Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 188 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STtMWE Nr. 188 — 13. August 1931 Zwei Jahre Keren Kajemeth und wir Zionisten in Oesterreich Das Hauptbureau des Keren Kajemeth hat dem XVII. Kongreß einen Bericht vorgelegt, der eigentlich von jedem Zionisten gelesen werden sollte. Sieht man doch erst aus diesem Bericht, wie aufopfernd die Tätigkeit des Keren Kajemeth war und wie wahr es ist, daß Palästina dem Volke gehören wird, das den Boden besitzt. 271.511 Pfund Sterling wurden im Jahre 5690 aufgebracht, eine respektable Stimme, aber doch zu wenig. Wir lassen nun einige Daten folgen: 1. Erwerb landwirtschaftlicher Böden. ln der abgelaufenen Kongreßperiode wurden 21.528 Meterdunam (23.417 alte Dunam) neu erworben, gegen 75.650 Meterdunam (82.285 alte Dunam) in der vorangegangenen Kongreßperiode. So schmerzlich es ist, muß also betont werden, daß viele Zionisten ihre Hauptpflicht nicht erfüllt haben. Trotzdem gelang es, fiir mehr als 700 Familien Siedfttngsmöglichkeiten zu schaffen. Der gesamte landwirtschaftliche Bodenbesitz des K. K. L. beträgt heute 306.410 Dunam. 2. Okkupation der nichtbesiedelten Böden. Der K. K. L. besitzt 72.000 Dunam nichtbesiedelten Boden. Das kommt daher, daß der Keren Hajessod zu wenig Geld aufbringt, um auf diesen Böden neue Siedlungen zu schaffen. Andererseits war es gefährlich, die Böden brachliegen zu lassen. Es mußte ein Schutz gegen Okkupation durch Araber und Grenzverletzungen geschaffen werden. Es wurden daher extensive Wirtschaften eingerichtet. So wurden z. B. auf dem Boden Haifa Bay-Akko 14.000 Dunam extensiv bewirtschaftet, in Wadi Chawarith wurden 15.000 Dunam gepflügt und davon 6000 Dunam besät usw. An den Grenzen dieser Böden wurden Baunipflanzungen vorgenommen. ln der 1929 zerstörten Kolonie Hulda arbeitet die Kwuzah Gordoma. Es ist also dem K. K. L. gelungen, fast sämtliche unbebaute Böden, die für extensiven Getreidebau in Betracht kommen, zu bebauen. 3. Städtischer Boden. Zur Ausarbeitung eines Bauprogrammes für die Haifa- Bay-Böden wurden 200 Dunam zur Errichtung der ersten 200 Häuser einer Arbeiterschechuna übergeben. Umfassende Ameliorierungsarbeiten gehen ihrer- Vollendung i entgegen, ln Jerusalem wurden erworben 48.075 Quadratpic auf dem Skopusberg, 47.560 Quadratpic neben dem Lehrerseminar Beth-Hakerem, in der Nähe von Talpioth 5021 Quadratpic, in Rechavia 3638 Quadratpic. Insgesamt wurden in dieser Periode städtische Böden im Ausmaß von 217.835 Quadratpic erworben, das sind 136 alte oder 125 Meterdunam. Die Gesamtfläche der städtischen Böden des K. K. L. beträgt 2, 804.612 Quadratpic, das sind 1611 Meterdunam. 4. Pflanzungen. Während der Augustunruhen 1929 wurde in Hulda ein großer Teil des Fichtenwaldes, zirka 15.000 Bäume, verbrannt. Im Forst von Mischmar Haemek wurden damals 7000 einjährige Setzlinge, d. s. 60 Prozent aller Setzlinge, ausgerissen. l.i der abgelaufenen Periode konzentrierte sich die Aufforstungsarbeit auf einige Orte, z. B. Ginegar, wo der Balfour-Wald — eine Spende der englischen Juden — gepflanzt wurde. In der Nähe wurde der König-Peter-Wald, eine Spende der jugoslawischen Juden, angelegt. In Ginegar wurden in den letzten drei Jahren 400.000 Bäume auf 1400 Dunam gepflanzt, in Mischmar Haemek 154.000 Bäume auf 568 Dunam. ln Sarid wurde der Masaryk-Hain und der Hain der Kriegsgefallenen aus der Tschechoslowakei gepflanzt, in Wir erledigten das Mittagessen in aller Eile und mein Vater, sichtlich froh bewegt, zog sich ln sein Zimmer zurück. Er erschien bald wieder, das schwarze Haar und den Bart sorgfältig gebürstet, in seinem vollen Priesterstaat aus schwerer schwarzer Seide, mit einem blendend weißen Kragen und über die mächtigen Schultern den weißseidenen, goldgestickten Talles gebreitet, dessen lange