Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 187 (6.8.1931)
- Date
- 1931-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. 187 — 6. August 193t PIE STIMME Seite 8 Ahasver in Amerika Kleine Beobachtungen aus dem Leben unserer Brüder in New-York Von Dr. E. Outheil (New York). Unser gesch. Mitarbeiter, Herr Dr.. E. Gutheil, der jetzt in Amerika eine wissenschaftliche Vortragstournee absolviert, sendet uns folgende Skizzen: Jüdischer Slang. Der amerikanische Eingeborene oder einer, der gerne dafür gehalten werden möchte, verhunzt vor allen Dingen die in Amerika schon an und für sich armselig gewordene englische Sprache. Er verschlingt Silben, Hackt Wortendungen ab (daß er statt «yes» nur «ye» sagt, ist noch das geringste!), und während sein Mund die unglaublichsten Grimassen schneidet, drischt er die unglücklichen englischen Wortähren aus, mahlt und quirlt sie und walkt sie aus, bis sie ein zäher Teig geworden sind. — Das Ganze heißt dann «Slang», der amerikanische Dialekt, der vorwiegend von den unteren Volksschichten gesprochen wird. Auch unsere Juden sprechen «Slang». Aber wie? Irgend ein Witzbold hat einmal gesagt: «Die Juden sprechen alle Sprachen — aber alle jüdisch.» Was unsere hier lebenden Brüder anbelangt, trifft dieses Witzwort bei ihnen zu. Für die jüdischen Amerikaner heißt «girl» (Mädchen) nur «gojl», «thirty» (dreißig) heißt «dojti», «first» (erster, zuerst) «fojsi» usw. Warum aber «gojl», «dojti», «fojst»? Oh, es hat alles einen tiefen Sinn! Ihr braucht hier nur den in der Tiefe schwingenden Grundtönen zu lauschen. Hört ihr das «Oj»? Es ist der ewig erklingende jüdische Seufzer, der sich der Brust von Millionen unserer Brüder entringt, was immer für Sprachen sie sprechen. Es ist das ewig gleiche jüdische «Oj», das ihr, wenn ihr noch hellhörend genug seid, zu jedem Stückchen Brot leise erklingen hört, das der Golusjude zum Munde führt... V<r An der Subway, der New Yorker Untergrundbahn, Richtung Lexington-Straße, fragte ein alter Jude, ob er hier zur «Lokschen-ten-Straße» kommen könne... 0 teures Volk! — Wie mannigfach sind deine Verkleidungen und wie ewig gleich bleibt dein Herz! * DerjüdischeTiroler. Als ich durch die Straßen von Coney-Island, dem New Yorker «Prater», ging, drang plötzlich aus einem Restaurant ein deutsch gesungenes Lied an mein Ohr. Ich betrat den Garten des Gasthauses, das sich «Alpine$J^taur^nt». natigtq, Jtj dein die.Bedienung eiq Gemisch von Tiroler und Steirer Kleidung trug. Jedenfalls fehlte bei keinem der Kellner die Feder auf dem Hute. Es gab dort auch Sänger und Musikanten, alles «Tiroler» mit Janker, nackten Knien, Stutzen und was sonst noch zum Tirolersein gehört. Wie groß war meine Ueberraschung, als einer dieser Tiroler, der auf den grünen Hosenträgern den Namen «Jack» kunstvoll gestickt trug, plötzlich ein Lied in russischer Sprache (russisch wird auch hier gerne gehört) vorzutragen begann. Er sang «Otschi tschornija» in schmelzendem Tone und so gefühlvoll, daß bei mir innerhalb einer Sekunde die Diagnose feststand: «Dieser Tiroler ist ein Jude!» Ich ließ mir ihn kommen. Es war ein junger Bursche aus Kalisch. Er erzählte, daß er seiner guten Stimme halber der Star dieser Truppe sei und mit seiner Betätigung hier ein gutes Auskommen fände. Es wären übrigens noch zwei andere Juden dabei. Unser Gespräch wurde unterbrochen, da eine Sängerin gerade ein Jodlerlied zum Vortrag brachte. Als es zu Ende war, fragte ich