Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 193 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 193 — 17. September 1931 DIB STIMME Seite 7 Jivi&dor Jtameiri Nachdruck auch in Auszügen verboten. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 5 Die Kosaken sind in den Karpathen. Man muß sie sofort vertreiben. Mein Feldwebel sagt, als wollte er sich entschuldigen: «Wir müssen uns beeilen; deshalb geht alles drunter und drüber. Alles in Unordnung — die Uniformen, der Marsch, der Unterricht. Wenn wir erst den Feind vertrieben haben und zurückkommen, müssen wir das alles nachholen. Müssen lernen, uns vorbereiten und gute Soldaten werden. Nur keine Angstl Alle Kugeln treffen ja nicht. Nur kei^e Furcht! Nur die Hosen nicht dreckig machen! Es braucht einem nicht leid zu tun um das elende bißchen Leben. Es steht nicht dafür. Alle Menschen sind Dreckkerle. Alle. Es hat ja keiner einen Freund in der Welt. Man hat Freunde, mit denen man säuft, aber keine, mit denen man stirbt. Dreckkerlel Pfui!» Wir mußten mitspucken, er befahl es uns. Und alle spuckten aus: «Pfui!» Plötzlich hörte man Lärmen und Rufe unten beim Tor. Zuerst eine Frauenstimme und dann viele Frauen. Sie schreien, weinen, reden durcheinander, laufen herum und schluchzen. Ein Wirbel! Und kaum hatten wir die Stimme vernommen, da stürmten schon die Frauen, etwa achtzehn an der Zahl, herein, liefen uns entgegen, weinend, schluchzend, klagend, jede umarmte einen von uns, und kaum hatte ich mich umgesehen, als ich auch schon zwei weiche Arme um meinen Nacken flfhlte . . . Meine Manci! Sie weinte, sah aus wie ein waidwundes Reh, und unter strömenden Tränen stieß sie hervor: «Du wirst nicht gehen — ach Gott — du mußt bleiben — mein Gott, mein Gott! Wohin gehst du? Ich gehe mit dir — mein Gott — ich bleibe bei dir — ich bleibe bei dir — ich blei — be — bei dir!» Die Tränen schreien zum Himmel; die Atmosphäre ist tränenschwanger und den Kasernenhof erfüllt ein hysterisches Geschrei. Der Feldwebel steht versteinert da. Aus der Kaserne kommen hohe Offiziere und schauen, was da los ist. «Donnerwetterl» schreit einer von ihnen, «jagt sie doch fort!» Doch der Feldwebel rührt sich nicht. Er sieht die Frauen an den Nacken der Männer hängen. Jetzt schweigen sie. Jetzt verhalten sie das Schluchzen. Und ein anderer Offizier sagt: «Lass’ sie dochl Sie Wollen doch nur Abschied nehmen; erlaube es ihnen.» Im Kasernenhof ist’s ganz still. Nur noch ein paar verhaltene Seufzer hört man hier und dort. Die Offiziere steigen die Treppen herunter, kommen langsam auf uns zu und schauen. Einer von ihnen blickt die Frauen scharf an und sagt dann zu seinem Begleiter: «Da schau her — lauter Dirnen!» «Sehr richtig,» erwidert der andere. Das stimmte auch. Sie alle, die da weinten, waren entweder gewerbsmäßig oder wenigstens im Nebenberuf Dirnen. Meine Manci war Tänzerin und Sängerin. Die Offiziere verstummen, bis ins Herz gerührt. Einer wendet sich an die Mädchen und sagt freundlich: «Liebe Mädchen, beruhigt euch. Ihr habt ja Jetzt eine große und heilige Aufgabe für das Vaterland zu erfüllen. Und deshalb . . .» Die Frauen unterbrechen ihn; das Wort Vaterland hat sie außer Rand und Band gebracht: «Ich pfeife auf das Vaterland, du