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Die Stimme · 1931-08-06 · Heft 187 (6.8.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 187 (6.8.1931)
Date
1931-08-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 187 — 6. August 1931 DIE STIMME Sette j Der Geschrei-Zionismus Von Abraham Schlionsky In der Tel-Aviver Wochenschrift «Ketuvim» veröffentlicht der Dichter Abraham Schlionsky einen Aufsatz, den wir mit unwesentlichen Kürzungen, ohne uns mit allen Ausführungen des geschätzten Autors zu identifizieren, in deutscher Uebersetzung wiedergeben. Der Aufsatz Schlionskys ist bezeichnend für die Stimmung, die in gewissen Kreisen des Jischuw herrscht. Der siebzehnte Kongreß bildet nach alledem, was ihm vorausging und was ihn begleitet hat, den Schlußstein zu einem Gebäude fataler Fehler, unter denen der Zionismus seit längerer Zeit zu leiden hat. Siegl Siegl erschallt ein Ruf vom 17. Kongreß zu uns, doch es ist der falsche und gefährliche Sieg eines hohlen Maximalismus. Verzweiflung und Wut packen uns, wenn wir die Telegramme lesen, die der Kabel uns täglich aus jener Schweizer Stadt bringt, in der das exterritoriale Parlament des Judentums tagt. Dieses Parlament besitzt eine Art, einen Bau, ein geräuschvolles Wesen, welche die regelrechte Synthese fiir das bilden, was ein Volk in unseren Verhältnissen, das seine Heimat wieder aufbauen will, nicht tun darf. Verdammt verpflichtet ist es,, dergleichen nicht zu tunl Und vielleicht hatte er Recht, nein, bestimmt hatte er Recht, jener Mann, der in seinem Herzen den frommen Wunsch hegte, daß die Mühle der Kongresse endlich zum Stehen gebracht werde. Der Sinn dieses Wunsches ist: die üeffentlichkeit muß weg, die uns unseren Feinden preisgibt. Stille, verschlossene Arbeit tut not. Kann man denn schaffen in einem Hause, das noch nicht aufgebaut ist, dessen sämtliche Fenster allen vier Winden offen stehen? Ist es gestattet, ein ganzes Volk öffentlich auszustellen, so daß alles, was es beginnt, sich wie in einer photographischen Linse wiederspiegelt? Ist es gestattet, fortwährend, ohne Unterlaß, ohne Pause in ein Megaphon zu sprechen? Fremd ist uns die Verschlossenheit eines Baumeisters geworden, der die Baufläche mit einem Zaun umgibt und eine Tafel aufstellt, so lange das Gebäude nicht fertig ist: Fremden ist der Eintritt verboten. Doch unser Bau, der hat keinen Zaun, keine Tür, die schließt, die Fenster sind sperrangelweit offen, und in unseren Geheimnissen kann jeder kramen. Wer hat uns denn ironisch das weiseste aller Völker genannt? Wie haben wir uns bemüht, diese Beschuldigung zu entkräften! Doch wenn es je einer Entkräftung bedurft hätte, so hat sie der siebzehnte Kongreß geliefert. J$de/r vvird .zugeben, daß diese Aufgabe vom Kongreß in ausgezeichneter Weise gelöst worden ist; denn die Baseler Tagung war eine Spitzenleistung des Unvernünftigen, des Unpraktischen, des Un—, Un—, Un—. Bei uns ist der Wunsch nach dem politischen Jahrmarkt modern geworden, nach dem Geschrei, nach dem starken Unterstreichen. Und wo ist der Führer und wo die Partei, die das Ende des Rasens der blinden Pferde voraussieht? Der Pferde, die unseren Wagen unter dem Triumphgeheul der Massen an den Rand des Abgrundes bringen. Der revisionistische Ritter ist es, der heute den Chor dirigiert. Er braucht das große Ausrufungszeichen. Doch wo ist der Mann, der uns das große Fragezeichen zeigt, das über unserem kleinen und unglücklichen Lande Der stille Garten Von Schalom Asch. Im tiefsten New Yorker Ghetto starb der kleine, aus dem fernsten Osten eingewanderte Schneider Simon und an seinem Grabe leisteten seine beiden Söhne Nathan und