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Die Stimme · 1931-07-23 · Heft 185 (23.7.1931) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 185 (23.7.1931)
Date
1931-07-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME Seite $ Hf, 185 — 23. Juli 1931' Nach dem Kongreß Großes zionistisches Meeting in Wien t; Montag, den 20. Juli, fand im überfüllten Saale des Hotel Bayrischer Hof ein zionistisches Meeting statt, in dem Doktor Oskar Griinbaum und der brasilianische Kongreßdelegierte Halperin über den XVII. Zionistenkongreß referierten. Den Vorsitz führte Dr. Josef Löwenherz, der in seiner Eröffnungsansprache den als Gast erschienenen Großrabbiner von Jugoslawien, Herrn Dr. A1 k a 1 a y, herzlichst begrüßte und der Meinung Ausdruck gab, daß nun nach dem Kongreß die Zeit einer hoffnungsvollen und hoffnungsfreudigen Arbeit in allen zionistischen Landesorganisationen herangebrochen ist. Herr Halperin entbot zunächst den herzlichen Gruß der brasilianischen Judenheit und führte ln der Folge in seiner in jiddischer Sprache gehaltenen Rede aus: «Als wir zum Kongreß gingen, hatten wir einen Wunsch und einen Willen: es muß zu einem inneren Frieden im Zionismus kommen. Ehe wir Frieden mit Arabern schließen, wollen wir ihn untereinander schließen. Was uns fehlt, ist Geduld. Was wir aber am meisten brauchen, ist gerade Geduld. Wir müssen uns mit Ausdauer wappnen und starke Nerven haben. Das Wiederaufleben eines Volkes ist ein langandauernder geschichtlicher Prozeß. Das jüdische Palästina wird auferstehen; unter allen Bedingungen wird es zustande kommen. Viele von uns hatten Angst, daß die Schläge, die auf den Zionismus niedersausten, uns unsere Jugend wegnehmen und auch sonst große Breschen in unsere Reihen schlagen würden. Dies ist nicht eingetroffen. Aber gut ist es, wenn wir die abgestorbenen Zweige der Assimilation vom lebenden Stamme des Judentums abschütteln. Wichtig ist, daß der mutige, kräftige Stamm gesund bleibe.» Der Redner spricht die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, im Weltverband der Allgemeinen Zionisten alle Schattierungen des Allgemeinen Zionismus zu vereinigen. Die Gründung des Weltverbandes sei als ein Sieg zu werten, und dieser Sieg werde andere Siege zeitigen. Wir haben keine Armeen, keine Waffen, keine Flotten, und wenn wir diese hätten, man könnte sie uns wegnehmen. Aber unsere wichtigste Waffe: die innere Kraft und die Ausdauer — die kann uns niemand wegnehmen. Und mit dieser Waffe werden wir so lange kämpfen, bis wir siegen werden.» Der Kongreß-Delegierte der Allgemeinen Zionisten Oesterreichs, Präsident des zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar Grünbaum führte aus: «Ich gestehe, daß ich mit einem Gefühl des Pessimismus zum Kongreß gegangen bin. Ich fragte mich: Wozu die unendlichen Reden und die großen Unkosten in der Zeit der schweren wirtschaftlichen Krise? Aber ich bekenne: Bekehrt bin ich aus Basel zurückgekehrt. Denn was in Basel geschah, mag vielfach unangenehm und unerquicklich gewesen sein — notwendig war es. Es kamen Tumulte und Ruhestörungen vor. Es kam sogar zu ausgesprochenen Bübereien, insbesondere in zwei Fällen: als nach dem politischen Referat Weizmanns irgendein Revisionist die Geschmacklosigkeit beging, Kaddisch zu sagen, und dann bei der Annahme der Resolution über das Endziel. Die Gerüchte über die Tumulte aber, die die Presse verbreitete, waren, gelinde gesagt, stark übertrieben. Es muß an dieser Stelle schärfstens folgende Tatsache gebrandmarkt werden: irgend jemand in Basel hat nach Wien und Warschau gefälschte Telegramme geschickt, gezeichnet vom Berichterstatter einer Wiener und dem einer Warschauer Tageszeitung, in denen Lügen über eine Attacke auf Weizmann verbreitet wurden. Sonderbar ist es, wofür manche dunkle Individuen ihr Geld verwenden. Die Baseler