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Die Stimme · 1931-08-27 · Heft 190 (27.8.1931) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 190 (27.8.1931)
Date
1931-08-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 190 — 27. August 1931 Die stimme smt t Jiviftdor Hameiri Nachdruck auch hl Auszügen verboten, Der große WaHnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf 2) «Justi, zahlen!» Man reicht ihm die offene Börse, Ohne hlnzuschauen, was er herausnimint. Der Kellner nimmt das, was ihm gebührt, und verbeugt sich; «Outen Morgen, Brüder, auf Wiedersehen 1 — Oeht nach Hause, bevor die Sonne aufgeht. Es ist schon..» Aber wir hören nicht mehr, wie spät es ist. Draußen bilden wir einen feierlichen Marsch der Nachtvögel. Wir gehen nach Hause, johlend und über die ganze Straße tanzend, Bei einer Kreuzung steht ein Polizist, Man packt ihn, tanzt mit ihm, küßt ihn ab. Die Luft ist kühl. Angenehm. Die Straßenlampen sind schon ausgelöscht und eine Turmuhr schlägt die Morgenstunde. Im Traume sprach ich dann mit Flammarion im schönsten Hebräisch über den kategorischen Imperativ. Und als ich dann vor Abend erwachte, sah ich auf meinem Tisch einen roten Zettel: eine Vorladung zur Musterung. 2. Kapitel Oer Wahnsinn . Fast vier Jahre hindurch hatte ich keine Vormittagssonne zu sehen bekommen. Redaktionsschluß Ist Immer gegen drei Uhr nachts, und wer ginge denn nach der Arbeit sofort schlafen? Nach der Arbeit geht man ein wonig aus, Und das dauert bis in den Morgen. Gesellschaftsleben: Musik, Kunst, Philosophieren, Frauen, Tanz und Wissenschaft. Und morgen» geht man schlafen, ehe noch die Sonne aufgerr: r!. Damit man l;;*‘ncm Menschen begegne. Menschen sind merkwürdige Wesen. Laufen dem Brot nach und haben OeJdsorgen. Immer In Elle, immer dumm, Es sind liebe Bürger, aber reden mit ihnen? Nein. Das ist nicht angenehm. «Wie geht’g dir?» «Danke.» «Und dir?» «Danke.» «Mit tausend Kronen könnte mir geholfen werden.» Das nennt man Humor, «Und was gibt's Neues?» «Neues?» Erzähle ihm die Neuigkeiten: Relativitätstheorie. Und letzten Endes verachtet er dich in seinem Herzen, er, der Spießbürger, der geehrte Leser. Alles, was du schreibst, schreibst du doch für ihn, für ihn arbeitest du. Und in Wirklichkeit — wer bist du schon? Ein leichtsinniger Mensch, der jede Nacht mit Tänzerinnen verbringt.; Die Angst vor dem Spießbürger ist größer als jede andere Angst. Frühmorgens läufst du nach 'Hause, drehst das elektrische Licht auf und liest irgend ein Buch, bis du um acht Uhr einschiäfst, Und wenn du aufstehst, ist es schon fünf Uhr nachmittags. Dann gehst du ins Kaffeehaus, und so vergehen zwei, drei Stunden. Oedlchte, Erzählungen, Essays. Und dann: in die Redaktion, Und dann: ein Theater- oder Konzertreferat. Bis nach zehn Uhr. Und nachher: die schwere Arbeit, die Zeitung wird gemacht, Bis drei. Und am nächsten Tag dasselbe vom neuen. Und das geht schon so vier Jahre. Das Leben bei Nacht. Der rote Zt-uoi hat mich nicht allzusehr erschreckt, Zum Magistrat soll ich gehen? Out. Aber wann soll man da hlngchen? Zehn Uhr vormittags? Schlecht, Dort muß man Menschen begegnen. Hoffentlich kann man die Angelegenheit telephonisch erledigen. Ich gehe in die Redaktion und lasse mich mit dem Magistrat verbinden: «Bitte, Fräulein, den Magistrat,» «Hier Magistrat.» «Hallo, Magistrat? Hier Redaktion des „Volkswillen'’. Hallo! ich habe heute einen roten Zettel bekommen. Was bedeutet der?» «Einen roten Zettel? Sie sollen zur Musterung kommen,» «Musterung? Was heißt das? Ich soll Soldat werden?» «Anscheinend.» «Kann man das nicht ohne mich erledigen? Ich bin sehr beschäftigt. Insbesondere vormittags. Vormittags schlafe Ich nämlich. Sie wissen doch, wie es ist, wenn man bei einer Zeitung arbeitet.» Ich höre Lachen jenseits des Drahtes, Und dann: «Es tut uns sehr leid, Aber den Heldentod kann man nicht telephonisch sterben. Wir glauben nicht, daß das möglich ist.» Sie lachten. Das heißt, daß die Oeschlchte ernst ist. Einige Redaktionskollegen traten ein. Jetzt lache ich: «Telephonisch kann man nicht den