Anschel einen feierlichen Eid, daß sie ihre Mutter nie vernachlässigen und ihr Leben lang das Andenken ihres Vaters hochhalten würden. «Gräme dich nicht, Vater,» rief Nathan in das offene Grab. «Wir werden für unsere Mutter Sorge tragen.» Ermutigt durch das Beispiel ihres Gatten, näherte sich Nathans Frau der Totenbahre und sagte: «Eile hinüber und bete für das Wohlergehen unseres einzigen Kindes, deines Enkels.» «Warum nur für ihr Kind?» unterbrach die andere Schwiegertochter Anschels Frau. «Möge er für alle seine Kinder und Enkel sprechen.»; «Oh, möge er nicht nur für seine Kinder, auch für die anderer Leute bitten, die ihr Leben im Kriege aufs Spiel setzen mußten.» Diese letzten Worte, von einer ganz fremden Frau gesprochen, erweckten den Anschein, als wollte sie die Gelegenheit ergreifen, die ihr durch das Hinscheiden des armen Schneiderleins geboten wurde, eine Botschaft mit hinüber zu schicken. Ob sich nun Simon aller Aufträge pünktlich und genau entledigt hat, die ihm die Ueberlebenden aufgebürdet haben, kann ich nicht sagen; aber einer Sache bin ich sicher — er hat jedes Wort gehört. Als der ältere Sohn rief?“«Gräme dich nicht, Vater; wir werden für Mutter Sorge tragen,» da huschte ein sanftes Lächeln über Simons tote, verwelkte Züge und die grauen, stacheligen Schnurrbarthaare bewegten sich ganz leicht. Ihm mag wohl eben die Erinnerung an das oft wiederholte Versprechen seines wohlhabenden Sohnes gekommen sein: «Papa, gräme dich nicht, wir werden schon für euch sorgen!» Vor Jahren war der kleine Schneider Simon aus einem Städtchen in Polen nach Amerika ausgewandert. liegt, dem Lande, das wild ist vor Sehnsucht nach Ruhe und Arbeit! Und noch etwas. Wer sind sie denn, die dort ferne von der Heimat in unserem exterritorialen Abgeordnetenhaus für unser Land entscheiden? Wer von ihnen ist in seinem privaten Leben mit der palästinensischen Wirklichkeit verbunden? Ist es nicht klar, daß sie das gesunde Bürgergefühl nicht haben können, mit dem das Geschaffene geschützt sein will? Darum soll es ihnen verboten werden, mit den heldischen Formeln irgendeines «Zionismus von Jenseits!» zu spielen. Sie haben nicht das Gefühl der Bürgerlichkeit und die physische Verantwortung für Palästina, und sie können auch beides nicht haben! Und es scheint, daß auch ein Mensch, der unter uns in Palästina lebt, für ewige Zeiten ein Kongreßzionist bleiben kann. Denn auch solche Fälle können wir registrieren, das Verhalten von Menschen, als lebten sie nicht in Palästina, sondern in Kiew oder Warschau. Unser Zionismus von diesseits hat ihnen noch nicht fünf gesunde Sinne und noch nicht das nötige Verständnis für Möglichkeiten gegeben. Was kann schon ein Zionismus bedeuten, der staatspolitisch ist ohne Staat, träumerisch ohne ein. Erwachen zu kennen, ein Endzielzionismus, der das nächste nicht sieht. Unsere Hundertprozentigen begehen dasselbe moralische Vergehen, das der Brith Schalom von der anderen Seite begeht. Beide behaupten sie, das Monopol auf die Idee zu haben. Beide erklären sie im Brustton der Ueberzeugung, daß sie die’ einzig Treuen sind. Aber es gibt eine verräterische Treue, auch ohne böse Absicht, wie etwa das Benehmen eines Elefanten im Porzellanladen. Und so benehmen sich unsere Geschreizionisten, die mit ihrem Geheul den Feind erwecken. Ja, man merkt irgendeinen Schlußpunkt in der bisherigen Geschichte des Zionismus. Nichts soll man sehnlicher wünschen, als daß jetzt eine neue Epoche beginne, eine Epoche, da die Lippen schweigen; wenigstens eine Generation hindurch. Eine Epoche, in der nur zwei große Schweiger wirken dürfen: das konstruktive Gehirn und die dienende Hand, die