Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 188 (13.8.1931)
- Date
- 1931-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. loH — i3. August 1931 OIE STIMME Seite 3 Nach der Hetzkonferenz in Nablus Von J. K., Tel-Avlv. Die hebräische Tageszeitung «Haarez» veröffentlicht folgenden Aufsatz über die von den arabischen Hetzern abgehaltene Konferenz in Nablus, die den Beginn von großangelegten Unruhen und Ueberfällen auf die jüdischen Kolonien im Lande darstellen sollte. Die Nabluser Konferenz war der Gipfelpunkt der hetzerischen Kampagne, die im Lande schon seit vielen Wochen von einem Großteil der#arablschen Presse betrieben wurde. Wir wissen nicht, ob in den arabischen Blättern alles, worüber in dieser Konferenz gesprochen worden ist, veröffentlicht wurde; aber auch das wenige, das zum Abdruck gelangte, genügt, um als letztes Memento gewertet zu werden, ein Memento, an jene gerichtet, die verantwortlich sind für die Ruhe und Ordnung in Palästina. Die Gefahr ist groß. Aufwühlende Reden, die in Nablus gehalten, und «patriotische» Vorschläge, die dort gemacht worden sind, beweisen dies klar. Wie es heißt, nahmen an der Nabluser Konferenz die arabischen Notabein nicht teil. Die Rädelsführer dieser Tagung waren vorwiegend Leute, die sich bisher noch nicht hervorgetan haben, und von den alten nur die Radikalsten. Jedoch darf man annehmen, daß hinter den Kulissen auch unsichtbare Hände am Werke sind, die Stricke halten, mit denen sie die im Vordergrund Stehenden bewegen. Diese unsichtbaren Hände haben eine große Rolle im August 1929 gespielt. Auch jetzt glaubten sie, die Aufgabe des Feuerschürens erfüllen zu müssen. Berechtigt ist auch die Vermutung, daß es hier Helfer im Ausland gibt. Denn die politische Lage der palästinensischen Araber ist gar nicht schlecht. Die Politik der Palästinaadministration wie auch der Londoner Regierung ist durch und durch proarabisch. Der Landentwicklungsplan und Herrn Dr. Shiels’ Kommentare zu diesem Plan bilden für die Araber keinen Grund zu schreien, daß Ihre Rechte gekürzt worden sind. Und nicht umsonst sparte die arabische Presse in der letzten Zeit nicht an Komplimenten, die sie dem scheidenden Oberkommissär zollte. Zu unserer Schande müssen wir noch eine Tatsache hervorheben, die danach angetan ist, die Araber nicht zu «erzürnen», sondern im Gegenteil sie zu «beruhigen»; die Ansiedlungstätigkeit der Juden im Lande ist augenblicklich gleich Null -— dies allerdings nicht als Folge arabischer Drohungen oder Schwierigkeiten, die uns im Wege stehen, sondern aus anderen Gründen: vor allem wegen der inneren ■Zerwürfnisse, wegen der wirtschaftlichen Katastrophe ln der Galuth und der unfruchtbaren Kritik des politischen und wirtschaftlichen Systems. Es ist klar, daß uns in unserer nationalen Aufbauarbeit kein noch so schwerer Ukas seitens der Mandatsregierung stören wird. Wir haben gekämpft und wir werden weiter kämpfen um unser heiliges Recht, die jüdische Heimstätte aufzubauen. Wir werden um dieses Recht kämpfen bis zum Siege. Doch dürfen wir uns nicht der Tatsache verschließen, und wir dürfen sie auch nicht vor anderen verschweigen, daß nun zu unserem Unglück eine Epoche des Erlahmens unserer Arbeit hereingebrochen ist, eine Epoche schwerer innerer Kämpfe. Und naheliegend ist deshalb die Frage, warum gerade dieser Augenblick, da unsere Arbeit kleiner geworden Das Gesicht im Wagen Erinnerungen an Sir Moses Montefiore Von Rosa S u n s h i n e. Mrs. Rosa Sunshine (Sonnenschein,) Chicago, ist eine der bedeutendsten Journalistinnen und interessantesten Frauen in U. S. A. Die nun über 85 Jahre alte Dame kam vor dem Weltkrieg oft nach Ungarn, um ihre