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Die Stimme · 1931-07-30 · Heft 186 (30.7.1931) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 186 (30.7.1931)
Date
1931-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Nf. 160 — 30. Juli 1931 DIE STIMME Seite 9 Juden in Reichenau unerwünscht oder österreichische Fremdenverkehrspropaganda Eine jüdische Qnstwlrtin In Wiener-Neustadt hatte die Idee, in Reichenau, am Fuße der Rax, eine koschere Gastwirtschaft zu errichten. Das ist zweifellos ein guter Einfall, denn in Reichenau und im angrenzenden Payerbach wohnen Im Sommer hunderte jüdische Sommerfrischler. Viele Tausende von Juden besuchen die Rax. Es herrscht daher zweifellos das Bedürfnis nach einer rituell geführten Gastwirtschaft. Aber die gute Frau Nina G?rs(l aus Wiener-Neustadt hatte die Rechnung ohne die Relchenauer christlichen Gastwirte gemacht. Es gibt unter Ihnen sicher Angehörige aller Parteien, Christlichsoziale, Deutschnntlonalc und vielleicht auch Sozialdemokraten; sie sind einig darüber, daß es notwendig ist, jüdische Sommerfrischler gegen teueres Geld zu beherbergen und zu verköstigen — aber nur so lange, als Herr Kohn und Herr Abeies nicht die Frechheit haben, rituell essen zu wollen. Da alliieren sich unsere Relchenauer Gastwirte; Bürgermeister und Gastwirtegenossenschaft leisten Schützenhilfe. Schulter an Schulter kämpfen sie gegen die jüdische Gastwirtin Nina Gerstl. Wie denn auch nicht? Es gibt noch Gesetze in Österreich! Unsere verzopfte Gewerbeordnung kommt Reichenau zu Hilfe. Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein! Zuerst muß festgestellt werden, ob in Reichenau der «Lokalbedarf» nach einem jüdischen Restaurant bestehe. Bürgermeister und Faci-genossenschaft sagen Im Brustton der Ueberzeugung: Nein, es besteht kein Lokalbedarf. — Aber bei diesen verdammten Juden, die nicht so leicht locker lassen, die gerne die höheren Instanzen anrufen, heißt es vorsichtig sein. Der abschlägige Bescheid muß gut begründet werden; hat doch das zuständige Rabbinat in Neunkirchen behauptet, daß im Sommer wenigstens hundert jüdische Familien in Payerbach-Reichenau wohnen. Das muß widerlegt werden. Bürgermeister springt in die Bresche und erklärt: «In Reichenau wohnen nur vier jüdische Familien und die Zahl der jüdischen Sommerfrischler kann nicht festgestellt werden.» Liegt hier eine echt österreichische Schlamperei vor? Weit gefehlt. Es gibt in Payerbach und in Reichenau einen Meldezwang. Ausgenommen die Frage «Wann wurden Sie das letzte Mal geimpft, und wenn nein, warum nicht?» enthält der Meldezettel, wie überall in Oesterreich, alle erdenklichen Fragen und unbedingt auch die nach der Religionszugehörigkeit. Ist dem Bürgermeister die Institution des Meldezwanges unbekannt, konnten seine Beamten wirklich nur bis vier (vier jüdische Familien) zählen? Die Fac! Genossenschaft der Gastwirte hat ebenfalls ein.Gutach:; erstattet, ihr liegt aber das Herz auf der Zunge, und sie erklärt: «Ein zukünftiger Zuzug von Familien, die das konfessionelle oder nationale Moment betonen, ist unerwünscht und für den Zuzug des internationalen Publikums schädlich.» Wie vornehm ausge- Ur..i| j\l:in hält etwas auf Benehmltät. Dieser Satz, den sich alle Juden merken sollen, heißt, ins Deutsche übersetzt: «Juden hinaus, ihr vertreibt uns die Arier! Wagt es ja nicht, zu kommen! Wenn ihr das nationale und konfessionelle Moment nicht, betont, nehmen wir euer Geld. Andernfalls aber, wenn Ihr die Frechheit besitzen solltet, ln Reichenau nach euren Speisegesetzen leben zu wollen, dann: Marsch hinausI Deutschland erwache, Juda verrecke!» I Das sind schlagende Argumente. Die oberen Instanzen beriefen sich nicht auf nationale und konfessionelle Momente. Wir-haben noch Gesetze in Oesterreich. «Ermessenssache», «kein Lokalbedarf», Schlußpunkt, Streusand draufl Vielleicht für die Behörden, aber nicht für uns Juden. Wir schämen