Jack: «Können Sie auch jodeln?» — «Freilich!» antwortete er lebhaft. «Es ist gar nicht schwer, wenn man entsprechend musikalisch ist. Aber ich tue es nicht; das ruiniert die Stimme. Ich will nicht mein ganzes Leben lang «Tiroler» bleiben. Ich muß höher kommen, solange ich jung bin. Wenn ich erst ein paar Dollar beisammen habe, werde ich weiter Gesang studieren. Ich habe früher Opern und Konzertsachen studiert. Aber jetzt» — er wurde ernst — «man muß Frau und Kind ernähren, da heißt es vor allem: zugreifen!» — Ich saß noch lange bei den jüdischen Tirolern. Meine Gedanken schweiften in die Ferne. Ja, so sind sie, unsere Brüder. Sie können alles. Sie singen, springen, jodeln, jüdeln — doch hinter all ihren Mühen steckt ein Ziel, das ihrem Schweiße alle Bitternis nimmt; das Ziel heißt Lernen. Lernen! — Wie immer das Kleid ist, das er trägt; mag er auch als jüdischer Tiroler in New York russische Lieder singen: Der Geist Ist es und der tiefe innere Ernst, die dem Juden stets ihr Geleite geben. Erhobenen Hauptes geht das Volk des Buches durch das Unterholz der flunkernden und windbeutelnden Mittelmäßigkeit. Ein Volk, in dessen Wesen solch eine Ader gediegenen Goldes zu finden ist, kann nicht untergehen. luden werden nicht beschäftigt Jerusalem, 29. Juli. (J, T.-A.) Der größte Bau ln Jerusalem, das Rockefeller-Museum, wird fast gänzlich ohne Verwendung jüdischer Arbeitskräfte durchgeführt. Unter S6Q Arbeitern gibt es acht bis zehn Juden« toerftenfreies 2Ufer erreichbar Durch eine JHaötoiflerntfut. Die eine lUetöün« I itiaitcii erhalt. „laDioiflcriit ift feit fahren als YiitDerunfls* mtitß’beä 93litte§ bewirft, gegen 93erfalfung her 33lut* uttb 9Sor&eußimßSmiitd äGiticf) erprobt uttb frei berfäuf* ßcfäbc uorbeußt uitb bicieit babitrcE» biß notwenbige (Sla* 1 fidj. fRabiuntgefjatt amtlich überprüft. &cpof unk 3lu3futtft SJpoffjefte&aijer, 2ßlett, I., Üöonaeile 13 Iptofpeft gratis unb frnnfo. Jisäs der arabischen (fresse Stimmen tum Wechsel in der Leitung der zionistischen Organisation «Fa lastin» schreibt: Wir haben die Nachricht von der Wahl Sokolows bezweifelt, denn wir wußten, daß England Dr. Weizmann oder Dr. Eder will, und Sokolow ist Revisionist vom Typus Jabotinskys geworden. Er ist der einzige, der von den drei Führern des ersten Kongresses am Leben geblieben ist. Heute ist er alt. In seiner Jugend hat er eine Zeitung herausgegeben und hat auch ein Buch über Palästina und die Geschichte des Zionismus geschrieben. Er spricht acht Sprachen, um jedes Volk in seiner eigenen Sprache irreführen zu können. Das wußten wir bisher; heute wissen wir noch, daß er zu den Revisionisten gehört. In den zwei Jahren seiner Präsidentschaft wird es manches zu tun geben. Gott weiß, was werden wird! «El Carmel» lobt Weizmann, er habe den Zionismus aus einer Sache einzelner zu einer Sache der Gesamtheit gemacht, sei uneigennützig und habe große Summen für den Zionismus geopfert. Von Sokolow heißt es: Er ist ein großer Schriftsteller und Redner, vieler Sprachen kundig und hat sich durch die Herausgabe seiner ersten Zeitung ein großes Vermögen erworben. Er ist von reinem Charakter, friedliebend und wird niemanden erzürnen. Spricht man mit ihm über England, so sagt er, daß man es ehren und ihm für das, was es für den Zionismus geleistet hat, danken müsse; spricht man von Frankreich, so erwähnt er dessen heldenhafte Vergangenheit und Leistung für die Freiheit; spricht 0000000000000000000 lilnlmle