Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 185 (23.7.1931)
- Date
- 1931-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Uit S I lIVtViL Nr. 185 — 23. Juli 1931 Hs ist merkwürdig, wie sich die zionistischen Parteien zueinander verhalten. Wenn man die Sache schematisch darstellt und sich den Zionismus als Fläche vorstellt, dann wird man auf dieser Fläche einzelne Kreise einzeichnen können, welche die einzelnen Parteien symbolisieren, und man wird weiter finden, daß sich alle diese Kreise zu einem großen Teil ihres Flächeninhaltes decken, und daß nur verschiedene Flächenteile unbedeckt bleiben. Trotzdem wird aber jede Partei im Zionismus behaupten, daß sie das allein seligmachende Programm habe, und keine Partei will die Tatsache sehen, daß sich die zionistischen Programme und Weizmanns Programm vielfach decken, was doch nur selbstverständlich ist. Bezeichnend hiefür ist, daß die überwiegende Majorität des Kongresses über die Endzieiresolution der Revisionisten zur Tagesordnung überging. Waldmann ist daher im Unrecht, wenn er die Sache so darstellt, als ob der Kongreß den fehlgeschlagenen Versuch gemacht hätte, Weizmanns Politik von A bis Z in Grund und Boden zu verdammen. Der Weizmann von heute ist nicht mehr der Weizmann zur Zeit der Balfour-Deklarätion. Zwischen dem Satz «Palästina muß so jüdisch werden, wie England englisch ist» und dem «J. T.-A.»- Interview ist ein gewaltiger Unterschied und zwischendurch gab es verschiedene Schwankungen, so einen Weg der Besserung, der sich in der Demission Weizmanns nach dem Weißbuche manifestierte. Die Stellungnahme des Kongresses gegenüber Weizmann ist das Resultat reiflicher Ueberlegungen der Mehrheit des Kongresses. Herr Waldmann weiß so gut wie ich, daß während des Kongresses politische Ereignisse eingetreten sind, die für eine Erörterung in der Oeffentlichkeit sich derzeit nicht eignen. Er ist auch meines Erachtens im Irrtum, wenn er annimmt, daß die neue Leitung ausschlaggebend durch die Anhänger Weizmanns beeinflußt ist. Ich wiederhole: Niemand behauptete, daß Weizmanns Politik zur Gänze abzulehnen sei. Die Mehrheit des Kongresses glaubte aber, daß eine aktivere Politik am Platze ist. Wer die politische Resolution des Kongresses richtig zu lesen versteht, wird mir Recht geben, Ich kann mich nicht so autoritativ äußern wie Herr Waldmann und meine, daß die Politik der neugewählten Exekutive wesentlich nicht allein durch Färbstein und den Vertreter der Allgemeinen Zionisten Newman beeinflußt sein wird, und zwar nicht nur in wirtschaftlicher Beziehung, sondern auch inJ politischer Hinsicht. Auch Sokolow und Brodetsky sind nach meiner bescheidenen Ansicht nicht als unbedingtes Aktivum der Weizmannschen Politik zu werten. Ich glaube, daß es müßig ist, heute darüber zu diskutieren, ob der Kurs der neuen Exekutive ein Weizmann-Kurs sein wird oder nicht. Herr Waldmann hat uns nicht verraten, welchen Weizmann er meint. Wir wollen vielmehr hoffen, daß die neue Exekutive diejenige Politik treiben wird, die einerseits den gegebenen politischen Verhältnissen entsprechen und andererseits auch dem Wunsche des Kongresses nach mehr Aktivität entsprechen wird. Herr Waldmann kann es nicht erwarten, daß Weizmann wieder an die Spitze der Leitung berufen werde. Ich bin der Letzte, der nicht Weizmanns Verdienste anerkennt. Ich sehe aber derzeit kein Heil in einer