Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 186 (30.7.1931)
- Date
- 1931-07-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3053911-3053940--2482-3057914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 186 — 30. Juli 1931 DIE STIMME Seite 3 Ein Gespräch mit Berl Locker Das neugewählte Mitglied der zionistischen Exekutive, Herr Berl Locker, der augenblicklich in Wien wellt und hier am Kongreß der Arbeiterinternationale teilnimmt, hatte die Liebenswürdigkeit, sich im Gespräch mit uns über aktuelle zionistische Probleme zu äußern. Die Redaktion. «Welchen Eindruck haben Sie vom XVII. Zioni- •tenkongreß? Wie beurteilen Sie das Resultat der Beratungen und welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft der zionistischen Arbeit?» «Das Resultat des Kongresses ist meiner Meinung nach», meint Herr Locker, «leidlich zufriedenstellend. Die Tatsache, daß es vermieden worden ist, die letzten Ziele der Bewegung in einer Art zu formulieren, die politisch sohädlich sein könnte, ist zu begrüßen. Die beschlossene Formel ist derart, daß sie als Basis für alle Gruppen dienen kann. Allerdings glaube ich, daß die Debatte über die Endzielfrage überhaupt überflüssig war. Sie hat dem Kongreß allzuviel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit geraubt, die eher praktischen Problemen der Arbeit und der Kolonisation hätten gewidmet werden sollen. Das wichtigste Ergebnis des Kongresses ist die Wahl einer Exekutive, in der mit Ausnahme der Revisionisten alle Gruppen vertreten sind. Die Radikalen — übrigens eine kleine Zahl von Delegierten — sind zwar nicht in der Exekutive, aber sie sind auch nicht in der Opposition und haben sich bei der Wahl der Stimme enthalten. Die Tatsache dieser Koalitionsexekutive, verbunden mit der vom Präsidenten Sokolow verlesenen programmatischen Erklärung, erlaubt zu hoffen, daß eine gute Grundlage für die gemeinsame Arbeit in der nächsten Zukunft geschaffen worden ist. Die Aufgaben der neuen zionistischen Exekutive sind: In erster Reihe müssen Anstrengungen gemacht werden, um das bereits geschaffene kolonisatorische Werk intakt zu halten, die Schädigungen, die die Krise verursacht hat, gutzumachen, und selbstverständlich auch die Kolonisation weiferzuführen, Wichtig ist natürlich auch die politische Arbeit. Wir müssen trachten, die politische Situation zu verbessern wie auch unsere Beziehungen zu den Arabern normaler zu gestalten.» «Ist die Einteilung der Ressorts unter den Mitgliedern der Exekutive bereits durchgeführt? Und glauben Sie, daß nunmehr die Arbeit ersprießlich sein wird?» «Die Einteilung der Ressorts steht noch nicht endgültig fest. Wir haben ja bisher bloß eine Sitzung der Exekutive gehabt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Dr. Arlosoroff das politische Referat in Palästina übernehmen wird. Ich werde in der Londoner Exekutive arbeiten. Was den zweiten Teil Ihrer Frage anbelangt, muß ich Ihnen antworten, daß ich den Glauben daran selbstverständlich habe. Wenn die Arbeiterfraktion die Hoffnung nicht gehabt hätte, daß etwas zu machen ist, hätte sie ihre Vertreter nicht in die Exekutive entsendet.» «Was ist Ihre Meinung über den soeben veröffentlichten Landentwicklungsplan?» «Ich möchte mich zu dieser Angelegenheit nicht ausführlich äußern, will jedoch lÜftnerken, daß, wenn wir auch mit vielen Grundprinzipien des Planes nicht einverstanden sein können, wir ups nicht der Einsicht verschließen dürfen, daß der