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Die Stimme · 1931-07-23 · Heft 185 (23.7.1931) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 185 (23.7.1931)
Date
1931-07-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE STIMME r Nr. 185 — 23. Juli 1931 Seite 3, Was hat der Zionistenkongreß gebracht? Von Moses Wald m a n n (Berlin) ffitaicrliifteStifite uttb Hlttoitöt 2>aS ©efüljl bcr Sbontt: fraft, cirt «ntöibcrftc^ fidler 81 n ft t e g bei getfttgen gäljißteüen ift bet (Sinflufo bet fftabiumenergie. $n ben freiberfäuflidjen 5KabioffIcrin*£ablettcn ifl reinftcS ötabiumfala an &iodjemifd)e S'la^rfolje angelagert, uttb tmrdj bte Äombinatton tiiitb bie SBtrfung be* SJtabiumS noä) rnel/t BegÜnftigt. fRabiofflerin fSrbert bte 83Iut5irfuIation in ben <Sdjlag* ttnb 5ßul§abcrn, bci-= bünnt baS 5Blut, erhält bte Slbern elaftifdj tmb Beugt baburdj ben ßalfablagerungcn unb allen bamit julantmen- Ijängenben Snterserfdjeimingen bor. geiftige u. lärperltdje 8lrBeitSfäBtgfeit tuirb aufgefrifdjt u. erhalten, öhtbium ße&ali amtlitB geprüft. ©cneralbepot u.fttuSfunfi Styotljefe SSatjer, SBten, L.SßöIIaeilc 13. ^rofpeüc gratis u. franlo Basel, 17. Juli 1931. Um gleich mit dem Wichtigsten zu beginnen: Chaim Weizmann ist nicht mehr Präsident der Zionistischen Weltorganisation und an seiner Stelle bekleidet Nahum Sokolow diese höchste Würde, die das in der Zerstreuung befindliche, ln der Zionistischen Organisation und in der Jewish Agency organisierte jüdische Volk, soweit es sich ernstlich Gedanken Uber die Erhaltung seines Volkstums macht, zu vergeben hat. Dieses Ergebnis ist nicht nur für die jüdische, sondern auch für die gesamte Welt weithin sichtbar und wird wohl die verschiedensten Auslegungen finden. Insbesondere in der englischen Oeffentlichkeit wird die Kunde vom Sturze Weizmanns mit Befremden aufgenommen werden. In England, und nicht nur dort, genießt Weizmann den Ruf eines Staatsmannes großen Stils. Neben Benesch ist er der einzige Staatsmann der Welt gewesen, der die Wirren des Krieges und die schweren Zeiten der Nachkriegszeit als Führer einer großen international anerkannten Organisation geführt hat. Aber ungestraft steht man nicht volle dreizehn Jahre an der Spitze einer großen Bewegung. In solch einer langen Zeit sammeln sich Animositäten, häufen sich beleidigte Empfindlichkeiten, die kaum mit Programm und Theorie noch irgend etwas zu tun haben. Wirkliche Opposition gegen Weizmann trieben die Revisionisten. Ihnen gesellten sich die verschiedenen Gruppen und Grüppchen, deren Ideologie schwankend, deren Abneigung gegen Weizmann aber stabil war. In den ersten acht Tagen des Kongresses lebten die Delegierten in "einer Traumwelt. Sie waren ohne daß sie es wußten,, von der Empfindung beherrscht, daß die ganze Welt aus dem Gebäude der Mustermesse in Basel bestehe und daß die einzigen Bewohner dieser Welt die vom zionistischen Volke erwählten Delegierten seien. Jeder Gruppenführer kam sich außerordentlich wichtig vor, und auf der Grundlage der formalen Demokratie, die die Zionistenkongresse wie jedes demokratisch gewählte Parlament beherrscht, war tatsächlich jeder Delegierte, der ein Fähnlein von Mitläufern hinter sich hatte, ein mächtiger Mann. Allerdings nur soweit es sich auf Resolutionen und Makulatur bezieht. Ob der Machtstellung im Intrigenspiel der Parteien auch eine tatsächliche Machtstellung im Leben entspricht, ist eine Frage, die lieber unerörtert bleibe. Die kleinen und großen Kongreßgewaltigen, die irgend eine Rechnung mit Weizmann zu begleichen hatten, begaben sich freudig in die Gefolgschaft der Revisionisten. Und so kam es, daß der beste Mann im Zionismus zu Fall gebracht wurde. Allerdings hatte es Weizmann seinen Widersachern