Hund!» schreit eine, und alle stimmen sie mit ein, zornig, wütend. Es entsteht eine gräßliche Höllensinfonie, die das Blut ln den Adern erstarren läßt. «Zum Teufel — verhaften sollte man sie!» brüllt Sin Offizier, aber die anderen beruhigen ihn. «Lass’ doch — es sind ja Dirnen! Sollen sie ein bißchen weinen.» Und die Frauen weinen, seufzen, schluchzen, werden allmählich stiller, bis sie endlich ganz aufhören. Der Feldwebel gab den Befehl zum Marsche une» wir gingen. Die Frauen begleiteten uns, jede ging an der Seite ihres Liebsten; wortlos marschierten sie mit uns. Und draußen auf der Straße kamen noch weitere Frauen dazu, noch eine, noch zwei, noch drei und noch sechs. Die Polizisten wunderten sich und flüsterten: «Ein Dirnenaufmarsch!» Die Polizisten kennen sie alle sehr gut. Als ich von meiner Manci Abschied nahm, sagte ich ihr: «Weine nicht, kleines Mädel, was willst du denn! Ich gehe ja in den Heldentod! Stolz mußt du auf mich sein, mein Kleines!» «Ich spucke auf dich, du Idiotie, brauste Manci wütend auf, doch bald ging ihr Zorn in bitteres, innerliches Weinen Uber. Und als sie sich wieder beruhigt hatte, blieb sie stehen, sah mich an, legte ihre kleinen Hände auf meine Schultern und sagte mit trockener Stimme: «Du wirst nicht den Heldentod sterben. Du wirst kein Held sein, Avigdar. Du wirst nach Hause zurüokkehren, als einfacher Soldat, in zerrissenen Kleidern, ohne Heldentum, ohne Orden, aber lebend.» Sie sah mich nochmals an, in ihren Augen schimmerte es feucht, und dann sagte sie entschlossen: «Also geh’! Ich werde auf dich warten. Ich warte!» «Wart’ auf mich und trink’ auf mein Wohl ein paar Gläser, Manci!» Ich küßte sie. In ihren Augen glomm wieder ein Funke der Wut. Sie erwiderte meinen Kuß nicht. Und nach einer Weile sagte sie wieder mit trockener Stimme: «Ich werde keinen Tropfen mehr trinken, bis du zurückkommst. Noch heute verlasse ich das Kabarett und lasse mich zur Krankenschwester ausbilden.» Sie küßte mich weinend, wartete nicht, bis der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, und ging. Eine einaige Seele habe ich auf der Welt. Eine Dirne. 5. K a p i t e 1. Reise durch das Land der Hotten otten ln den Straßen kocht es. Auf dem Wege zum Rathaus begegne ich ein paar Bekannten. Ihre Wangen glühen. Sie sind glücklich erregt. Und alle fragen sie mich lachend: «Wohin denn so elegant?» Ja richtig, ich hab’ noch immer den schwarzen Gehrock an und das steife Hemd. «Wohin? Zum Fest des Totentanzes.» Die Antwort beruhigt mich und ich spüre es nicht, wie gewichtig die Worte sind. Und inzwischen: Interessante Nachrichten und ins Ohr geflüsterte Geheimnisse. «Hast du gehört? Man hat vier Spione erwischt und verhaftet. Weißt du, wer dabei ist? Wjera. Die russische Tänzerin. Wjera Radowskaja.» «Wer? Wjera Radowskaja? Unmöglichl» «Ich habe ja selbst gesehen, wie man sie mit Handschellen davongeführt hat.» «In Szegedin wurde ein französisches Flugzeug heruntergeschossen. Vier serbische Offiziere waren darin.» «Die Unsrigen haben Belgrad erobert und setzen die Offensive fort.» «Hindenburg hat den Befehl erlassen, Moskau im Laufe eines Monats zu erobern.» «Gestern abends ist ein feindliches Flugzeug über dem Gebäude der Postdirektion gekreist.» «Ein