Heldentod sterben. Man muß unter die Menschen gehen.» «Warst du in der Stadt? Die Stadt Ist verrückt geworden!» Der Weg von meiner Wohnung in die Redaktion dauert zwei Minuten. Schräg gegenüber wohne Ich. Nein, ich war nicht in der Stadt. «Qehen wir doch hinunter. Ich sage euch, die Menschen sind verrückt geworden. Wahrhaftig!» Wir gehen in die Stadt. Und in der Stadt siedet es. Auf der Straße ein Aufmarsch. An der Spitze schreitet ein Soldat. Er hält eine Fahne in der Hand. Um! hinter ihm eine Menge von Rotzbuben, die gellend schreien: «Hoch der Kriegl Hoch das Vaterland! Hoch v.inig Franz: Jos i 1.! i gdi Kaiser Wilhelm, unser hoher Bundesgenosse! Hoch König Emanuel! Es lebe das schöne Italien! Eljen!» Und die Nationalhymne erklingt. Sonderbar. So lange ist es her, daß wir dieses naive Lied nicht mehr gehört haben. Wo war es bis jetzt versteckt? Plötzlich wird es von diesem Mob gesungen? „Vaterland" — was heißt das? «Das ist das Lied unserer Urväter. Das Lied des australischen Affen,» höre ich eine Stimme von hinten. Ich drehe mich um und sehe den blassen und zarten Dr. Oaray. «Also, was hältst du davon?» frage ich ihn. «Du kennst doch meine Meinung.» «Hast du auch einen roten Zettel bekommen?» «Ja. Ich habe die Angelegenheit durch einen Boten erledigt.» Unter uns allen war nur einer, der nicht laut aufalt? v!){' *?!•);•. Onray F \ ::!e lijp* hatte: das war ich. Denn mitten in der festlichen Menge sah Ich plötzlich jemanden, den die anderen zufällig nicht bemerkt hatten. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ich sah nochmals hin — «Was ist das? Seht ihr nicht? Schaut doch!» Linkt vom Soldaten, der die Fahne trug, schritt stolz unser teurer Freund, der bekannte italienische Anarchist, Signor Urapulini, «Der sitzt ja seit einem halben Jahr im Kerker!» «Und ob er sitzt — seit einigen Monaten bemühen wir uns doch mit allen Kräften und benützen alle möglichen Protektionswege, um ihm die Haft zu erleichtern und ihn zu befreien.» «Wahrscheinlich hat man ihn dazu gezwungen,» bemerkt einer von uns, doch sieht man, daß er selbst nicht an seine Worte glaubt. Wir sehen ihn an. «Das ist doch unmöglich. Jemanden zu zwingen, daß er auf die Straße gehe und gegen seine Ideale demonstriere? Das macht man nicht einmal ln Rußland.» Oie Menge bleibt beim Caf£ Meteor stehen. Signor Grapuilni führt. «Wahnsinn. Orapulinl und Krieg?» Doch Tatsachen lassen sich nicht, wegleugnen. Signor Orapulinl betritt das Cafö und befiehlt allen Gästen, das Lokal zu räumen, Und dieser Befehl duldet keinen Widerstand, Denn schon stehen bei Orapulinl ein paar Polizisten und irgend ein junger Offizier fuchtelt mit seinem Säbel herum und schreit: «Hinaus, hinaus!» Die Gäste verlassen fluchtartig das Lokal, Signor Grapulini sammelt die Menge um sich und befiehlt dem fahnentragenden Soldaten, auf einen Tisch zu steigen; dann steigt er selbst auf den Tisch und hält eine Rede. Er spricht enthusiastisch, seine Wangen glühen, er spricht leidenschaftlich und glutvoll ... Im Namen des italienischen Verbündeten ... Im Namen des Volkes Michelangelos, Machiavells und des heldenhaften Garibaldi . . . Wir treten näher. Das i§t interessant. Grapulini spricht im Namen des Verbündeten, im Namen von Italien, und macht Stimmung für den Krieg , , . Im Namen des Garibaldi ... Ein herrlicher Junge . . . Der versteht es, aus allem einen Scherz zu machen — wir kennen ihn doch — der hat Humor — sofort wird man lachen! Einer aus der Menge, anscheinend ein naiver Mensch, der kein Verständnis für Humor hat, schreit den leidenschaftlichen Redner an: «Also, wer hindert dich, den Heldentod zu sterben? Viel Glück!» Kaum haben wir uns umgedreht, um zu sehen, wer es war, da hören wir plötzlich einen Schrei, einen Schmerzensschroi. Und wir sehen: das Gesicht des naiven Menschen blutet. Und schon hat man ihn verhaftet, und schon führt man ihn weg. Und die Menge johlt, und die ganze Straße schreit: «Hoch der Kriegl Hoch Italien, unser Bundesgenosse! Hoch Seine Majestät Kaiser Wilhelm!» Jemand lacht. Und nach dem Lachen wieder ein Schmerzensschrei, Und