Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 193 (17.9.1931)
- Date
- 1931-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 193 - 17. September 1931 DIE STIMME Seite 3 Der Putsch und wir Der Putsch der Heimwehr in der Steiermark ist mißglückt. Nicht nur für die österreichische Republik, auch für uns Juden ist der Zusammenbruch der Putschisten ein Ereignis von größter Bedeutung. Noch sind die Tage unvergessen, da Fürst Starhemberg Innenminister und der Notar Dr. Hueber aus Mattsee, dem «judenreinen Mattsee», Justizminister war. Hueber hielt in der Wahlzeit blutrünstige Reden gegen die Juden, oder, wie er uns zu benennen liebte, die «Asiaten», Hueber, der bis zu seiner Ministertätigkeit mit Juden kaum in persönliche Berührung kam. Auf Grund seiner mehr oder minder unverblümten Aufforderung zu Pogromen sprach damals unser Gesinnungsgenosse Dr. Löwenherz bei der Regierung vor, die Huebers Vorgehen in einer öffentlichen Erklärung mißbilligte. Außer Hueber, dem Gesinnungsgenossen Pfrimers, sitzen im österreichischen Parlament noch Mitglieder des Heimwehrblocks, abgesehen von den Antisemiten in anderen Parteien. So erfreulich der Zusammenbruch des Putsches ist, so wenig haben wir Anlaß, uns in Sicherheit zu wiegen. Mangels eines vernünftigen Programms und aus alter Ueberzeugung ist ein Großteil der österreichischen Volksvertreter radikal antisemitisch. Einer übertrumpft den anderen. Herr Hueber aus Mattsee mußte sich kürzlich sogar in einer öffentlichen Versammlung gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, er sei zu wenig antisemitisch. Er gab dabei der Hoffnung Ausdruck, es werde bald die Zeit kommen, wo er Schulter an Schulter mit den Hakenkreuzlern werde kämpfen können. Der Name tut nichts zur Sache. Wenn es gegen die Juden geht, sind die Herrschaften einig. Wir Juden hätten oft Anlaß, mit voller Berechtigung zu schreien. Gegen unsere staatsbürgerlichen Rechte wird täglich geputscht und mit Erfolg geputscht. Die Praxis des Grundverkehrsgesetzes schließt Juden vom Erwerb landwirtschaftlicher Grundstücke aus. Seit dem Ende des Weltkrieges wurde kein Jude Richter oder Staatsbeamter. Das «Volksbürgerrecht» ist das antisemitische Ideal. Von der beschämenden Tatsache, daß jüdische Fabrikanten und Geschäftsleute «prinzipiell» keine Juden anstellen, erfährt die jüdische Oeffentlichkeit leider zu wenig oder nichts. Diese traurigen Helden waren es auch, deren Geldbeutel den Heimwehrleuten offen standen, solange ein Sieg der Heimwehrbewegung im Bereiche der Möglichkeit lag. Wir erlebten auch das traurige Beispiel, daß sich einige Juden von der proklamierten «Ueberparteilichkeit» der Heimwehr ködern ließen und aktive Mitglieder der Heimwehr wurden. Die «überparteilichen Kameraden» setzten diese «Asiaten» allerdings bald an die Luft. Diese jüdischen Ex-Heimwehrleute und die jüdischen Geldgeber wissen offenbar nicht, wo sie sich betätigen sollen und wem sie Geld spenden Jom Kippur in der Taiga Steppe Im New Yorker «Menorah Journal» finden wir einen Reisebericht von Viktor Fink über die von den Sowjets in der Taiga-Steppe (Biro Bidschan) gegründeten jüdischen Kolonien. Wir entnehmen diesem Bericht die Schilderung eines Jom Kippurs in der Kolonie Waldheim bei Tichonka. Ein weiterer Kommentar zu diesen «jüdischen» Kolonien ist wohl überflüssig. Ich zog am Vorabend des Jom Kippur, hoch zu Roß, in Waldheim ein, zu einer Zeit, wo die Juden normalerweise vom Gottesdienste nach Hause gehen. Auf der