Fransen bis zu den Knien herabhingen. Aus seinen Augen leuchtete ein inneres, geistiges Feuer und jeder Zoll seiner hochragenden Gestalt repräsentierte den großen Schriftgelehrten, der er war. Ich hatte mich indessen in meinem Stübchen gewaschen und gekämmt und das Schulkleidchen mit meinem Feiertagsgewand vertauscht, denn ich war fest entschlossen, mich zu vergewissern, ob das überirdische Gesicht im Wagen mit demjenigen des Sir Moses Montefiore identisch sei. Ich schlüpfte durch das geöffnete Tor der Synagoge, die an unser Haus grenzte, aber da stieß ich schon auf Jeiteles, der eine sehr überlegene Miene aufgesetzt hatte: «Halt, Kind!», warnte er mich hoheitsvoll. «Ein kleines Mädchen hat hier nichts zu suchen, und wenn du auch zwanzig Jahre älter wärest, dürftest du ebensowenig die Schwelle dieses heiligen Raumes überschreiten. Weiber zählen beim «Minjan» nicht mit, sie gehören auf die Galerie!» Sehr beschämt über die Minderwertigkeit meines Geschlechtes, die mir zum ersten Male zum Bewußtsein kam, wollte ich zur Galerie emporschleichen, aber der umsichtige und tüchtige Tempeldiener hatte bereits die Türe zu derselben abgesperrt, um die weibliche Neugierde von der Feierlichkeit auszuschließen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich in der Einfahrt, im Schatten des Torflügels zu verbergen, wo ich ungesehen alles beobachten konnte. 1J-, c,-schien auch schon der Vorstand der Gemeinde mit dem Vize-Vorstand und einer Reihe anderer Honoratioren. Und herein stolzierte auch unser Kiriat Anawim der Einstein-Wald angelegt. In Hulda wurden 10.000 Bäume neu gepflanzt, an der Grenze von Wadi Chawarith 40.000 Eukalyptusbäume, in der Haifabay 80.000 Bäume usw. In den letzten zwei Jahren wurden vom K. K. 1.. gepflanzt: Im Jahre 5690 — 945.478 Bäume, im Jahre 5691 — 1,224.915 Bäume. 5. Ameliorationsarbeiten. In der Haifabay wurde ein 5780 m langer Hauptkanal, der bis 10 m breit ist, ausgegraben: die Nebenkanäle sind 3400 m lang. 55.000 m3 Erde wurden ausgegraben und 91.000 m3 ausgefüllt. In Charbadj wurden 2000 m Betonkanäle von 40 cm Durchmesser von den Sümpten bis zum Kischon gezogen. Selbst während der Regenperiode ist nun dieses Gebiet malariafrei. Auch in Kubebe wurden Sümpfe drainiert Außerdem wurden in sieben Siedlungen Wasserinstallationen errichtet, viele in Angriff genommen und im Emek zwei neue Brunnen gegraben. * Viel Schweiß und Blut klebt an dieser Arbeit. Was geschaffen ist, bleibt nicht immer erhalten. Nicht nur durch die Augustunruhen des Jahres 1929 ging viel zugrunde; durch die Tücke der arabischen Nachbarn wird auch jetzt noch oft großer Schaden angerichtet. Diebstähle ereignen sich häufig und oft werden Setzlinge ausgerissen. Aber unsere Chaluzim lassen nicht locker. Sie opfern ihre Gesundheit und ihr Leben. Wir in der üaluth reden nur und spenden bestenfalls. Wo sind die Zionisten in Oesterreich, die für den Keren Kajemeth opfern, die sich ein Vergnügen entgehen lassen und dafür das ersparte Geld in die blaue Bücnse werfen? Empfinden es die österreichischen Zionisten nicht als Schande, daß die K. K. L.-Einnahmen in Oesterreich zurückgehen? Man spendet dem K. K. L., wie man dem Schnorrer eine Gabe reicht, und viele glauben, reden mache seliger als geben, die Tätigkeit für den Nationalfonds könne die Jugend nicht begeistern, Deklarationen nachbeten sei das Heil für jung und alt. Hier muß Wandel geschaffen werden. Verantwortungsvolle Menschen denken darüber nach, wie das geschehen soll, wie die Juden Oesterreichs in den Dienst praktischer Palästina-Arbeit gestellt werden können. Unser Altmeister Kremenezky und der Herzl-Klub sind durch die Uebernahme des Spesenetats des K. K. L. mit gutem Beispiel vorangegangen. Ein umfassender konstruktiver Plan für Oesterreich wird nachfolgen. Davon wird man bald hören. o. g. Die