leicht gemacht. Er ist ein Temperament — und das ist vielleicht eine seiner besten Eigenschaften —, er kann hassen und lieben wie kaum ein anderer und hat neben seinen überragenden Vorzügen selbstverständlich wie jeder Mensch seine Fehler und Schwächen. Und einen Fehler beging er, als er am zweiten Kongreßtage der JTA ein unglückselig formuliertes Interview gewährte. Bei diesem Punkte hakten seine Gegner ein und die schwankenden Gestalten der Mitte, gemeinsam mit Revisionisten und Misrachisten, beschlossen gegen ihn einen Mißbilligurgsantrag. Je länger sich der Kongreß hinzog, umso weniger war es möglich, die Fiktion aufrecht zu erhalten, daß das Leben, das wirkliche Leben in Palästina und im jüdischen, Volke aufgehört habe. Der Kongreß wiegte sich acht Tage lang im Bewußtsein, daß er der Mittelpunkt der Welt sei und daß die Weit begierig auf alle Worte lausche, die aus ihm in die Welt strömen. Nach acht Tagen aber ward man dessen inne, daß außer dem Zionistenkongreß noch andere Dinge vorhanden sind, z. B. die englische Regierung, z. B. der Jischuw in Palästina, die Araber, das jüdische Volk und die öffentliche Meinung der Welt. All die genannten Faktoren meldeten sich und eine gewisse Ernüchterung trat ein. Die Logik des wirklichen Lebens erwies sich stärker als die Konstruktionen der einzelnen Kongreßgruppen. Und so kam es, daß die schwankenden Gestalten der Mitte, die eine Zeit hindurch geneigt waren, mehr zu deklamieren und weniger zu denken, ein wenig zur Besinnung kamen. Auch die Revisionisten selbst wurden nach dem Andante der großen Rede ihres Führers Jabotinsky zurückhaltend. Dieser hatte einen Mißtrauensantrag gegen die gesamte Exekutive, einen Antrag, daß der MacDonald-Brief unbefriedigend und daher keine Grundlage für weitere Verhandlungen sei, und schließlich eine weitgesteckte Endzielresolution angekündigt. Wohlweislich hüteten sich die Revisionisten, die erstgenannten zwei Anträge tatsächlich einzübringen und beschränkten sich bloß auf die Endzielresolution. Auch in den Kommissionen sahen die Dinge ganz anders aus als im Scheinwerferlicht des Plenums. Da redete man «Tachles», im Gegensatz zu den «Schmonzes», die mit stärkerem oder schwächerem Pathos im Plenum vorgetragen wurden. Und bei «tachletischer» Betrachtung der Dinge nahmen die weitgesteckten extremistischen Losungen allmählich eine Gestalt an, die völlig verschieden war von dem Wunschbilde der einzelnen militanten Wortführer. So kamen denn Beschlüsse zustande, die, bei Lichte besehen, sich kaum von den Parolen unterschieden, die Weizmann auf den bisherigen Kongressen auszugeben pflegte. Die Kommissionen des Kongresses wandelten in tagelangen schwersten Beratungen den Weg von der Illusion zur Wirklichkeit. Entsprechend diesem Kanossagang — man kann leider kein anderes Wort gebrauchen, denn die harten Tatsachen der Welt sind ein Joch, das man nicht zerbrechen kann, sondern unter dem man leider sein Haupt beugen muß —^ konnte der Ausgang des Kongresses kein anderer sein. % Die neue Leitung ist im wesentlichen durch Träger des Weizmann-Kurses charakterisiert. Die markantesten Personen der Exekutive sind die Arbeiterführer, und es ist bemerkenswert, daß gerade diejenigen Arbeiterführer, die auf dem Kongresse in stärkster Weise den Kampf gegen die Revisionisten führten, heute an entscheidender Stelle der Exekutive ihren Platz haben. Namen wie Brodetsky und Ar 1 osoroff garantieren, daß man in Zukunft wirklichkeitsnahe und mit größter Vorsicht die politischen Probleme unserer Bewegung behandeln wird. Andererseits muß man zugestehen, daß Farbstein und I N e w m a n in wirtschaftlicher Hinsicht einen durchaus gutzuheißenden Einfluß zu üben vermögen. Es ist ganz im Sinne der