finsteren Straße begegnete ich einigen Siedlern. Sie stutzten, als ich plötzlich auf meinem Schimmel vor ihnen auftauchte; unter dem Arm trug ich eine mächtige Rolle, die Maueranschläge über das neue Kollektivierungsprogramm, die ich über Ersuchen der Agronomen der Ozet aus Tichonka mitbrachte. «Sie kommen zu spät», sagten mir die Siedler, «aber gehen wir!» Ich betrat mit ihnen eines der Häuser, lm Zimmer verbreitete eine kleine Lampe ein unsicheres Licht. Eine Gruppe von Juden saß schweigend an einem Tische. Als ich eintrat, sagte einer: «So, nun haben wir ein Minjan. Gott selbst muß Sie geschickt haben. Wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben, heute beten zu können. Es gibt in Waldheim 60 Juden und wir können kein Minjan zusammenbringen.» Ich war augenscheinlich der zehnte Mann und der Gottesdienst konnte daher beginnen. Ich war neugierig und beschloß, zu bleiben. Die Juden erhoben sich, wendeten sich gegen Osten und murmelten ein kabbalistisches Gebet: «Und meine Seele wird bekleidet werden, ganz gewiß, meine 248 Glieder und meine 365 Adern gemäß den 613 Geboten mit dem Lichte dieser Gebote.» Die «Talessim» dieser Juden waren alt, abgetragen und oft geflickt. Wer weiß, wieviele Pogrome sie mitgemacht haben, diese verschossenen Gebetmäntel, die bis hierher an die mandschurische Grenze in die Taiga verschlagen wurden. Ein Mädchen — ich sah, sie war jung und trug ein rotes Tuch — räumte den Tisch ab und brachte Stühle. Ein Gebetbuch wurde auf den Tisch gelegt und ein Jude übernahm die Rolle des Chasan. In einem lauten Sing-Sang begann er zu lesen: «Sündhafte Söhne, die da leben in der Finsternis und lm Schatten des Todes ...» SIMKer und Alterascliwack« Sie toünfdjen Grrleidjte* ruitfl «nb ilitfinlcbun,], Dann oerludjen 2ie eine 'JtaDia'flerin <■ Trinffur. ftrei uerfäuflidje. rabiumhaltifle SRabiofllerinlabletten bewtrfcn freies Streifen bes Blutes. machen bie itbein eluftifd) «nb beuflen ÄalfaMaßeruitflen unb Den bannt mkintmenhanaenben '2llteteseifcbeiminflen, roie Benommenheit 2<bn>inDelflefübl. Äiniffdjnterjen. flimmern öor beit Äußen, Ätemnot. Ctnenfaiden, qid)* tifchen unb rheumatischen Befchmerben, noi. ©etftiße unb fötueil'che 'äibeitsfahurfett mtrb anfqefrikht unb bis ins hohe 'Älter .rhalten fRabiumaehalttDirb a m 111 d) ü b e t p i u f t. ©cneralbepot ltnfc Äusfunft: Äpothefe Bat)er. ÄMen, l., ÜBoO^eile 13. ^ßroipcftc qtatis unb franfo. können. Judentum, soweit sie es noch besitzen, ist eine Angelegenheit für die hohen Feiertage. Die Kultusgemeinde in Not interessiert sie nicht, außer wenn sie über die «hohe» Kultussteuer jammern. Es regt sie nicht auf, daß sechs österreichische Regierungen unser Recht auf staatliche Zuschüsse für die Gemeinden anerkannt, diese Anerkennung aber nicht in die Tat umgesetzt haben. Zionismus ist für die geschilderte Sorte von Juden eine utopistische Angelegenheit. Die Leitartikel ihrer Leibblätter sind ihre politische Bibel, dort hören sie nichts von Judentum und Judennot. Das sind die Menschen, die erst vor den Putschisten zitterten und jetzt nach dem Zusammenbruch des Putsches sich so sicher wie in Abrahams Schoß fühlen. Für sie gibt es heute keine Gefahr, keinen Hitler, sie sind restlos glücklich. Wir aber fürchten, es könnte eines Tages die Binde von ihren Augen fallen und es könnte dann zu spät sein. Pfrimers Putsch ist nicht der Abschluß einer überwundenen politischen Periode, er ist ein Sturmzeichen. Die Sammlung aller bewußten Juden