PfäOüf Mint vom 6. bis 13. September 1931 Größte Einkaufsgelegenheit — Fahrpreisermäßigungen Auskünfte durch den ehrenamtlichen Vertreter: ... Direktionsrat Ing. CARL RAUCH, Wien, II. Untere Augartenstraße 25 Telephon Ä 48-2-13 000000EE man von den Revisionisten, so erklärt er, daß das brave Menschen seien, und von den Arabern wird er sagen, sie sind unvergleichlich unter den Völkern, wir lieben sie außerordentlich. Und.das wird seine Politik sein: sanft und friedliebend. Stimmen zur Ernennung des neuen High Commissioners Die Ernennung des Generals Wauchoupe zum Oberkommissar wird von der gesamten arabischen Presse kommentiert. «Al D j am i a h» verabschiedet sich als erste von Chancellor und erwähnt sein Manifest gegen die arabischen «Mörder». Nachher habe er zwar eingesehen, daß den Arabern Unrecht geschehen sei und seinen Fehler wieder gutmachen wollen, dafür sei er aber von den Zionisten. angegriffen worden. So geschehe es jedem Oberkommissar, der sein Gewissen rein bewahren wolle; so werde es auch dem neuen Oberkommissar gehen, wenn er nicht den Zionisten entgegenkomme. «Al M o k kat ham» betont, daß die Regierung wieder einen Militär ernannt habe, und knüpft daran Kombinationen, daß die Regierung Unruhen fürchte, oder daß sie das britische Militär im vorderen Orient umorganisieren wolle. Bei einem Rückblick auf die Amtsperiode Chancellors erwähnt die Zeitung auch den Landentwicklungsplan, von dem niemand wisse, wem er zugute käme. «F a 1 a s 11 n» ist mit der neuen Ernennung unzufrieden. Die für die Regierung des Landes Verantwortlichen sehen zwei Hauptaufgaben vor sich: Frieden zwischen Juden und Arabern und den Landentwicklungsplan. Für die erste sei ein Militär kaum geeignet, für die zweite fehle es dem neuen Oberkommissar an administrativer Erfahrung. Während der für englische Leser bestimmte «Falastin» meint, daß die Wahl nicht zugunsten der Juden getroffen sei, erklärt der arabische «Falastin» seinen Lesern, daß er ernannt worden sei, um die jüdischen Forderungen zu erfüllen. Jabotinsky bleibt Führer der revisionistischen Partei London, 28. Juli. (J. T.-A.) Im Hauptbüro der revisionistischen Weltunion fand eine Pressekonferenz statt, ln der Meer Großman erklärte, Jabotinsky bleibe, obwohl er bis zu der im Dezember stattfindenden revisionistischen Weltkonferenz Urlaub genommen hat, auch weiterhin Führer der Partei, Zwischen den Zeilen Wer ist feig? Der Ausgang des Kongresses hat die revisionistischen Hoffnungen bekanntlich enttäuscht. Daher die Unruhe der «Neuen Welt». Insbesondere hat es ihr die Annahme der gemäßigten Endzielresolution angetan, Der verärgerte Herausgeber leistet sich aus diesem. Grunde in der letzten Nummer seiner Zeitschrift ein besonders schönes Stückchen. Da seine Kongreßreden, eher für Bielitz als für Basel passend, nicht die gewünschte Wirkung erzielt haben, versucht er es nun mit Gift und Galle. Die revisionistische Partei hat beim Kongreß Schiffbruch erlitten, ihr Gefüge ist gelockert, man weiß, daß durch Jabotinskys Antrag, aus der zionistischen Organisation auszutreten, die Gefahr der Sprengung für die Partei besteht. Davon kann man doch nicht reden, auch davon nicht, daß man für. die revisionistische Konferenz, die im Dezember stattfinden soll, kein Programm hat. Aber Sensation muß sein. Und die angesammelte Galle sucht einen Ausweg, So verfaßt er einen Aufsatz mit dem bedeutsamen zweispaltigen Titel: «Zur Geschichte der Paniktelegramme