beide dem Gebote des Herzens folgen. Ein interessantes Interview mit Bialik In der hebräischen Wochenschrift «Haölam» finden wir ein Gespräch mit Chaim Nachman Bia- Hk. Der Dichter führte darin u. a. aus: «Schweigen ist Gold. Dieser Leitsatz ist in der jetzigen schweren Periode, insbesondere in Beziehung zu Weizmann richtig. Eg besteht ein großer Unterschied zwischen dem, was Weizmann von der Kongreßtribüne aus sagte, und dem, was in seinem Namen gesprochen worden ist. In Weizmanns Skeptizismus steckt mehr Glauben als fm theatralischen Credo seiner Gegner. Jabotinsky ist ein hervorragender Journalist und Propagandist, aber sein Unglück ist es, daß er sich eingeredet hat, ein Politiker zu sein. Einst hatte er den Ehrgeiz, in der russischen Duma Politik zu machen — heute bildet der Zionismus ein Terrain für diese seine Ambitionen. Sein Lebensziel ist es, die Leitung der zionistischen Organisation zu übernehmen. Nun ist die letzte Möglichkeit dazu, die Jabotinsky je hatte, vorbei. Daher die Erbitterung des Kampfes, den er führt. Er führt den Kampf um sein Lebensziel.» MWWffl'1,! IlfflWBW1 «M'l WBMWMHBaMBI Zu seinen wenigen mitgebrachten Habseligkeiten gehörten eine Schneiderschere, zwei knochige Hände, ein Lächeln im Gesicht, seine zarte, ergebene Frau und Gefährtin, Slatke, und seine beiden Jungen, Nathan und Anschel. Um den Unterhalt seiner Lieben besorgt, suchte er Arbeit und fast immer hatte er zu tun. Fand er jedoch keine Arbeit, so war er mürrisch und fühlte sich unnütz urjd überflüssig. Feiertage und Sabbath waren ihm lästige Tage, die er in Sehnsucht nach seiner Arbeit verstreichen ließ. Es hatte tatsächlich den Anschein, als wären Nadeln und Schere Teile seines Selbst geworden, Gliedmaßen, ohne die ihm das Leben unmöglich war. Oft freute er sich während der Wochentage auf den Sabbath und einen guten, befriedigenden Schlaf. Aber wenn der ersehnte Tag kam und Simon im Uebermaß geschlafen hatte, dann pflegte er ungeduldig zu werden und ruhelos im Haus auf- und abzugehen, kaum imstande, einen geeigneten Platz für sich zu finden. Mit Ungeduld erwartete er während der späteren Sabbathstunden das Erscheinen des ersten Sternes. «Was suchst du denn? Warum hast du’s so eilig?» pflegte ihn seine Frau zu fragen. «Dieser Sabbath ist zu lang,» antwortete er dann stets. «Ich freue mich schon so auf meine Arbeit.» So verbrachte Simon sein Leben. Die Söhne heirateten bald und gingen ihrer eigenen Wege. Nun blieb er allein zurück mit Slatke, seiner treuen, abgearbeiteten Frau. Winters und Sommers verbrachten sie den Abend in der Küche, die als Wohnzimmer diente, und verwendeten die Stube, deren Wände mit Bildern reichlich behängt waren, nur als Schlafstätte. Bisweilen pflegten sie ihre Erinnerungen an die alte Heimat durch die Erwähnung eines wohlbekannten Namens aufzufrischen. «Entsinnst du dich noch des langen Schmuei von daheim?» fragte etwa der kleine Mann seine Frau plötzlich. JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der JUd. Buchhandlung HornuTUCHKBR Wien, II., Or. Sfadtgutgr5li,7Eck^raborstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK! Alle Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen täglich,keine weiteren Gebühren 1 Für Anfragen Telephon R-41-4-20 «Knapp nachdem Jabotinsky seinen revisionistischen Angriff begonnen hatte, fand zu seinen Ehren ein Bankett statt, an dem auch ich teilnahm, ohne zu wissen, was für ein Bankett es sei. Ich wurde damals ersucht, eine Begrüßungsansprache zu halten und richtete an Jabotinsky folgende Worte: „Ich weiß, daß du ein guter Zionist bist und reine Absichten hast. Deshalb wünsche ich dir, daß du in deiner