Landentwicklungsplan an sich eine gesunde Idee ist und daß wir aus der nun einmal gegebenen Situation alles herausschlagen sollen, was herauszuschlagen ist.» Gestatten Sie zum Schluß noch eine Frage: Sind Sie nicht der Meinung, daß auf dem jetzt tagenden sozialistischen Kongreß seitens der poalezionistischen Delegierten eine Sympathiekundgebung für das Palästinawerk in der Form einer Resolution im Plenum eingebracht werden solle?» «Offen gestanden: nein. Denn erstens kann eine Resolution nur zu einem Punkte der Tagesordnung gestellt werden, und die Palästina-Frage ist als solche nicht Gegenstand der Beratungen. Zweitens erachten wir es als inopportun, eventuelle Meinungskämpfe heraufzubeschwören. Wir haben eine Reihe von guten Freunden in der Internationale und haben diese Sympathiker des Zionismus in dem internationalen sozialistischen Komitee für das Arbeitende Palästina zusammengefaßt. Diese Liga ist, wenn auch kein Organ der Internationale, so doch legal.» Frankel Paris, 26. Juli (J. T. A.). Auf der Durchreise in Paris verstarb plötzlich Dr. Lee Käufer Frankel, einer der Führer der amerikanischen Juden, im Alter von 64 Jahren. Dr. Frankel war seit einiger Zeit herzleidend, er hatte es sich aber doch nicht nehmen lassen, die weite Reise von New York nach Basel zur Teilnahme an der Tacaooocxxxxjoosocooocoooocccoccoooooooco Seebad Crkvenica streng orth. - feine Küche - billigste Preise. 'Das beste und billigste Seebad an der jagos'. Adria. Volle Pension mit Zimmer und Balkon, Meeiesaussicht, von Dinar 70*— bei M.Josip Engel „Villa flstoria“ gung des Council der Jewish Agency zu machen. Die Anstrengungen dieser Reise haben wohl seinen Tod beschleunigt. Das Ableben von Dr. Lee K. Frankel ist ein schwerer Verlust für die Jewish Agency, die kurz nach ihrer Gründung den ersten Präsidenten ihres Council, Louis Marshall, und später den stellvertretenden Council-Präsidenten Lord Melchett verloren hat und jetzt den eben erst neugewählten Mitvorsitzenden ihres Council verliert. Die Witwe Dr. Lee K. Frankels, die ihren Gatten auf seiner Reise begleitet hat, hat verfügt, daß die sterblichen Reste des verstorbenen Führers nach Amerika zur Bestattung überführt werden sollen. Die Ueberführung findet am 1. August statt. * Dr. Lee Käufer Frankel wurde am 13. August 1867 in Philadelphia geboren, war Dozent für Chemie an der Universität Penna, dann Chemie-Professor in Phila und errang sich als Chemiker in den Vereinigten Staaten einen sehr geachteten Namen. Er wurde dann veranlaßt, in die Versicherungsbranche einzutreten und wurde Vizepräsident der «Metropolitan Life Insurance Company», der größten amerikanischen JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher (auch antiquarische) für Eure Kinder in der JUd. ButhhandiungJHbmjruCMNRR Wien, II., Gr. SlacHflüirMEckTK borstraße 52) LEIHBIBLIOTHEK! Alle Neuerscheinungen erhältlich. 10 Groschen täglich,keine weiteren Gebühren 1 Für Anfragen Telephon R-41-4-20 Lebensversicherungsgesellschaft. Die Regierung der Vereinigten Staaten nahm seine Dienste vielfach itt Anspruch. So war er zuletzt Präsident der «American Public Health Association» und der «New York Conference of Charities». Er war einer der Gründer des «National Health Council» und gab das Werk «Human Factor in Industry» heraus, das dazu beigetragen hat, in den Vereinigten Staaten eine Bewegung für möglichste Schonung der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie zu schaffen. Frankels Wirken in der sozialen Hygiene und Fürsorge Amerikas war bahnbrechend. 