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Die Stimme · 1931-08-20 · Heft 189 (20.8.1931) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 189 (20.8.1931)
Date
1931-08-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. Hk) — 20. August 1931 Seite 5 ' '' L Jtvi#dor JiameM Nachdruck auch hp Auszügen verbotet Der große Wahnsinn Autorisierte Uebertragung aus dem Hebräischen von Sem Wolf Diese Aufzeichnungen sind Albert Einstein gewidmet, dem Menschen, der den Befehlen meines Feldwebels nicht gehorchen wollte. Der Autor. Geleitwort Drei Jahre fast lebte ich in jenem riesengroßen Irrenhaus, das mehr als die halbe Welt umfaßte und in dem eine Milliarde entwurzelter Menschen herumtobte, das Gesicht in allen möglichen Grimassen verzerrt; in Enthusiasmus, in Tränen, in Heiligkeit, in Schlauheit, in Naivität, in Leid, in Liebe und in Zähneknirschen. Ich sah, wie der Wahnsinn ausbrach, und verwundert rieb ich meine Augen. Noch hatte ich nicht aufgehört, mich zu wundern, und schon wurde ich selbst in den Irrsinn hineingezogen durch einen, der glänzende Kleider und einen langen, sehr spitzen Schnurrbart hatte: er bezeichnte sich selbst mit dem sonderbaren Namen Generalfeldwebel. Und dann sah ich mich tobend, von der Welle getragen, und ich kämpfte gegen die Umnebelung meines Gehirns. Ich wollte mit offenen Augen die Unglücklichen und mich selbst betrachten. Blieben meine Augen offen? Blieb mein Gehirn intakt? Nicht ich kann auf diese Frage Antwort erteilen. Nicht ich, ein Irrer, der sich selbst betrachtet. Eine verschwommene Erinnerung: Einst debattierte ich mit Maeterlinck. Ich fragte ihn, warum er dem Arzte Dr. Einstein nicht gehorcht habe. Und dann verschwimmt auch diese Erinnerung im Nebel. So stand ich, an die drei Jahre, an der Front des großen Krieges. An der österreichisch-ungarischdeutsch-russischen Front. Und dort, an der Front, notierte ich, was ich als lebender Mensch sah und fühlte. Ich begann mit den Aufzeichnungen zwei Tage nachdem ich die Bekanntschaft mit dem Feldwebel geschlossen, und endete das letzte Kapitel in Czortkow, der ersten Station nach meiner Gefangennahme durch die Russen. Das war vor dreizehn Jahren. Die Tatsachen habe ich weder verschönert, noch häßlicher gemacht. Ich habe nichts hinzugefägt und nichts verschwiegen. Ich machte meine Aufzeichnungen und wartete auf das Ende. Und zwischendurch sah ich unter uns auch den Juden, der selbst im Irrenhaus ein Jude geblieben ist: ein enthusiastischer Dummkopf, ein heiliger Bajazzo, ein altes Kind, ein liebender Feind. Ich wollte zunächst nicht gerade den Juden in mir und in meinen Todeskameraden sehen. Doch das kam von selbst. Und post festum bin ich froh, daß es der Fall war. Tel Aviv, Elul 5689. Avigdor Hameiri. 1. Kapitel. Opium In der Redaktion herrscht Stille. Eine gespannte, drückende Stille. Fieberhafte Tätigkeit. Alle sind in ihre Arbeit vertieft. In ihre schnelle, emsige, nervenzerrüttende Arbeit. Die Nerven sind wie elektrische positive und negative Drähte, und das Gehirn, die präzise Dynamomaschine, wirft und wirft ohne Ende bewegliche Bilder aufs weiße Papier. Wenn du für einen Augenblick deinen Kopf hebst, hörst du ein mystisches Herzklopfen. Von Zeit zu Zeit verbindet sich das Geräusch des Paffens der Zigaretten mit dem Ticktack der vielen kleinen Uhren, die auf den Schreibtischen liegen. Dann herrscht wieder lange Zeit Stille. Und plötzlich — Telephon. «Hallo — Stockholm. Ja.» Ich habe Dienst und hebe das Hörrohr ab: 4Hallol» Und ich schreibe: 1. Professor Bronner hat die Gründung einer internationalen Universität im Haag beantragt. Die Unterrichtssprache soll Esperanto sein. Der Antrag wird morgen angenommen werden. 2. Der Vortrag Professor Einsteins über die Relativitätstheorie, den er in Leipzig hielt, brachte einige der Anwesenden zum Weinen. Man beantragt, in Deutschland ein Observatorium zu gründen, das seinen Namen tragen soll. 3. Edison hat seine neueste Erfindung vervollständigt, die elektrische Mauer, die in Zukunft jeden Krieg unmöglich machen wird. 4. Kaiser Wilhelm äußerte sich anläßlich eines Hofsoupers, so lange er lebe, werde es in Europa keinen Krieg geben. 