Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 185 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 OIE STIMME Nf. 189 — 23. Juli 1981 I Afft öläHüfäg, tf^n 14. Juli, V29 Ltilf aberttte, traf der neH§iWihite äöütitit där jfewish Äc(äricy ffti Hdtise der Mustermesse zu BäSfef, ffi därti gleidtfcri Saal, in welchem der XVH. Zionistenkongreß getagt hat zusammen. Es ist dies die zweite Tagung des Council seit dessen Begründung. Die er$fe Tagung hatte in der zweiten Augusthälfte des Jahres 1929 in Zürich unter dem Vorsitz des Verstorbenen Führers der amerikanischen Juden Louis MarsHall stattgefunden. Die Tagung wurde dttfeh Dr. Cyrtis A d 1 e r, Präsidenten des JeVrish Theölogieäl Sertiirtäfy of Affierica* eröffnet, der ein eingehendes Referat übet die Geschichte und dife bisherige Tätigkeit der Jewish Agency und über iHfe ZtthtinftSplähe Hielt. inf Saale, tief iMgefäftf das gleiche Bild ieigf me eei 8§f Eföffftllftg des ^IbtliSt^rikÖHgresses, huf daß der Besueh äfW83 schwächer ist, herrscht eine feierliche stihimung. Pfaäidint sdkdiow hat neben Dr. cyrtis Adlet auf der Pflsidilittiestfade Plätz genommen. Atif der Estfade SbWie Ifft Sääld sitzen Zioftisteh uhd NlcHtzidhisten nitHt voneinanaet gestHiedeH, Näch der Eröffnungsrede öt; cyrtis Adlers Hielt, während Sieh die Anwesenden von den SitzeH erhöben, Präsident ffähütn 8 o k d l ö w defti verstorbenen Präsidenten des tetiüneii der jewish Agency Ldüis Marshaii und dem ver- Üdfbenefi Vizepräsidenten des Council Lord Melchett söWie Heft übrigen Verstorbenen Mitgliedern des ersten Gdüttcü ehrende Naehrtite. ES folgte eihe Begrüßungsansprache des Vertreters des Völkerbundes Vita Gätästihi. Die TagtiHg Würde Sö- Öänfl VöH eiHeffi Vertreter der Städt Basel, Vöhi Regleruttgs- Rti t hi Mb! älS Vertreter def schweizerischen ÖUridesregierung und vom Regierungsrat Meyer im Nanieh des ÖUfldes sbhWeizeriseh-jüdischer Oenteinden begrüßt; Der bisherige Präsident def JewisH Agency Dt. Chaitn Weizrttahn wohnte der Sitzung nicht bei. Es fehlten U. a. auch der frühere Präsident des Administrative Committee flef jewisft Agency Heft Felix M. Wkrbtirg, New York, und das Mitglied des Präsidiums der Ageney Herr Direktoi Osear Wassermann, Berlin. Cyrus Adlers Eröffnungsrede Dr. CyrU8 Adler führte ln seiner Eröffnungsrede ungefähr aus: AIS die Verfassung der Jewlfeh Agertey am 14. August 4020 in der benachbarten Stadt Zürich unterzeichnet Wörden wir, gab sich niemand der Illusion hin, daß die heugesfchaffene erweiterte Agency im Begriff stand, auf ein ruhiges Meer hinaüszüziehefl. Kaum waren die Teilnehmer äft dieser Versammlung auseinandergegahgen, als Nachrichten übet Unfuhen und Massakers einträfen. Alle Kräfte mußten sich zunächst dem Verbinden von Wunden widmen, statt 6ich konstruktiver Arbeit zuwenden zu können. Es wurde der Emergäncy Fond gegründet, und es verdient in Erinnerung zurückgerufen zu werden, daß die Antwort auf den ergangenen Appeii Zeugnis abgelegt hat für die vor- . nehmsten Instinkte der jüdischen Bevölkerung in allen Ländern» Dr. Cyrtis Adler bespricht sodann die politischen Entwicklungen, die den August-Unruhen folgten, vom Shaw- Bericht über Simpson-Bericht, Weißbuch, den Rücktritt Weizmanns und Warburgs bis zum MacDonald-Brief und den Konferenzen über den vorgeschiagenen LandentwicklÜHgsbiän. Diese politischen Entwicklungen haben die Aufmerksamkeit der Agency in so hohem Maße ln Anspruch geflefttfrten, daß Ihre eigene Organisation und Pläne für konstfuktive Arbeit in den Hintergrund treten mußteh. Züf Darstellung der finanziellen Lage der Jewish Agency übergehend, teilt Dr. Adler mit, daß die Agency alte Verpflichtungen im Betrage von zweieinhalb Millionen Dollar zu übernehmen hatte