Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 188 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 188 — 13. August 1931 DIE STIMME Seite 5 Der Roman der ßß 53^ ■! MMTtlMTtlL^^ ,jDer Große Wahnsinn“ von Avigdor Hameiri Üfn unserem (Restrehen, einem immer wiedertkehrenden Wunsche aus dem Seserhrets zu entsprechen und „(Die Stimme“ immer anregender und interessanter zu gestuften, hahen wir uns entschlossen, einen der besten (Romane der hehr dis ch-patds t inen sischen Siteratur und zweifettos auch eines der nertvottsten Werke der Wefttiteratur überhaupt, den ttriegsroman Jtvigdor Hameiris „der große Wahnsinn* (Masihigaon Magadot) in der „Stimme“ in Fortsetzungen zum Jibdruch zu bringen, Avlgdor Hameiri, mit Recht der «hebräische Remarque» genannt, gibt in seinem Roman ein erschütterndes Bild des Weltkrieges, und zwar der Ostfront, wieder — ein Bild, das dem vom Autor des «Im Westen nichts Neues» gezeichneten an Wucht und Tiefe nicht nachsteht Was jedoch Hameiris Buch zu einem jüdischen Dokument jener Zeit macht, ist die Tatsache, daß sein Held ein Jude ist, ein nationaldenkender, zionistisch gesinnter Jude, der den Krieg mitmacht. Was dieser Held als Jude und Soldat in der Zeit des «großen Stahlbades» erlebt, schildert uns Hameiris meisterhafte Feder so einprägsam, daß die Lektüre des «Großen Wahnsinn» zu einem unauslöschlichen Erlebnis wird. Dieser Jude, dieser Held ist der Dichter selbst. Hameiri, der als Soldat und späterhin als Offizier der österreichisch-ungarischen Armee den Weltkrieg mit allen seinen Greueln miterlebte, hat das Buch in Ichform verfaßt. «Der Große Wahnsinn» ist in Form eines Tagebuches geschrieben, eines Tagebuches, das mit der Fülle seiner Geschehnisse, mit der Lebendigkeit seiner Handlung md mit seinem sich wild überstürzenden Ereignissen den sensationellsten Roman weit übertrifft So ist Hameiris Werk eine Sensation im wahrem Sinne des Wortes, darüber hinaus aber ein Buch von hohem literarischen Wert. Es bildet den Gipfelpunkt von Hameiris bisherigem literarischen Schaffen. Jeder Jude, jeder Mensch wird diesen jüdischen Kriegsroman zweifellos mit Erschütterung lesenund vonihmhingerlssensein. Wir werden in unserer nächsten Nummer mit dem Abdruck des Romanes in deutscher liebersetzung beginnen. Camera ohscura Bei der Ankunft des deutschen Reichskanzler Dr. Brüning in Rom kam es zu einer Kundgebung einer Gruppe deutscher Nationalsozialisten, die mit der Hakenkreuzbinde •m Arm auf dem Bahnhof erschienen waren. Als der deutsche Minister den Zug verließ, riefen die Nationalsozialisten: «Heil Hitler!», «Nieder mit dem Judenkanzler 1» Dank den Hakenkreuzlern, Auslandsexpositur Rom, wissen nun wir Juden, daß wir einen Kanzler haben. Wer würde da noch an der Authentizität der «Protokolle der Weisen von Zion» zweifeln? Die gesamte Sowjetpresse veröffentlicht das von Bernard Shaw dem Moskauer JTA-Vertreter gegebene Interview, in dem Shaw zur Judenfrage Stellung nimmt. Die Blätter weisen mit besonderem Nachdruck auf die Steilen in dem Interview hin, in denen Shaw die Richtigkeit der sowjetrussischen Methoden hervorhebt. Eine Hand wäscht die andere. Der jüngste Stalin-Jünger darf mit Recht stolz sein: seine Anerkennung der Sowjetmethoden wird von Sowjets mit Anerkennung aufgenommen. Das Warschauer Organ der antisemitischen nationaldemokratischen Partei «Gazcta Warszawska» tritt in einem Artikel den Angriffen entgegen, die in