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Die Stimme · 1931-09-03 · Heft 191 (3.9.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 191 (3.9.1931)
Date
1931-09-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 191 September 1931 DIE STIMME Stile 7 JtviQdor Mameirt N;<chdruck auch in Au<t*tige\n vetboHn. Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf b Kein Mensch Ist hier. Ich setze mich und wische mir den Schweiß von der Stirne. Wie fürchterlich diese Einsamkeit ist! Auf dem Tisch liegt der Bericht von gestern Abend: Einsteinturm. Internationale Universität. Esperanto. Draußen auf der Straße Lärm. Unmöglich, hier so zu sitzen. Ich gehe wieder hinunter. Eine Artillerieabteilung zieht vorüber. Und zu beiden Seiten der Straße stehen Frauen und verteilen unter die marschierenden Soldaten Oeld und Zigaretten. Einige von ihnen umarmen und küssen die Vofdberziehenden. Und wieder hört man die Hymne . . . Drittes Kapitel. Tauglich Der rote Zettel. Sonderbar. Ich soll sur Behörde gehen. So lautet der Befehl. Das passiert mir zum ersten Male in meinem Leben, daß die Behörde mir befiehlt, etwas zu tun. Bisher war es Immer eine Bitte, mit der sie sich an mich wendete, und jetzt plötzlich — Befehl. Doch unten auf dem Zettel — eine Anmerkung: «Dieser Zettel besagt noch nicht, daß Sie dienen werden, aber zur Musterung müssen Sie kommen.» Ich habe keine Ahnung, was diese Anmerkung bedeuten soll. Es ist spttt. Ich muß in die Redaktion. ln der Redaktion herrscht reges Leben. «Mein Lieber», empfängt man mich, «nimm nun, bitte, gefälligst zur Kenntnis, daß der Weltkrieg ausgebrochen ist; daß das Vaterland in Gefahr ist. Allerdings nur einerseits, denn anderseits ist es eben dabei, die Welt zu erobern.» «Ich verstehe nicht.» «Die Husaren werden morgen Belgrad besetzen. Sie wollen den Namen des Königs Karageorgevitsch in den schlichten und schönen Namen Karolyi umändern. Wozu dieser sonderbare Name: Kara — Georgevitsch? Pfui! Doch anderseits», setzte mein Kollege vom Theaterreferat fort, «wollen die Herren Kosaken die Karpathen passieren.» «Von mir aus, sollen sie passieren.» Mein Kollege wird verwirrt. Diese Antwort hat er nicht erwartet. Und wirklich, warum sollen sie die Karpathen nicht passieren? Wen stört das? «Wirklich schade, daß sie die Karpathen nicht passieren werden», läßt sich eine Stimme vom Schreibtisch des Sportredakteurs vernehmen. «Kosakentanz ... Herrlich... Aber es wird ihnen doch nicht gelingen.» «Warum denn nicht?» «Warum nicht? Hast du denn nicht in der Schule gelernt, daß die Karpathen eine Mauer sind, die der Magyarengott errichtet hat, um das Vaterland vor Feinden zu schützen?» «Ach Gott, die Kosaken sind doch Analphabeten», mischt sich die Redaktrlce der Frauenbetiage ins Gespräch, «sie haben das in der Schule nicht gelernt und werden bestimmt die Karpathen passieren, fügt sie fast glücklich hinzu. Der Setzerlehrling tritt ein und verlangt Manuskripte. Wir erschrecken. Nichts ist fertig. Wir beginnen fieberhaft zu arbeiten. Mich beschäftigt noch immer die Anmerkung unten auf dem Zettel. Ein Freund erklärt sie mir: «Wann wurdest du geboren? Im Jahre 00? Also bist du noch nicht verpflichtet, einzurücken. Aber da das Vaterland in Gefahr ist — wenigstens in den Karpathen —, möchte man wissen, ob du in irgendeinem Verhältnis zu diesem Teil des Vaterlandes stehst. Wenn das der Fall ist, werden sie dich ersuchen, dich freiwillig zu melden.» «Ahat» ■ wir arbeiteten bis drei Uhr. Und da es nicht mehr dafürstand, bis sieben Uhr zu schlafen, legten wir uns nicht nieder. Erst