Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 186 (30.7.1931)
- Date
- 1931-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 186 30. Jul! 1931 DIE STIMME SeWfe f Die Hölle Zlonlslenverfoltgeang In Sowfeiraiülamel (Vortrag von Izchak Gurewitsch, gehalten aut der zweiten Tagung des Verbandes «Magön») Niemand wird ohne tiefe Erschütterung die folgenden Zeilen lesen. Einzelpersonen und Organisationen, die den verfolgten Zionisten in Rußland helfen wollen, mögen sich an den Verband «Magen» Tel-Aviv P. 0. B. 405, melden. (Die Redaktion.) Die Kette namenloser Terrorakte, die alle Völkerschaften Rußlands in eherner Umklammerung gefangen hält, hat kürzlich eine noch erheblich straffere Anspannung erfahren. Hunderttausende seufzen in Gefängnissen, Hunderttausende schmachten in den entlegensten Winkeln grausamer Verbannung. Unter den letzteren verdienen unser besonderes Interesse Hunderte unserer Gesinnungsgenossen, die für die Idee des Zionismus kämpfen. Diese Gefangenen sind in «Politisolatoren» (politischen Gefängnissen mit Militärverwaltung) oder in Verbannungsorten, hart an der Grenze Chinas, Afghanistans oder am Ufer des Eismeeres, untergebracht. Die terrorisierte Verfolgungswut dauert nach wie vor ungeschwächt fort, so daß es uns zur heiligen Pflicht wird, über die Leiden unserer Gesinnungsfreunde zu berichten, damit das Volk ihren Heldenmut und ihre unvorstellbaren Qualen kennenlernt und jeder Jude sich zum Beistand für seine mitleidslos verfolgten Brüder aufgerufen fühlt. Es läßt sich nicht leicht schildern, was diese Menschen erdulden müssen. Die Verbannung selbst erscheint da als ersehnter Ruhepunkt nach rastlosem Getriebensein, ohne Dach über dem Kopf, immer auf der Hut vor dem zugreifendem Arm der G. P. U. Unter diesen Umständen wird illegale Parteiarbeit geleistet und das Ende ist zumeist — der Kerker. Die Haft bis zur Urteilsprechung dauert gewöhnlich drei bis sechs Monate, manchmal noch länger. Nach der Verurteilung beginnt die «Wanderschaft». Monate, manchmal sogar ein halbes Jahr, verbringt man in den sogenannten «Stolypinwagen» (heute werden sie «Stalinwagen» genannt) und in den «Etappengefängnissen». Von einer Etappe zur anderen wird man auf Kamelen, manchmal auch zu Fuß, befördert. Von den 1200 Kilometern auf der Strecke von Irkutsk bis Krasnojarsk, haben viele von unseren Gesinnungsfreunden 250 Kilometer zu Fuß und den Rest in Booten auf der Lena zurückgelegt. Nach langem Wandern und unglaublichen Strapazen gelangt man endlich an den Bestimmungsort der Verbannung. Für gewöhnlich ist es ein winziges sibirisches, uralisches, turkestanisches und kasakstanisches Dorf, hunderte Kilometer von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. Hiei hat der 'Verbannte' Pflichten' und «Begünstigungen». Seine Häuptpflicht besteht in der Meldung bei der G. P. U., in der Regel zweimal wöchentlich, es kommt aber auch vor, daß Ortssatrapen tägliches Erscheinen beanspruchen. Nicht selten kommt es vor, daß schon nach dem ersten oder zweiten Versäumnis Haftstrafen verhängt werden. Im Zentrallager unweit von Karkaralinsk befinden sich fünf Zionisten, die eingesperrt wurden, weil sie die Frechheit besaßen, nach trockenem Brot zu verlangen. Als die hungrigen Gesinnungsgenossen die G. P. U. ersuchten, ihnen Brotkarten zur Verfügung zu stellen, erhielten sie den Bescheid, sich an das Handelskommissariat zu wenden. Das Kommissariat aber war der Ansicht, daß dies die Sache der G. P. U. sei. Und als daraufhin abermals bei der G. P. U. angesucht wurde, kam eine überzeugendere Antwort: Haft. Den Bauern ist es verboten, den Verbannten Lebensmittel zu verkaufen. In manchen Ortschaften ist es überdies verboten, ihnen Wohnungen zu vermieten, so daß sie gezwungen sind, in engstem Raum zusammengepfercht zu hausen. Die Arbeitsmöglichkeiten sind in der