Wiederberufung Weizmanns, die nicht aktuell ist. Ich stimme mit Waldmann in der Binsenwahrheit überein, daß wir den Weg der Wirklichkeit gehen müssen. Ich verstehe aber nicht, wieso er heute die Frage Weizmann aufs Tapet bringt. Nichts wäre verderblicher für den Frieden in der Organisation, als wenn die unbedingten Weizmannisten ihre Tätigkeit darauf einstellen würden, Weizmann auf dem raschesten Wege wieder an die Spitze der Organisation zu bringen. Es tut uns dringendst not, die Streitaxt, die die Zionistische Organisation innerpolitisch zerfleischt hat, zu begraben und die Exekutive durch positive Arbeit zu unterstützen, Wir stehen in einer außerordentlich schwierigen finanziellen und außerpolitischen Situation, in der alles vermieden werden muß, was das Gewicht der Entschlüsse der Exekutive gegenüber der Mandatarmacht schwächen könnte. Dazu gehört es auch, die unzeitgemäße Stellungnahme zum Führerproblem Weizmann zu vertagen. Unsere Leitung heißt Sokolow. Julian Mack — 65 Jahre alt Richter Julian Mack, der hervorragende amerikanische Zionistenführer, vollendete am 19. Juli sein 65. Lebensjahr. Richter Mack hat sich große Verdienste um die zionistische Arbeit in U. S. A. erworben. Unvergeßlich werden insbesondere seine Verdienste um die Balfour-Deklaration in der Geschichte des Zionismus bleiben. Der Jubilar, dessen einzige Tochter ständig in Wien lebt und der oft unsere Stadt mit seinen Besuchen beehrt, erfreut sich trotz seiner sechseinhalb Jahrzehnte einer Rüstigkeit und Jugendfrische, um die ihn so mancher Jüngere QCXXXXXXXXXXXaOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOCOOOi streng ortli. feine Küche billigste Preise. O s beste und bl llgste Seebad an der jagos’. Adria. Volle Pension mit Zimmer und Balkon, Meeieaaassioht, von Dinar 70*— bei MJosip Engel „Villa flstoria“ wahrhaftig beneiden könnte. Wir wünschen unserem verehrten Gesinnungsgenossen, er möge noch lange, lange Zeit für das Wohl unserer Sache so wirken, wie er es immer getan hat. Df. Gfüflbaum — stellvertretendes Mitglied des Administrative Committee Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, wurde in Basel zum stellvertretenden Mitglied des Administrative Committee gewählt. Die österreichische Zigarette auf dem Kongreß Wie wir erfahren, hat die österreichische Tabakregie auf dem Baseler Zionistenkongreß große Reklame für ihre Erzeugnisse gemacht. Auf den Mappen der Kongreßdelegierten waren Inserate in hebräischer und deutscher Sprache abgedruckt, in denen die Qualität der «Austria»-Zigaretten gepriesen worden ist. Diese Reklame verfehlte nicht ihren; Zweck. Nicht nur Delegierte aus Oesterreich, sondern auch viele Juden aus anderen Ländern haben in Basel die.,österreichische Zigarette bevorzugt und werden, Denkelan die Krawallean der Handelshochschulal Daher StSndigg unentgeltliche Stellenvermittlung der Hakoah Wer ausgebildetes, tüchtiges und diszipliniertes Personal aller Art und aller Branchen braucht, wende sich an die HAKOAH, 1., Wleslngerstr, 11 / Tel. R*25-0-1o wohl auch in ihren Heimatländern den Erzeugnissen der Tabakregie treu bleiben. Vorberatung über Einberufung eines jüdischen Weltkongresses Der Jüdischen Tclegraphen-Ageutur wird das folgende Comtnunique zur Verbreitung übergeben: Die auf Initiative des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses in Sachen der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses tagende Beratung hat bei Fortsetzung ihrer Beratung in Basel nach Reden von R. A. Sliosberg-Paris, Abgeordneten Rabbiner Nurok- Riga, Oberrabbiner Rubinstein-Wilna, Staatsrat Teitel-Berlin u. a. m. grundsätzlich die Notwendigkeit der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses anerkannt und folgendes beschlossen: 1. Die Wahl einer Kommission für den alljüdischen Weltkongreß vorzunehmen und diese Idee unter den Juden der ganzen Welt zu propagieren, 2. Fühlungnahme mit den Vertretern der wichtigsten jüdischen Organisationen der Welt, um dieselben über die programmatischen Punkte der geplanten Konferenz aufzuklären. 3. Vorbereitung einer Vorkonferenz für den Sommer 1932,*an der offiziell Vertreter der jüdischen Institutionen und Körperschaften aus Palästina, Europa, Amerika, Afrika usw. sich beteiligen sollen, deren Aufgabe es sein soll, die Postulate für die Zusammensetzung des all jüdischen Weltkongresses vorzubereiten und zu beschließen. 4. Ein provisorisches Komitee von Vertretern verschiedener Länder zu wählen, das sich mit der Organisation des Kongresses sowie mit der Propaganda zu befassen hat. Es ist ein Komitee von mehreren Personen gewählt worden, aus deren Mitte ein Rat von 17 Herren zur Führung der laufenden Arbeiten bestimmt wurde. Diese wählten wiederum ein provisorisches Präsidium, bestehend aus den Herren Dr. Stephen Wise und Bernard Deutsch-New York, Dr. Leo Motzkin- Paris, Abg, Jizcliak Grünbaum-Warschau, Dr. Oskar Colin-Berlin und Abg. Mordechai Nurok-Riga. In Europa wird unter Leitung des provisorischen Präsidiums und eines technischen Sekretärs ein Bureau eröffnet. Herr Z. Tigel-Nevv York ist provisorisch zum Generalsekretär gewählt worden. Zur Führung des technischen Apparates sind bestimmt worden: Zwi Abersohn-Genf, Dr. S. Spiegel-Berlin, sowie der Generalsekretär Herr Tigel. J)r. Mans Maiset Kurarzt in SSadHati ordiniert Hauptplatz 9 Den Kindern wollte ich es einfach und grotesk zeigen. Nun erzählte Herr Abi Schaul, der die Conference führte, den Kindern, ohne daß wir es zuvor besprochen hätten, eine lange Geschichte von einem Tier, das von einem Jäger verfolgt und schließlich erschossen wird.„ Davon war aber in meinem einstudierten Tanz keine Spur. So war Ich einfach zur Improvisation gezwungen. Und das kleine Publikum war das dankbarste. Ein .Blumenregen fiel regelmäßig zum Schluß.des Abends auf das Podium. Ich wollte mich revanchieren und verteilte die Blumen wieder unter die Kinder, was in der -Folge zu großen Unannehmlichkeiten führte. Denn noch lange nach dem Tanzabend wurde ich von verschiedenen Müttern verfolgt: «Mein Kind weint. Es hat keine Blume von Ihnen.» Sie fragen mich, ob ich Zionistin bin? Ob in politischem Sinne — ich weiß nicht. Ich war einmal Zionistin, fühlte mich aber dann den Idealen der arbeitenden Klasse nahe. Was ich jedoch in Palästina gesehen habe, hat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Die Rückkehr zum Boden wirkt erlösend. Der überhebliche in den Ländern der Zerstreuung manchmal so unangenehm wirkende jüdische Intellekt wird dort abgelegt. Ein durchgreifender Reinigungsprozeß geht mit Riesenschritten vorwärts. Das Denken ist primitiver, aber großartiger. Das Leben; jedes Menschen in Palästina hat Inhalt und Schicksal. Vor den palästinensischen Juden müssen auch Nichtjuden den größten Respekt haben. Das