Heimat wiederzusehen, an der sie mit großer Treue hing. Als Herausgeberin einer vielgelesenen amerikanischen Frauenzeitung ging ihr ein guter literarischer Ruf voran. Rosa Sunsnine * war die einzige weibliche Delegierte auf dem Zionistenkongreß zu Basel im Jahre 1897. Aufrichtige Freundschaft verband sie mit Theodor Herzl und Dr. Max Nordau. Persönlichkeit ist eine höhere Gabe, als Schönheit, weil ihr das Alter nichts von ihrem Zauber rauben kann. Ich habe, noch fast im Kindesalter stehend, die ans Wunderbare grenzende Macht einer solchen Persönlichkeit kennen gelernt, und der Eindruck, den jene Begegnung auf mich ausübte, ist heute, nach siebzig Jahren, noch nicht erloschen. Unsere Schule in Groß-Kanizsa war an der Bahnhofstraße gelegen, auf der täglich um die Mittagszeit die Wagen mit den Reisenden und Fremden in die Stadt rollten. Um dieselbe Stunde wurden wir Kinder täglioh zum Mittagessen nach Hause entlassen. Als Ich eines Tages allein heimging, gewahrte ich in der Ferne einen großen, offenen Wagen mit zwei Insassen, und als er näher kam, wurde Ich auf einen alten Herrn aufmerksam, der bequem im Fond zurückgelehnt saß. Sein Gesicht glich keinem anderen, das ich je gesehen hatte. Die mächtigen Züge, die große Nase schienen wie aus Marmor gemeißelt. Sein blasses, ovales, faltenloses Gesicht war von einem ungewöhnlich hohen, spitzigen Kragen eingerahmt. Ein hoher schwarzer Zylinder bedeckte den Kopf und ließ nur eine schmale Franse schneeweißen Haares ^ci. Aber wie könnte ich den Aus- JÜDISCHE ELTERN! Kauft SchulbUcher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der Id«. ■uchhandlunflJMarmJKICMNftR Wlaaf II., Or. SIsdlSSHTnEckeTT borstraße 52) LEIHBIBLIOTHEKi AlleNeuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen täglich, keine weiteren Gebühren 1 Für Anfragen Telephon R-41-4-20 ist, gewählt wurde, um Haß und Oift zu verbreiten und zu Unruhen aufzufordern! Die ganze Angelegenheit der versiegelten Waffenkisten, die von der Regierung unter den jüdischen Kolonien verteilt worden sind, damit sich diese am Tage der Gefahr schützen könnten, ist doch nichts anderes, als eine Augenauswischerei. Diese Waffenkisten sind ja nichts Neues. Ist es doch eine Tatsache, daß sie schon ein;. Jahre vor dem August 1929 in vielen jüdischen Kolonien lagerten. Und keine einzige Siedlung hat sie je benützt, wenn nicht äußerste Gefahr drohte. In einigen Kolonien waren die Waffen sogar, als man die Kisten öffnete, ganz verrostet und in Tagen der Unruhen nicht zu gebrauchen. Die Regierung und die Araber wissen ganz genau, daß die Juden weder einzeln noch in Gruppen jemals Araber überfallen haben. Und nun wurden plötzlich diese Waffenkisten zu einer «brennenden Angelegenheit» und zum Mittelpunkt der Nabluser Konferenz. Im August 1929 war die Klagemauer ein Anlaß — heute sind es die Waffendepots. Damals verbreiteten die Hetzer die Lüge, daß die Juden das mohammedanische Heiligtum rauben wollten, und jetzt telegraphieren sie an alle arabischen Fürsten und Könige, daß «die Juden rüsten». Geheime Absichten stecken, wie damals, so auch heute, hinter dieser verbrecherischen Kampagne, und die Regierung gefällt sich heute genau so wie zu jener Zeit in der Rolle eines «objektiven Beobachters», ohne von vornherein das Unheil Im Keime ersticken zu wollen und die Schuldigen nach dem Gesetz streng zu bestrafen. Wenn wir selbst annehmen, daß für den Frieden keine Gefahr besteht, weil die Kräfte der Regierung genügen, um den Ausbruch der Unruhen zu verhüten, so muß n n sich doch die Frage stellen: Genügt denn nicht d V Tatsache der öffentlichen Hetze in der Presse und ir. den Versammlungen, um die moralischen