letzter Zeit im Hinblick auf die sich mehrenden antijüdischen Ausschreitungen in Polen in der jüdischen Presse gegen die Propaganda der naborialdemokratischen Partei gerichtet worden sind, «üazeta Warszawska» sucht den Nachweis zu führen, daß die Nationaldemokraten Gegner judenfeindlicher Ausschreitungen seien. «Die Nationaldemokraten», schreibt das Blatt, «sind weder Pogromleute noch Männer, die zu antijüdischen Exzessen aufreizen wollen. Was sie tun wollen, ist, unser nationales Wirtschaftssystem vom jüdischen Einfluß zu befreien. Das kann durch Kampfmethoden erreicht werden, die sich von der Organisierung von Judenpogromen wesentlich unterscheiden.» Das ist nicht so unklar ausgedrückt, wie es scheint Wozu morden? Lieber sollen die Juden von selbst Hungers sterben! Nur recht tüchtig, noch energischer als bisher den wirtschaftlichen Boykott der Juden durchführen! Wenn dann die bereits am Rande des Abgrundes stehende Wirtschaft der polnischen Juden in den Abgrund hinabstürzen wird, werden die edlen, blut- und pogromscheuenden Nationaldemokraten ihre Hände in Unschuld waschen dürfen: «Wir haben ja nur unser nationales Wirtschaftssystem vom jüdischen Einfluß befreit...» « Auf dem jüdischen Friedhof in Memel wurden kürzlich 26 Grabsteine umgeworfen und mehrere Grabhügel aufgewühlt. Die Sahändung wurde von einer größeren Bande begangen, die nachts in den Friedhof eindrang und die Tür des Wächterhauses mit Steinen verrammelte, so daß der Friedhofswärter verhindert wurde, die Polizei zu verständigen. Wir wissen nicht, ob in den deutschen Gauen bei den Hakenkreuzlern Siegesfeiern anläßlich dieser Großtat veranstaltet worden sind. Jedenfalls haben die Nazis allen Grund sich zu freuen, daß ihre hociikulturellen Methoden auch anderswo Nachahmer finden. Aber nicht nur nach Litauen drängt der Hitlerianismus vor. Kürzlich faßte er sogar am afrikanischen Kontinent Fuß. Blättermeldungen zufolge, fand dieser Tage in Algier die Gründung des Verbandes der «Latiner», einer nach dem Muster der nationalsozialistischen Partei gebildeten antisemitischen Organisation statt. Als sein Hauptziel proklamiert der Verband die «Bekämpfung des jüdischen Einflusses». Der Verband hat einen Aufruf an die «latinische Bevölkerung» Algeriens erlassen, in dem es u. a. heißt: «Ihr Latiner bildet die Mehrheit, aber Ihr laßt Euch von einer verwegenen Minderheit beherrschen, die, nachdem sie von Industrie und Handel Besitz ergriffen hat, auch nach der Macht ln unserem Lande greift, um unser Volk zu unterdrücken und zu versklaven.» Wird da noch jemand den Zweifel hegen, daß am Hakenkreuzwesen die ganze Welt genesen wird? Wer jedoch glaubt, daß die Hakenkreuzler sich bloß auf Auslandspropaganda beschränken, irrt gewaltig. Auch ihre Schlagkraft im Inlande hat nicht nachgelassen. Eine ganz große Heldentat haben sie unlängst in Nauendorf bei Dessau vollbracht, wo sie ein Bundeslager der «Kadimah» tückisch überfallen haben. Die Nazis schickten eine 20 Mann starke Gruppe voraus, die sich mit dem Rufe «Juda verrecke!» dem Lager näherte. Als sie von den Kadimahnern vertrieben wurde, erschien ein größerer Trupp Nationalsozialisten als Verstärkung und fiel über die Jungen und Mädchen her, von denen einige verwundet worden sind. Nach der Vollbringung der Heldentat verschwanden die Angreifer im Dunkel der Nacht. Gegen den jüdischen Abgeordneten im lettiändischen Parlament Rabbi M. Nurock wurde ein gerichtliches