Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 192 (10.9.1931)
- Date
- 1931-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 192 — 10. September 1931 DIE STIMME beite «5 U. Z. 0. gegen Z. 0. Von Dr. Oskar G r Ii n b a u m. Unter diesen Zeichen verbergen sich leider nicht zwei Fußballklubs, die ein Match auszutragen haben. U. Z. 0. heißt Unabhängige Zionistische Organisation und Z. O. heißt Zionistische Organsation. Die U. Z. 0. existiert einstweilen noch nicht. Sie soll die neue Organisation der Revisionisten nach deren Austritt aus der Zionistischen Organisation sein. Wir wollen hoffen, daß sie nie gegründet wird, wir wollen es hoffen im Interesse des Zionismus, mit dem es sich ungefähr so verhält, wie mit dem Ring in Lessings «Nathan der Weise». Die Revisionisten behaupten, allein den «echten» Zionismus zu besitzen und die U. Z. 0. soll das Gehäuse werden, das den echten Zionismus einschließen und absondern soll von dem «unechten», «verwässerten», «liquidierenden» Zionismus. Wie sagt doch das Sprichwort? «Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte». Zionisten müssen sogar sagen: «Wenn zwei sich streiten, freuen sich zwei andere, Araber und Engländer.» Dank der Einsicht vieler Revisionisten ist es daher kein Wunder, wenn Jabotinskys Plan der U. Z. 0. im revisionistischen Lager selbst starke Meinungskämpfe auslöst. Es gibt Revisionisten, welche eine hundertprozentige Trennung von der Zionistischen Organisation verlangen, andere wieder machen Propaganda dafür, daß unbeschadet der Selbständigkeit der revisionistischen Union der individuelle Anschluß an die Zionistische Organisation freigegeben werden soll. Schließlich wird angeblich vorgeschlagen, daß die Revisionisten, die sich der Zionistischen Organisation anschließen, eine «Herzl- Liga» bilden sollen. Jabotinsky, rastloser Feuergeist wie immer, hat sofort nach dem Kongreß die Initiative ergriffen. Er ist zwar auf sechs Monate «beurlaubt», trotzdem aber unermüdlich für den Austritt aus der Zionistischen Organisation tätig. Sein Pariser Organ «Rassviet» veröffentlicht ein «Deutsches Sonderheft», das der Frage des Austrittes aus der Zionistischen Organisation gewidmet ist. Ein Vorwort fordert zur Diskussion auf. In einer Reihe von Artikeln: «Unabhängigkeit oder Stillstand», «Für und wider», «Die Ethik der Unabhängigkeit» usw. wird für den Austritt aus der Zionistischen Organisation plädiert. Nach diesen Artikeln ist alles Böse in der Zionistischen Organisation verkörpert, die U. Z. O. wird das Heil bringen. Die große Frage ist nur: reinliche Scheidung, oder Erlaubnis für den einzelnen Revisionisten, in der alten Organisation zu bleiben. In seinem Artikel «Unabhängigkeit oder Stillstand erklärt dies Jabotinsky als zulässig für solche Revisionisten, «die aus irgend einem Grunde ihren persönlichen Zusammenhang mit der Z. O. bewahren möchten.» Diese dürfen Schekel kaufen und sich an den Kongreßwahlen beteiligen. Der Gedanke «Eroberung des Kongresses» muß aber verschwinden, an seine Stelle soll treten: «Selbständige Arbeit auf allen Gebieten des Zionismus». Jabotinsky verlangt einen nur «symbolischen Zusammenhang» mit der Zionistischen Organisation. Er steht in dieser Frage nicht am Legende Von Esther J. M i 11 e r I. Es ist finster im engen Stübchen des Schammes. Der alte Mann schlummert friedlich. Plötzlich erwacht er von einem Geräusch. Es hört sich an wie die unsicheren Schritte eines Menschen, der auf hohen Krücken geht. «Was ist das?» Der alte Schammes erhebt sich zitternd von seinem Bett und zündet seine kleine Lampe an. Und was sieht er? «Allmächtiger Gott!» Er sieht, wie sein Stock allein von Wand zu Wand geht. «Oj, das ist ein böses Vorzeichen, es stirbt jemand im Städtchen, jemand liegt in den letzten Zügen.» Kaum hat das der Schammes gesagt, da hört er schon seine Tochter aus der Kammer nebenan rufen: «Oh, Vater, geschwind, geschwind! Weck’ die Leute, unser Rabbi, unser Rabbi!» Die Nacht ist kalt, die Sterne flimmern am nächtlichen Himmel. Durch das Dunkel eilt der alte Schammes von Tür zu Tür. Und was ist’s mit Deborah, seiner jungen und schönen Tochter? Sie sitzt am Tische und brennend heiß flutet ein Tränenstrom über ihre Wangen. Und während sie so bitterlich weint, murmelt sie: «IJnser