nach der Arbeit bemerkte ich die Abwesenheit meines Freundes Doktor Garay. Wo steckte er? Kein Mensch wußte es. Heute nachts war er überhaupt flicht in die Redaktion gekommen. Ich erzählte meinen Freunden von seinem merkwürdigen Benehmen auf der Straße. Niemand verstand es. Garay war ja ein wenig verrückt. Na, gut. Doch die letzten Worte, die er gestern gesagt hatte, wollten mir nicht aus dem Kopf gehen. Der Wahnsinn äußert sich auf verschiedene Welse. Aber diese sonderbare Weiset, diese merkwürdige Art, jemand daran zu erinnern, daß er J u d e wäre...? Etwas mußte da los sein. Frühmorgens gingen wir sur KartmUelon. Dort trafen wir auch Doktor Garay. Wir sprachen kein Wort mit ihm. Er merkte es und war innerlich bestimmt böse auf uns. Ein wenig betrunken war er auch. Die Reihe kam an mich. Der Schreiber erklärte mir, was der Zettel und die Anmerkung zu bedeuten hatten. «Wenn Sie irgendwelche Beziehung zur Karpathengegend haben, dürfen Sie sich freiwillig meiden und einrücken. Man muß das Vaterland schützen. Die wilden Kosaken bereiten sioh zum Einbruch vor. Also?» «Selbstverständlich werde ich einrücken.» Der Schreiber erhob sich, drückte mir die Hand und trug meinen Namen ein. Dann sagte er: «Bitte, ziehen Sie sich aus. Dort in der Ecke. Ganz nackt.» «Nackt?» «Ja, ja, nackt.» «Vielleicht geht’s auch ohne das?» «Nein. Das muß sein. Vielleicht sind Sie krank. Man muß Sie untersuchen.» «loh bin aber nicht krank!» Da steht ein langer Soldat auf, kommt auf mich zu und brüllt mich an: «Ausziehen! Verstanden?!» «Ich bitte, mit mir nicht in 'diesem Ton zu sprechen.» Der Lange tritt noch näher an mich heran, so daß seine Nasenspitze beinahe die meine berührt, durohbohrt mich fast mit seinen Blicken und sagt zähneknirschend: «Was? Ton? Glaubst du, daß du hier in einer Redaktion bist? Wir haben noch einen ganz anderen Ton, mein Lieber! Du hast dlich freiwillig gemeldet, folglich bist du Soldat. Zieh dich aus! Sofort! Verstanden?!» Die Schuppen fielen mir von den Augen. Und es reute mich. Warum hatte ich mich gemeldet. Damit dieser Trottel da in seiner Bajazzouniform mich an» rüpeln durfte?» Und als ich mich auszog, dachte ich: Für das Vaterland sterben ~ schönt Aber eine derartige Brutalität Uber sioh ergehen lassen? Und wenn es jetzt schon so ist, da ich kaum eingetreten bin, wie wird es in ein, zwei Wochen sein? Ekelhaft 1 Der Arzt untersuchte jrnlch. Inzwischen' kämen meine “anderen Kollegen und standen in Reih und Glied. Nackt. Doktor Garay ist nicht da. Wo steckt er? Der Arzt stellte einige Fragen an mich. Dann sagte er mit fester Stimme: «Tauglicht Der nächste!» Einige von uns wurden für untauglich erklärt. Einer protestierte dagegen. Er wäre gesund und könnte auoh einrücken. Wir zogen uns an und kamen wieder zum Schreiber. Der gab jedem von uns einen neuen Zettel und sagte er mit fester Stimme: «Tauglich! Der Nächste!» ohne ausdrücklichen Befehl auch nicht einen Schritt machen. Geh in dieses Zimmer und warte.» «Ich muß die Redaktion verständigen.» Wieder kam der Lange auf mich zu: «Da gibt es keine Verständigung und keine Redaktion.» «Ich möchte von meiner Schwester und von meiner Familie Abschied nehmen.» «Wo wohnt deine Schwester?» y «Auf ihrem Gute im Bezirk Bereg.» «Im Bezirk Bereg? Der liegt ja in den Karpathen. Dorthin schickt man dich ja morgen! Du Trottel! Du gehst doch deine Schwester vor den Kosaken verteidigen!» Plötzlich reicht er mir die Hand und sagt: «Du wirst noch ein guter Soldat werden, mein Lieber! Du wirst die Kosaken bis Moskau vertreiben! Und wenn du zurückkommst, kriegst du