahrsversammlung ansehen!» Die Vernehmung der weiteren Angeklagten ergab zur Genüge, daß die Ausschreitungen am Kurfürstendamm planmäßig von der Nationalsozialistischen Partei vorbereitet worden waren. Der 18jährige Maler Fritz Schulz behauptete, er sei'mit Kameraden zu dem Kurfürstendamm gegangen, um sich die «gallzlsche Sylvesterfeier» anzusehen. Erich Ponke, der Führer des Sturms 43, bestreitet, daß er seinen Kameraden die Anordnung gegeben habe, auf den JUDEN! Spendet bei der Thora für den Keren Kajemeth ZIONISTEN!