bisherigen zionistischen Politik und entspricht den Bedürfnissen der Stunde, wenn man auf die Beteiligung der Privatinitiative beim Aufbauwerke Palästinas in der nächsten Arbeitsperiode ein größere* Augenmerk lenken wird als bisher. Die Erhaltung und Fortführung unseres Werkes hängt neben der Stärkung unserer nationalen Fonds momentan in erster Linie von dem Zustrom privater Unternehmer und von Sied« lern mit eigenen Mitteln ab. Soweit man bisher feststellen konnte, sind fast alle; Gruppen des Kongresses mit dessen Ausgang zufrieden... — auch die Revisionisten. Diese rühmen sich, daß sie durch den Sturz Weizmanns den Weg für eine Kursänderung freigemacht haben. Die anderen Gruppen sind der Ansicht, daß der Weizmann-Kurs beibehalten und der Weg für die Wiederberufung Weizmanns an die Spitze der Leitung offengehalten ist. Die Zukunft wird zeigen, wer recht hat. Uns scheint es, daß die Zionistische Politik den Weg gehen wird, den sie gehen muß, nämlich den Weg der Wirklichkeit, der Berücksichtigung aller wirkenden Faktoren, und daß darum die Konzeption der bisherigen Politik nach Irrungen und Wirrungen doch die unbestrittene Oberhand behalten und auch formell durch ihren markantesten Vertreter, Chaim Weizmann, repräsentiert sein wird. Ist das das Ergebnis des Kongresses? Eine Erwiderung von Dr. Oskar Grünbaum. Der vorstehende Artikel von Herrn Moses W a 1 d m a n n darf nicht unwidersprochen bleiben, weil er sonst dem Leser ein falsches Bild von. den Kongreßereignissen geben würde. Herr Waldmann war nicht Mitglied der Politischen Kommission, er war Leiter des Presseamtes und als solcher vollauj beschäftigt. Wenn Herr Waldmann meint, daß die Mitglieder der Politischen Kommission der Meinung waren, daß die ganze Welt aus dem Gebäude der Mustermesse ift Basel bestehe, dann muß man wohl sagen, daß sein Urteil durch keinerlei Sachkenntnis getrübt ist. Es ist selbstverständlich, daß ein Teil der Mitglieder der Politischen Kommission, und zwar die Arbeiterdelegierten und die Revisionisten, sowie die sogenannte Gruppe A der Allgemeinen Zionisten mit feststehenden Meinungen zum Kongreß gekommen waren. Der größte Teil der Allgemeinen Zionisten . jedoch, die Radikalen und die Misrachisten, waren derjenige Teil der Kommission, der den Darlegungen der Exekutive nicht nur mit gespanntester Aufmerksamkeit folgte, sondern sich erst auf dem Kongresse auf Grund der gelieferten vertraulichen Nachrichten seine Meinung bildete. Gertrud Kraus erzählt von Palästina . . . Sie sitzt in einem Wiener Cafe, eine geflochtene Tel-Avlver Handtasche mit einer Unmenge von Palästinaaufnahmen neben sich, und erzählt in leisen Worten, aus denen unverkennbare Begeisterung von unserem Lande zu spüren ist: ... Das Unwahrscheinlichste war die Geschichte mit den Beduinen. In der östlichsten Emekkolonie Beth Alfa, wo ich auch einen Tanzabend geben sollte, wurden — wie man mir sagte, mir zu Ehren — die in der Nähe lebenden befreundeten Beduinen eingeladen, um mir, einer europäischen Tänzerin, den Tanz des wilden Asiens vorzuführen. Es war am Abend. Im Hofe der Kolonie wurden Feuer angezündet und Wüstengestalten auf herrlichen arabischen Pferden führten ihre berühmte Fantasieh vor. Es folgte eine beduinische Depkeh, und ich war schon ganz begeistert. Doch dann . . . Dann geschah etwas merkwürdiges. Auf dem Klavier begann jemand einen Foxtrott zu klimpern, und die Herren Beduinen baten in formvollendeter Manier die Mädchen der Kolonie zum Tanz. Auch mir wurde diese Ehre zuteil, und ich muß sagen, meine Ueberraschung steigerte sich zusehends. Das ist ja allerhand: WUstensöhne, die ausgezeichnet Foxtrott tanzen. Als aber die wilden, gebräunten Gestalten ihre Tücher von den Köpfen rissen, bemerkte