Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 187 (6.8.1931)
- Date
- 1931-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 TVE STIMME: Ni. IST — 6. August 1931 Die Ausgestaltung der hebräischen Universität Ein „Weizmann-Lehrstuhl für internationales Friedensrecht“ Zürich. (J. T.-A.) Das Kuratorium und der akademische Rat der Hebräischen Universität in Jerusalem haben in Zürich unter dem Vorsitz des Rektors der Unversität Utrecht Prof. L. S. Ornstein mehrtägige Beratungen abgehalten. Dr. Magnes führte u. a. aus, einer Erweiterung der Tätigkeit der Universität sei der Mangel an Mitteln hindernd im Wege gestanden, weshalb er sich genötigt gesehen habe, eine Tournee durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Es wurde eine Vereinigung amerikanischer Freunde der Hebräischen Universität unter dem Vorsitz von Dr. Abraham Rosenbach gebildet. Es wurde beschlossen, den von einem englischen Freunde der Universität gestifteten Lehrstuhl für das Studium der Probleme des internationalen Friedens dem Wunsche des Stifters entsprechend «Chaim Weizr"”in- Lehrstuhl für Internationales Friedensrecht» zu benennen. Auf Grund der Vorschläge des Subkomitees wurde beschlossen, systematische Kurse in Biologie als Hauptfach mit abschließenden Prüfungen und in Allgemeiner Physik als Nebenfach einzuführen, ferner Mathematik zu einem Hauptfach an der Universität zu erheben und im Dahmen des mathematischen Instituts eine Dozentur für angewandte Mathematik zu errichten, sobald die hierfür erforderlichen Mittel zur Verfügung stehen werden. Sodann wurde die Frage der akademischen Verwaltung der Universität besprochen. Es wurde ein Subkomjtee eingesetzt, das Schritte zur Sicherung des rechtlichen Status der Universität als einer akademische Grade verleihenden Institution einleiten soll. Zum Vorsitzenden des akademischen Rates wurde Prof. Ornstein gewählt. Schließlich wurden die Bezeichnungen der akademischen Grade festgesetzt, die nach den ersten Graduierungsprüfungen im November dieses Jahres verliehen werden sollen. Es wurde beschlossen, den Professor an der Berliner Universität Dr. Gotthold Weil zum Mitglied des Kuratoriums zu ernennen und ihn einzuladen, das nach dem Tode von Dr. Horovitz verwaiste Amt des beaufsichtigenden Direktors des orientalischen Instituts der Universität zu übernehmen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der der Kanzler aufgefordert wird, im Einvernehmen mit der Jewish Agency bei der Palästina-Regierung um Er- BÜCHERSTUBE M. RATH Buchhandlung,Antiquariat, Leihbibliothek Wien, ff., Taborstraße 20 a, Tel. R-43-1-58 M. RATH’S Moderne Leihbibliothek bietet Ihnen eine reiche Auswahl von Büchern aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen im Original, bzw. geschmackvollen Bibliotheicseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische, Hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaica in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet Monatsgebühr nur S 3a— Keine Bandgebühr telchterung der Einreisebewilligung für jüdische Studenten vorstellig zu werden. Der Dozent für Zoologie Dr. Fritz Bodenheimer wurde zum außerordentlichen Professor ernannt. Norman Bentwich Kandidat für den ' „ vVeizmann-Lehrstuhl“ Jerusalem, 30. Juli. (J. T.