1922 bereiste er Europa als Vorsitzender der amerikanischen Sonderkommission zum Studium der europäischen Lage. Einen großen Teil seiner Zeit widmete Dr. Lee K. Frankel jüdischen religiösen und sozialen Angelegenheiten. Er war nach dem Kriege Mitglied des Exekutivkomitees des Campaign für jüdische Kriegsopfer in Europa. Er war Mitglied der Exekutive des Verbandes der amerikanisch-jüdischen Kongregationen, Mitglied des Hauptkomitees des American Jewish Committee, Mitglied des Advisory Council der Palestine Economic Corporation, seit 1924 Mitglied des Komitees für die Jewish Agency, Vizepräsident des Kuratoriums der Hochschule für jüdische soziale Fürsorge, Mitglied de* Verwaltungsrates der jüdischen Flüchtlingshilfe, Mitglied des Präsidiums der Nationalkonferenz für jüdische soziale Fürsorge, Mitglied der Leitung des United Jewish Campaign. Er war Mitbegründer und führendes Mitglied des amerikan. Nationalkomitees der OSE und ein Förderer des OSE-Werkes. Auch der Arbeit von ORT brachte er tätiges Interesse entgegen. Im vorigen Jahre sprach er auf einer Konferenz des von ORT inaugurierten Volkswerkzeugs-Campaign über die Wichtigkeit des ORT-Aufbauwerkes. Im Jahre 1927 bereiste Dr. Lee K. Frankel Palästina als führendes Mitglied der von Louis Marshall und Dr. Chaim Welzmann organisierten Expertenkommission und war seither an der Gründung «des nichtzionistischen Teils der Jewish Agency intensiv'beteiligt. Der Council der Jewish Agency wählte ihn in seiner letzten Baseler Tagung neben 0. E. d’Avigdor Goldsmid zum Mitvorsitzenden. Denket an die Krawalle an der Handelshochschule! Daher Ständige unentgeltliche Stellenvermittlung der Hakoah Wer ausgeblldetes, tüchtiges und diszipliniertes Personal aller Art und aller Branchen braucht, wende sich an die HAKOAH, l„ Wiesingerstr. 11 / Tel. R-25-0-10 Was es nicht alles gibt Ein palästinensisdi-kurdistanischer Detektivroman Von Mania R o s e n t h a 1 (Jerusalem) Es gibt ernstzunehmende Leute, die Detektivromane lesen. Sie behaupten, daß ein guter, das heißt spannender Detektiv- oder Abenteurerroman sie nach einem arbeitsreichen Tage erfrischt und ablenkt. Dann gibt es wieder Leute, die eine solche Beschäftigung für höchst unwürdig und zeitvergeudend erklären und entweder überhaupt nichts lesen oder aber nur Bücher, die ihnen «gut» erscheinen, wobei es sogar manchmal passiert, daß sie nach anderen als snobistischen Grundsätzen verfahren. Ich lese keine Detektivromane; ich verachte aber deswegen die Leute nicht, die ohne diese Lektüre nicht auskommen können. Beim besten Willen kann ich mir zwar nicht vorstellen, was man an einem Detektivroman für Vergnügen finden kann, neulich aber «ah ich, daß man in Detektivromanen einen überraschenden und vielleicht treuen Spiegel der Psychologie eines Volkes entdecken kann. Die meisten Detektivromane werden bekanntlich von Engländern — und Engländerinnen — produziert und von Engländern mit Hilfe dankbarer Ausländer konsumiert. Nun könnte uns Zionisten von vielen Standpunkten aus interessieren, was unsere «Mandatarmacht» — hier könnte man vieles einschalten, aber ich überlasse das anderen, besser orientierten Leuten — was unsere Mandatarmacht eigentlich ist. Zum Beispiel könnten wir mit einigem Interesse etwas über die Psychologie der Engländer erfahren, über ihre Ideen, Ideale und Vorurteile. Es ist außerordentlich schwer, irgend