und daß dieser Betrag trotz Vielfacher Ersparungen während der letzten zwei Jahre um eine weitere halbe Million gestiegen ist, so daß Vorsorge für eine Amortisation dieser Verpflichtungen getroffen werden muß. Ef dankt Felix Warburg und Oscar Wassermann für die von ihnen in der besonders schwierigen Zeit dei Exekutive gewährte große Anleihe, verweist ferner auf das Statement des Leiters der amerikanischen Campaigns Morris Rothenberg über die finanziellen Leistungen Amerikas für den Palästina-Aufbau und fügt hinzu, daß weitere 2,060.000 Dollar in Amerika während der letzten fünf Jahre für Zwecke der Hebräischen Universität gezeichnet wurden. Dr. Adler erklärt sodann, es sei viel darüber diskutiert worden, was unter dem Begriff Nationalheim zu verstehen sei. Er wolle keine neue Definition Vorschlägen. Die Definition sei bereits im Weißbuch von 1922 gegeben und damals von der Zionistischen Organisation akzeptiert worden. Der Qeneralstaatsanwalt von Palästina, Norman Bentwich, habe das Nationalheim als ein Territorium definiert, «in dem ein Volk, ohne die Rechte politischer Souveränität zu erhalten, doeh eine anerkannte Rechtsstellung einnimmt und die Möglichkeit erhält, seine moralischen, sozialen und intellektuellen Ideale zu verwirklichen». Diese Definitionen seien implleite im Mandat enthalten. Da die Verfassung der Jemii»h Agency die Balfour-Deklaration und die Bestimmungen des Mandats in ihrer Präambel und als ihre Grundlage verankert habe, könne ohne die Absicht einer Revision der Verfassung oder einer Auflösung des Vertrages keine der Parteien, die den Ageney-Vertrag geschlossen haben, die Präambel des .Vertrages oder die aut ihr basierenden Bestimmungen der Verfassung ändern. Ein Solcheä Vorgehen wäre Vertragsbruch. Dr. Adler schloß seine Ansprache mit folgenden Worten: Wir fordern die christliche und mohammedamsene Welt auf, in Erwägung zu Ziehen, daß wir ein kleines Volk sind, daß wir weder Armeen noch Flotten besitzen, aber daß wir von einem Geiste beseelt sind* der uns dazu drängt, dem Heiligen Lande seinen ursprünglichen Glanz Wiederzugeben ühd es so vielen Juden, als das Land aulfielimen kann, zu drrtiogliehen, dort zu leben, ohne irgend jemand äridereHi ScHäderl zuzufügen. Das ist es, was wir im Narriefi döf Rellglöft lind im Namen der Gerechtigkeit Verlangen. (StüfttiiScHef Beifall.) Die Begrüßungsansprachen Näctt def EfÖftHUngsäHspfäCHe VÖH Df. CyfliS AÖläf UHÖ den dedeHkWdrtöH Nähtim SökölöWs hielt Df. A; i ffi H 6 f, Regierungspräsident des KaritoriS BäSSl, eHfiö AHSpräcHä, 1h def er äusfühfte: t»ib Städt heißt Sie ifl Ihren MäUetrt herzlich Willkommen. Die Jewish Agertey hät bei ififtf zweiten großen Versammlung die Stätte äufgesuefif, vöa der die große Bewegung des Zionismus ihren Ausgang genommen hat. Ich eriHHere mich ndeh des Eindruckes, den ttiaH ifi den SitZUngefi Ufid äUf den Stfäßen Vöfi der MäHHlgtältigkeit der judengestäiten empfing, die siefi dä versammelt hätten. Es spiegelte sich däfin die Zerstreuung des QHSH5SGH3H5IE9SSBS&SSSS 89 Das Zionistische Lähdesk&fflitee gratuliert Herrn 0 Richter Julian Mack f9 herzlichst zu seinem 65. ßebUPtS- S tag 0 0 0 0 w|_« ■ - m i jüdischen Volkes in allen Ländern. Und AuA würde hier vor uns das Ziel aufgerichtet, diesem zerstreuten Volke wieder eine Heimat zii gründen. Das Leuchten, das dieses Ziel in deft Teilnehmern jenes ersteh Kongresses entzühdete, war so mächtig, daß sein Schein auch uns ergriff. Weitere Begrüßungsansprachen hielten für den Völkerbund Vita C ä t ä s 11 h i Und füf den Sehweizerisch-Israeiitischen Gemeindebund Sally Mayer, Brödetskys politisches Referat Am Schlüsse der Eröffnungssitzung hielt Prof. S. Brode t s k y, Mitglied urtd politischer Referent auch in