5. In einem Interview äußerte sich der Brahmane Lemondi Uber das Opium folgendermaßen: «Uns tobten Indern ist das Opium nicht nötig. Aber die wilden Europäer brauchen es. Dieser göttliche Rauch zeigt ihnen wenigstens im Traume, was das Lebensziel des Menschen ist: vollständig das „Ich” und das „Du” auszuschalten und beides in Gott vereint wiederzu erkennen.» 6. Oberst Bollmann, dem man nachgewiesen hat, daß er die Pläne der Festung Przemysl an Rußland verkaufte, hat heute mit einer Pistole, die der Kommandant zu diesem Zwecke auf seinem Tische zurückließ, Selbstmord verübt.’ — Ich verarbeitete diese langweiligen Neuigkeiten zu mundgerechten Entrefilets und — Schluß. Die Tagesarbeit ist zu Ende. Ich läute. Die Türe öffnet sich und der Setzerlehrling erscheint. «Hier, die letzten Telegramme.» Und von allen anderen Schreibtischen ruft es: «Nimm auch dasl» Alle sind fertig. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung. Jetzt hören wir schon das Dröhnen der Maschinen unten. Wir strecken unsere Glieder, schauen auf die Uhr: halb vier. Wir gehen. Vorher bringt uns noch der Diener die Zeitung. Keiner von uns schaut sie an. Und wir gehen «mittagessen». Draußen empfängt uns das Brausen des Nachtlebens. Die Elektrische verkehrt nicht mehr. Die großen Paläste schlummern spießbürgerlich und nur die intimen Nachtcafäs sind voll. Wir gehen in das königliche Orpheum und schreiten die Kellertreppen hinunter. Beim Tisch schon fragen mich meine Freunde: «Was gibt’s Neues?» Ich erzähle ihnen das Neueste. Die internationale Hochschule. Einstein. Edison. Kaiser Wilhelm. Der Brahmane und das Opium. Und der verräterische Oberst. Man lacht: «Kaiser Wilhelm ist großartig! So lange er leben wird, gibt es keinen Krieg, sagt er. Hahaha! Das heißt: er denkt an nichts anderes als an den Krieg. Ein Dummkopf. Im zwanzigsten Jahrhundert Krieg. Auch Edison ist lächerlich. Einstein, die Universität, Esperanto — und Krieg. Aus seiner elektrischen Mauer soll er sich ein Haus bauen, der Mister Edison, damit ihm niemand seine Erfindungen wegtragen kann!» Nur die Worte des Brahmanen interessieren uns. Insbesondere unseren Freund, den blassen und zarten Privatdozenten Dr. Garay. «Vielleicht wird er auch zu uns kommen, der Brahmane,» sagt er, und sein bleiches Gesicht wird noch bleicher. Er zündet sich eine Zigarette an, trotzdem er noch nicht gegessen hat, und saugt den süßbitteren Rauch tief in die Lunge hinein. Dann löffelt er die saure Suppe und zwischendurch kaut er an der Zigarette und trinkt Cherry Brandy. Nach sechs, sieben Löffeln ruft er den Kellner; er soll den Teller fortnehmen und eine gebratene Wurst mit Zitronensaft bringen. Rings um uns ist Musik. Tänzerinnen treten an unseren Tisch und nehmen Platz. Einer von uns bewirtet sie mit Tokayer, der mit Absynth gemischt ist. Sie alle trinken. Fünf Mädchen sind es. Eines aus Frankreich, eines aus Kanada, eines aus Düsseldorf, eines aus Melbourne und eines aus Worms. Und alle verstehen sie die internationale Sprache des Orpheums. Es ist die Sprache der Nacht, des Weines und der Liebe. «Hier hast du die Universität des Professor Bronner,» sagt einer von uns. Er wendet sich an die Mädchen und fragt: «Was werdet ihr machen, wenn es Krieg gibt?» Die Mädchen lachen herzlich. Sie wissen alle ganz genau, was sie machen werden, wenn der dumme Krieg kommen sollte: «Ich werde tanzen zum Rhythmus der Schüsse an der Front.» «Ich werde in ein Kanonenloch hineinkriechen, man soll mich nach Hause schießen.» «Ich werde die ganze Front mit Bordeauxwein besoffen machen, bis die feindlichen Soldaten beginnen, einen herrlichen Cancan zu tanzen.» «Und ich werde mich zwischen zwei Feinde setzen und sie anblicken,» sagt die Französin in süßer Koketterie. «Einmal den einen und einmal den anderen. Und ich will sehen, ob sie dann noch Lust haben werden, Krieg zu führen.» «Gott behüte uns davor!» sagt einer unserer Kollegen. «Denn dann würde man sich gegenseitig deinetwegen auffressen.» «Und du?» wendet sich jemand an das zierliche blasse Mädchen aus Melbourne. «Was wirst du machen, heilige Maria aus Marmor?» Das Marmormädchen schlägt seine traurigen Augen auf und sagt in singendem Ton: «Ich werde eine barmherzige Schwester sein und den Verwundeten das Blut von der Stirn küssen. Wer weiß, wie viel Geliebte ich dort haben werde,» fftgt sie mit traurigem Ernst hinzu. «Wer weiß, wie