Polizei griff ein, aber es gelang ihr nicht, den Täter ausfindig zu machen. Einen breiten Raum in den Kongreßberatungen nahm die Endzielfrage ein. Sie wurde von den Revisionisten aufgerollt, aber es muß gesagt werden: Angefangen mit diesem Problem hat der andere extreme Flügel — der Brith Schalom. Druck löst Gegendruck aus. Und durch das Verwerfen des einen Extrems gerieten viele Zionisten ins andere. Als Weizmann in seiner Rede Nordau zitierte, und zwar eine Stelle aus dem lange vor dem Kriege erschienenen Vorworte Nordaus zu dem Buche Goodmans, in dem Nordau in bezug auf das zionistische Programm einen opportunistischen Standpunkt einnimmt, behauptete Jabotinsky mit Recht, daß Weizmann insafeme zu Unrecht dieses Zitat in Anwendung brachte, als doch damals die Jungtürken herrschten und eine Judenstaatsparole für das Palästinawerk vernichtend gewesen wäre. Aber derselbe Jabotinsky machte dann in seiner Rede einen ähnlichen Fehler, als er das Postulat des Judenstaates und der jüdischen Majorität zu beiden Seiten des Jordans aufstellte, als ob heute keine Gefahr für den Zionismus bestünde, als ob es keine arabische Bewegung, keine Mandatarmacht und keinen Völkerbund gäbe. ln der Endzielfrage trachteten die Allgemeinen Zionisten eine allseitige Einigung hervorzubringen. Ihre Bemühungen in der Politischen Kommission waren sehr groß, aber sie verliefen fruchtlos. Es kam leider nicht zur Verwirklichung eines Wunsches von Ussischkin, der sich mir gegenüber in einem persönlichen Gespräch äußerte: «Das Baseler Programm hat uns 34 Jahre lang genügt Ich wollte, wir fänden eine neue Formulierung, mit der wir wieder 34 Jahre auskommen können.» Daß es zu keiner Einigung kam, daran ist in erster Reihe Weizmanns Interview schuld. Es war nicht etwa eine bloße unglückselige Formulierung — es verlautete ln Basel, daß Weizmann sein Interview dreimal korrigiert hat, ehe er es der J. T. A. übergab. Aber der frühere Präsident der Organisation wollte den Kongreß ln eine bestimmte Richtung drängen. Das Interview war nichts anderes als ein Schlag, der gegen den Kongreß geführt wurde. Es wirkte auch wie eine Bombe, und der schlechte Eindruck wurde durch die Weizmannsche Beantwortung einer Interpellation in dieser Angelegenheit nicht beseitigt. In der Folge wurden in der Politischen Kommission scharfe Mißbiliigungsanträge gestellt. Diese scharfen Anträge sind nicht durchgegangen. Ich habe mich selbst dagegen eingesetzt und mich dafür ausgesprochen, daß nur ein Bedauern ausgedrückt werde. In diesem Zusammenhänge ist folgende Begebenheit erwähnenswert: in seiner großen Rede stellte Jabotinsky ein Mißtrauensvotum für Weizmann und die Exekutive am Schlüsse der Generaldebatte in Aussicht. ( Bei Schluß der Generaldebatte war aber weder Jabotinsky noch irgendein Revisionist im Saale. Sie haben sich absentiert. Sie wußten ganz genau, daß, sollten sie ein ausdrückliches Mißtrauensvotum beantragen, der Kongreß mit überwältigender Mehrheit sich gegen das Mißtrauen aussprechen würde. Diese Schlappe wollten sich die Revisionisten ersparen, und trotz der Ankündigung Jabotinskys ließen sie es geschehen, daß der Exekutive und Weizmann stillschweigend das Vertrauensvotum erteilt wurde. Nach wenigen Tagen jedoch war die Lage ganz anders. Grund: das Weizmannsche Interview. Der Kongreß wollte sich nicht das Herabdrücken des Zionismus durch Weizmann gefallen lassen und schweren Herzens entschloß er sich, dem verdienstvollen Präsidenten sein Bedauern über das Interview auszusprechen. Inzwischen gingen die lange währenden Arbeiten über die Formulierung der Endzieiresolution in der Politischen Kom- □000000000000000000 iiMinie Prapr wn vom 6. bis 13. September 1931 Größte Einkaufsgelegenheit — Fahrpreisermäßigungen Auskünfte durch den ehrenamtlichen Vertreter.: Direktionsrat Ing. CARL RAUCH, Wien, II. Untere