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Die Stimme · 1931-08-06 · Heft 187 (6.8.1931) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 187 (6.8.1931)
Date
1931-08-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 187 — 6. August 1931 ■Das I ugMat- Die älteste und einzige Tageizeitung in jiddischer Sprache in Kleinpolen und Wolhynien erscheint täglich in Lwow (Lemberg). Erstklassiges Insertionsorgan dank seiner Verbreitung in den jüdischen Handels-, Gewerbe-, Industrieu. privaten Kreisen. Die Adresse des Verlages: «Tugfclat», Lwow, Lindego 7. Telephon 4-68. Postscheckkonto Krakow Nr. 411.806. Monatl. Bezugsgebiihr 5 ZI., Ausland: 1. Do!, am. Das erfolgreichste Reklame-Organ anläßlich der XL Ost- , , , , Lemberg vom 6. b><!ö. .S'-'d' 'r~r 16-31, Marienbader Brief Von A. Meiseis. Marienbad, im Juli. Kennen Sie das Ghetto in Marienbad? Eine Seitengasse der Hauptstraße zu Marienbad wählten sich die jüdischen Kurgäste ‘Marienbads zum Mittelpunkt. Dort finden Sie koschere Restaurants und Batej Beth Hamidrasch, Mikweh, Tallesimhändler, Schnorrer der Mendele-Epoche usw. Wer nie einen Freitagabend im Marienbader Ghetto gesehen hat, kann nicht begreifen, was Prinzessin Sabbath bedeutet. Freitag abends. Die Sonne küßt die Berge zum Abschied, der Himmel ist in rötliches Feuer getaucht, ein kühler Wind streichelt die bewaldeten Gebirge, die Damen — fester sich in ihre Mäntel hüllend — strömen lustig lachend ins Cafö Fürstenhof, wo Dolfi Dauber heute seine jüdischen Motive spielen wird. Der Wahrheit die Ehre. Keine Oper hat diesen Erfolg, wie die zusammengewürfelten jüdischen Volkslieder, garniert mit Kol Nidrei und Hatikwah — ein Potpourri der Gäste, ein Potpourri der Musik. Anders in unserem Ghetto. Eilenden Schrittes laufen die Juden in Kaftan, Streimel und weißen Socken zu David Leitner ins Hotel National, um den Sabbath zu empfangen. Der Raw des Hauses kontrolliert noch in letzter Minute den «Erew», — es gruppieren sich um ihn Kurgäste aus Deutschland, die ihn darauf aufmerksam machen, daß er mit dieser Antenne das Ausland nicht empfangen könne, er schließt die Diskussion, da laut dem Buch «Schulchan Aruch» der «Erew» richtig ist. Endlich wird die Arbeit fertig und man beginnt Kebboieh Schabbos. Der Hausschochet Reb Herscheie, der die Privilegien zum Vortrage des Lecho Daudi besitzt, singt eine mir sehr bekannte Melodie, aber leider will es mir nicht gelingen, ihren Ursprung zu ergründen. Erst spät nachts erinnere ich mich — die «Habimah» sang dieselbe Melodie beim Dibuk. Wer stahl sie wem . . . Unten im Saal brennen die Sabbathlichter. Auf jedem Tische zwei-Silberleuchter, die jüdische Frau aus Deutschland b~ringt nach Marienbad ihren Persianermantel und die Sabbathleuchter mit. Hie und da sehen wir aber auch Benschlichter in Bierflaschen befestigt. Allmählich füllt sich der Saal, das Marewgebet ist beendet. Man grüßt «Gut Schabbos» und der Mann macht Kiddusch. Man beginnt die Semiroth leise, ganz leise, und allmählich schwillt es zu einem mächtigen Gesang an. Jeder Tisch eine andere Stadt, jedes Semiroth eine andere Melodie. Hundert Städte — hundert Alelodien. . Der Saal ist voll. Die Fensterscheiben schwitzen. Der Besitzer des Hotel National streift zwischen den Tischen herum, um bei seinen Gästen die zeremonielle Begrüßung mit lachendem Gesicht vorzunehmen. Der Sohn in Frack und Käppi nimmt Wünsche und Beschwerden entgegen und achtet gleichzeitig auf die Kellner, daß diese nur