sind neue, wegweisende Menschen. * Tel Aviv könnte man so definieren: das ist die Ht4t| in der die meisten Bücher und die meiste Seife | verkauft werden. Diese Tatsache braucht kein Kommentar. Was einem Fremden auffäilt, ist, daß sich hier niemand beklagt, daß man keine mißmutigen Gesichter sieht. Arbeiter, die keinen Groschen in der Tasche haben, gebärden sich wie Fürsten. Es gibt keine scharfe Abgrenzung der Gesellschaftsklassen wie in Europa. Nach sechs Uhr sind sie alle Herren. Alle sind sauber gewaschen, alle haben eine blitzblanke Rubaschka an und alle haben Humor. So ist in Tel Aviv der Begriff «gesellschaftsfähig» ganz anders als in Europa. Einfache Arbeiter kommen mit hohen Beamten, Chäluzoth mit reichen Kaufmannsgattinnen zusammen. Wie oft habe ich die Menschen dort beneidet! Wenn sie in Europa geblieben wären, wie armselig wäre ihr Leben, in einer Großstadt müßten sie, das Geld verdienend, welches ihnen dort ein einfaches, aber in vollstem Sinne dieses Wortes herrliches Leben ermöglicht, in tiefstem Elend stecken. Und nochmals: wenn auch die wirtschaftliche oder politische Lage noch so schwer ist, Pessimismus, Trübsal sind unbekannt. Tel Aviv ist die Stadt der Jugend. Es gibt dort wortwörtlich nur junge Menschen. Wie wohltuend die Tatsache Ist, daß man junge Paare, aber keine Onkel, Tanten usw., keine Mischpoche kennenternt, kann man sich in Wien kaum vorstellen. * Gibt es im jüdischen Palästina Regierende und Regierte? Doch. Die Regierenden, das sind die Kinder. Und die Regierten — alle anderen. Die jüdischen Kinder wachsen ln Palästina wie Prinzen auf, auch in den ärmsten Kwuzoth. Mag die Lage noch so schlecht sein, die Räume, die für die Kinder bestimmt sind, mit ihren modernsten Einrichtungen, mit dem herrlichsten Spielzeug« beweisen, daß der junge Jischuw weiß« wo die Hoffnung und wo die Zukunft liegt. Und er sorgt auch für seine Vergrößerung, kaum elnigeundzwanzigjährige Burschen, die ich hier und dort kennen gelernt habe, überraschten mich dann dadurch, daß sie Familienväter mit Frau und drei, vier Kindern waren. Sorgen um die Erziehung und Erhaltung gibt es keine. Diese Sorge lastet auf der Gemeinschaft. Und die Gemeinschaft erfüllt ihre Pflicht. * Es ist nicht wahr, daß, wer in Palästina lebt, auf Europa verzichten muß. Auf die Bequemlichkeiten, gewisse Flachheiten des europäischen Lebens vielleicht; auf Kulturwerte nicht. Es wird dort sehr viel gelesen, auch besuchen oft europäische Künstler das Land. Die palästinensischen Theater stehen auf sehr hohem Niveau. Und wer will, der kann auch in Tel Aviv oder Jerusalem das mondänste Leben führen. Diese Synthese ist bezaubernd. Und doch ist die Sorge um die Zukunft groß. Das jüdische Palästina ist erst im Werden: es ist noch lange nicht geworden. Und jeder, der dort war und nach Europa zurückkehrt, jeder, dem dieses herrliche Werk nahe geht, der es in sein Herz geschlossen hat, muß sich die Frage stellen: Was kann ich praktisch für Palästina leisten? Wie kann ich mithelfen? Wie gerne möchte ich an die Juden der ganzen Welt, wo überall sie leben, den Ruf ergehen lassen: «Kinder, das jüdische Palästina wird etwas Herrliches sein. Es sind schon heute wunderbare Anfänge. Lasset es nicht fallen. Tut euer Aeußerstes, um mitzubauen. Es geschieht für euch, es geschieht für das jüdische Volk, es geschieht für die Menschheit.» MitgeteiU von $. W.