AugartenstraBe 25 Telephon A 48-2-13 mission zu Ende. Es soll hier gesagt werden: insbesondere dank der hervorragenden Tätigkeit Nahum Goldmanns, eines der besten Köpfe des Kongresses, ist es gelungen, eine Majorität für die Endzielformel zu finden. Die Revisionisten mußten feststellen, daß sie vereinsamt nach Basel gingen und auch auf dem Kongreß vereinsamt geblieben sind. Auch in der Frage der Beurteilung des MacDonald-Briefes hat sich die überwiegende Mehrheit des Kongresses von Weizmann geschieden. Weizmann hat das Schreiben des Premierministers als eine «basis of Cooperation» anerkannt, wogegen der Kongreß in diesem nur eine Basis für weitere Verhandlungen sah. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die Palästinaverwaltung wie auch Passfield den MacDonald-Brief in allen seinen zionistenfreundlichen Punkten sabotieren. So muß die Frage gestellt werden: ist eine Ueberloyalität England gegenüber am Platze, wo uns seine Beamten bewußt sabotieren? Anläßlich eines kürzlich stattgefundenen Empfanges im Colonial-Office sagte Passfield zu seinen Beamten: «Meine Herren — ist ist Tatsache, daß das britische Imperium nicht vom Parlament, sondern von uns, von den Kolonialbeamten verwaltet wird.» Das ist der Krebsschaden, wenn es um Palästina geht Hier muß der Hebel angesetzt werden. Die zukünftige Arbeit der neuen Exekutive muß vor allem dahin zielen, die öffentliche Meinung Englands über diese Zustände aufzuklären. In der Angelegenheit des Land Developments Scheme (Landentwicklungsplanes) hat die Resolution der Politischen Kommission die Forderung nach Gleichheit und Gleichzeitigkeit aufgestellt. Das ist das .Wenigste, was wir verlangen müssen. Nun ein bitteres Wort. Keine einzige Partei hat auf dem Kongreß den Mut gefunden, die wichtigste aller unserer Fragen zu berühren: die finanzielle Frage. Alle wissen doch, wie es um unsere Finanzen bestellt ist. Alle wissen, daß die Eingänge der beiden Fonds kleiner geworden sind. Nicht infolge der wirtschaftlichen Krise allein. Wir wissen, daß auch seitens mancher Gruppierungen Im Zionismus eine Sabotage der Fonds getrieben worden ist. Davon können Insbesondere wir ln Wien ein Lied singen. Die Lage im Lande ist sehr schwierig und die Araber setzen uns starken Widerstand entgegen, Ussischkin erzählte mir folgende«: m «Im vom Keren Kajemeth erworbenen Bodenkomplex des Wadi Hawarith standen zur Zeit der Erwerbung nur 84 arabische Zelte, das heißt, 84 arabische Familien bewohnten diese Bodenfläche. Jetzt gibt es dort schon : 500 Familien, die dort gewohnt haben wollen; denn die Araber wollen erstens profitieren und zweitens den Ein- ' druck erwecken, daß man sie zu Massen vertreibt. Wh* ' müssen uns zu erbitterter Abwehr zusammenschließen, die Schlagworte begraben und den Jischuw erhalten. Alles andere hat Zeit. Zur Ehre der Allgemeinen Zionisten soll es gesagt sein, daß sie die einzigen waren, die nach Basel nicht mit vorgefaßten Meinungen gegangen sind. Alle anderen kamen nach Basel mit einem fertigen Programm. Und der Erfolg? Wir Allgemeinen Zionisten haben uns dort eine Meinung geschaffen, die der Notwendigkeit der Stunde Rechnung trägt, und die anderen mußten ihre Ansichten fallen lassen oder so tun, alt ob sie unbeirrt geblieben wären. Es gab auf dem Kongresse geradezu groteske Fälle bei den Abstimmungen. So liefen die Linke und die Revisionisten zusammen Sturm gegen den Antrag der Allgemeinen Zionisten, das Schekelwahlsystem, das doch zu so vielen Mißbräuchen führt, zu ändern. Ein anderes Beispiel: in der Rußland-Resolution wurde zufällig das Wort «Religion» im Zusammenhänge mit der Verfolgung des Judentums in der Sowjetunion vergessen. Es saß in der Kommission ein Misrachist, und der vergaß es auch. Erst Rabbi Meir Berlin, der im Präsidium saß, schrieb dies Wort im letzten Moment hinein. Und als die