Verbannung gering. Im Dorf gibt es Arbeit nur bei den Bauern, doch die G. P. U. sieht es ungern, wenn Verbannte beschäftigt werden. Im Dorfe Bolschenarimsk an der Irtisch wollten zionistische Verbannte den Bauern bei der Feldarbeit helfen, da fand die G. P. U., daß sie unerlaubte Propaganda betreiben. Das Ergebnis — Haft und Abtransport in eine andere Ortschaft. Hier beginnt dann ein neues Leidenskapitel, manchmal endet es mit bloßer Arbeitslosgkeit, häufig mit Haft und abermaliger Verbannung. Ein solcher Fall ist in Pawlodar an der Irtisch vorgekommen. Die Genossin Pnina Grundfest wurde vor die Kommission zitiert und über den Grund ihrer Verbannung befragt. Ihre Antwort lautete: wegen Zugehörigkeit zu einer zionistisch-sozialistischen Organisation. Diese Antwort erregte das entschiedene Mißfallen der G. P. U. (denn die Ortsarbeiterschaft könnte ja erfahren, daß man für Zugehörigkeit zum Sozialismus mit Verbannung bestraft werden kann) und so wurden alle unsere Genossen, die sich in der gleichen Ortschaft befanden, kurzerhand verhaftet. Unter solchen Bedingungen muß man drei lange Jahre verleben. Und selbst dann besteht noch die Möglichkeit, durch ein neuerliches Urteil weitere drei Jahre in der Verbannung zubringen zu müssen. Nach drei Jahren kommt man in das «Minus», d. i. eine größere, gewöhnlich im europäischen Rußland gelegene Ortschaft, die aber trotzdem von den wichtigen Zentren Ukrainas und Weißrußlands weit entfernt ist. Die «Minusortschaft» ist nicht viel erfreulicher als der Verbannungsort, denn der Genosse bleibt nicht nur vom Kulturleben der Stadt ausgeschlossen, sondern es steht hier auch die Spionage in vollster Blüte und jede Fühlungnahme mit der Umgebung erweckt den Verdacht der G. P. U„ der schließlich zur Verhaftung führt. Die Unterstützung in den «Minusortschaften» ist höher als in der Verbannung, doch sind dafür die Arbeitsmöglichkeiten geringer. Haftbefehle sind hier häufiger und — grausamer. Im letzten Winter wurden die meisten Verbannten in Woronjesch, Kursk, Saratow etc. verhaftet. Nach einer monatelangen Einkerkerung im Ortsgefängnis wurde ein neues Urteil gefällt. Viele wurden für weitere drei Jahre in die «Politisolatoren» zurückgeschickt, die Uebrigen nach Sibirien verbannt. T. Podgajecka — eine Genossin aus dem «Hechaluz» — wurde während ihrer (Verbannung verhaftet und nach Moskau gebracht. Dort ist sie, zum Protest gegen das Verhalten der Gefängnisbehörde, für 20 Tage in Hungerstreik getreten. Die G. P. U. hat ihre berechtigte Forderung nach einer besseren Zelle so lange außer acht gelassen, bis der Gefängnisarzt erklärte, daß ihrem Leben Gefahr drohe. — Es steht geschrieben: «ein Gefangener kann sich allein nicht befreien». Gerade das Gegenteil dieses Satzes gilt aber für die politischen Verbannten in Rußland. Es genügt, wenn man erklärt, aus der «konterrevolutionären» Partei austreten zu wollen, den Zionismus zu beschuldigen, daß er dem britischen Imperialismus nur Handlangerdienste leistet, daß die Zionisten die jüdischen Arbeitermassen irreführen, daß nur die kommunistische Partei die wirtschaftliche und nationale Frage der arbeitenden Judenheit lösen kann, etc. etc. (die Formel ist genau festgelegt und sollte der «reuige Sünder» den einen oder anderen Punkt fortlassen oder ablehnen, so füllt die G. P. U. aus eigener Machtvollkommenheit die fraglichen Stellen in ihrem Sinne aus) — und sogleich ist man frei. Nur eine ganz geringe Anzahl hat sich bereit erklärt, diesen Widerruf zu unterzeichnen, darunter vor allem die alte Zionistengeneration, die den Qualen der Haft nicht gewachsen war. Die Jungen jedoch sind bereit, für den Zionismus zu leiden und wollen nicht «widerrufen». Die G. P. U. weiß sehr wohl, wie schwer es ist, den Genossen den Widerruf abzuringen, und so wird manchmal Damen und Herren verdienen monatlich S 300.