palästinensischen Arbeitersportler haben das Herzl-Grab besucht Wir haben in unserer letzten Nummer, in der Rubrik «Sprechsaal der Stimme» eine Zuschrift aus dem Leserkreis veröffentlicht, ln der der Einsender den palästinensischen Arbeitersportlern, die zur Olympiade nach Wien gekommen sind, den Vorwurf machte, sie hätten es nicht für notwendig gehalten, unseren großen Führer Theodor Herzl durch einen Friedhofsbesuch, beziehungsweise eine Kranzniederlegung zu ehren. Im Zusammenhang damit werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß der in der betreffenden Zuschrift enthaltene Vorwurf grundlos ist. Die palästinensischen Arbeiters p'ort ler haben das Grab auf dem Döblinger Friedhof gemeinschaftlich aufgesucht und auf diese Weise dem selbstverständlichen Gebot der Pietät Genüge getan. Es wurde uns sogar eine Photographie vorgelegt, auf der eine Gruppe von Arbeitersportlern aus Palästina vor dem Herzl-Grab abgebildet ist. bildschöner Tempelsänger, das Barett auf dem Kopfe, mit dem schwarzseidenen Talar angetan, der kurz genug war, um die sehr eleganten Stiefeletten sehen zu lassen. Als mein Vater eintrat, stürzte ich, alle Vorsicht außer Acht lassend, auf ihn zu. Er machte mir ein Zeichen, zu verschwinden. Ich hatte kaum mein früheres Versteck wieder bezogen, als ein Wagen vorfuhr. Jeiteles sprang ab und riß die Wagentür auf. Ein sehr stattlicher Mann stieg aus und schritt langsam auf die Synagoge zu. Mein Vater verbeugte sich ehrfürchtig vor ihm und bot ihm seinen Arm. Nun konnte ich das wunderbare Gesicht deutlich wiedererkennen. Moses Montefiore nahm seinen Zylinder ab und übergab ihn dem Tempeldiener. Mit einem schwarzen Käppchen auf dem weißen Haar, trat er am Arm meines Vaters, den er an Größe noch etwas überragte, in die Synagoge ein. Hunderte von brennenden Kerzen warfen ihren Glanz auf die Gruppe betender Männer, doch der wachsame Jeiteles schloß die Türen der Synagoge von innen zu. Ich mußte zum Nachmittagsunterricht in die Schule eilen. Mit meinen Gedanken war ich freilich anderweitig beschäftigt und konnte das Ende der Lehrstunden kaum erwarten. Als ich wieder nach Hause kam, lief ich schnurstracks in das Studierzimmer meines Vaters. Er blickte auf und begrüßte mich lächelnd. Ermutigt kam ich näher. Da legte er mir beide Hände auf das Haupt, wie er es tat, wenn er Freitag abends aus der Synagoge heimkam: «Gott segne dich, mein Kind», flüsterte er tief bewegt. «Du hattest Recht: das Gesicht, das du im Wagen sahst, war das Antlitz des Sir Moses Montefiore. Vergiß niemals, meine Tochter, daß es dir heute vergönnt war, den größten Juden unserer Zeit zu sehen.» (Aus dem Englischen übertragen von Alice Gurschner.) Glossen Wer ist schuld? Dar Jud! Vor etwa einer Woche haben fast sämtliche Wiener Blätter Stellung gegen das unglaublich bureaukratische Vorgehen der Wiener Zollbehörde genommen. Da hatte ein Wiener jüdischer Kaufmann im Ausland knapp vor der Zollerhöhung 50.000 kg Gurken bestellt, die aber erst nach dem Inkrafttreten des neuen Zollsatzes geliefert wurden. Der Kaufmann wollte den erhöhten Zoll nicht bezahlen und machte sich erbötig, die )Vare an Arbeitslose zu verscheKK?n. Die Zollbehörde aber meinte, daß auch in diesem Falle zuerst der Zoll bezahlt werden müsse, und da der Kaufmann natürlich darauf nicht emgehen konnte, wurden die Gurken in die Donau geworfen. Das Wiener nationalsozialistische Blatt «Der Kampfruf» schreibt min dazu unter dem Titel «Schildbürgerstreich oder Verbreche n?» aui der Titelseite seiner Paniphletensammlung: «W as macht nun der Jude mit den Gurken? Am Dienstag, 4. August, von Uhr früh bis abends, wurden mit 30 bis 40 Fuhren alle 50.000 Kilogramm Gurken zur alten Donau unterhalb der Reichsbrücke geführt und dort unter Aufsicht eines Wachmannes und drei uniformierter Finanzbeamten