viele meiner Küsse, die ich auf ihre Stirnen drücke, mit ihrem letzten Seufzer verschmelzen werden . . .» Und sie beginnt leise zu weinen. Wir alle lachen laut auf: «Sie glaubt ja ernsthaft an unsere dummen Witze f» Der blasse und zarte Dr. Garay setzt sich zu ihr, nimmt sie auf seinen Schoß, gibt ihr einen Kuß und sagt: «Du Dummerl du, du meine kranke Braut. Der Brahmane hat trotz allem Unrecht — aber du weißt ja nicht, was der Brahmane gesagt hat. Er hat gesagt, Europa brauche das Opium, um lieben, um sich selbst vergessen zu können, um den Uebermenschen hervorbringen und den Logos des Spinoza, den wir alle im Blute haben, physisch spüren zu können. Er, der Brahmane, kennt Europa nicht. Den Indern ist der Opiumrausch nötig, um ein Lied im Traume zu hören und vom Geheimnis der großen Synthese zwischen dem «Ich» und «Er» zu träumen. Und wir haben all das ohne Opium erreicht. Weißt du, meine blasse Geliebte, was das ist, der kategorische Imperativ?» Die «blasse Geliebte» sieht ihn an, wie man einen Betrunkenen ansieht. Was spricht er da? Was soll das bedeuten? Und er setzt fort: «Der kategorische Imperativ, meine Geliebte, heißt: Liebe dich selbst, wie deinen Nächsten!» «Du und der Nächste — der nächste kommt früher. Weißt du's, freches Mädchen, daß wir uns schon dem Mars nähern? Und auch uns selbst, das heißt dem Gott? Und zwar mit der Dynamik unserer Gehirne. Und auf diese Weise . . .» Das Mädchen unterbricht ihn plötzlich: «Und mich hast du gerne, Alter?» «Dich, Mädel, liebe ich grenzenlos, mehr als mich selbst. Man hat mir gesagt, daß du an einer ansteckenden Krankheit leidest, mich aber küssen willst, weil es dir Vergnügen macht. Bitte, küsse mich!» «Und könntest du jemanden, sagen wir einen deiner •Freunde, meinetwegen töten? Aus Eifersucht?» «Aus Eifersucht? Was ist das, Eifersucht? Gibt es denn ein größeres Vergnügen in der Welt, «als. einem Freunde die Frau, die man über alles liebt, zu geben?» Das Mädchen springt von seinem Schoße auf, wie von einer Tarantel gestochen: «So, dann geh zum Teufel, gemeiner Kerl!» Und er setzt leise fort, wie träumend: «Und doch, keiner von uns weiß, was in seinem Herzen und in seinem Blute geschieht. Die große Liebe, die den Bewohnern alter kulturbeladener Planeten eigen ist, lebt schon in uns. Es lebt in uns auch der Satan, der Kainsteufel, für den muß man auch ein Ventil schaffen, durch das er sich befreien kann.» «Ein Loch in den Kopf schlagen,» bemerkt einer von uns ironisch. «Selbstverständlich,» sagt Dr. Garay, «ein Krieg tut not. Wirklich, ein Krieg. Die hassende Urwaldbestie, die in unserem Blute wohnt und dort die Zähne knirscht, fleht um vollständige Erlösung, denn es ist ihr dort zu eng, zusammen mit der Menschlichkeit zu wohnen, und sie erstickt. Der große Krieg wird kommen, die gesegnete Katharsis, die Operation der Seele, und wir werden aus der Operation hervergehen wie Kranke, denen man die eitrigen Teile samt dem Blinddarm ausgeschnitten hat. Was ist der Blind« darm? Ein Erbe des Waldmenschen, unseres verehrten Ahnen. Wie können uns jetzt die Marssöhne besuchen, wen in uns sollen sie besuchen? Den australischen Affen? Vielleicht dich, teure Lila aus Melbourne? Das Schwergewicht der Materie überwinden, bedeutet, die Welt zu erobern. Jawohl. Und unser eigenes Schwergewicht überwinden, bedeutet auch die Welt zu erobern. Einen Abstand zu schaffen zwischen dem Menschen und dem Kriechtier in uns, bedeutet, sich mit Gott zu vereinen. — Kellner, Justi, schon wieder kein Wein und kein Absynth. Und du behauptest doch, mich lieb zu haben!» Der Kellner bringt, bestimmt schon zum zehnten Male, die Getränke, und die Musik und die Tänze wiegen unser sausendes Blut angenehm ein. Wh* sitzen und träumen mit offenen Äugen. Eine gelangweilte Frauenstimme flüstert in mein Ohr: «Bei uns in Worms ist es verboten, bis in den Morgen zu sitzen.» «Bei euch in Worms? Worms, Worms — ach ja, weißt du, Mädchen, wer in euerem Worms gelebt hat? Raschi, Rasch! — Rabbi Schlomoh Jizchaki, der wunderbare und gute Greis, den ich im Singsang studiert habel» Einer von uns rafft sich plötzlich auf und sagt: «Gehen wir. Man will das Lokal räumen.» Das Lokal ist leer und still und kalt. .(Fortsetzung folgt)

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