tifer neugewählten Zionistischen Exekutive, ein Referat Über «Die politische Entwicklung in deft letzten zwei Jahren». Er führte u .a. aus: Wir Stehen am Ende einer Periode, die durch die Führerschaft von Prof. Weizfnafifl gekennzeichnet ist. Weizmann ist votl der Führerschaft zurückgetreten, aber er wird als einfacher Soldat weiter mitkämpfen, und ich zweifle nicht daran, daß er im Dienste der jüdischen Sache noeh manche große und glänzende Leistung vollbringen wird. Die letzten zwei Jahre waren charakterisiert durch eine Reihe von Schlägen gegen das jüdische Nationalheim und das jüdische Volk. Wir erlebten eine physische Attacke in Form der Pogrome vom August 1929, eine moralische Attacke auf unser Werk, die der Shaw-Bericht darstellt, wir mußten den ökonomischen Angriff des Simpson-Berichtes und schließlich die politische Attacke auf das Jüdische Nationalheim durch das Weißbuch erdulden. Aber das jüdische Volk hat standgehalten. Brodetsky schloß: Die Politik, auf der unsere Arbeit bis heute basierte, war auf vier Grundprinzipien aufgebaut. Erstens die jüdischen Rechte, niedergelegt im Mandat. Zweitens haben wir unsere Politik auf Zusammen* arbeit mit der Mandatsregierung gestützt. Wir hoffen, daß jetzt nach dem Macdonald-Brief das gegenseitige Vertrauen wieder aufgebaut wird. Drittens: völlige Gerechtigkeit in den gegenseitigen Beziehungen zwischen Arabern und Juden. Worauf viertens unsere Arbeit am meisten gestützt sein muß, ist eine große einheitliche jüdische Anstrengung, auf Palästina gerichtet, fern von allen persönlichen Bestrebungen, ausgedrückt durch wirkliche materielle Opfer. Es Wird eine Hauptaufgabe dieser Tagung sein, die politische Lage des Nätionalheims In Palästina zu festigen durch die Sicherung der Finanzen für das bestehende Werk. (Großer Bei* fall.) Ruppitt Über die Kolonisation Palästinas In der zweiten Sitzung des Council der Jewish Agency, am Mittwoch, den 15. Juli, vormittags, hielt Herr Dr. Arthur Ruppin ein Referat Uber «DieArbeit in Palästina in den Jahren 1929 bis 1031». Ich will, führte Ruppin aus, hier mir in großen Zügen ein Bild von dem entrollen, was in Palästina in den letzten Jahren vorgegangen ist und was nach fneiner Ansicht in der nächsten Zukunft geschehen kann. Wir hatten am Ende des Krieges in Palästina 66.000 Juden, die noch nicht 10 Prozent der Gesamtbevölkerung äusmflthten. Heute haben wir eine Bevölkerungszahl von 180.000 Juden, die etwa 18 bis 19 Prozent def GesamtbeVöl* kärufig ausmaehen, ti. H. Wir haben in deh neun Jahren von 1922 bis 1931 unsere Zahl in Palästina mehr als Verdoppelt» 1921 besaßen die Juden in Palästina 400.000 Dunam Boden, heute besitzen sie etwa das Dreifache, davon 300;000 bunam Nationalfonds-Boden, Die Zahl der in landwirtschaftlichen Siedlungen lebenden Juden stieg von 15,000 auf 45.000« Die Orangenpflanzungen, das Rückgrat der palästinensischen Landwirtschaft, um* faßten vor zehn Jahren 30.000 Dunam, davon 1O.Q0Ö in jüdischen Händen, heute 120«000 bunam, die Hälfte da* von in jüdischem Besitz, Auch die Industrie hat große Fortschritte gemacht. Während nach dem Kriege ein paar tausend jüdische Handwerker und fast gar keine jüdischen Fabriken vorhanden waren, gibt es heute etwa 40,000* Erwerbstätige in der Industrie. Von deit 85.000 Juden des Vorkriegs-ßalästina lebteh etwÄ 60.000 von der Chalukka, heute sind von den 180.000 palästinensischen Juden 14Ö.