in die Donau geschüttet!» Wenn also andere Hetzereien nichts mehr fruchten und auch Lügen keinen Erfolg haben, weil man leider nach dem österreichischen Pressegesetz dann die eingesandte Berichtigung bringen muß, so kann man auf andere Art seine revolverjournaiistischen Fähigkeiten beweisen. «Was macht nun der Jude mit den Gurken?» Daß er sie verschenken wollte, daß er gezwungen wurde, die Lebensrnittel zu vernichten, das braucht man nur zu verschweigen und die Lüge ist gar nicht mehr nötig. Man umgeht einfach die Wahrheit — und der Erfolg ist verbürgt. b. g. Zahlen, die erschüttern ln der letzten Nummer der «Menorah» veröffentlicht Dr. Leo Goldhammer eine Arbeit über den Lebensüberdruß bei den Juden. An Hand statistischer Daten und Vergleichstabellen erfahren v/ir, daß die Zahl der jüdischen Selbstmordfälle in den Nachkriegsjahren eine erschreckende Höhe angenommen hat. Im Jahre 1928 gab es in Wien 100, in Warschau 50, in Berlin 76 Selbstmorde bei den Juden. Eine Statistik von der Vorkriegszeit liegt nicht vor, es ist jedoch klar, daß die Zahl der Selbstmorde bei den Juden damals minimal war, jedenfalls aber unverhältnismäßig kleiner als sie heute ist. Insbesondere besorgniserregend ist die Zahl der jüdischen Selbstmörder in Wien. Im Jahre 1925 waren es 77, im Jahre 1928 schon 100. Im Vergleich zu allen anderen Bevölkerungsteilen weisen die Juden die größte Selbstmordziffer auf. Die Zahl der Selbstmordfälle bei den Juden verhält sich zur Zahl dieser Fälle bei den Katholiken, wie 5:4, das heißt, daß die Not bei den Juden um ein Fünftel größer ist als bei den Katholiken. Die Not ist groß. Das ist der wichtigste Grund für das Steigen der Selbstmordziffer überhaupt, lind die Not bei den Juden ist besonders groß, daher das Steigen der Zahl der jüdischen Selbstmörder. Traurig stimmt diese Tatsache, traurig auch deshalb, well sie als eine Folge der Zerrüttung des einst berühmten jüdischen Familienlebens gewertet werden muß und weil das mit der jüdischen Religion verbundene Prinzip der Lebensbejahung und der Lebensfreude nunmehr der Vergangenheit anzugehören scheint. Der nervenzerstörende Kampf ums Dasein, die schwere, wirtschaftliche Lage, die nivellierende Wirkung des Großsfadtlebens haben große Breschen in die lebensbejahende jüdische Weltanschauung geschlagen. Ein Zeichen der Zeit, eines der gefährlichsten Symptome: der Lebensüberdruß bei den Juden ist groß und wird von Jahr zu Jahr größer. S. H. Farbstein Kolonisatfonsreferent der Exekutive Die palästinensischen Zeitungen melden, daß das neugewählte Mitglied der zionistischen Exekutive H. Farbstein bereits in den nächsten Tagen in Palästina eintreffen wird, um das Amt eines Dezernenten für Mittelstands-Kolonisationsfragen in der Palästina-Exekutive der Jewish Agency zu übernehmen. Wie der Warschauer J. T.-A.-Vertreter erfährt, sind die Meldungen aus der Palästina-Presse über die bevorstehende Ankunft H. Farbsteins in Palästina verfrüht. Herr Farbstein begibt sich zunächst auf drei Wochen nach Karlsbad und wird sein Amt in Palästina erst nach den hohen jüdischen Feiertagen antreten. Er wird sich ln Palästina nicht bloß mH den Problemen der Mittelstandssiedlung befassen, sondern als Nachfolger Dr. Ruppins die Leitung der gesamten Koloitlsationstätlgkelt der Palästina-Exekutive übernehmen. Die älteste und einzige Tageszeitung in jiddischer Sprache in Kleinpo'en und Wolhynien erscheint täglich in Lwow (Lemberg). Erstklassiges Insertionsorgan dank seiner Verbreitung In den jüdischen Handels-, Gewerbe-, Industrieu. privaten Kreisen. Die Adresse des Verlages: «Tugblat», Lwow, Lindego 7. Telephon 4-68. Postscheckkonto .Krakow Nr. 411.806. Monatl Bezugsgebühr 5 Z!., Ausland:. 1 Dol. monatl. Das erfolgreichste Reklame-Organ anläßlich der XI. Ost« messe in Lemberg vom 5. bis 15. September 1931. i