uns als Oesterreicher dieser Relchenauer Krähwinkelpolitik, wir werden cs uns aber merken, daß für die Reichenauor «der Zuzug von Familien, die das konfessionelle oder nationale Moment betonen», unerwünscht ist. Gansbügel mit Ritschert und Scholet hindert den Zuzug eines P. T. internationalen Publikums, «Juda verreckel» fördert ihn offenbar, Wir Juden wollen uns gerne belehren lassen. Wir werden uns diesen Zuzug des Internationalen Publikums nach Reichenau von der Ferne ansehen. Die in der österreichischen Wirtschaft tätigen I Juden sind aber leider auch Leidtragende der Reichenauer «Politik» und mit ihnen die christliche Geschäfts- I weit Oesterreichs. Nicht Reichenau allein, Oesterreich I bezahlt die Zeche. Es soll den Relchenauer Gewerberettern verraten werden, daß es in St. Moritz, in Davos I und in allen Fremdenverkehrsorten der Welt koschere Gastwirtschaften gibt, auch in Badgastein, wo nicht einmal vier jüdische Familien leben. Der ausländische Jude aber, der von der Relchenauer Heldentat hört, wird leider von Reichenau auf ganz Oesterreich schließen und uns nicht durch «unerwünschten Zuzug» belästigen. Wir fürchten, man wird den Relchenauer Gewerberettern kein Denkmal setzen. Die österreichische Frcm- I denverkehrspropaganda wird Mühe haben, gut zu ma- I eben, was Reichenau verdorben hat. Sie wird vergeblich I kämpfen, wenn es Ihr nicht gelingt, den Relchenauer I Geist auszurotten. ■ Theodor Herzl und Ludwig Qunipiowicz Zum Aufsatz, der unter diesem Titel in der «Stimme» Nf- 182 vom 3. Juli 1931 erschienen ist, bin ich von gut informierter, verläßlicher Seite darauf aufmerksam gemacht worden, daß Oumplowicz den an ihn gerichteten Brief Herzls nicht mit Stillschweigen überging, sondern ihn beantwortete. Diese Antwort oefindet sich im Herzl-Archiv, was ich hiermit bereitwilligst richtigstelle, wobei ich für die mir gewordene Mitteilung danke. T. Nussenblatt. Der Agudist EU Mazur — Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde Warschau, 22. Juli. (J. T. A.) Unter dem Vorsitz des Miarachi-Führers Heschel Farbstein, bisherigen Präsidenten der Warschauer Jüdischen Gemeinde und jetzigen Mitgliedes der Exekutive der Jewisli Agency, fand eine Sitzung des neugowähiten Vorstandes der Warschauer Jüdischen Gemeinde statt, in der die Wahl des Präsidiums der Gemeinde vorgenommen wurde. Zum Präsidenten der Warschauer Jüdischen Gemeinde wurde mit acht gegen sieben Stimmen der bekannte Aguda- Führer Herr Eh Mazur gewählt. Den Ausschlag gab die Stimme des Vorstandsmitgliedes Stanislaw Rosenberg, eines früheren Zionisten, der jetzt der Aguda beigqtreten ist. Die sieben zionistischen und misrachistischen Vorstandsmitglieder (nationaldemokratischer Block) stimmten für den bisherigen Präsidenten Heschel Farbstein, der in der Minderheit blieb. Zum Vizepräsidenten der Gemeinde wurde der Agudist Moses Lerner mit der gleichen Stimmenanzahl gewählt, nachdem der zum Vizepräsidenten vorgeschlagene Zionist Herr Moses Feldstein erklärt hatte, daß er eine Verantwortung für die Tätigkeit der jetzigen Mehrheit nlcnt übernehmen könne. Der Kongreß begrüßt die Gründung des hebräischen Weltverbandes Der XVII. Zionistenkongreß faßte in seiner Sitzung vom 13. Juli im Zusammenhang mit der vor kurzem in einer Konferenz in Berlin erfolgten Gründung der «Brith Iwrith Olamit» (Hebräischer Weltverband) eine Resolution, die lautet: «1. Der Kongreß begrüßt die Gründung des Brith Iwrith Olamit (Hebräischer Weitverband) und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß dieser Weltverband die Einigung aller Faktoren und aller auf dein Gebiete der hebräischen Kultur tätigen Kräfte aller Richtungen herbeiführen wird. 2. Der Kongreß appelliert an alle zionistischen Organisationen, die Organisierung der Brith Iwrith Olamit zu fördern. 3. Der Kongreß beauftragt die Exekutive, einen Monat im Jahre für Propaganda und Sammelaktionen zugunsten der jüdischnationalen Erziehungs- und Külturanstalten aller Richtungen mder Diaspora festzusetzen. 