wieder ein blutendes Gesicht. «Gehen wir fort von hier, Gefährlich.» «Warum? Man kann doch stehen, schweigen und zuhören!» Dr. Oaray flüstert mir ins Ohr: «Ich möcht’ sehen, Ob sich wirklich kein Mensch in der Menge findet, der den Mut hat, zu protestieren.» «Du siehst doch, es gibt welche — aber sie werden verprügelt.» Und der Redner setzt seine brausende Rede fort, «Das Vaterland ist in Gefahr, man muß dem serbischen Hund die Zähne ausschlagen, der französischen Schlange die Zunge herausreißen, dem britische* Löwen den Kopf abschneiden und dem russischen Bären den Schädel einschlagen!» Hurra, hurra! Wir schauen uns in der Menge um: alle Oesichter glühen. Alle sind dafür. Und nachdem die Rede zu Ende ist, wieder dl« Hymne! Jetzt gibt es schon keinen Mund in der ganzen Straße, der nicht aufgerissen wäre, der nicht sänget «Woher diese Begeisterung?» «Das sind ja nur Gedungene, du siehst doch} Mobt» Dr. Oaray schaut sich in der wogenden Menge um, fängt Gesprächsfetzen auf, dann wendet er sich an mich, seine Augen sind geschlossen, und sagt eindringlich: «Wir irren alle, mein Lieber. Wir sind allzu klug. Hast du gehört, was der erzählt? Die Serben haben die Donau überquert. Sie rücken von Stunde zu Stunde vor.» «Alles Lüge,» «Und wenn es Wahrheit wäre, was dann?» «Dann hätten wir doch früher etwas davon hören müssen!» «Du weißt alles, mein Lieber. Weißt du denn auch, daß die Menschen bereit sind, mit einem Lied auf den Lippen zu sterben?» «Bisher habe ich es noch nicht gesehen. Ich sah* nur, daß sie schreien.» Dr. Oaray wurde zornig: «Was sprichst du dal Alle sind sie bereit, zu gehen! Alle!» Ich schwieg still. Und er setzte ernsthaft fort; «Weißt du, was das heißt, in den Tod gehen?» «Ich weiß es nicht.» «In den Tod gehen heißt, einen neuen Lebensinhalt suchen, Opium. Der heilige Wahnsinn. Wir verfaulen doch,» Sägte es und verschwand, Wir lächelten. Doch der Enthusiasmus der Mengt tötete das Lächeln auf unseren Lippen, «Das Volk, Das von Gott gesegnete Volk.» Die Hymne ist zu Ende. Und dann richtet jemand eine laute Aufforderung an die Masse: «Wer sich frei willig zum heiligen Krieg meldet, der. komme her!» Die Masse drängt sich um den Tisch, daß et lebensgefährlich wird. Alle wollen sie sich melden, «Ich werde mich auch meiden ...» Ich sehe mich um und traue wieder einmal meinen Augen nicht: der blasse und zarte Dr. Garay ist es, der das gesagt hat. Ich lache und zwinkere ihm mit den Augen xu. Ein herrlicher Witz, Der blasse und zarte Dr. Oaray durchbohrt mich wütend mit seinen Blicken. «Warum lachst du?» Ich lache ganz laut auf, nehme seine Hand und drücke sie: «Bist ein herrlicher Junge, ein Kriegsheld, Also, ‘geh’! Das Vaterland Ist in Gefahr!» Dr. Garay wirft mir einen verächtlichen Blick au, entreißt mir seine Hand und läuft zum Tisch. Ich hinter ihm. Ich zweifle noch immer nicht daran, daß er scherzt. Doch nein, er meldet sich wirklich. «Was ist das?» «Wir wollen das Ende ab'warten.» Dr. Garay kehrt vom Tisch zurück, wie einer, der treu seine Pflicht erfüllt hat. Seine Augen strahlen, Sein magerer Körper ist gestreckt. Ich gehe auf ihn zu: «Gratuliere.» Und will ihm die Hand drücken, Er wehrt es ab, Schaut mich prüfend an und sein Gesicht strömt verhaltenen Haß und Groll, gemischt mit Ekel, aus. Er kehrt mir den Rücken. Ich lächle und er geht. Wendet sich um und preßt, zwischen den Zähnen ein Wort heraus: «Jude!» Ich bin xu Stein erstarrt. Wie lange i»t es her, daß ich dieses Wort, in diesem Ton ausgesprochen, nicht mehr gehört habe, Ich habe keine Kraft, ihm irgendetwas zu entgegnen, Aber die Kehle Ist trocken, die Zunge klebt, «Garay!» — fast weinend würge Ich es aus def Kehle. Das hat anscheinend gewirkt, Dr, Oaray hört; ef macht kehrt, nähert sich mir und sagt leise, jedoch mit Betonung; «Woher sollst du auch wissen, was das ist't Vaterland?» Es beginnt in meinem Kopf zu wirbeln. Ich schilfig die Augen und lehne mich an eine Straßenlaterne, Jemand gibt mir einen Stoß, ich erwache und gehe in die Redaktion. (Fortsetzung folgt)

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