-A.) Es verlautet, daß für die Besetzung des von dem englisch-jüdischen Philanthropen Sir Montague Burton gestifteten «Weizmann-Lehrstuhls für Internationales Friedensrecht» an der Hebräischen Universität in Jerusalem Norman Bentwich in Betracht gezogen wird. Das Testament Lord Melchetts veröffent licht Am 29. Juli wurde das Testament Lord Melchetts veröffentlicht. Aus dem Testament geht hervor, daß Lord Melchett, der an der Spitze großer Gesellschaften mit einem Gesamtkapital von über 120 Millionen Pfund gestanden hatte, und dessen Eigenvermögen seinerzeit auf 10 Millionen Pfund geschätzt wurde, bloß eine Million Pfund hinterlassen hat. In diesem Betrage sind allerdings nicht seine Besitzungen in Palästina und seine berühmte Kunstsammlung, die auf über 200.000 Pfund geschätzt werden, inbegriffen. Ein Fünftel seines Nachlasses fällt in Form von Erbschaftssteuer dem Staate zu. Seiner Witwe hat Lord Melchett 50.000 Pfund, seinem Sohn Heinrich 100.000 Pfund, seiner Tochter, der Viscountess Erleigh, seine palästinensischen Besitzungen hinterlassen; der Rest des Nachlasses wird unter seine übrigen Kinder verteilt. Wie bereits gemeldet, sind im Testament Lord Melchetts Wohlfahrtsinstitutionen nicht bedacht worden. Im Testament wird darauf hingewiesen, daß Lord Melchett bereits zu Lebzeiten humanitäre Institutionen in reichem Maße bedacht hat. Chancellor über die Pica-Kolonien Jerusalem, 30. Juli. (J. T.-A.) Am 29. Juli wurde in der Kolonie Risehon le Zion der Beginn der Weinlese in den Baron Rothschildschen Weingärten feierlich begangen. An dem Fest nahm auch der High Commissioner von Palästina, Sir John Chancellor, teil. Er hielt eine Ansprache, in der er auf den Besuch hin wies, den er im Mai d. J. während, seiner Reise nach England Baron Edmond de Rothschild in Paris abgestattet hat. Sir John Chancellor erzählte, er habe bei dieser Gelegenheit Baron de Rothschild, dem Gründer der jetzt unter der Verwaltung der PICA (Paiestine Jewish Colonisation Association) stehenden Kolonien seine Anerkennung , über die erfolgreiche Entwicklung dieser Siedlungen ausgesprochen und mit Befriedigung feststellen können, daß zwischen diesen Kolonien und der arabischen Bevölkerung die besten Beziehungen bestehen. Am Schluß seiner Ansprache gab Sir John Chancellor der Hoffnung Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten wieder ein «feuchtes» Land und damit ein Absatzgebiet für die ausgezeichneten Palästinaweine werden würden. Einwanderungsschikanen G :T :, J.I2 i*!au ^aiüG'itta-Eimvnr.dcrcrti entgegensetzt Vom Pnlästinnamt Wien erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Zu dem in der Nummer 186 Ihres gesch. Blattes vom 30. Juli 1931 enthaltenen Gespräch mit Herrn Jacob de Haas, New York, über «Schwierigkeiten, die man Palästina-Einwanderern entgegensetzt», gestatten wir uns, zu bemerken, daß wir im Besitze einer am 3. April 1930 von der Einwanderungs-Abteilung der jewish Agency in Jerusalem an sämtliche Palästinaämter gerichteten Mitteilung sind, wonach die britischen Konsulate in Warschau, Berlin, New York, üalatz, Paris und das Paßamt in London vom Londoner Colonial-Offiee die Ermächtigung erhalten haben, an bemittelte Personen, die nach Palästina reisen wollen und den Besitz von Pfund Sterling 1000.