Resolution vorgelesen wurde, erhob sich Kaplansky und protestierte. Motzkih mußte eine Abstimmung veranlassen und die Linke enthielt sich der Stimmenabgabe. Solche Blamagen darf es auf dem Kongreß nicht geben! Solche Fälle dürfen nicht Vorkommen! Dasselbe gilt vom Anträge eines Revisionisten, in dem dieser verlangte, «die Exekutive solle auf der Wacht des nationalen Geistes der Jerusalemer Universität stehen». Abgesehen von der falschen Stilisierung zeugt dieser Antrag von Mangel an Mut. Wenn man mit Magnes unzufrieden ist, soll man den Antrag offen stellen, aber nicht durch einen anderen Antrag den Eindruck erwecken, als ob wir gegen die Lehrfreiheit sind, Nun noch einige Worte über den neugegründeten Weltverband der Allgemeinen Zionisten. Wir wären bisher die Wasserträger und Holzhacker für die anderen. Der Allgemeine Zionismus, der doch immer der Träger der Bewegung war, ließ sich von Fraktionen und Föderationen überwuchern und trug weiterhin die ganze Last auf seinem Rücken. ■ Nun ist eine andere Zeit herangebrochen. In zäher Arbeit ist es gelungen, einen Weltverband der Allgemeinen Zionisten zu gründen. Wir wollen unsere Allgemeinzionistische Jugend nach Palästina schicken. In Polen.. gibt es schon eine zirka 20.000 Mann starke Bewegung der Allgemein-zionistischen Jugend und in Petach Tikwah . eine Kwuzah der Allgemein-zionistischen Chaluzlm. SoV ‘ len wir Allgemeine Zionisten nur für die Mittelstandskolonisation sorgen? Sollen wir nicht auch unsere chaluzische Jugend nach Palästina schicken? Wir dürfen und wir werden weder nach rechts noch nach links blicken. Für uns gilt der Grundsatz des Primates des Volkes. Noch eines. Nirgends in der Welt gibt es eine derartige persönliche Gehässigkeit unter den zionistischen Schattierungen wie in Oesterreich. Diese Zustände müssen ein Ende nehmen, müssen vollständig ausgemerzt werden. Denn, was wir brauchen, ist die Erziehung der Massen zum Zionismus. Herzbewegend war auf dem Kongreß der Optimismus, der alle, ohne Ausnahme, vereinte. Dieser Optimismus hat nur dann Berechtigung, wenn unsere Triebfeder die Arbeit sein wird. Was uns wirklich nottut, Ist nur Arbeit. Wer unnütze Explosionen hervorrufen will, mag draußen bleiben!» Der Vorsitzende Dr. Josef Löwenherz, dankte Dr. Oskar Grünbaum für seine aufopfernde Arbeit auf dem-Kongreß und für seine ausgezeichneten Ausführungen. Der lebhafte Beifall der Versammelten bewies, daß Dr. Löwenherz seinen Dank im Namen aller ausgesprochen hatte. Rabbi Meir Berlin Präsident des Weltmisrachi Basel, 14. Juli. (J. T. A.) Nach mehrtägigen Debatten über die finanzielle Lage der Weltzenträle des Misrachi, über die zukünftige Führerschaft des Weltmisrachi und die Mis* rachi-Arbeit in Palästina und in der Galuth ist heute in Basel die Weltkonferenz des Misrachi beendet worden. Rabbi Meir Berlin wurde zum Präsidenten des Weltmisrachi, Rabbi Fishnvan zum Vorsitzenden des Waad hara-, schi (Obersten Rates) gewählt. Dem neugewählten Zentralrat gehören Rabbi Meir Berlin, Daniel Pirkis und Moseaf' Schapiro an. Die Weltkonferenz beschloß, eine Reorganisation der Ät* beit für den Keren Erez Israel schel Hamisrachi durchzuführen und zur Führung dieser Arbeit ein fünfgliedriges Direktorium mit Rabbi Aron Teitelbaum (Amerika) als Vorsitzenden einzusetzen. Bei der Weltzentrale wurde eine Abteilung für Kultur und Erziehung unter dem Vorsitz von! Rabbi Fishman geschaffen, der die Erledigung der Kultur- und Erziehungsfragen in Palästina und in der Galuth obliegt. Zu* Regelung der Schuldenfrage des Weltmisrachi wurde eine Kommission aus prominenten Finanzleuten eingesetzt. Das kommende Misrachihudget basiert auf den von den ver« schiedenen Landsmannschaften übernommenen Verpflichtungen, gewisse Summen regelmäßig der Weltzentrale zuzuführen.

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