4. Mit Befriedigung nimmt der Kongreß den1 Beschluß der Berliner Konferenz zur Kenntnis, einen hebräischen Weltkongreß einzuberufen, der die oberste Instanz aller Richtungen der hebräischen Weltbewegung in der Diaspora werden soll.» Die Resolution wurde vom Kongreß mit großem Beifall angenommen. Beratungen der Exekutive der Jewish Agency Basel. (J. T. A.) Am 19. und 20. Juli fanden in Basel Beratungen der neugewählten Exekutive der Jewish Agency unter dem Vorsitz des Präsidenten Nahum Sokolow statt. Zur Behandlung gelangten die laufenden Angelegenheiten, insbesondere die Verteilung der Dezernate. Es verlautet, daß Dr. Arlosoroff, Mitglied der Palästina-Exekutive neben Farbstein, Senator, Berkson und Viteles werden wird, während in London außer dem Präsidenten Sokolow die Herren Brodetsky, Locker und zunächst auch Herr Emanuel Newman ihren Amtssitz haben werden. Aber auch Herr Newman gedenkt im Frühjahr 1932 nach Palästina zu übersiedeln, um dort in die Palästina-Exekutive einzutreten. Die Arbeiter des Emek an Weizmann Jerusalem. (J. T. A.) Anläßlich der Niederlegung seines Amtes hat Dr. Weizmann von den jüdischen Arbeitersiedlungen im Emek folgendes Telegramm erhalten: «Ihr Ruhm ist unvermindert. Ihr Schicksal ist auch unser Schicksal. Wir waren und bleiben mit Ihnen.» Aus dem britischen Unterhaus Die Ernennung des High Commlssicüci’s. — Die Wiener Universitätskrawalle. London. (J. T. A.) In der am Montag, den 20. Juli, abgehaltenen Sitzung des Unterhauses erklärte Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Shiels auf eine Anfrage des Abgeordneten Michael Marcus, daß weder die zionistischen Führer noch die Araber vor der Ernennung des neuen High Commissioner General Arthur Grenfell Wauchope zu Rate gezogen worden seien. ln derselben Sitzung des Unterhauses lenkte der Abgeordnete Kenworthy die Aufmerksamkeit des Außenministers auf die «jüngsten Ueberlälle und Ausschreitungen gegen jüdische Studenten an der Wiener Universität» und richtete an den Außenminister die Anfrage, ob die; Völkerbundssektion für Minoritätenfragen auf diese Angelegenheit aufmerksam gemacht worden sei. Außenminister Henderson erwiderte, er habe einen Bericht über die Unruhen erhalten; soweit ihm bekannt sei, hätten sie sich jedoch nicht wiederholt, und die Behörden seien anscheinend Herren der Lage Es sei nicht anzunehmen, daß die Angelegenheit vor den Völkerbund werde gebracht werden. „Das leuchtende Beispiel im Orient“ Die palästinensische jüdische Arbeiterschaft wird der deutschen Arbeiterjugend als Beispiel hingestellt Die Zeitschrift «Freie Sozialistische Jugend» veröffentlicht unter der Ueberschrift «Palästina als Beispiel (Neue Lebensformen in einem alten Land)» einen Paiäatinabericht ihres Mitarbeiters Kurt Stecheft (Nichtjude), der u. a. ausführt: Palästina ist uns ein Beispiel. Auf dieser alten Erde ringen einige tausend jüdischer Arbeiter-Menschen, die aus sozialistischer Erkenntnis zum großen 'Feil freiwillig ein unerhört schweres Arbeiterdasein auf sich genommen haben — um eine neue Lebensgestaitung. Vielleicht Ist der Zionismus, Ökonomisch gesehen, eine Utopie, vielleicht geht er zugrunde an seinem politischen Unglück, nicht nur von England das Unglaublichste erleben zu müssen, sondern auch mit den Arabern ständig in Streit zu stehen. Aber man muß ehrlich zugestehen, daß die Arbeiter, die in Palästina leben, von einem großen Lebenswillen geleitet werden. Und wird Palästina einmal ais jüdisches Kolonisationsgebiet aufhören zu bestehen, was Ansicht extremer Pessimisten ist, niemals wird das wegzuwischen sein, was wir lernen konnten. Hier ringen Menschen mit der Umwelt und gegen die Umwelt. Auf dieser Erde, auf der nur immer das Dulden und Ertragen gepredigt wurde, tritt der Mensch als aktive Kraft auf. In Hitze und primitiven Baracken, zum Teil