ja am Schabbes kein Geld annehmen. Passiert es doch einmal, daß ein Kellner am Freitagabend abgerechnet hat, so wird er prompt entlassen und der Sohn übernimmt die weitere Bedienung. Der Freitagabend im Hotel National übertrifft Heinrich Heines Dichtung in seinem «Buch der Lieder». ' Am anderen Ende des Hauses residiert der Beizer Zaddik mit seinem Hof. Es ist schon längst nach dem Marewgebet. Die Chassidim in verschiedenen Gruppen erzählen einander Wunder und Geschehnisse vom iAlten» — und von tiefen Geheimnissen der mystischen Lehre. Einige studieren den menen «skärbowe» Nigun in drei Fällen. Plötzlich wird die Tür aufgerissen und der Beizer Zaddik, ein kleiner schmächtiger Mann mit blassen, zartem Gesicht erscheint. Der Besitzer des Hauses sammelt seine Söhne und wird selbst Gast beim Beizer. Der Gastgeber wird zum Gastnehmer und genießt auch die Prinzessin Sabbath. Die traditionellen Gebete werden Wort für Wort vom Beizer vorgetragen und bis man fertig ist, ist Mitternacht längst vorbei. Marienbad ist jüdisch, durch und durch jüdisch. Aus sämtlichen Zeitungskiosken leuchten jüdische Zeitungen hervor. Auch für jüdische Kunst ist in Marienbad reichlich gesorgt. Im Hotel National befindet sich seit Jahren ein Jüdisches Variete, in welchem bekannte Wiener Künstler, wie: Hilda Dulitzkaja, Simche Fostel und Lora Glücksmann gastieren und allabendlich ihre Kunst vor einem zahlreichen Auditorium darbieten. Erfreulicherweise findet man hier keine Spur von Antisemitismus. Vom Wachmann bis zum höchsten Beamten, vom Lohndiener bis zum Villenbesitzer weiß jeder, daß er vom jüdischen Gelde lebt. Das antisemitische Jahr dauert hier nur 8 Monate. Letzten Sonntag geschah folgendes: Ein deutsches Lastautomobil mit Hitlerjungen und einer Hakenkreuzfahne passierte Marienbad; ein Wachmann erschien, sie mußten die Fahne einziehen und vom Hauptplatz verschwinden. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß hier für den Zionismus absolut nichts geleistet wird, obzwar hier der richtige Boden dafür wäre. Es wäre Pflicht der Prager Zentrale, mehr über Marienbad zu wachen. Der kleinen Zahl der Marienbader Zionisten steht während der kurzen Hochsaison nicht genügend Zeit für eifrige zionistische Arbeit zur Verfügung. Glossen Der alte Potemkin lebt noch Bernard Shaw ist entzückt. Er verkündet es triumphierend: Sowjetrußland ist sein langersehntes Ideal. Er war schon Ueberkommunist im Jahre 1918 und schickte damals seine Bücher mit einer begeisterten Widmung an Lenin, «in der Hoffnung, daß diese Widmung in ganz Europa veröffentlicht werden würde». Aber, weiß der Teufel, hatte Lenin damals andere Sorgen oder glaubte er nicht an das Bekenntnis Shaws, der durch die Massenauflage seiner Bücher ein dick verdienender Kapitalist ist — die «begeisterte Widmung» Shaws an Lenin wurde «niemals und nirgendwo» veröffentlicht. Nun, wir wollen hoffen, daß Shaw, dessen Eitelkeit nicht zu seinen großen Vorzügen gehört, durch den rauschenden Empfang entschädigt wurde, der ihm im neuen Rußland bereitet ward. Bernard Shaw ist entzückt. In seiner Moskauer Rede sagte er: «Ich habe alle „Schrecken“ gesehen, und sie haben mir sehr gefallen.» Niemand zweifelt daran, daß eine gute Regie Shaw nur das sehen ließ, was ihm gefallen konnte. Der alte Potemkin lebt ja noch. Hat Shaw aber nicht das erschütternde Buch Panait Istratis gelesen «Rußland, wie es ist»? Istrati war jahrelang in Rußland. Er kam so begeistert hin, wie Shaw jetzt