— nach weisen, das Palästinavisum ohne vorherige Anfrage in Jerusalem zu erteilen. (Auf obigen Betrag werden auch Waren, Bodenbesitz usw. angerechnet, soweit sie vorhanden sind.) Wir sind daher über die im obigen Aufsatz enthaltene Mitteilung des Herrn de Haas, wonach der englische Konsul in New York behauptet, kein Recht zu haben. Kapitalistenvisa zu erteilen, ohne vorher bei der Palästinaregierung angefragt zu haben, sehr erstaunt, und es wäre zweckmäßig, die Sache in New York aufzuklären. Aus dem abgedruckten Briefe des Palästinaamtes Wien ersehen wir, daß das britische Konsulat in Wien die Ermächtigung nicht besitzt, österreichischen Kapitalisten, die nach Palästina einwandern wollen, ohne vorherige Anfrage in Jerusalem Visa zu erteilen. Es wäre sehr wünschenswert, daß unsere kompetenten Stellen bei der Palästinaregierung in dem Sinne intervenierten, daß da eine Aenderung geschaffen werde. Es existiert zweifellos eine Anzahl von jüdischen Kapitalisten in Wien, die gerne nach Palästina auswandern würden, wenn ihnen nicht so viel Hindernisse in den Weg gelegt wären. Was für Paris und Galatz recht ist, muß doch auch für eine Stadt wie Wien (200.000 jüdische Einwohner!) billig sein. Wir sind überzeugt, daß die Erteilung der in Frage kommenden Ermächtigung für das britische Konsulat in Wien zweifellos die Mittelstandseinwanderung aus unserer Stadt nach Palästina in großem Maße fördern würde* Amerikanische Revisionisten solidarisch mit Jabotinsky New York, 31. Juli. (J. T. A.) Die Organisation der Zionisten-Revisionisten Amerikas hat beschlossen, sich die Forderung Jabotinskys nach Gründung einer neuen unabhängigen zionistischen Organisation zu eigen zu machen. Enthaftung eingewanderter kurdischer Juden Jerusalem, 28. Juli. (J. T.-A.) Auf Intervention des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Haifa wurden vier jüdische Familien aus Kurdistan, die wegen Ueberschreitung der Grenze ohne Visum verhaftet worden waren, freigelassen. Leute ein Lebenszeichen von ihren Kindern bekamen. Sie wohnten in weit entfernten Bezirken der Stadt, und einmal, als sie sich auf den Weg machten, um sie zu besuchen, verirrten sie sich und waren froh, als sie endlich ihren Weg nach Hause fanden. Wieder waren sechs Monate vergangen, als ein Sohn unerwartet in der Küche erschien. «Vater, arbeitest du noch immer im Geschäft?» «Was kann man tun? Ich muß verdienen, um deine Mutter zu ernähren.» «Nun, gräme dich nicht, wir werden für euch sorgen.» Bald war das oft wiederholte Versprechen wieder vergessen und so immer wieder, bis die Söhne eines Tages hörten, daß ihr Vater gestorben sei. Sein Hinscheiden war so ruhig wie sein Leben. Sein Begräbniszug bestand aus einem Wagen, in dem die Witwe mit Söhnen und Schwiegertöchtern fuhr, die ihn jetzt mit verschiedenen Aufträgen ins Jenseits beluden, für deren Besorgung sie sich zu revanchieren versprachen, indem sie «für Mutter Sorge tragen» wollten. Die alte Slatke stand beim Grab und weinte ruhig vor sich hin. Sie hatte weder Aufträge für ihn, noch Gnaden zu erbitten. Stumm stand sie da während der Begräbnisfeierlichkeiten. Bewegungslos betrachtete sie die beiden Totengräber, wie sie ihren Mann mit Erde bedeckten. Als alle Riten beendet waren und die anderen zum Aufbruch mahnten, da blieb sie mit erhobenen Händen wie festgewurzelt stehen. Ihre Kinder nahmen sie beim Arm und riefen: «Komm, Mutter». Sie wendete ihre erloschenen Blicke zu ihnen und fragte: «Wohin?» Die Söhne führten sie weg und sagten: «Gräme dich nicht, Mutter. Wir werden schon für dich sorgen.» Auf dem Weg vom Friedhof stritten die Söhne, weil jeder darauf bestand, daß ihre Mutter die «Schiwa», die sieben Trauertage, in seinem Haus verbringe. Sie ging mit Nathan, dem Aelteren, der Kaufmann war, nur ein Kind hatte und im allgemeinen ein besseres Auskommen fand als Anschel. Nach