auch in Zelten und nur sehr selten in Steinhäusern, geht der Tag dahin. Am Feiertag ist alles weiß und frisch. Die Menschen hier haben nicht viel Zeit. Der Arbeitstag ist lang, denn man ist im Anfang und dazu in der Landwirtschaft. So wird nicht sehr viel gelesen, aber es wird gelesen. Und so müde man oft Ist, man studiert doch. Den Durchreisenden läßt man nicht weiter, ehe er mindestens einen Vortrag gehalten hat. Die Erziehung ist gemeinschaftlich, bewährt sich gut. Küche ist kollektiv, wird noch große Revolutionen erlebe» müssen. Lohn gibt es nicht, wer was braucht, bekommt es, wenn gewünscht, auch Geld. Selbständig werden die Wünsche heruntergedrückt. Die Kultur des städtischen Arbeiters ist eine viel höhere als bei uns. Ich habe in ganz Palästina keine Scnlagerei unter den jüdischen Arbeitern gesehen, keinen einzigen Betrunkenen, keinen Schaukelnden und Schwankenden. Und doch, wie lächerlich billig ist der Wein. Aber man trinkt ihn trotzdem nicht. Und wenn, dann zwei Schluck und dazu noch verdünnt. Aber das kommt alle Jahre mal vor. Mit einer kleinen Flasche feiert eine Gesellschaft von dreißig Leuten. So habe ich es gesehen. Wenn das Straßentrtld, besonders von Tel-Aviv, immer ein sauberes ist, dann nicht zuletzt, weil Stänkerkneipen und Betrunkene das Stadtbild nicht verschandeln. 1( Die jüdische Arbeiterschaft ist das jüngste Glied der Internationale. Daß sie der proletarischen Welt in der Lebensweise Beispiel und Vorbild ist, gereicht ihr zur Ehre. Behalten wir das leuchtende Beispiel im Orient im Auge, es ist Wohltat und Erquickung. ln aller Kürze Die Auswanderung aus Litauen ist in den letzten drei Monaten auf 478 Personen gegenüber 8404 Personen in den gleichen Monaten des Vorjahres zurückgegangen, woraus ’ f.Tvorgeht, daß Litauen unter der Weltwirtschaftskrise verhältnismäßig wenig zu leiden hat. Der lettländische Sejm hat ein Gesetz angenommen, auf Grund dessen allen in Lettland tätigen Geistlichen, auch Rabbinern, die Pensionsberechtigung zuerkannt wird. * Aus New-York wird gemeldet, daß der Herausgeber der dortigen Zeitschrift „The American Hebrew Magazine“ Selbstmord durch Erhängen verübt hat. * Bei der am 16. Juli in Basel unter dem Vorsitz Vladimir Jabotinskys abgehaltenen Beratung der Weltleitung des Keren Toi Chaj wurde der Anfang einer großen Tel Chaj-Woltkampagne feierlich proklamiert. Tagung der Orthodoxen-Rabbiner Amerikas In Long Brach (New-Jersey) wurde kürzlich die Jahx’esvoraammlung der orthodoxen Rabbinorvereinlgungen Amerikas unter dom Vorsitz von Rabbi Israel Levinthal abgehalten. Nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden Rabbi Elias Margolles-Mount Vernon und einem von Dr. Max Kadushln-Chicago geleiteten Symposion Über jüdischen Nationalismus und konservatives Judentum fand eine allgemeine Aussprache über aktuelle Fragen des religiösen Löbens der orthodoxen Judonhelt Amerikas statt. Rabbi Louis Finkolsteln forderte die Einsetzung qualifizierter rabbinlseher Gerichte zur autoritativen Entscheidung religiöser Fragen unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des mordernen Lebons. Einen breiten Raum nahm die Erörterung von Erziehungsfragen ein. Die Mehrheit legte auf Sittcnlohro und Religionsunterricht größeren Wert als auf don Unterricht ln der hebräischen Sprache. An diese Debatte schloß sich eine Aussprache Über Fragen der Llthur- ,v> und des Rituals. Die Versammlung faßte mehrere Resolutionen, in denen die Einführung der Fünftagewoche befürwortet, die Zurücksetzung von Juden bei Vergebung von Stellen und In Erziehungsinstitutionen verurteilt und Präsident Hoover aufgefordert wird, eine internationale Schuldenstundung durchzusetzen. Ferner wurde beschlossen, die Hilfsfonds für Palästina und Europa zu fördern, dr»* rabbinischo Sommerschule abzuhalten und eine jüdische wissenschaftliche Zeitung herauszugeben.

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