wegfuhr. Istrati sah die Potemkinschen Dörfer zu Beginn seiner Rußlandreise; Rußland, wie es ist, sah er erst während seines Aufenthaltes. Dieses Buch «Rußland, wie es ist» ist kein Roman, es ist eine trockene Aneinanderreihung von erschütternden Daten, zusammengetragen aus russischen Zeitungen. Niemand wird dieses Buch ohne Erschütterung aus der Hand legen. Aber Shaw ist entzückt. Er sah nicht die Synagogen, die zwangsweise in Lenin-Klubs umgewandelt wurden, er weiß nichts von der Verfolgung der hebräischen Sprache und Kultur und von der Verfolgung der jüdischen Religion, nichts von den unglücklichen Juden, die in den sibirischen Eiswüsten schmachten, nur weil sie Zionisten sind. Er weiß nichts von den Millionen russischer Juden zu erzählen, die geknechteter sind als sie es zur Zeit dis Zarismus waren. Er ist restlos entzückt. «Opium fürs Volk» nannte Lenin die Religion. Opium für Dichter sind die Potemkinschen Dörfer, die man Shaw und seinesgleichen zeigt. Und in so ein Potemkinsches Dorf gehört natürlich auch die Kuhmagd, die Shaw über die Segnungen der Söwjetherrschaft aufklärt. Wenn es Shaw bisher nicht gewußt hat, jetzt weiß er es, was Sowjetglück bedeutet. Aber, Scherz beiseite: Shaw hätte allen Anlaß, entzückt zu sein von der wundervollen Regie der Sowjets. Der Dichter Shaw konnte etwas zulernen — am Politiker Shaw aber ist offenbar Hopfen und Malz verloren. Tarn. Sport und Rassenantisemitismus Die Wasserballer des I. Wiener Amateurschwimmklubs, dessen Funktionäre momentan im Schwimmverband die erste Geige spielen, haben sich anläßlich der letzten Sonntag in Linz abgehaltenen österreichischen Meisterschaften ein Stückchen geleistet, das wohl die Anerkennung ihres Abgottes Adolf Hitler finden dürfte, von allen Menschen mit Sportgeist aber als eine niederträchtige Büberei bezeichnet werden muß. "" Der Verbandsschwimmwart hatte ein Wiener Team nominiert, das gegen eine Provinzmannschaft hätte antreten sollen. Das Spiel kam nicht zustande, da die Ewaskleute sich weigerten, mit Juden in einer Mannschaft zu spielen. Man darf gespannt sein, wie sich der Schwimmverband zu dieser sportlichen «Großtat» verhalten wird. Die jüdische Oeffcntlichkeit darf verlangen, daß die Hakoah ihr Verbleiben in diesem Verbände von der drakonischen Bestrafung der Rassenschützler abhängig macht. Vom Ewask erwarten . wir aber eiserne Konsequenz. Es sollte uns freuen, wenn er sein nächstes Meeting unter der Devise «Juden ist der Eintritt verboten» abhaiten würde. Dadurch würden vielleicht viele Juden Geld ersparen, das sie viel zweckdienlicher verwenden könnten. Vielleicht würden sich dann auch die jüdischen Sportler der neutralen Vereine schämen, den Nazis Schützenhilfe zu leisten. H. Sp. Die Araber und der Landentwicklungsplan Jerusalem, 28. Juli. (J. T.-A.) Um die Besetzung der Stelle des arabischen Beraters des Landentwicklungsdirektors ist zwischen den beiden einflußreichsten arabischen Notabeinfamilien Palästinas, den Husseinis und den Nashashibis, ein lebhafter Wettstreit entbrannt. gctßtein’s Fanilitt-peflsiou j Mutation, KM»! I täglich 5-Ulir-1 ee g SEMMERING TELEPHON 11 Hochstraße 43 neben Hotel Panhans Mäßige Preise, vorzügliche Küche, Zttnmer m. Pension S 12.— aufwärts. Zentralheizung, fließendes Warm* und Kaltwasser in jedem Zimmer. Auskunft unter Telephon U-27-6-24 Um die Demokratisierung der Jewish Agency Ein Gespräch mit M. Jefroykine In einem Gespräch mit dem J. T.-A.