— und mehr durch vornehme Werbetätigkeit. Vorst, täglich 3 bis 6 Uhr, Rennweg 33M. versucht, durch die verschiedenartigsten Finten den Gefangenen wenigstens zu'einem iriterneh Bekenntnis, daß er die Partei verlassen wolle, zu bringen. Dann wird dieses Bekenntnis abgedrückt, unter Hinzufügung der üblichen Deklarationsformel. Das war in Odessa der Fall, als die achtzehnjährige Genossin Siwa Dranowska, von der Organisation «Haschomer Hazair», wegen Veröffentlichung einer nichtabgegebenen Deklaration, Selbstmord verübt hat. Durch Drohungen der Behörde, durch Beschwörungen ihrer Eltern wurde sie endlich dahingebracht, ein «internes» Bekenntnis abzulegen, daß sie sich vom «Haschomer Hazair» lossagt. Sie wurde entlassen. Und als sie dann in einer Zeitung die übliche Deklaration las, konnte sie die Schmach, die ihr die G. P. U. damit zugefügt hatte, nicht ertragen und stürzte sich aus dem sechsten Stockwerk. Es gab noch andere ähnliche Fälle. So leben, leiden und sterben die Kämpfer für unsere nationale Renaissance in Sowjetrußland. Zwar gibt es auch noch heute kleine zionistische Zellen aller Schattierungen, die die Arbeit fortsetzen, aber die Mehrzahl der russischen Zionisten aller Strömungen schmachtet in den «Politisolatoren». Es gibt keine einzige Stadt, kein einziges Städtchen in der Ukraina oder in Weißrußland, die nicht ihre Repräsentanten in der Verbannung oder im Kerker hätten. Die Hilfe, die man den Kindern gewährt, wirkt zurück auf ihre Väter und läßt sie hoffen, daß sie alle einmal der russischen Hölle entgehen werden. Vor den jüdischen Massen der Sowjetrepublik erhebt sich die Frage einer Auswanderung mit zwingender .Schärfe. Doch stößt dieses Problem auf Hindernisse, die nicht nur in den Emigrationsländern selbst zu suchen sind. Die Hauptschwierigkeit besteht in der Unmöglichkeit, Rußlands Boden zu verlassen. Die Regierung hat nur in ganz wenigen Fällen Pässe und Schiffskarten nach Erez-Israel, und auch da nur zu dem unmäßigen Preis von 22 bis 23 Dollar pro Reisepaß und 15.10 Dollar pro Schiffskarte, bewilligt. Diese Maßnahmen sprechen für sich. So wollen wir denn von dieser Tagung den Ruf ergehen lassen: volle Hilfe und moralische Stütze den «Gefangenen Zions» in Sowjetrußland! Erster Internationaler Kongreß der Vereinigungen berufstätiger Frauen Seit einem halben Jahrhundert etwa ist die Frau im Begriff, sich Schritt für Schritt die einzelnen Berufszweige zu erobern. Es hat Mühe und Kampf gekostet, denn überall stellten sich ihr Hindernisse entgegen. Es fehlte nicht einmal an Wissenschaftlern, die den unaufhaltsamen Zustrom der Frauen auf die Hochschulen zu hemmen suchten. Der Weltkrieg aber eröffnete den Frauen fast sämtliche Berufszweige und erzog sie zur vollkommener Selbständigkeit. Und diese Selbständigkeit findet ihren stärksten Ausdruck in dem eben tagenden ersten Internationalen Kongreß der Federation o! Rembrandt-Kino, II., Malzgasse Nr. 2, Telephon-Nummer A16461 Der Tonfilm, den jeder Jude gesehen haben muß: DAVID GOLDER Unsera geschätzten Leser werden auf die jüdische Buchhandlung Hermann Tuchner (siehe Inserat) besonders aufmerksam gemacht, wo für alle Lehranstalten sämtliche Schulbücher, auch antiquarisch, zu ermäßigten Preisen erhältlich sind. Leihbibliothek eröffnet. 