Rabbi stirbt. O Gott, er stirbt! Gib ihm noch eine Frist, laß ihn noch einmal gesund werden, allmächtiger Gott in Deiner großen Gnade.» Es ist ihr, als ob sie für ihren eigenen Vater betete. Schon seit ihrer frühesten Kindheit liebte sie den frommen Mann, der ihr so schöne Märchen zu erzählen wußte, der sie dann beten lehrte. «Lern’, Deborah, mein Kind. Bald wirst Du groß und eine Frau sein und Du wirst weise sein wie Deborah, wie Deborah, die Prophetin.» Und sie sitzt an ihrem Tische und heiße Tränen quellen aus ihren Augen. Und sie weint bitterlich und 'murmelt: «Gib ihm noch eine Frist, laß ihn noch einmal gesund werden, allmächtiger Gott ln Deiner großen Gnade.» II. Im Beth Hamidrasch ist es schwarz von Menschen. Alt und Jung, alle sind sie versammelt und sagen äußersten Flügel, denn andere Autoren des Sonderheftes des «Rassviet» verlangen hundertprozentige Scheidung. Da gibt es einen Artikel «Die Ethik der Unabhängigkeit», dessen Verfasser mit «W. J.» zeichnet. Da wird nachgewiesen, u. zw. sowohl vom sittlich politischen, als auch vom sittlich erzieherischen Standpunkte, daß reinliche hundertprozentige Scheidung not tut. Vom sittlich politischen Standpunkte deswegen, weil die Revisionisten nicht die Eroberung der Macht in der Zionistischen Organisation anstreben (!) und zugleich der politischen Welt sagen können, «die Zionistische Organisation handelt falsch, hört nicht auf sie, hört auf uns». W. J. sagt: «Das ist sonderbar, so handelt man nicht». (Vor dem Kongreß waren die Revisionisten offenbar anderer Meinung.) Vom sittlich erzieherischen Standpunkte aus müsse ebenfalls eine reinliche Scheidung stattfinden. Zu Beweiszwecken wird ein Zirkular des Brith Trumpeldor abgedruckt. Da wird von den revisionistischen Delegierten am Kongreß gesagt, sie hätten zwar gut daran getan, daß sie nach ihrem Exodus zurückgekehrt seien, um zur Vermeidung der Wiederwahl Weizmanns für Sokolow zu stimmen, «aber,» so heißt es weiter, «unvereinbar ist die Betar-Erziehung mit dem Votum für Sokolow». Dasselbe sei «von der Annäherung zwischen den Revisionisten und einem Teile der Allgemeinen Zionisten zu sagen, deren Majorität sich von der Abstimmung Uber das Prinzip des Judenstaates gedrückt hat und von denen sich viele sogar erdrelsteten, die Hand gegen dieses Prinzip zu heben». Weiters heißt es in dem Zirkular des Brith Trumpeldor, würden die Revisionisten bei den A. C. Sitzungen Sokolow verteidigen müssen und sich auf Kompromisse einlassen. Das sei unvereinbar mit der betaristischen Erziehung. Wer sich der Zionistischen Organisation anschließe, verpflichte sich damit zur Wahrung ihrer Normen. Entweder sei die selbständige politische Tätigkeit der Revisionisten unzulässig, oder man müsse erklären: «Die Union der Zionisten-Revisionisten bildet keinen Teil der Zionistischen Organisation, sondern ist ein unabhängiges Kollektivum, das autonom seine Arbeit zum besten eines reinen und unverfälschten Zionismus führt». Man sieht, was W. J. sagt, deckt sich nicht ganz mit den Ansichten Wladimir Jabotinskys. Das Sonderheft des «Rassviet» enthält auch einen Statutenentwurf für die U. Z. O. Interessant ist die JÜDISCHE ELTERN! Kauft SchulbUcher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der jUd. Buchhandlung Herm^TUCNNBR Wien, II., Qr. StadlflutgTT^lEckeTra^ borstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK! Alle Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen täglich, keine weiteren Gebühren! 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Die Teilnahme an den gesetzgebenden und Kontrolle organen der Zionistischen Organisation bleibt vorbe* halten, ohne daß dies «als Teilnahme an der Verantwortung für die Tätigkeit dieser Organisation, odef für die Zusammensetzung ihrer Exekutive gedeutet werden könnte.» Vertragsabschlüsse mit dem Kereif Kajemeth werden für zulässig erklärt. Der Revisionismus befindet sich heute In einefff argen Dilemma. Das sind die Folgen eines Ueber* radikalismus, der seinen Anhängern goldene Berge versprach und mit leeren Händen vom Kongresse zurückkam. Wir sind weit davon entfernt, uns über did Entwicklung der Dinge im revisionistischen Lager zu freuen. Eine Revision des Revisionismus durch dert Sieg der zentrifugalen Kräfte wäre für den Zionismus