eine Auszeichnung erster Klasse. Wir werden aus dir einen Menschen machen. Wirst dich nicht mehr mit Tinte beklecksen und mit euren anderen Dummheiten abgeben.» . Als wir im anderen Zimmer warteten, erfuhren wir, daß Doktor Garay sich nicht gemeldet hatte. Er hatte sich gedrückt. «Wir könnten auch noch als Journalisten reklamiert werden», sagte einer von uns. Ich war ganz betäubt von allem, was ich erlebt hatte. Mein Kopf war schwer. Ich hatte doch nicht geschlafen. Und nur das Wörtchen «Tauglich» ließ mich nicht los, es wälzte sich vom Hirn zum Herzen und wieder zurück. Ich bin tauglich? Ich soll tauglich sein, diese Soldatenuniform zu tragen? Ein Witz. Nach einigen Minuten kam so etwas wie ein Offizier herein und befahl uns, ihm zu folgen. Ich sah ihn mir genau an. Ein roher Mensch mit pomadisiertem und aufgezwirbeltem Schnurrbart, Kleine Augen. Wohlbeleibt, anscheinend kräftig. Spricht rasch und spuckt in einemfort. «Wer bist du?» fragte ich ihn. «Ich?» erwiderte er stolz und sah mich von oben har4b an, «Ich bin der Feldwebel». Aha! Ich stellte mich vor mul streckte ihm vlie Hand hin. Er nahm sic nicht. «Geh ma, geh ma!» sagte er rasch. «Wir werden noch Zeit haben, uns kennenzulcrnen.» * Und dann im Hofe sagte er: «Wer will noch in seine Wohnung, um sich etwas mltzunehmen?» Das wollten wir natürlich alle, «Das hab* ich mir gedacht!« sagte er verächtlich. «Also, soll jeder nach Hause neben und sich mitnehmen, was er will. PütiktlPT, in zwc> Stunden — jetzt ist’s viertel neun Punkt viertel elf müssen *!le hier zurück und zur Reise vorbereitet sein. Verstanden?» Als wir draußen waren, entrang sich unserer Brust ein Seufzer der Erleichterung. Wie betrunken ging ich nach Hause. Als idi ins Zimmer kam, begannen die Möbel zu weinen. Und ich schimpfte sie aus: «Dumm seid ihr! Gehe ich denn für lange fort?» Ich konnte die ganze Sache nicht erfassen. Die wahnsinnig gewordene Straße, Der Anarchist ürapulinl hält Reden und schreit «Es lebe der. König von Italien!» Der blasse und zarte Doktor Garay beleidigt mich. «Ekelhafter Jude!» ich bin tauglich. Der Offizier spricht mit mir per du und brüllt mich an: «Ausziehen, verstanden?» Und der Feldwebel will die Hand nicht nehmen, die ich ihm reiche. Und das Sonderbarste von allem: als mir der lange Offizier auf die Achsel klopfte, meine Hand drückte und sagte, daß ich ein guter Soldat. sein würde, .hatte ich ein Gefühl des Stolzes. Warum sollte ich das leugnen? Soll ich mich selbst belügen? Es ist doch eine Tatsache: ich war beinahe glücklich. Was soll das bedeuten? Gest e r n li ö 11 e ich mich doch n t c h t m111h m an einen Tisch gesetzt! Was Ist das, Krieg? (Fortsetzung folgt) Jüdischer fröMidker fibend unter künstlerischer Leitung J. Segal-Rosenbach findet Sonntag, den 27. September (2. Tag Sukkoth) d. J. um 8 Uhr abends Im Konzertsaale (tos Hotel «Post»; 1., Fleischmarkt 24 (Tramwayhaltestelle Schwedenplatz), statt. Es gelangen zum Vortrage hebräische und jiddische Lieder und Volkslieder: Konzertsänger J. Segal-Rosenbach (Tenor). Jiddische Rezitationen: Sam. Schwager. Ferner Instrumentalvorträge (jüdische Melodien). Ein Teil des Reinerträgnisses zugunsten des Keren Kajemeth LejIsrael. Kartenvorverkauf: Keren Kajemeth, 1., Kärntnerstraße 28, Tel. Nr. R 27-3-20. Denketan dis Krawalle an dar Handelshochschule! unentgeltliche0 Stellenvermittlung I der Hakoah Wer ausgebtldetes, tüchtiges und diszipliniertes Personal aller Art und aller Branchen brauoht, wende sich an die HAKOAH, l„ Wleslngerstr. 11 / Tel. 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