-Vertreter äußerte sich der Vertreter der Nichtzionisten Frankreichs im Council der Jewish Agency M. Jefroykine über die Notwendigkeit einer Reform der Jewish Agency. Herr Jefroykine führte u. a. aus: Meiner Meinung nach bildete die Debatte über «ine Reform der Jewish Agency, d. h. über ihre Demokratisierung, den wichtigsten Teil der Verhandlungen der letzten Tagung des Council. Alle, die an dieser Tagung teilgenommen haben, sind sich dessen bewußt, daß das Fortbestehen der Jewish Agency in ihrer gegenwärtigen Form nicht möglich ist. Wenn die Agency nur ein aus einigen wenigen Persönlichkeiten zusammengesetztes Komitee bleibt, ein mechanisches Anhängsel der Zionisf-ehen Organisation, dann kann sie sich im jüdischen Leben keine bedeutende Stellung schaffen, noch auch eine ausreichende Tätigkeit zur Erfüllung ihrer Aufgaben entwickeln. In gewissen Kreisen der Zionistischen Organisation ist man der Ansicht, daß die Demokratisierung der Jewish Agency zu Meinungsverschiedenheiten und vielleicht zu einem Konflikt mit der Zionistischen Organisation führen könnte. Die große Mehrheit der Zionistischen Organisation teilt allerdings diese Ansicht nicht. Es ist zwar nicht unmöglich, daß solche Folgen wirklich eintreten. Aber selbst in diesem Falle müssen die Parteiinteressen dem jüdischen Patriotismus untergeordnet werden. Die Zionistische Organisation muß der Jewish Agency behilflich sein, die breiten Massen heranzuziehen. Ohne ein detailliertes Programm abzuwarten, sollten die Mitglieder der Jewish Agency in allen Ländern Gesellschaften zum Aufbau ihrer Organisation, entsprechend den Bestimmungen des Palästinamandates, gründen. Friedrich Gundolf gestorben Am Sonntag, den 12. Juli, vormittags, verstarb in der Heidelberger Universittsklinik der Professor der deutschen Literaturgeschichte an der Universität Heidelberg Dr. Fried1rich Gundolf im Alter von 51 Jahren. Mit Friedrich Gundolf, dessen Persönlichkeit und Entwicklung durch den engen geistigen Zusammenhang mit dem Dichter Stefan George bestimmt sind, ist einer der schöpferischsten deutschen Literaturhistoriker dahingegangen. Er hat die gesamte jüngere geistige Generation Deutschlands befruchtet. Sein erstes Hauptwerk «Shakespeare und der deutsche Geist» sieht in den Erscheinungen der Literaturgeschichte Träger und Ergebnisse von Lebensbewegungen, Symbole von geschichtlichen Kräften und Tendenzen. Seine weiteren Hauptwerke sind «Goethe», «Stefan George», «Heinrich von Kleist», «Caesar, Geschichte seines Ruhms», «Hölderr l i n», «L e s s i n g». Er schrieb auch einige Dichtungen wie «Fortunat», «Zwiegespräche». Im vorigen Jahre verlieh ihm der Hamburger Senat aus Anlaß der 200. Wiederkehr von Lesslngs Geburtstag seinen Lessing-Preis. Friedrich Gundolf wurde 1880 in Darmstadt als Sohn de~s Universitätsprofessors der Mathematik Siegmund Gundelfinger geboren. Er gehörte dem Judentum an, ohne je für jüdische materielle und geistige Angelegenheiten ein besonderes Interesse zu bekunden. Hebraica, Judaica, Zionistica sowie jüdische Literatur in größter Auswahl. Seidene und wollene Tallessim zu billigen Preisen. Buchhandlung JOSEF BELF WIEN, 1. RABENSTEIG 3 Prospekte kostenlos. KBe 71 AniA^Anl Schicket eure Kinder in die jüdische Schule! # I |1 8 | I I H ID I Chaiesrealgyntnaslum/Oeffenttichheltsrechl/Staatsgültige Zeugnisse/Hebräisch m/M I III I I ■ Englisch / Latein / Aufnahme ln allen Klassen I!., Castelle? gasse 35 Telephon R-48-2-82

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