den ersten acht Tagen ging sie zum zweiten Sohn auf Besuch, kehrte aber nach einiger Zeit wieder zu Nathan zurück. Und so wanderte sie von einem Sohn zum anderen, bis man sich schließlich entschloß, sie in ein Altersheim zu geben. Aber bevor ihre Kinder «Sorge tragen» konnten, schied sie friedlich dahin, um sich mit ihrem Gatten zu vereinen. Sie wurde nicht neben ihrem Mann begraben. Die benachbarten Plätze waren alle besetzt und im übrigen war dieser Teil des Friedhofes viel zu teuer. So bestattete man sie in einem neuen Feld, weit entfernt von der Stadt, wo der Platz billiger war. So wurden sie, die ihr Leben lang in Liebe vereint gewesen waren, im Tode getrennt. Vernachlässigt im Tode, wie sie es im Leben gewesen waren, vereinigten sich ihre Grabstätten mit dem großen Meere der Vergessenen. Sie hatten niemand, nichts außer einem winzigen Stückchen Himmel und einem kleinen Häufchen Erde. Aber sie brauchten nicht mehr. Des Winters waren ihre Gräber der Welt durch ein prächtiges Schneegewand verborgen. Doch im Sommer, wenn die Sonne ihre heißen Strahlen entsendete und die Schneedecke dahinschmolz, da offenbarte sie zwei Gräber. Hierher wehte der Wind Blütenstaub und Samen grüner Gräser und Pflanzen, Schätze, die er von den Gräbern der Reichen entwendet hatte, um sie in die kahlen Erdhügel der Armen zu setzen. Bei Tag wärmte und nährte die Sonne jene Samen und bei Nacht pflanzte sie der Regen tief in die Erde hinein. Früh und spät träufelte der Tau sein erfrischendes Naß darüber, bis gar bald die beiden Grabstätten von Simon und seiner Slatke, die doch so weit getrennt auf verschiedenen Friedhöfen lagen, vom Löwenzahn golden erglänzten und blau von Wasserlilien, und denen Jasmin, Geißblatt und Glockenblume herrlichen Wohlgeruch verliehen. Ihre Gräber wurden Iß stille* blühende Gärten verwandelt, unbemerkt und gepflegt nur von der ruhigen, verborgenen Hand der Natur. — Von Zeit zu Zeit trafen sich die Brüder zufällig in einem überfüllten Wagen auf dem Weg zur Arbeit oder in einer Versammlungshalle. «Hallo, Nathan!» «Hallo, Anschel!» «Du, wir sollten doch einmal auf den Friedhof hinaus fahren, um zu sehen, wie es unseren Alten geht,» sagte dann einer der Brüder. «Ich bin gern bereit, natürlich,» antwortete der andere. «Sonntag in einer Woche erwarte ich dich um 12 Uhr bei der Brooklynbrücke.» «Gut, also vergiß nicht, Sonntag in einer Woche.» Die Brüder wußten, daß das Ganze nur eine Formsache war, daß sie einander nicht erwarteten und auch niemals gehen würden. So viele andere wichtigere Dinge nahmen ihre Zelt in Anspruch. Jahre vergingen und die beiden Gräber verwandelten sich in stille Gärten, jedem menschlichen Auge verborgen. Einmal geschah es, daß einer der Söhne auf den Friedhof kam, um einem Mitglied seiner Gesellschaft das letzte Geleite zu geben. (Die Anwesenheit war unerläßlich, da eine Geldstrafe für ungerechtfertigte Abwesenheit eingeführt war.) Während er dort weilte, erinnerte er sich an das Grab seines Vaters und ging es suchen. Es war Sommer und er mußte sich lange Umsehen, bis er unter den hohen Gräsern den kleinen Grabstein seines Vaters fand. Er war ganz erfüllt von Ehrfurcht und Verwunderung. Welch geheimnisvolle Hand hatte so in aller Stille einen Garten auf seines Vaters Grab gepflanzt? Er wußte nicht, daß der Wind und die gute Mutter Erde selbst den unbedeutenden kleinen Schneider nicht vergessen . . . (Autorisierte Uebertragung aus dem Jiddischen von Ella V i s.).