ist heute dringender denn je; Sammlung und Kampf für unsere Minderheitsrechte, nicht würdeloses Nachlaufen, aber auch nicht eigenbrötlerische Justament-Wahlpolitik tut uns not. B. A. jüiffc ful cn sie den beiliegenden Posterlagschetn aus und senden Sie uns den Betrag für das letzt begii.nende Quartal ein irsparen Sie uns die Mühe, ihnen nochmals separat eine Zahlungsaufforderung einsenden zu müssen — Sie würden uns dadurch auch unnütze Mosten. verursachen Tun Tie es Gleich f Der Beschluß des Vftlkerbundrates über die Mandate Genf, 6. September. (J. T. A.) Die zweistündige Aussprache im Völkerbundsrat über die Aufhebung der Mandate des Völkerbunds wurde auf Vorschlag des Berichterstatters, des Außenministers Jugoslawiens, Marüikovic, mit einer Entschließung beendet, die auch für Palästina Bedeutung hat. Der Rat beschloß, daß jeder einzelne Fall der Aufhebung des Mandats eine eingehende Prüfung hinsichtlich der Reife des Mandatsgebietes für die Selbständigkeit notwendig mache und der Rat als solcher die Verantwortung für die Aufhebung des Mandats trage. Nahum Sokolow wieder in London London, 10. September. (J. T. A.) Nahum Sokolow, der Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, ist von seiner Erholungsreise nach London zurückgekehrt, um hier die Feiertage zu verbringen und sich dann nach Palästina zu begeben. Nach einem kurzen Palästina-Aufenthalt wird Sokclow seine schon früher geplante Reise nach Amerika antreten. Sokolow hatte ursprünglich die Absicht, zu den Feiertagen nach Palästina zu reisen, allein im Hinblick auf den Regierungswechsel in England hat er es vorgezogen, vor seiner PaläsFna- und Amerika-Reise sich für kurze Zeit in England aufzuhalten. Beratung zwischen Louis Brandeis und Emanuel Neumann New York. (J. T. A.) Oberstrichter Louis Brandeis, unter dessen geistiger Führung die gegenwärtige Leitung der amerikanischen Zionistischen Organisation steht, hat Herrn Emanuel Neumann, Mitglied der neuen Zionistischen Exekutive, auf seinen Sommersitz in Chatham eingeladen, um mit ihm die gegenwärtige Situation im Zionismus zu besprechen. Die Beratung dauerte drei Tage. Herr Emanuel Neumann hat seine Absicht, sich im Hinblick auf die neue Situation im Zionismus im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel in England sofort nach London zu begeben, nicht ausführen können; er wird durch verschiedene Umstände in Amerika zurückgehalten, wobei auch die Frage der künftigen Führerschaft in der amerikanischen Abteilung des Jüdischen Nationalfonds, dessen Präsident Neumann bisher gewesen ist, und die Vorbereitungen für die Keren Hajessod-Kampagne anläßlich der hohen jüdischen Feiertage eine Rolle spielen. Die Beter waren festtäglich gekleidet. Einer trug einen Ueberrock, aber er hatte darunter keinen Rock. Ein anderer wieder paradierte mit einem guten Rock, hatte aber weder Kragen noch Krawatte. Ein anderei wieder hatte weder Kragen noch Krawatte, noch einen Rock, sondern trug nur ein reines, weißes Hemd. Der Chasan trug eine mächtige Uhrkette aus Kupfer quer über seine Weste. Er war ein Schneider aus Moldevanka bei Odessa, wie ich später erfuhr. Er sang die Gebete im Falsett und, um die Höhe besser zu erreichen, drückte er seinen Daumen an den Adamsapfel, wie man das bei reisenden Chasanim sieht, die in kleine Städte kommen. Das Mädchen, das in einer Ecke saß, erhob sich bald nach dem Beginn des Gebetes und ging hinaus. Das war nichts für sie. Ich hatte gesehen, daß draußen ein