Grundig;en des arabischen'Volkes zu erschüttern und die arabische Jugend zu fanatisieren? Die Regierung errichtete Hunderte von Schulen für die Araber, um diese für ein Kulturleben zu erziehen. Was nützen alle diese Schulen, wenn die arabischen Zeitungen, arabische Kongresse, wie der Nabluser, und arabische Führer, die an dieser Tagung teilgenommen haben, in einemfort Brandfackeln des Hasses in das Volk werfen? Und wie kann man sich mit dem Zustand einverstanden erklären, daß es in unserem Lande den Hetzern gestattet sein soll, ununterbrochen zu Unruhen und Aufständen aufzufordern, ununterbrochen die Atmosphäre mit Rassenhaß und Religionshaß zu vergiften und Verleumdungen zu verbreiten? Die Nabluser Konferenz muß der Regierung als ein letztes Memento dienen. Wenn die Zügel aus der Hand gelassen werden, ist die Gefahr groß. Gefährlich ist eine Freiheit für dunkle Elemente, die Öffentlich und druck seiner tiefliegenden Augen schildern? Er bemerkte wahrscheinlich, wie sehr ich ihn anstaunte, denn die Spur eines Lächelns flog Uber sein regungsloses Gesicht, das, plötzlich wie von einem geistigen Licht erhellt und verwandelt, mir völlig überirdisch vorkam. Ich stand wie gebannt und starrte dem Wagen nach, bis er meinen Augen entschwunden war. Ich versuchte, mich zu sammeln, aber ich schritt wie unter einem hypnotischen Einfluß dahin. Als ich zu Hause anlangte, fand ich die Familie um den Tisch versammelt und die Suppe aufgetragen. «Warum kommst du so spät, mein Kind?» forschte mein Vater etwas streng. — «Vaterl» rief ich erregt, «ich habe einen Mann in die Stadt fahren sehen, der genau so aussah, wie der große Gesetzgeber Moses!» — «Hast du Moses gekannt?» fragte mein Vater belustigt. — «Nein, Vater, aber ich stelle ihn mir gerade so vor.» — «Schon gut, Rosinka. Setz dich und iß deine Suppe, ehe sie kalt wird.» Ich tat, wie mir geheißen wurde, aber loh hatte kaum ein paar Löffel voll geschluckt, als eilige Schritte durch das Haus hallten. Die Speisezimmertüre wurde weit aufgerissen und unser Tempeldiener stürzte atemlos herein. Mein Vater, der in einem Lehnstuhl am Tische obenan saß, schien ungehalten, aber er fragte ruhig: «Was gibt es, Jeiteles? Ist Jemand plötzlich gestorben?» — «Aerger, Herr Oberrabbinerl Viel ärger! Moses Montefiore ist in Qroß-Kanizsal» —«Jeiteles, bist du verrückt geworden, oder träumst du?» rief mein Vater, sich zu seiner vollen imponierenden Höhe aufrichtend. —«Nein, Herr Oberrabbiner, ich bin ganz wach. Sir Moses Montefiore ist wirklich hier angekommen, int Hotel zur Krone abgestiegen und hat gleich um mich geschickt.» — «Um dich, Jeiteles? Warum hat Sir Moses Montefiore um dich geschickt?» erkundigte sich mein im geheimen ihre verbrecherischen Absichten spinnen. Gefährlich ist ein liberales Spiel mit Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit, als Oeschenk Elementen dargebracht, die Unruhe wollen. Es scheint uns, daß die Zeit gekommen ist, Notverordnungen zu erlassen, um Frieden und Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Denn dieser Friede wird von Tag zu Tag mehr gefährdet. (Sei den {Revisionisten Die Revisionisten Palästinas für den Austritt aus der zionistischen Organisation T e 1 * A v 1 v, (J. T. A.) Eine Konferenz der revisionistischen Partei Palästinas hat eine Entschließung angenommen, in der es heißt, die Ergebnisse des Zionistenkongresses in Basel hätten gezeigt, daß es fiir die Revisionisten in der Gesamtorganisation, die nicht länger berechtigt sei, sich eine zionistische Partei zu nennen, keinen Platz gäbe. Die Konferenz erklärte ihre vollständige Uebereinstimmung mit dem Standpunkt Jabotinskys in dieser Frage. Die