aus Palästina» mit einem noch bedeutsameren Untertitel «Eine bedeutsame Feststellung», in dem er zu verstehen gibt, daß die zur Vorsicht mahnenden Telegramme entweder bestellt oder gefälscht waren und in dem er den palästinensischen Jischuw unverblümt der Feigheit beschuldigt. Die Frage der angeblichen Mystifikation wollen wir hier nicht des weiteren erörtern. Es fällt uns schwer, anzunehmen, daß der Herausgeber der «Neuen Welt» nach seiner Aussprache mit Herrn Y e llin an die Fälschung der Telegramme glaube. Er hat auch früher nicht daran geglaubt. Er, wie alle anderen Eingeweihten, weiß ganz genau, wer gekabelt hat, und weiß auch, daß man in der Politischen Kommission über diese nicht «Panik-», wie es ihm beliebt, sie zu benennen, sondern Vorsichtsdepeschen, nicht zur Tagesordnung übergehen konnte. Aber er spekuliert anscheinend darauf, daß man es aus gewissen außen- . politischen Gründen nicht wagen wird, in der zionistischen Qeffentiichkeit seine Verleumdungen zu beanf-* Worten. Damit mag er recht behalten. Diese Genugtuung lassen wir ihm. Ueber die verantwortungslose Art, vertrauliche zionistische Angelegenheiten in der Oeffentlichkeit breitzutreten, werden sich die Zionisten, vielleicht auch die in seinem Lager stehenden, zweifellos ein richtiges Urteil bilden. Der Herausgeber der «Neuen Welt» begnügt sich jedoch nicht damit. Da sich die Gelegenheit bietet, packt er sie beim Schopf, und ohne Bedenken schießt er einen Giftpfeil gegen den Jischuw ab. «Da flatterten plötzlich Telegramme, von palästinensischen Körperschaften stammend. Inhalt: „Um Qotteswillen keine Revolutionf Wir haben Angst um unser Leben!'*» — so kann man in der «Neuen Welt» lesen. Es folgt natürlich die obligate Verherrlichung der mutigen Revisionisten, die gegen die «von Ghettofürcht diktierte Schwäche» Protest erhoben haben... Was heißt das? Was kann man da unzweideutig zwischen den Zeilen herauslesen? Der jüdische Jischuw ist feig, bodenlos fei gl Diese Verleumdung hat sich der Herausgeber der «Neuen Welt» ruhigen Gewissens geleistet. Eine Verleumdung derjenigen, die das Palästinawerk mit der Waffe in der Hand verteidigt haben, öfter sogar, als er hetzerische Artikel geschrieben hat. Die mit ihrem Blut ihr unzertrennbares Bündnis mit dem Boden Erez Israels besiegelt haben, zur gleichen Zeit, da er nur ungezählte Liter Tinte verschwendete, um publizistisches Gift zu verbreiten. Die in täglicher Gefahr des palästinensischen Lebens stehen, da er aus der Sicherheit eines Wiener Cafis feige Verleumdungspfeile aussendet. Die aber mehr Verantwortung haben als er, und, dort lebend, besser wissen, was ratsam ist, um das Werk weiterzuführen, und was unübersehbare. Folgen für diese Werk nach sich ziehen könnte. Verantwortungslosigkeit und Großsprechertum hie — Heldentum und Opferbereitschaft dcu Die Lager sind reinlich geschieden. Sem, Vertrauenskundgebung der Allgemeinen Zionisten Rumäniens für die neue Leitung Bukarest, 29. Juli. (J. T.-A.) Am Sonntag, den 26. Julfy fand in Bukarest unter dem Vorsitz des Präsidenten der Allgemeinen Zionisten Rumäniens und Mitglieds des Zionistischen Aktionskomitees Adolf Bernhardt eine Versammlung statt, ln der Dr. Mibashan über den Verlauf des XVII. Zionistenkongresses berichtete. Die Versammlung nahm eine Resolution an, in der der neuen Leitung der Weltorganisation und insbesondere dem Präsidenten det Organisation Nahum Sokolow, volles Vertrauen iprosben wird. \