ich, daß es keine Beduinen, sondern Mitglieder der Kolonie Beth Alfa waren, die sich mit einer «Grünen» diesen Spaß erlaubt hatten. Ich habe mich *u Tode geschämt, da ich die einzige war, die «hereingefallen» ist. Hat doch sogar mein — nebenbei gesagt — ausgezeichneter Begleiter, der Komponist Beer, Obers ganze Gesicht gegrinst, als er die Masken durchschauts,,, Uebrigens habe ich am selben Abend noch etwas anderes erlebt. Eine Stunde vorher befand ich mich in einem fast schon an der Grenze der Kolonie liegenden Hause bei Bekannten aus Wien, als plötzlich von der Seite der Pflanzungen Schüsse knallten. Meine Gastgeberin meinte, indem sie rasch das Licht auslöschte: «Da haben Sie auch die Schattenseiten unseres Lebens. Die Unsicherheit!» Mir war sonderbar zu Mute. Gerade an dem Abend, da ich vor allen Emekleuten tanzen sollte, ein Ueberfall? Was mich jedoch am meisten wunderte, war, daß niemand aus den mehr im Zentrum der Kolonie liegenden Häusern zu uns kam, um uns Schutz und Hilfe angedeihen zu lassen. Als wir uns jedoch endlich hinauswagten, bemerkten wir, daß sich die Kolonie alles andere eher als in einem Verteidigungszustand befand. Auf dem großen Platz in der Mitte, wo Autoscheinwerfer das Rampenlicht für ein improvisiertes Tanzpodium abgaben, waren sogar schon etwa tausend Leute versammelt, die aus allen Emekkolonien gekommen waren. Und als man mich fragte, warum ich denn so spät komme, antwortete ich mit einer Frage: «Hat man denn die Kolonie nicht überfallen?» Ich wurde ausgelacht. Irgendeine kleine Schießerei war es gewesen, arabische Diebe hatten sich in die Pflanzungen eingeschlichen und der Wächter mußte sie durch Schreckschüsse verscheuchen. Sonst gar nichts. «Und warum habt ihr mich denn nicht aufgesucht? Ihr wußtet doch, bei wem ich binl» Die Antwort lautet? ganz logisch: «Es war doch finster bei euch, wie wir durch die Fenster gesehen haben. Da waren wir sicher, daß Sie schon unterwegs sind.» Den nächsten Tag fragte ich den Wächter, ob ihm die Geschichte unangenehm gewesen sei, worauf er mir erwiderte: «Sogar sehr. Denn ich hatte Angst, große Angst-daß ich die ersten Tänze versäumen würde.» * Und dann der Tanzabend selbst. Ich tanzte auf holprigen Steinen und tanzte mir die Füße wund. Aber der wunderbare Nachthimmel über uns und das einzigartige Publikum vor mir halfen mir über alles hinweg. Nie werde ich den Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als nach jedem der Tänze eine absolute Stille herrschte und niemand applaudierte. S o ehrt man dort eine künstlerische Leistung. * In den Städten und den großen Kolonien war es anders. Ein bunt durcheinandergewürfeltes Publikum von Chaluzim, Bürgerlichen, englischen Beamten und Arabern. In Tel Aviv gab ich sechs Abende im Beth Haam — Fassungsraum 4500 Personen. Diese Abende waren allesamt ausverkauft. Vor Jerusalem hatte ich offen gestanden Angst. Man erzählte mir, das dortige Publikum sei nicht so begeisterungstähig wie das Tel Aviver. Wie angenehm wurde ich enttäuscht, als ich statt des einen vorgesehenen Abends deren drei geben mußte. Auch in Haifa waren es drei und in vielen Kolonien je einer. * Das Schönste waren vielleicht die Tanzabende für die Kinder. Die Palästinakinder sind die entzückendsten der Welt. Schön wie kleine Götter, gescheit und intelligent wie kaum anderswo. Meine Tänze mußte ich für die Kinder vereinfachen und sozusagen entsymbqli* sieren. Ich war bestrebt, ihnen tanzend zu erzählen* Den einzelnen Nummern ging eine kurze Erklärung des Conferenciers voran. Bei dieser Gelegenheit wurde Ich oft vor ein fait accompli gestellt, das mich zu Impovl* sationen zwang. Einer meiner Tänze heißt «Das Tie#*

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