Politik, wohin du dich nur wendest, eine Niederlage erleiden mögest. Denn deine Niederlage wird mit einem Sieg für den Zionismus identisch sein." —• Diese Worte waren nicht diplomatisch, dafür aber klar.» «Wenn mir das Recht zustehen würde, die zionistische Exekutive zu bilden, würde ich die Ressorts folgendermaßen einteilen: mit der politischen Arbeit würde ich Weizmann beauftragen, unter der Bedingung, daß zwei Mitarbeiter da wären, die ihn vor Fehlern bewahren könnten. Die praktische Arbeit in Palästina würde ich Ussischkin übergeben, aber auch ihm würde ich zwei Berater zur Seite stellen, die ihn vor Fehlern und unnötigen Erklärungen abhalten würden. Die propagandistische Arbeit in Wort und Schrift müßte Jabotinsky übernehmen. Das ist sein Wirkungsfeld. Sokolow würde ich zum Chef des Erziehungswesens und des Referates der hebräischen Kultur ernennen. Natürlich wäre es besser, wenn sowohl Weizmann als auch Ussischkin, Sokolow und Jabotinsky jung wären . . .» Englische Zionisten unterstützen die neue Exekutive London, 28. Juli. (J. T. A.) ln einer Versammlung der Anglo-Zionist Federation wurde beschlossen, der neugewählten Exekutive der Zionistischen Weltorganisation vollste Unterstützung zu gewähren. In einer Resolution gab die Versammlung ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß Dr. Weizmann, der der Bewegung unvergleichliche Dienste geleistet hat, «ln naher Zukunft wieder seine Rolle als Gestalter des Schicksals des Jüdischen Nationalheims in Erez JsraeL übernehmen werde». Jewish Agency an General Wauchope London, 28. Juli. (J. T. A.) Im Namen der Jewish Agency hat Dr. Cyrus Adler an General Arthur Grenfell Wauchope anläßlich seiner Ernennung zum High Commissioner für Palästina ein Glückwunschtelegramm gerichtet, in dem erklärt wird, es sei die feste Absicht der Jewish Agency, loyal an der Durchführung des Palästina-Mandats mitzuarbeiten. In dem Telegramm wird ferner der Zuversicht Ausdruck gegeben, daß die Amtsperiode General Wauchopes durch wachsendes Gedeihen des Jüdischen Nationalheims und des gesamten Landes Palästina gekennzeichnet sein werde. «Du meinst den, dessen Tochter mit einem Soldaten davongelaufen ist?» «Ja.» «Wieso kommst du plötzlich auf den langen Schmuei?» «Es fällt mir gerade ein.» Er erinnerte sich einer vertrauten Gasse in seiner kleinen Heimatstadt. «Denkst du noch an das Hintergäßchen zu Haus?» «Du meinst, wo die Tante Brosche gewohnt hat?» «Ja, dort, wo die kleine Pumpe gestanden Ist, wo sie am Samstag nachmittags mit Schöpfern hingegangen sind, um frisches Wasser zu holen.» «Ich erinnere mich schon. Aber wieso kommst du plötzlich darauf?» «Es fällt mir gerade ein.» Manchmal erinnerte sich einer der Söhne an Vater und Mutter und fand sich dann unerwartet in ihrer kleinen Küche ein. «Schau, wer da ist,» rief dann Simon aus. «Nathan ist gekommen. Ich hätte eher den Messias erwartet als dich. Was machen Frau und Kinder?» «Dank der Nachfrage. Es geht ihnen gut.» «Willst du nicht ein Glas von Mutters Rosinenwein? Du hast ihn früher immer so gern gemocht.» «Und du, Vater, arbeitest noch immer in dem Geschäft in Brooklyn?» «Was soll man machen? Man muß doch verdienen.» «Er hat wirklich kaum mehr Kraft,» sagte hierauf Slatke. «Die ganze Nacht stöhnt er vor Hüftenschmerzen.» «Vater, gräme dich nicht. Wir werden für euch sorgen. Ich werde mit Anschel darüber sprechen. Du sollst in deinem Alter nicht mehr arbeiten.» Simons Lippen umspielte dann dasselbe freundliche, sanfte Lächeln, das dort ruhte, als sie ihn in die Erde versenkten. Sechs Monate verstrichen, ohne daß die al$$)

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