10 Groschen täglich. Keine Nebengebühren. Für Anfragen Telephon R-41-4-20. E Business and Professional Women. Dieses Frauenpanamcnf ist eine imposante Kundgebung von Solidarität und internationaler Zusammengehörigkeit der Frauen und trägt vor allem den Friedensgedanken in die Welt, ln Miß Lena Madesin Philipps grüßen wir die Schöpferin und Ehrenpräsidentin dieser weltumspannenden Federation. Der Kongreß, der vom 26. bis 31. Juli 1931 seine Beratungen in den Festräumen des Oesterreichischen Klubs in Wien abhält, ist vertreten von Delegationen aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Deutschland, England, Frankreich, Belgien, Italien, der Schweiz, Norwegen, Ungarn, Polen, Tschechoslowakei u. v. a. Staaten. Lange zurückgedrängte Intelligenz fordert nun ihr Recht. ln der anläßlich des Kongresses von Architekt Liane Z i m b 1 e r und Dr. Else Hofmann veranstalteten Ausstellung «Die schaffende Oesterreicherin» in crer Sezession erblicken wir im großen Mittelsaal die Porträts führender Frauen Oesterreichs, Vertreterinnen der Ueisioswtssenschaften, der Politik, Kunst, Literatur und praktischer Berufe. Kurzum, ein Spiegelbild der Vielseitigkeit. Ein in Goldschrift angebrachtes Motto besagt: die Ausstellung ist Beginn, Leistung und Antlitz der schaffenden Frau und gibt Rechenschaft über (jewordenes — Mut für Werdendes. — In ülasvitrinen finden wir Bücher und Broschüren weiblicher Autoren. Sehr interessant;st ein kleines Buch von A'larianne Hainisch «Die Brotlragc der Frau» (1875) und erfreulich für uns zu lesen «Zehn Jahre Wizo» von Dr. Martha Hofmann. Sonntag, den 26. d. M., 8 Uhr abends, fand die feierliche Eröffnung im großen Festsaal des Oesterreichischen Klubs statt. Miß Philipps begrüßte den Kongreß in englischer Sprache, worauf die Präsidentin des österreichischen Zweiges, Frau Dr. Löwenstein, sowohl Miß Philipps wie auch den französischen Gesandten Comte Clauzel samt Gemahlin, die Gesandten Ungarns, der Tschechoslowakei, Italiens, der Schweiz und Bundesminister Dr. Resch begrüßt^, Auch formulierte sie Sinn und Zweck der Föderation, wobei sie das Prograntm der Beratungen, und zwar «Ursache urfd;! Abhilfe der Arbeitslosigkeit», «Eheversicherung und Gründung einer Frauenbank» bekanntgab. In launigen Worten sprach dann Bundesminister Dr. Resch den berufstätigen Frauen seine Anerkennung aus. Ottilie Gröbl. Konstituierung des A C. Auf der Sitzung des zionistischen Aktionskomitees vom 16. Juli 1931 in Basel wurde folgendes Präsidium gewählt: Präsident: Leo Motzkin, Vizepräsidenten: Kurt Blumenfeld, Meir Berlin, Izchak Grünbaum, Benzion Mossinsohn, Salman Rubase h o w, Josef S p r i n z a k. Ein Platz wurde für einen Vertreter der Revisionisten reserviert. Arabischer Feldzug gegen die Waffendepots in den jüdischen Kolonien Die arabische Tageszeitung «Al Jamea el Arabia», das Organ des Obersten Moslemitischen Rates und des Großmufti wurde wegen Veröffentlichung mehrerer Artikel, in denen in aufreizender Weise gegen das Bestehen versiegelter Waffendepots in den jüdischen Kolonien Stellung genommen worden war, vom Chefsekretär der Palästina-Regierung M. A. Young verwarnt. Im Zusammenhang damit weisen die jüdischen Zeitungen darauf hin, daß es Artikel solcher Art waren, die den Ausbruch der Unruhen von 1929 herbeigeführt haben und daß die Hetze der arabischen Presse gegen die Institution der versiegelten Waffenlager um so auffälliger sei, als in der letzten Woche allein 26 Araber wegen Besitzes verbotener Waffen verurteilt wurden. Nicht nur in der arabischen Presse, sondern auch in Versammlungen stellen die Araber die Forderungen nach Beseitigung der versiegelten Waffendepots in den jüdischen Kolonien auf. In Nablus wurde eine Versammlung abgehalten, in der u. a. auch der Führer der. arabischen Scout Organisation eine aufreizende Rede hielt. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: Euer Boden, Euer Leben und Euer Eigentum sind in Gefahr. Wenn wir nicht rechtzeitig aufwachen, werden wir mit den jüdischen Waffen getötet werden. Proteste sind wertlos. Gehen wir zur Tat über. Unser« geehrten Leser werden auf das Inserat der Fein* Waschanstalt „Habsburg“, Zentrale: VI., Wallgasse Nr. (Seite 1), aufmerksam gemacht. Die Firma ist als einzig« dieser Branche Mitglied der Rabattsektion des Keren Kaje« meth und die Mitglieder dieser Sektion genießen bei Bi« Stellungen den üblichen Rabatt hf( '.üf,