etwas über die Psychologie eines ganzen Volkses auszusagen, sehr schwer, auch nur über eine bestimmte Kategorie von Menschen zu urteilen. Aber man wird nicht leugnen können, daß Dinge, die in Büchern der oben genannten Art sich finden, die also von Millionen, jedenfalls von Hunderttausenden von Menschen gelesen werden, mehr oder weniger typisch für die Denkart der Leser, nicht nur für die Denkart des Verfassers sind. Der Detektivroman, der mich dazu brachte, über diese Dinge nachzudenken, ist ein Werk der Frau Rosita Forbes und heißt «Die Ritter des Todes». Die Verfasserin ist nicht etwa eine gewöhnliche -Produzentin spannender Lektüre. Sie ist eine bekannte Journalistin, die den ganzen Orient bereist hat, auch in Palästina gewesen ist, sehr interessante Artikel über ihre Reisen veröffentlicht und in letzter Zeit sich wiederholt für die angeblich von den Zionisten verletzten Rechte der Araber eingesetzt hat. Sie ist mit einem hohen englischen Staatsbeamten verheiratet, spielt eine große Rolle in der englischen Aristokratie und gilt allgemein als eine äußerst hochstehende Frau und talentierte Journalistin. Daneben ist sie aber auch die Verfasserin einiger Romane, in denen dutzendweise Morde, Entführungen, Heiraten und Urkundenfälschungen, Selbstmorde und Erpressungen Vorkommen und die dementsprechend recht hohe Auflageziffern erzielen. «Die Kavaliere des Todes» — schon der Titel ist einige tausend Leser wert — sind russische Emigranten und englische Gentlemen, die in den Bergen Kurdistans hausen und die angenehm-gefahrvolle Existenz romantischer Kinolielden führen. In diesem Buch kommt ein reizendes junges Mädchen vor, das von ihrem Vater an einen alten und recht unsympathischen Menschen verschachert wird. Sie entflieht mit Hilfe eines jungen und schönen Helden, der mit ihr eine Scheinheirat eingeht — anscheinend ist er gar nicht so dumm wie Helden sonst. Eine Reihe unwahrscheinlicher Abenteuer zwingen den Helden und die Heldin, sich nach Syrien zu begeben. In Syrien gerät die entzückende blonde Heldin in die Hände eines wilden Stammes, der seiner Stammesgöttin blutige Menschenopfer bringt. Natürlich wird sie im letzten Moment gerettet. Auch der Held wird erschossen, beweint, und die Heldin ist gerade dabei, sich mit einem anderen, wahrscheinlich ebenso interessanten Engländer zu trösten, als er — der Held — heil und unversehrt, wie es sich gehört, wieder auftaucht. Nachdem die Heldin beinahe einer schweren Krankheit erliegt, aber wider alles Erwarten auf der 281. Seite bereits genesen ist, kann sich auf der 282. und letzten Seite alles in Wohlgefallen auflösen. Dieser blühende Unsinn ist es aber nicht, der mich interessiert; ich habe ihn nur angeführt, damit die Leser wissen, woran sie sind. Es handelt sich um etwas ganz anderes, nämlich um folgendes: In den «Kavalieren des Todes» ist auch von Jerusalem die Rede, denn sowohl der Held als auch di« Heidin sind gezwungen, sich im Laufe ihrer abenteuerlichen Reise nach Syrien in Jerusalem aufzuhalten, Mart könnte nach der Lektüre des Buches annehmen, daß eg keine Juden in Jerusalem gibt; jedenfalls werden kein« erwähnt. Dafür ist um so mehr von einem Herrn dl« Rede, den die Verfasserin abwechselnd «GouverneuC von Palästina» und «Gouverneur von Jerusalem» nennte als ob das dasselbe wäre. Ueber diesen Herrn erfahret]! wir nun folgendes: Sir John Dupuynes, den «man» einfach alter Johnny nennt, ist ein «naturalisierter Engländer», Er ist