Husar hat heute morgens den serbischen Thronfolger gefangengenommen. Er befindet sich schon hier in einer Kaserne.» Und dergleichen mehr. Und verwirrt und erregt kam ich ins Rathaus. Der Feldwebel empfing mich mit breitem Lächeln: «Da schau her, wie elegant! Vielleicht soll ich dem Herrn ein schönes Mädel zur Gesellschaft kommen lassen?» «Danke, nein.» «Nein? Schade! Ich würde Ihnen meine tote Alte beantragen. — Vergatterung, meine Herren!» Wir standen in Reih’ und Glied. Wir waren etwa sechzig Mann verschiedenster Berufe. Einige Journalisten waren unter uns und ein paar Künstler. Der Feldwebel sah uns prüfend an und machte sich über uns lustig. Er sprach über die faulen Intellektuellen, aus denen jetzt endlich nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gemacht werden sollten. Ich nahm mir eine Zigarette, wollte sie anstecken und reichte die Dose auch dem Feldwebel. Er sah mich mit seinen Glotzaugen durchdringend an: «Willst du sofort einstecken? Sonst schlag’ ich dir die Dose aus der Hand! Was glaubst du denn? Bist du in einer Schenke? Oder ln eurer Redaktion? Brust heraus! Weißt du, wo du bist?» «Jawohl — im Land der Hottentotten!» Ich erlaubte mir den Witz in der Hoffnung, daß er das Wort ohnehin nicht verstehen würde. Meine Kameraden lachten. Der Feldwebel gebärdete sich wie verrückt. Wütend war er. Ging hin und her, dann schien er irgend ein Wort zu suchen; da er es aber in seiner großen Erregung nicht fand, pflanzte er sich vor uns auf, knirschte mit den Zähnen und spuckte weitausholend aus: «Pfui!» Dann ging er ins Rathaus hinein. Kaum hatten wir ein paar Worte gesprochen und einander gesagt, wie sehr uns vor dem Ganzen ekelte, war er schon wieder da. «Der Herr Oberst haben euch allen erlaubt, jetzt nach Hause zu gehen. Doch ir. ''-:;en früh müßt ihr alle hier sein — reisefertig. — Abtreten!» Wir sind nicht abgetreten, sondern nach Hause gegangen. Gott sei Dank— eine Nacht noch ohne Feldwebel! In der Straße wimmelt es nach wie vor von Menschen. Militärische Kommandorufe erschallen. Man sieht einen langen Zug von Artilleristen, dann folgt Infanterie. Waffen, Pferde, Befehle, Gesang, Geschrei, Weinen, Mütterklagen, Hymne, Vaterland, schöne, zarte Frauen umarmen einfache Soldaten und küssen sie, zwischendurch fängt man Fetzen von pathetischen Reden auf, die in irgend einem Caf6 gehalten werden. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Am besten wird’s wohl sein, ein wenig schlafen zu gehen. Bis morgen früh. Meine Zimmerfrau strahlte vor Glück, als sie mich sah. «Sind Sie befreit worden?» «Ja — bis morgen früh.» Da begann sie zu weinen. «Wein’ doch nicht, Mütterchen I Ich möchte ein bißchen schlafen. In wenigen Minuten werde ich befreit sein.» «Wie?» fragte die Alte, mit Augen, die noch feucht von Tränen waren, in denen aber plötzlich eine neue Hoffnung erglänzte. «Wie? In einigen Minuten wird der Herr ...» «Ja, Mütterchen. Die Träume befreien uns vollständig von allem, was unsere Seele bedrückt. Professor Freud irrt sich. Der Traum gibt uns gerade das, was wir unbewußt nicht wünschen. Unterbewußtsein ist ein Teil des Göttlichen. Und der Gott ist absolut gut, im Gegensatz zu unserem sinnlichen Wesen, das absolut idiotisch ist. Denn wenn . . .» Den Satz habe ich wahrscheinlich schon im Schlaf vollendet und ich fühlte nur noch die Hände der Alten, die mich gut zudeckte, damit ich mich nicht erkälte. Vielleicht habe ich auch ihren Seufzer gehört, tief in der schlummernden Seele; und noch etwas hörte ich, halb schlafend. «Armer Teufel! In seiner Verzweiflung trinkt er und dann redet er Dummheiten!» Ich habe nicht viel geschlafen. Denn der Abend kam und ich mußte aufstehen — aus Gewohnheit. Der Sonnenuntergang bringt den Menschen aus den Federn. Ich stand auf, zog mich an und ging in die Redaktion. Erst nachdem ich die Schwelle überschritten hatte, erinnerte ich mich daran, daß ich eigentlich hier nichts zu tun hatte. Und wirklich, die Redaktion erschien mir vollständig fremd. Fremde Menschen saßen und schwitzten auf unseren Plätzen. Mein Freund Dr. Garay, saß ebenfalls dort. Und auch er war mir fremd, ganz fremd. «Servusl» rief ich ihm gewohnheitsmäßig zu, und doch spürte ich sofort, daß ich kein Recht hatte, ihn so zu begrüßen. Er wandte sich mir zu, schüttelte den Kopf und erwiderte kalt meinen Gruß: «Guten Abend». Es fröstelte mich. Fast wollte ich weinen. Ich floh ins Orpheum, nach Hause. Auch der Keller hatte sich ein wenig verändert. Zwar wurde wie gewöhnlich getanzt, aber hie und da hörte man ein Schluchzen und Weinen in den Ecken. Und die Betrunkenen zerschlugen noch mehr Gläser als sonst. Die merkwürdigen Nachrichten haben sich bewahrheitet: man hat die Wjera wirklich verhaftet. Sie ist eine Spionin. Das ist mehr als sonderbar. Kleine, süße Russin, deren Kuß immer mit ihrem warmen Herzblut gemischt war. Sie liebt Budapest mehr, als sie ihr kleines Töchterchen liebt. Und sie ist ein slawischer Engel, in dessen zartem Blute der Wein des Orpheums kreist. Ist das möglich, daß sie uns alle belogen, daß sie sich mit Politik befaßt hat? Ausgeschlossen! Ein derartiges Hirngespinst kann nur in leeren Köpfen von Polizeibeamten geboren werden. Noch etwas: auch der Kellner Debo wurde verhaftet. Man hat bei ihm wichtige politische Dokumente gefunden. Er hat der französischen Regierung die topographischen Geheimnisse von Budapest verraten. Das ist wohl der Gipfelpunkt der unsinnigen Verdächtigungen. Ist doch Debo Ungar und Familienvater. Er spricht nur ungarisch und auch seine Frau und Kinder verstehen kein Wort französisch. Unsinn, nichts als Unsinn. Der Wahnsinn tanzt in uns wie ein verrückter Teufel. Zwei meiner Freunde, es sind Journalisten, betreten das Lokal, stürzen auf mich zu und überreichen mir einen Bogen; ich soll ihn unterschreiben. «Lies und zeichne!» «Wozu soll icli’s lesen? Da habt Ihr meine Unterschrift. Und wenn Ihr den Betrag einkassieren wollt» müßt Ihr euch an meine Alte zu Hause wenden. Sie hat meine ganze Barschaft in Verwahrung.» Ich unterschrieb. Und sie rissen mir das Paplet aus der Hand, gaben es noch einigen befreundeten Schriftstellern zur Unterschrift, und schon waren sie fort. Der Wahnsinn raubte mir den Verstand. Sonderbare Nachrichten schienen aus dem Sektglase zu steigen, benebelten meine Augen und mein Gehirn, und ich war nahe daran, zu glaubten, daß die ganze Angelegenheit nur ein großangelegter Witz sei. Noch eine Stunde» noch zwei, und ich werde erwachen. (Fortsetzung folgt)