Resolution wird als Instruktion für die palästinensischen Delegierten auf der revisionistischen Weltkonferenz im Dezember dieses Jahres gelten. Von den 70 Delegierten haben bloß 35 für diese Resolution gestimmt, während die übrigen sich teils der Stimme enthielten, teils dagegen stimmten. Nach Annahme der Resolution legte eine Gruppe von acht Delegierten formell Protest ein, daß die Frage eines Austrittes aus der Zionistischen Organisation überhaupt vor dem Zusammentritt der Weltkonferenz erörtert wurde. Konferenz des Brith Trumpeldor in Polen Warschau. (J. T. A.) In Warschau wurde am 3. August die Landeskonferenz der revisionistischen Jugendorganisation Brith Trumpeldor in Anwesenheit von 250 Delegierten eröffnet. Der Führer des Brith Trumpeldor in Polen A. Propes erklärte in seiner Eröffnungsansprache, der Zweck der Beratungen der Konferenz sei es, einen Weg zur Erzielung einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit in Palästina zu finden. Namens der Exekutive der zionistischen Weltorganisation begrüßte H. Farbstein die Konferenz. A. Propes erstattete den Rechenschaftsbericht, aus dem zu entnehmen war, daß der Brith Trumpeldor in Polen in den letzten Jahren stark gewachsen ist und heute über 16.000 Mitglieder umfaßt, von denen mehr als 1000 in Hachscharah stehen. Die Revisionisten Frankreichs fordern Jabotinsky auf, seinen Urlaub abzubrechen Paris. (J. T. A.) In einer in der Union der Zionisten- Revisionisten in Paris angenommenen Resolution wird Wladimir Jabotinsky aufgefordert, sofort zur aktiven Mitarbeit zurückzukehren und die Leitung der revisionistischen Organisation wieder zu übernehmen. Denketan die Krawalle an dar Handelshochschule! unentgeltlich»0 Stellenvermittlung der Hakoah Wer ausgeblldatas, tüchtiges und diszipliniertes Personal aller Art und aller Branohen braucht, wende aloh an die HAKOAH, I., Wleslngerstr, 11 / Tel, R-25-0-10 Vater, der noch an der Wahrheit dieser Nachricht zweifelte. — «Vater!» rief ich triumphierend, «es ist gewiß der wunderbare Mann, den ich im Wagen gesehen habe!» — «Man hat mich ins Hotel geholt,» erklärte der Tempeldiener geschäftig, «Sie wissen ja, daß ich dort gegenüber wohne... ich wurde in ein prachtvolles Appartement geführt und von seinem Sekretär empfangen. Er sagte mir: Melden Sie Ihrem Herrn Oberrabbiner H. B. Fassei, daß Sir Moses Montefiore, der auf einer Reise zum Sultan begriffen ist, den er um Schutz für die verfolgten Juden im Orient bitten will, die Reise hier unterbricht, um für seine kürzlich gestorbene Gattin in Dr. Fasseis Synagoge Kadisch zu sagen. Sir Moses ersucht Ihren Herrn Oberrabbiner, alles Nötige für diese Feierlichkeit sogleich vorzubereiten, weil er seine Fahrt schon in drei Stunden fortsetzen muß, um rechtzeitig beim Sultan in Audienz zu erscheinen.» Nachdem sich Jeiteles dieser wichtigen Botschaft entledigt hatte, sank er ganz erschöpft auf einen Stuhl. „Es ist für die Gemeinde und für mich eine große Ehre, Sir Moses Montefiore zu dienen,» entgegnete mein Vater ergriffen. «Geh in die Synagoge, Jeiteles, zünde alle Kerzen an, auch diejenigen auf der Galerie, dann hole zehn unserer vornehmsten Gemelndemitglieder, auch den Kantor Goldstein, er muß den Gottesdienst mit dem Sch’ma Jisroel eröffnen. Ich selbst werde die Gebete lesen. Wenn alle in der Synagoge versammelt sein werden, rufst du mich, damit ich den hohen Besuch in der Vorhalle erwarten kann. Du aber gehst dann ins Hotel, meldest Sir Moses, daß alle« bereit ist und geleitest ihn in die Synagoge. Hast du verstanden?» — «Jawohl, gewiß, Herr Oberrabbineri Alles, was Sie befohlen haben, wird pünktlich geschehen.» Damit verschwand der kleine Mann,