junger Mann stand und ihr Zeichen machte. Und bald sah ich die Beiden gegen den Wald zu verschwinden. Der Vorbeter war zu Ende, schloß das Buch und fragte mich, was mich herführe. Bevor ich antworten konnte, sagte ein Jude, der mich zum Nachtmahl eingeladen hatte: «Dieser Mann kam auf einem weißen Pferde, sowie der Messias kommen wird. Er trug auch eine Trompete in der Hand.» Alles lachte. Der Vorbeter aus Moldavanka sagte: «Vielleicht ist er nicht der Messias, aber wenn er auf einem weißen Pferde kam, kann er uns gute Neuigkeiten bringen» — und begrüßte mich. Am nächsten Tage, Jom Kippur, wollte ich die Beter photographieren, sie waren aber darüber ungehalten und einer von denen, die nicht beteten, sagte mir: «Photographieren Sie uns lieber bei der Arbeit auf den Feldern.» Er und andere, die früher Schneider, Händler oder Lehrer gewesen sein mögen, gingen am Jom Kippurtage hinaus mit langen Aexten und fällten Bäume; und ich photographierte sie. Später kamen zwei von ihnen und luden mich zu einem kleinen Frühstück und einem Glase Milch ein. Ich bekam «Ziegenmilch», die sich als starker Schnaps entpuppte, und außerdem Lammbraten und Kartoffeln und Schweinsbraten mit Gemüse. Und das am Jom Kippurl Auch die Beter kehrten langsam von den Feldern zurück, wo sie arbeiten mußten, zogen wieder ihre Talessim an und scharten sich um den Tisch. Um das Haus standen eine Menge Juden herum und beobachteten die Beter durch die Fenster. Ich hörte Bemerkungen, wie: «Was soll man zu solchen Narren sagen?» «Gottes Advokaten . . .» «Warum nicht? Laßt sie! Solange sie arbeiten...» «So ist’s recht. Sogar an ihrem Fasttag müssen sie arbeiten, so wie die anderen. Meinetwegen sollen sie jetzt wieder ihr Gesellschaftsspiel haben.» «Schöne Sache das! Gesellschaftsspiel! Ueber den Schädel sollte man sie hauen wegen dieses Gesellschaftsspieles.» Am Nachmittag kam der Chefagronom des Ozet und hielt ein Meeting ab, um die Kollektivisierung der Kolonie zu diskutieren. Das Meeting war überfüllt, nur die Beter fehlten. Der Agronom empfahl eine Molkerei- Kollektive: «Ihr habt 40 Kühe. Ihr könnt Kredit von der Regierung bekommen und noch mehr Kühe kaufen. Die Eisenbahnstation ist nur 10 km entfernt und eine Wagenfahrt nach Chabarovsk dauert nur 4 Stunden. Dort ist euer Markt. Ihr könnt Milch, Butter und Käse verkaufen. Mit Käseabfällen könnt Ihr Schweine füttern — werdet ihr so Speck gewinnen. Der Wohlstand liegt auf der Straße. Arbeitet kollektiv und wir werden euch helfen.» Die Türe öffnete sich und einige von den Betern kamen. Die Menge betrachtete sie spöttisch. Sie hatten nicht den Mut, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen und drückten sich in einen anstoßenden Kaum. Ab und zu zeigte sich einer von ihnen mit einer Zigarette im Munde. Jom Kippur war noch nicht vorüber, aber sie rauchten schon. Offenbar wollten sie zeigen, wie antireligiös sie seien. Schließlich trat auch der Vorbeter ein. Im selben Augenblicke fragte der Agronom4. «Wer ist dafür?» Alle hoben die Hände, auch der Vorbeter, der gar nicht wußte, worüber abgestimmt wurde. Plötzlich hörte man ein Geräusch wie Donnerrollen und irgendeine Baßstimme rief: «Hört Ihr es, Juden? Der Messias kommt.» Das Geräusch kam näher und näher. Es war der Traktor aus Tichonka. Alle Juden rannten freudig auf die Straße. Einer von ihnen klopfte dem Vorbeter auf den Magen und sagtet «Warst Du es, der Gott einen so feinen Traktor abge* schwatzt hat?» Still ging der Vorbeter weg.