ein schwerer Schaden, eine Fortdauer des jetzigen Zustandes der Disziplinlosigkeit der Revisionisten def Zionistischen Organisation gegenüber ist auf die Dauef nicht zu ertragen. Wir dürfen uns nicht dadurch täuschen lasset?) daß wir aus dem Sonderheft des «Rassviet» nur Stimmen hören, die für die Gründung der U. Z. O. eintreten) Wir wissen, daß es viele Revisionisten gibt, die davof zurückschrecken, das Tischtuch zwischen sich und def Tehillim und sie öffnen den Thoraschrein und beten, aber Gott erhört sie nicht. Und sie bilden aus Wachs eine Form, genau so groß und so breit wie der Rabbi und sie bekleiden die Figur und sie heben ein Grab aus, ein tiefes Grab, wie es der alte Brauch vorschreibt. Aber es hilft nicht. Der schreckliche Engel, der Malach ha-Maveth hat seine tausend Augen auf seine Beute geheftet. Einer allein kann jetzt noch helfen. Jedes Mitglied der Gemeinde soll des Rabbi Leben dadurch verlängern, daß er ihm von der eigenen Lebensdauer einen Teil schenkt. Männer, Frauen und Kinder sollen eine Stunde, einen Tag, eine Woche opfern. Und die frommen Opfer am eigenen Leben sollen eingetragen werden in eine Pergamentrolle und sie soll stehen im Aron Kodesch neben der heiligen Thora. So schreibt es der alte Brauch vor. Die Nacht ist kalt. Die Sterne flimmern am nächtlichen Himmel. Boten kommen zum Hause des alten Schammes: «Wieviel gibst Du Deborah, wieviel gibst Du von Deinem Leben, Deborah?» «Ich, Deborah gebe mein ganzes Leben. Nein, sprich nicht! Ich will es so. Schreibe, ich, Deborah gebe mein ganzes Leben.» III. Die Zeit vergeht ruhig und still. Alte sterben, Junge werden alt, Kinder kommen zur Welt. Und was geschah mit unserem Rabbi? Lobet Gott, er lebt! Wie zuvor forscht er in der heiligen Thora. Wie zuvor leitet er die fromme Gemeinde, wie zuvor umspielt ein feines Lächeln seine Lippen. Er sitzt im Beth Hamidrasch und lernt und lernt. Aber wer könnte es ahnen, daß er dabei die Stimme eines jungen Mädchens hört, eine Stimme sanft und süß, klar wie der Klang eines silbernen Glöckchens. Wer könnte es ahnen, daß er, wenn die Nacht sich niedersenkt und die Sterne geheimnisvoll funkeln, ein Mädchen sieht, das schüchtern wandelt neben dem treuen Geliebten? Und er denkt: «Das wäre sie gewesen, Deborah mit ihrem Verlobten, Und ich bin alt, meine Füße zittern, meine Augen werden trübe — mein Herz hat au$- gelebt und hat keinen Wunsch mehr.» Zwei Jahre gehen dahin. Einmal hört er eine Fratj seufzen unter schwerer Arbeit. Und er denkt: «Da8 wäre sie gewesen, Deborah. Und ich bin alt und meine Füße zittern. Meine Augen werden trübe, mein Her* hat ausgelebt, ich bin zu nichts mehr nütze.» Und ef weint: «Vergib mir Deborah! Wenn Du gelebt hättest^ wärest Du schon Mutter gewesen.» Jeder Sehre! eines Neugeborenen, jedes Kinderlachen läßt ihn in Gedanken sagen: «Deborah, Deine Kinder! Und jede Nacht hört er eine weiche Stimme, die Wiegenlieder singt. Dreizehn Jahre sind vergangen. «Jetzt wird Ihf Sohn Bar Mizwah. Oh, er ist ein prächtiger Junge. Was für eine glückliche Mutter ist meine Deborah!» Un4 er stöhnt: «Ich bin alt, meine Füße versagen dert Dienst, ich bin einsam wie der Gipfel eines steileif Berges. Und mein Herz kennt keine Freude mehr.» Jahre verstreichen. Einmal hört er fröhliches Hochzeitstreiben. «Oh, es ist ihrer Tochter Hochzeit, Wie sich Deborah freut.» Und er jammert: «Ich birt' alt, meine Füße sind lahm, meine Augen erblinden. Hätte ich nur den Trost, daß ihr solche Freude nicht beschieden gewesen wäre, hätte sie gelebt.» Und von diesem Augenblicke an sieht er Deborah älter werden. Er sieht, wie sie grau wird, wie ihre Füße zittern, wie ihre Augen schwach werden und ef schreit: «Ich kann es nicht ertragen, o Gott! Mein Herz ist schwach, ich kann dieses zweimalige Altern» nicht ertragen.» Aber er sieht, wie sie von körperlichem Leid gequält wird und er hört ihr Stöhnen und Wehklagen. «Oh, warum hast Du mich verflucht, o Gott? Sendl mir den Malach ha-Maveth, den Engel des Todes.» Da kam ein Wind von den Bergen her, ein Sturm mit mächtigem Brausen. Kalt ist es im Beth Hamidrasch, so kalt! Friedlich und ruhig liegt der alte Rabbi mit dem Gesicht auf der heiligen Thora. Oh, möge seine Seele ruhen in Frieden! (Uebertragung aus dem Englischen von Ben Abraham))