ÖÖÖ im Lande verwurzelt und leben von ihrer eigenen Arbeit. Neben diesem ökonomischen Fortschritt ist def geistige nicht gering zu schätzen. Vor 25 Jahren gab es in Palästina Schulen mit lß verschiedenen Sprachen. Heute Ist äs gelungen, mehr als 20.000 jüdische Rinder in hebfäiSchän Schulen zu vereinigen. Für unsere Bewegung werden die nächsteh zehn Jahre entscheidend sein. Wir habfert HUrt Erfahrungen auf wirtschaftlichem Gebiet. Es gibt ätidi Tausende von Menschen, die bereit sind, mit einem gewissen Maß eigener Mittel näch Palästina in gehen. Wenn wir dies alles ih Befracht ziehen, SO gläübö fäh, däß es uns gelingen muß, im Jahre 1940 statt 180.000 4ÖÖ.ÖÖÖ Juden in Palästina zii liäbäil, das sind 2? Prozent der Bevölkerung, als söZääler ühd politischer Wäft ein viel größerer Teil, als diese Ziffer besagt. Eines scheint mir nötig zu säin: den Judätt klar zü machen, daß es sich hier Wirklich jetzt tim einen letzten entscheidenden Kampf handelt, daß wir Palästina ata Zitadelle für die judenhelt aller Länder aufrichten müssen. Wertier Senator über die Finanzlage Nun erhält Dr. Wernef Senator, TfeäsUref der Jewifeb Agency, das Wort Zu seinem Referat über die Finanzlage. Als im Jahre 1929 die erweiterte Jewish Agency gegründet Wurde, wollten wir das Budget um 60 Prozent erhöhen. Die politischen Ereignisse und vor allem die Weltwirtschaftskrise def letzten zwei Jahre ließen diesen Plan nicht zur Ausführung gelähgen. Schon irn September 1929 Wurde es klar, däß das Züricher Budget nicht dUrchgeführt Werden könne. Es setzten bekanntlich damals die großen Sammlungen für die Opfer der Unruhen ein, die den riesigen Betrag von 6ÖÖ.Ö00 Pfund ergaben, worunter aber die Sammlungen des Käfert HajeS&öd außerordentlich litteh. Die Exekutive Sah Sich daher genötigt, das Budget in zwei Etappen von 750.000 auf 55Ö.OOO Pfund herabzüsetzen. Diese Reduktioh genügte nicht, da statt der erwarteten Eingänge (Amerika 450.000 Pfund, niehtamerikanische Länder 350.000 Pfund) die tatsächlichen Einnahmen 130.000 und 220.000 Pfund betrugen, anschlag von 545.000 Pfund. Der Aufbau Palästinas muß sich vollziehen durch gegenseitige Ergänzung der Privatinitiative und nationale planmäßige Wirtschaftspolitik. Ohne die Grundlage der Arbeit unserer Fonds Ist aber die Durctiführung weitgehender wirtschaftlicher Pläne nicht möglich. Ich möchte mich, schließt Dr. Senator, an Sie und insbesondere an unsere Freunde aus Amerika wenden. Der Aufbau Palästinas ist unmöglich ohne eine adäquate Beteiligung des Oesamtjudentums und des amerikanischen Judentums, dal nach seiner Zahl ein Drittel, seinem finanziellen Gewicht näch aber Weit mehr als die Hälfte des Judentums darstellt. Die Hauptaussprache ln der dritten Sitzung am Mittwoch, den 15. Juli, nachmittags, begann die Hauptaussprache. Als erster Redner spricht Rabbiner Dr. Deiches, London. Das bedeutendste in der Oeschichte der letzten zwei Jahre der Agency, sagt er, ist die Tatsache, daß sie allen Erschütterungen widerstanden hat. Die Agency wird durch ihre Arbeit und ihren Ernst zeigen, daß daB jüdische Volk politische Reife har und weiß, wie mit großen Dingen umzugehen. Es sprachen nun Zuchowicki (Palästina), Dr.Jakob Thon über die Fragen des Waad Leumi, Jeffroykin (Paris) und Dr. G o 1 d f 1 a m nt (Polen), def seiner Meinung darüber Ausdruck gab, daß Weizmanns Politik die einzig richtige sei und daß er Weizmanns Rücktritt aufrichtig beklage. Während der Rede Dr. Goldflamms betrat Dr. W e i zmann den Saal und wurde von den Mitgliedern des Council und dem Präsidenten Dr. Cyrus Adler durch eine tangandäuernde Ovation begrüßt. — Herr Felix Rostnblüth schlägt nun die Wahl von vier Kommissionen vorn I. Politische KommiB6ion; 11. Kommission für Finanzen und Budget; HI. Organisationskommission; IV. Nominationsausschuß. Die von Rosenblüth überreichte Liste der Mitglieder dieser Kommisionen wird en bloc angenommen. Weizmanns Abschiedswort Dr. Ghaim Weizmann, von nochmaligen stürmischen Ovationen empfangen, führte aus: «Ich möchte mit einem Wunsche beginnen: daß d$0l