Verfahren eingeleitet, weil er während der letzten Parlamentswahlkampagne Flugschriften und Wahlplakate drucken ließ, die nur in jiddischer und nicht auch in lettischer Sprache abgefaßt waren. Eine derartige Tatsache zum Vergehen zu stempeln, blieb trotz großen Ländern mit ausgeprägterem Antisemitismus dem kleinen Lettland Vorbehalten. ♦ In Neu-Fratautz (Bukowina) haben cuzistische Bauern die Betriebseinstellung der Sägemühle von David Sattinger und Marcus Dechner erzwungen. Die Besitzer hatten vor kurzem mit Zustimmung der Behörde eine Dampflokonrobile installiert, deren Entfernung die Cuzisten wegen angeblicher Feuersgefahr verlangten. Obwohl nun behördlich festgestellt wurde, daß alle Sicherungen gegen Feuer- und Explosionsgefahr getroffen worden waren, drangen 50 Cuzisten in den Maschinenraum ein und bedrohten den Maschinisten am Leben, fall3 er die Lokomobile nicht zum Stillstand bringen werde. Seither wurde der Betrieb aus Furcht vor Gewalttaten der Cuzisten nicht wieder aufgenommen. Die neueste Parole des um das rumänische Vaterland so hochverdienten Prof. Cuza lautet also: «Nieder mit jüdischen Sägewerken I» In Munkacz wurden kürzlich zwei Straßen nach Bialik und Jehuda Halevy benannt. Man könnte annehmen, daß diese Ehrung großer hebräischer Dichter von der gesamten Judenheit der Stadt mit Stolz und Freude aufgenommen worden wäre. Weit gefehlt! Dem berühmten Zionistenfresser Herrn Rabbiner Spira paßt die Sache nicht in seinem Kram. Er hatte sogar die Stirn zu erklären, diese Straßenbenennung «verletzte das jüdische Empfinden» und verband sich mit den Führern der tschechischen Nationaldemokraten, denen er versprach, daß er einer Benennung der beiden Straßen nach tschechischen Führern zustimmen werde, wenn die Nationaldemokraten in der Stadtgemeinde für die Widerrufung des Beschlusses über Schaffung einer Bialik- und Halevy-Straße stimmen würden. Den Zionisten zum «Bestem» verbündet sich also Herr Rabbiner Spira sogar mit waschechten Antisemiten. Passfields Stellung zum Zionismus London, 9. August (J. T. A.) Zu Ehren des aus denf Amte scheidenden Mitgliedes der früheren zionistischen Exekutive S. Kaplansky fand im National Labour Club ein von der Landesexekutive der poalezionistischen Partei Eng«« Iands veranstaltetes Abschiedsbankett statt, auf dem James Middleton als Vertreter der Labour Party bemerkenswerte Aeußerungen über die Stellung Lord Passfields zum Zionismus machte. Middleton erklärte, seiner Meinung nach stehe Lord Passfield noch immer den zionistischen Aspirationen sympathisch gegenüber. «Man sollte dessen eingedenk sein», führte der Redner u. a. aus, «daß es Sidney-Webb, der jetzige Lord Passfield, war, der die Weltkriegsziele der Labour Party, zu denen auch die Errichtung des jüdischen Nationalhelms in Palästina gehörte, formuliert hat.» In Beantwortung der Ansprache James Middletons führt« S. Kaplansky aus, Lord Passfield sei durch eine falsche Analogie zwischen der jüdischen Siedlung, die die Araber nicht schädige, sondern ihnen bloß Nutzen bringe, und dem gewöhnlichen Typus der Kolonisation durch europäische Plantagenbesitzer, bei der die Eingeborenen unterdrückt und ausgebeutet werden, irregefphrt worden. Leonard Stein Ehrenanwalt der Jewish Agency London, 9. August. (J. T. A.) Der ehemalige politl«», sehe Sekretär der Zionistischen Organisation Leonard^ Stein wurde zum Ehrenanwalt der Jewish Agency wl$« dergewählt. 1